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Nach dem Examen ist vor der Audition

18.05.2012, 22:48 Uhr

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Tänzer zu werden dauert sehr lange. Es dauert länger, als Physiker zu werden. Schneller ist man Maler oder Unternehmensberater. Man bleibt es aber nur ein halbes Arbeitsleben lang, die restlichen etwa dreißig Jahre darf man noch schnell etwas anderes machen. Dafür verdient man als Tänzer vorher auch weniger als in anderen Theaterberufen. So gesehen, ist es doch erstaunlich, welche Fülle begabter junger Tänzer auf den europäischen Bühnen zu bewundern ist.

Doch nicht nur beim Übergang in eine zweite, neue berufliche Existenz brauchen Tänzer Hilfe. (Unter dem Stichwort Transition findet man hier Informationen: www.stiftung-tanz.com) Schwierig ist auch der Übergang von der Ausbildung ins erste Engagement. Bereits während der Ausbildung fahren die Jugendlichen zu Auditions, weil sie hoffen, dass sie schon vor dem Abschluß einen Vertrag erhalten. So knapp ist die Zeit in diesem Beruf. Besser als nach der Ausbildung einfach nur weiterzutrainieren und zu Vortanzterminen anzureisen und zu hoffen, irgendwann ein Engagement zu bekommen, ist es natürlich, noch aus dem Ballettsaal der Schule weggeholt zu werden in eine Compagnie. Wenn das nicht geschieht, kann das unterschiedlichste Gründe haben. Um jungen Tänzern in dieser schwierigen, nicht mehr behüteten, aber auch noch nicht selbständigen Phase ihres Berufslebens zu helfen, haben verschiedene Compagnien in Europa Juniorenensembles gegründet. Das erste war Jiri Kyliàns „Nederlands Dans Theater 2″, entstanden auch aus dem Bewußtsein, dass das „Nederlands Dans Theater 1″, die Hauptcompagnie, mehr als 150 Vorstellungen pro Saison wohl kaum würde bewältigen können. Es gab also ökonomische Gründe, ein zweites Ensemble zu formieren. Konsequenterweise gründete Kyliàn 1991, als seine Frau, die inspirierende Tänzerin Sabine Kupferberg in das Alter kam, das NDT 3, in das Tänzer ab dem vierzigsten Geburtstag aufgenommen wurden. Doch als fünfzehn Jahre später das Geld knapp wurde, löste man das NDT 3 wieder auf. Mats Ek und Mikhail Baryshnikov gehören jetzt zu den wenigen älteren Choreographen und Tänzern, die Altersgrenzen einfach nicht beachten, bei und mit ihnen tanzen Eks Bruder Niklas und Eks Frau Ana Laguna, die mit Baryshnikov einen atemberaubenden Abend teilte.

Die jungen Tänzer haben den älteren gegenüber natürlich den Nachteil, dass noch niemand ihre Namen kennt. So spielen John Neumeiers „Bundesjugendballett”, Heinz Spoerlis Junior Ballett am Zürcher Opernhaus oderIvan Liskas “Bayerisches Staatsballett II / Junior Company” in Fürth oder Worpswede, manchmal auch in Japan, in der Regel aber in kleineren Theatern. Häufig dürfen sie auftreten, wenn Dispositionsprobleme verhindern, dass die Hauptcompagnien irgendwo gastieren. Im Stadttheater von Rüsselsheim trat jetzt das Bayerische Staatsballett II / Junior Company auf, zehn der sechzehn Mitglieder des Ensembles, sechs von ihnen sind derzeit verletzt. George Balanchines „Who Cares” erlebte eine technisch staunenswert souveräne, darstellerisch einfach hinreißend junge Interpretation. Sie liebten es, und das übertrug sich sofort, wie das auch in Richard Siegals eigens mit der Junior Company produzierten Stück „The New 45 / 16’55” zu Musik von Oscar Peterson, Clark Terry, Harry Belafonte, und Benny Goodman.

