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Winterende in der Tanzwelt

06.04.2012, 12:19 Uhr

Von

 

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- darf ich vorschlagen, dass Ihr, meine Lieben, etwas über den Tellerrand von New Yorks dreiundvierzigster Strasse West hinausguckt?, schreibt „New-York-Times”-Leser „Doc Martins” aus Guangzhou, China, in seinem Beitrag zu einer von Tanzkritiker Alastair Macauly angeregten Debatte über die Qualität der amerikanischen Frühlings-Saison. Wie seit einigen Jahren in jedem März sei auch in diesem beginnenden Frühjahr in New York die „Modern-Dance March Madness” ausgebrochen, über die zu diskutieren er seine Kollegen Claudia La Rocco, Brian Seibert, Gia Kourlas und Roslyn Sulcas eingeladen habe, so Macaulay, nicht ohne auch die Leser um Kommentare zu bitten.

„Doc Martins” also findet das Winterende in China auch ganz interessant. Ich kann nicht sagen, dass diese Bemerkung deutsche Beobachter eben aufzumuntern geeignet ist. Denn von hier aus, vom alten Europa aus betrachtet, sehen die Dinge ganz anders aus. Abgesehen davon, dass gerade das „New York City Ballet” in Deutschland zu Gast war – seit dreißig Jahren zum ersten Mal, mind you – fällt dem, der die amerikanische Tanzkritik verfolgt, vor allem auf, wie sich der Graben vertieft zwischen dem New Yorker Tanz und allem, was sich auf dem Kontinent abspielt – mag es den Namen Tanz verdienen oder nicht.

Der wichtigste Choreograph, den die Amerikaner diskutieren, ist Paul Taylor, eben ist seine dreiwöchige Saison im Koch Theater zuende gegangen, während derer zweiundzwanzig seiner Werke zu sehen waren. Nach Merce Cunningham schreibt Macaulay Taylor weitreichendsten Einfluß in der postmodernen Entwicklung der Tanzkunst zu. Wie alt aber muß man sein, um sich noch an ein Gastspiel der Paul Taylor Dance Company in Deutschland zu erinnern? Älter als die Verfasserin. Zu alt. Her mit der Paul Taylor Dance Company. Und zwar sofort. Stattdessen müssen wir dankbar sein, wenn Lucinda Childs Signaturstück „Dance” aus den spektakulärsten Zeiten der New Yorker Postmoderne in zwei deutschen Städten gastiert, ja Wahnsinn. Wo aber sind die amerikanischen Künstler, die sich in der Lage sehen, eigene Ideen zur Fortführung oder Überwindung der Postmoderne zu entwickeln? Drüben, auf der anderen Seite des Teichs. Zum Beispiel im Whitney Museum wie Sarah Michelson, die quasi aus Versehen zwei Mal in Berlin gezeigt wurde, vor Jahren, und dann als leider zu voraussetzungsreich empfunden und nicht wieder eingeladen wurde. New York zeigt ihre brillanten, Merce Cunninghams Ansätze intellektuell voll satisfaktionsfähig und sehr feminin weiterdenkenden wundervoll theatralischen Werke in „The Kitchen” oder in der Brooklyn Academy, jetzt eben steht im Rahmen der Whitney Biennale ihre Arbeit „Devotion Study # 1 – The American Dancer” im Mittelpunkt der Diskussion.

Von Lucinda Childs konnte man lernen, dass sie ohne europäische Koproduzenten kaum so hätte arbeiten können, wie die kontinentalen Subventionen und das immense ästhetische Interesse des Publikums es ihr erlaubten. Was schließen wir daraus? Dass die Tatsache, dass die amerikanischen Choreographen enorme Probleme haben, eine durchgängig finanzierte Company-Arbeit zu etablieren und stattdessen gezwungen sind, sich von Projekt zu Projekt zu hangeln, dazu auffordert, heutige Choreographen in ähnlicher Weise zu unterstützen, wie das Childs widerfuhr. Was für ein Gewinn wäre das. Es wäre doch schön, wenn wir wüßten, was genau Sarah Michelson, Ishmael Houston-Jones, Pam Tanowitz machen. Ganz zu schweigen von Jodi Melnick, Reggie Wilson, Trajal Harrell, Yasuko Yokoshi, Miguel Gutierrez, oder Keely Garfield, von deren Arbeiten La Rocca etwa sich beeindruckt zeigt: „I do find myself frequently moved, delighted, provoked and deeply satisfied by what I see”.

Nicht, dass in den Vereinigten Staaten alles besser wäre – aber man wüßte doch als Publikum gerne mal selbst, wie gut der Tanz dort wirklich ist. Das verweist auf einen bedauernswerten Mißstand bei uns. Nicht nur hat Berlin nicht den Staatsballett-Direktor, der einer solchen Compagnie vorstehen sollte, es hat auch, schon lange nicht mehr das Festiavl, das der „Tanz im August” einmal war – als Nele Hertling antrat, um dem deutschen Publikum zu zeigen (und zu koproduzieren), was in der Welt des freien zeitgenössischen Tanzes berührend und anregend war, in Frankreich, oder Belgien, in London oder – in New York.

http://www.merce.org/studio/cunninghamnyc.php – hier steht, wo in New York man seit dem 4. April Cunningham-Klassen nehmen kann – denn das Studio von Merce ist jetzt geschlossen: http://www.dancemagazine.com/blogs/admin-admin/4319

 

 

 

 
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Jahrgang 1965, Tanzkritikerin.