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Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Goldene Löwin des Tanzes: Die Biennale in Venedig ehrt Sylvie Guillem

  Meine verehrte Kollegin Alexandra Albrecht vom Bremer „Weser-Kurier" erzählt mir, dass Leser ihrer Zeitung in Zuschriften ihre Tanzkritiken...

 

Meine verehrte Kollegin Alexandra Albrecht vom Bremer „Weser-Kurier” erzählt mir, dass Leser ihrer Zeitung in Zuschriften ihre Tanzkritiken betreffend mitunter recht ausfallend werden und wundert sich daher nicht die Bohne über Zitate aus Leserbriefen anläßlich meiner Kritik an Dortmunds neuestem „Schwanensee”. Wir finden beide: Auch wenn man Kritik scharf formuliert, so präsentiert man doch stets Argumente, man schreibt niemals ad personam. Man analysiert Kunstwerke. Artikel, in denen solche Argumente vorgetragen werden, können deutliche Formulierungen enthalten. Es handelt sich dabei eben um Kritiken, nicht um akademische Traktate. Es wirkt doch seltsam, wenn Leser meinen, sie könnten Argumente mit der Äusserung manifester Zweifel am Verstand von Kritikerinnen entkräften. Äh, wie soll man das bitte entscheiden, und wer?

Wir wissen noch immer nicht, wie solche Aggressionen entstehen können im Publikum, während gleichzeitig in manchen Zeitungsredaktionen die größte Gleichgültigkeit und das stupendeste Unwissen herrschen in Bezug auf die Tanzkunst. „Die Zeit” wiederholt in ihrem Text zu der Bregenzer und jetzt Kölner Ausstellung über Yvonne Rainers künstlerisches Schaffen in Tanz und Film, was schon „Die Welt” durcheinandergeworfen hatte – Merce Cunningham sei wie Martha Graham ein dem Ausdruckstanz angehöriger Lehrer von Rainer gewesen.

Für ähnliche Faux pas wird man in anderen Ressorts geächtet. Was für ein seltsamer Kontrast. Den einen, den Zuschauern, geht der Tanz so nahe, dass manche die Grenzen des guten Geschmacks überschreiten, sobald sie ihre Favoriten angegriffen sehen, den anderen, den Redakteuren, steht die Tanzkunst so fern, dass der Dilettantismus in ihren Medien fröhliche Urständ feiern darf.

Bygones.

Es gibt erfreulichere Neuigkeiten in der Tanzwelt. Nicht nur, das bei der New Yorker Whitney Biennale zwei Choreographen präsentiert werden in diesem Jahr, die zu den bedeutendsten aktuellen Erneuerern ihrer Kunst zählen (und darum schon oft in der FAZ vorkamen): Michael Clark und Sarah Michelson. Nicht nur, dass Het Nationale Ballet in Amsterdam stolz meldet, dass ihr wundervoller Tänzer Matthew Golding für einen Benois de la danse nominiert ist, den Oscar der Tanzwelt. Golding konkurriert in der Kategorie „Bester Tänzer” und wurde nominiert für seine Verkörperung des Prinzen in Wayne Eaglings und Toer van Schayks „Nußknacker und Mäusekönig”. Eine Vorstellung von „Het Nationale Ballet” im vergangenen Dezember mit Anna Tsygankova als Clara wurde weltweit in die Kinos übertragen und inzwischen ist die Produktion auf DVD erschienen (Arthaus Musik). Am 22. Mai werden die Benois’ in einer Gala im Moskauer Bolschoi-Theater verliehen, bei der Golding und Tsygankova den „Schwarzer-Schwan-Pas-de-deux” aus Rudi van Dantzigs „Schwanensee” tanzen werden, zu Ehren des im Januar verstorbenen niederländischen Choreographen. Aber zuvor wird es in Italien festlich. In Venedig, wo vom 8. bis zum 24. Juni als Teil der „Biennale di Venezia” das „8. internationale Festival für zeitgenössischen Tanz” stattfindet, wird der französischen Tänzerin Sylvie Guillem am 20. Juni der „Goldene Löwe” verliehen für ihre Verdienste um den Tanz. Einige der berühmtesten für ihr Lebenswerk Ausgezeichneten waren zuvor Merce Cunningham (1995), Pina Bausch (2007), Jiri Kyliàn (2008) und William Forsythe (2010). Empfohlen hatte Tanzfestival-Direktor Ismael Ivo Sylvie Guillem dem „Board of Directors” der Biennale von Venedig unter Vorsitz von Paolo Baratta, mit folgender Begründung:

„Der Star der Superlative in so vielen Ballettklassikern – von den Meisterwerken des neunzehnten Jahrhunderts zu den jüngsten Produktionen – und eine geschmeidige Interpretin der großen zeitgenössischen Choreographen, die Stücke speziell für sie geschaffen haben, von William Forsythe und Mats Ek bis zu Akram Khan und Russell Maliphant – hat ein großes Repertoire herausgearbeitet, das darstellerische Sensibilität, körperliches Leistungvermögen und extreme technische Fähigkeiten voraussetzt. Auf der Grundlage ihrer natürlichen Begabung hat Guillem das Bild des Tänzers dramatisch verändert, indem sie physikalische Gesetze infragestellte mit ihren ungeheuer ausgedrehten, hohen Beinen, und ihrer akrobatischen, mit aussergewöhnlicher Anmut ausgeführten Virtuoso-Technik. Diese Künstlerin mit ihrer fulminantenKarriere, die bereits im Alter von neunzehn Jahren von Rudolf Nurejew zum Etoile gemacht wurde, im Anschluß an ihre brillante Vorstellung in „Schwanensee”, fährt fort, in den wichtigsten Theatern zu triumphieren, bewundert und anerkannt von Zuschauern in aller Welt, Popularität verbindend mit der höchten künstlerischen Qualität.”

Genau. Mit ihrem Programm „6000 Miles Away”, das Guillem den Erdbebenopfern Japans gewidmet hat und mit dem sie seit Monaten weltweit tourt, tritt sie zwei Tage nach der Verleihung im Teatro Maliban auf. Sie tanzt dann Mats Eks Solo „Ajö (Bye)” zum zweiten Satz aus Beethovens Klaviersonate opus 111 sowie das Duett „Rearray”, von William Forsythe im vergangenen Sommer für sie und Nicolas LeRiche geschaffen. Mit im Programm der Biennale 2012: Die wundervolle isländische Choreographin und Tänzerin Erna Omarsdottir mit ihrem „We saw monsters”.

 

 

 

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