Was für Siegal so unglaublich einnimmt, ist, dass er genau versteht, was die Tänzer darstellen können und was ihnen Vergnügen bereitet am Tanzen. Er gibt ihnen derart lässig wirkendes, aber keineswegs einfach auszuführendes Bewegungsmaterial, dass man den Namen, den Zweck der Compagnie vergißt und mehr über die einzelnen Tänzerpersönlichkeiten und ihre tänzerischen Aussagen beginnt nachzudenken. Großartige Choreographien verändern sich natürlich mit den Interpreten, die sie tanzen, aber sie bleiben faszinierend, ob die Tänzer besonders jung oder besonders fortgeschrittenen Ballettalters sind. In „Who Cares” waren alle gut, besonders aber Antonia McAuley, die mit dem perfekt partnernden Ruben de Monte den „The Man I love”-Pas de deux tanzte. Sie ist Neuseeländerin, wurde an der Royal Ballet School in London ausgebildet und ist seit der Spielzeit 2011/2012 Volontärin beim Bayerischen Staatsballett. Ivan Liska, dessen Direktor, findet es gut, dass er seinen Nachwuchs in der Compagnie durch dessen Arbeit in der Junior Company in Ruhe beobachten kann und so besser sieht, mit wen er wie arbeiten kann. Seine Junior Company ist ein gemeinsames Projekt mit der Heinz-Bosl-Stiftung und der Münchner Ballett-Akademie der Hochschule.

Bei Siegal bildete die in Bangkok geborene Thailänderin Nicha Rodboon das Zentrum des fließenden, mitreißend musikalischen Trios mit Nicola Strada und Shawn Throop. Die Idee, einer Junior Company sowohl Werke des Repertoires zu übergeben, an denen die Tänzer wachsen können und an denen das Publikum sie auch messen kann, als auch neue Werke, in denen die Jungen gleich lernen, einem Choreographen bei der Erschaffung neuer Tänze zu helfen, ist phantastisch. Wer ist mit neunzehn oder zwanzig Jahren schon perfekt? Manche Tänzer brauchen genau diese paar Monate, um ihre scheue Schülerpersönlichkeit abzulegen und sich freizutanzen, ohne schon unter den strengen oder ängstlichen oder gleichgültigen oder auch freundlichen Augen von vierzig oder mehr Kollegen, von kritischen Ballettmeistern und einem von tausend Aufgaben geforderten Chef zu stehen.

Das Publikum aber lernt in ihren Vorstellungen ganz anders über Tanz nachzudenken. Es wird nicht gleich in Jugendwahn verfallen, auch wenn das Bayerische Staatsballett II immer so gut tanzen sollte. Es wird sich eher fragen, wann jetzt einer wieder eine Compagnie für die älteren Tänzer gründen wird. Denn die fehlt. Oder wann bitte endlich alle mehr so funktionieren wie traditionell das Königliche Ballett in Kopenhagen, das für sein Bournonville-Repertoire ständig alle Generationen braucht und wo man sie alle gemeinsam auf der Bühne erleben kann, anstatt dauernd getrennt.

Bild zu: Nach dem Examen ist vor der Audition

Das Bayerische Staatsballett 2 / Junior Company in Terence Kohlers “Intermezzo”. Photo: Charles Tandy

 
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Lesermeinungen zu diesem Artikel (2)
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0 Huester 24.05.2012, 21:50 Uhr

@ElisabethSchaefer Compagnien...

@ElisabethSchaefer Compagnien in Europa, heißt es an der betreffenden Stelle.

0 ElisabethSchaefer 23.05.2012, 08:33 Uhr

Nur weil Sie's bei den...

Nur weil Sie's bei den Kollegen auch so genau nehmen: das erste Junioren-Ensemble war nicht das NDT 2, sondern Ailey II in New York, wurde bereits 1974 gegründet. Das NDT 2 dagegen erst 1978.

Jahrgang 1965, Tanzkritikerin.