Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Some don’t like it hot

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  Da muß mal wieder das Yoga herhalten für eine Kolumne, weil es da ja noch keine Tierversuchsfrei- und Karbonfußtritt-Ok-Lobby gibt, die es verbietet,...

 

Da muß mal wieder das Yoga herhalten für eine Kolumne, weil es da ja noch keine Tierversuchsfrei- und Karbonfußtritt-Ok-Lobby gibt, die es verbietet, Quatsch zu erzählen über eine durch und durch nützliche und auch wirklich nicht so schnell zu erschöpfende Angelegenheit. Was das Gemaule von Frau Susanne Gaschke in der „Zeit“ über Yoga (sie wollte mitten aus einer anstrengenden Yogastunde rauslaufen und die Tür war zu – ja auf was für Grundschulen waren denn Journalisten, die dann bei der „Zeit“ angestellt werden, durfte man denn da rausgehen aus dem Unterricht? Kann man es denn auf diese Weise weit bringen?) also, was die Beschwerden von S. Gaschke in der „Zeit“ angeht, fragt man sich, was diese mit Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode zu tun haben. Denn, zwischen der Überzeile „Immer schlimmer“ und der Unterzeile „Ansichten einer Kulturpessimistin“ steht die dritte, recht eigentliche Überschrift: „Kein Spaß, nirgends“.

Und, so doof das jetzt klingt, haben wir aber natürlich gleich gewusst, dass hier ein Titel von Christa Wolf von 1979 verunstaltet wird, „Kein Ort, nirgends“: ein Buch, das wir uns mit vierzehn Jahren so unglaublich nahe kommen ließen wie wenige Bücher in diesem doch zur Sentimentalität neigenden Lebensalter. Ach, die geliebte, arme, verrückte Günderrode, mit der wurde so was von mitgefühlt, es war kaum auszuhalten. Jedenfalls ist das im Namen aller jungen Mädchen, die dichten, gesprochen total unzulässig, ausgerechnet dieses Buch dergestalt für eine Kolumne, die von Selbstzufriedenheit nur so tropft, zu mißbrauchen.

Das Thema, Mädchen? Na, Yoga! Denn jetzt hat auch die dreiundvierzigste Lifestyle-Zuständige und Frauenbeauftragte im deutschen Publikationswesen begriffen, dass Yoga total Klicks reißt. Ne, aber vorher geben wir uns noch diesen Anfang, der zieht total rein: „Im Rahmen eines Selbstverbesserungsprogramms experimentierte ich auch mit „Hot Yoga“, schreibt Susanne Gaschke (ey, im Politik-Teil der „Zeit“! Da könnte man aber bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ lange im Politik-Teil nach so Selbstbefreiungsseminarbeschreibungen suchen). Frau Gaschke, aber bei Selbstverbesserung würde mir, wenn ich das Foto da mit Polohemd-Kragen sehe, und diesen Textanfang lese, nicht spontan Yoga einfallen. Aber gut. Ist ja nicht mein Politik-Teil.

Gaschke schreibt Kiezdeutsch, das würde bei uns auch nicht durchgehen, sage ich mal: „Dann Umkleide, und mit 20 anderen Leuten ging es in einen Saal, der auf 40 Grad erwärmt war“. Sie hat sich umgezogen, das ist doch erst mal nicht schlecht. „Das fühlt sich an wie eine schlecht eingeheizte, viel zu feuchte Sauna und schlägt sofort auf den Kreislauf“. Sie meint eine Dampfsauna, vielleicht, oder sie könnte mal nach Jakarta fliegen, da leben die Leute den ganzen Tag da drin, die sagen auch, „Mann, ist das wieder ein Hot-Yoga-Wetter heute!“

To make a boring story short: Zum Opfer ihres investigativen Journalismus geworden, will Susanne Gaschke – Alter und Gewicht und Trainingsstand unbekannt, aber behauptet von sich, „Wehrdienstzeit beim Kommando Spezialkräfte“ abgeleistet zu haben – den heißen Raum nach 45 Minuten verlassen. Nun soll man das bitte nicht, denn, logisch, wenn die  Hälfte das machte, wäre die Raumtemperatur eine Zeitredaktionsbüro-Temperatur und nicht mehr hot.

Aber wo kämen wir denn da hin, wenn sich investigative Journalisten an Regeln, deren Einhaltung sie zuvor zugestimmt haben, auch halten würden? Aus wär’s mit dem Investigativen. Nix Sensationelles würde mehr aufgedeckt! Gaschke trotzdem dann Umkleide  und dann Umfrage: Sie wollte wissen, ob ihr Umfeld das okay findet, dass sie eingesperrt war, und ja, fünfzig Prozent fanden, Susanne Gaschke hätte ruhig da bei diesem Hot Yoga eingesperrt bleiben können.

So aber jetzt kommen die Schlüsse der Susanne Gaschke. Erstens: Man soll nicht mehr von der Spaßgesellschaft sprechen, denn die Leute wollten sich anstrengen. Aber war nicht die Spaßgesellschaft auch bei der „Zeit“ mal gar nicht so gut angeschrieben? Spaß kann man mit dem Schluss haben, der nämlich dem Leser beweist, dass er das Geld für diese Ausgabe nicht umsonst bezahlt hat, sondern doch dafür, etwas zu lesen, das jemand geschrieben hat, der viel klüger ist als alle diese schwitzenden eingesperrten Spaßbremsen: „Wenn dieser Yoga-Totalitarismus an einem ganz normalen Donnerstag in einer ganz normalen deutschen Stadt in einer Gruppe von 20 Personen nur einer Person komisch vorkommt – was ließe sich dann noch alles durchsetzen, wenn man nur laut genug brüllt oder gut genug heizt?“ Wer Leuten im Studio hinterherruft, sie sollen die Tür zumachen, dem ist fürwahr alles zuzutrauen. Doch so lange eine noch ihre Stimme erhebt, ist uns um die von Hot Yoga bedrohte Demokratie nicht bange.


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