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Nymphen und ihre Macht

24.05.2012, 21:38 Uhr

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Man muß nicht sehr weit reisen, um krank zurück zu kommen. Eine frühsommerliche Magen-Darm-Grippe beeilt sich auch gern, einem guten Tag zu sagen, nachdem man nicht weiter als bis Brüssel gefahren war. Wem wären und wann solche Symptome schon willkommen. Aber doch demjenigen wohl am wenigsten dem Heimkommenden, dessen belgische Exkursion Erlebnisse wie diese bereitete: Spät abends nach dem Theater im Hotel absteigend, darf man aus diesem gleich wieder fliehen, da sämtliche zwei Betten der letzten zwei noch freien Zimmer sich in einem hygienisch absolut bedauernswerten Zustand befinden. Bettwanzen hatten deutliche Spuren früherer Aufenthalte hinterlassen. Unter dem Leugnen des Personals, und dessen Rufen, man werde das reservierte Zimmer gleichwohl bezahlen müssen sowie energischem Protest gegen diese Zumutung verläßt man zu Fuß den ungastlichen Ort in Richtung einer fünfzehn Minuten entfernten Herberge einer Hotelkette. Das neue Bett – soll man es gleich anschauen oder erst Mut fassen? Der Barkeeper unter dem Hotelbarfernseher verdreht den Hals und findet nicht mal einen Korkenzieher – Fußball. In der Nachspielzeit einer solchen Rencontre etwas anderes als Getränke zu verlangen, die man selber mit den Zähnen öffnen kann oder notfalls mit dem Feuerzeug vorbeireitender Polizisten, ist natürlich eine Zumutung. Der Barkeeper schickt einen Angestellten los. Das Bett ist tadellos. Das Frühstück nicht ganz.

Tage später im Wartezimmer des Arztes erst, der die Magen-Darm-Grippe oder Hotelzimmerphobie oder am besten beides bekämpfen soll, wird deutlich, welche verschlungenen Pfade in unserer von Informationsflüssen nur so durchschossenen Gegenwart das Wissen doch mitunter nimmt, um ahnungslose Ballettkritikerinnen zu überfallen, wo sie es am wenigsten erwarten. Ballett-relevantes Wissen. 

In der März-Ausgabe von „Neon” steht, eine kleine deutsche Gemeinde habe einen Wünschelrutengänger durch das Gebiet eines eventuellen Bauvorhabens geschickt. Dieser habe feststellen sollen, ob und wo dort Waldgeister zuhause seien, deren liebliches Hausen fürderhin ungestört bleiben und respektiert werden müsse. Genug Platz müsse man den Nymphen lassen, damit diese auch in Zukunft auf ihrer Lieblings-Waldlichtung heiter zusammenkommen und – tanzen könnten. Kein Problem für den Wünschelrutengänger, einen Star auf dem Feld der Nymphenaufspürung. Die Rute schlug aus, die Gemeinde ließ das Bauen sein.

Es ging mir gleich viel besser. Tanzen ist wichtig.

Bis heute offenbar sind Menschen verliebt in die Idee, ihre Wälder, Wiesen, Felder und Gärten seien bevölkert von unsichtbaren Wesen. Im Frühling, wenn die Schwalben sich abends ins Halbdunkel stürzen und von unten aus den Bäumen durch ein Zwitschern aus vielen Kehlen in der Luft gehalten werden, wenn es nach Erde, aus dem Gras aufsteigender Feuchtigkeit riecht, so stark wie mittags in der Sonne nach Pfingstrosen und Maiglöckchenblüten, dann scheinen die Naturgeister und Elementarwesen besondere Imaginationskraft zu entfalten. Die kleine Gemeinde hat sich im Winter, als der Wünschelrutengänger losging, bereits nach dem Frühling gesehnt und gedacht, ohne Nymphen wird der halb so schön. Menschen, die sich Nymphen vorstellen, fühlen anders für Wälder, mehr für Wälder und weniger für Gebäude. In der Romantik entwickelte sich die Idee, dass ihnen auch in Balletten unbedingt ganze Waldlichtungen zur Verfügung gestellt werden sollten. Und bis heute kommt kein getanzter „Sommernachtstraum” ohne sie aus. Das Ballett ist nicht künstlich. Es ist seit knapp zweihundert Jahren eines unserer fabelhaftesten Naturschutzgebiete.

 

 

 

 

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Jahrgang 1965, Tanzkritikerin.