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Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Das Ballett für die einsame Insel

Bücher kann ja jeder mit den Urlaub nehmen. An Destinationen, die Steckdosen vorhalten, sogar „bis zu dreitausend" Bände, denn soviele fassen...

Bücher kann ja jeder mit den Urlaub nehmen. An Destinationen, die Steckdosen vorhalten, sogar „bis zu dreitausend” Bände, denn soviele fassen elektronische Lesegeräte angeblich. Damit wäre beinahe die Frage nach dem Buch für den Urlaub überflüssig. Denn jetzt hat, wer will, eben alle eintausendvierhundert Bände seiner aktuellen „Wollte-ich-schon-immer-mal-lesen”-Liste mit dabei und kann seine Ferien auch mit dem Durchscrollen der Titel, dem Anlesen und Wegklicken von Büchern verbringen. Meine schönsten Ferien – literarisch betracht – waren auch nicht die griechischen, allein mit dem „Mann ohne Eigenschaften” verbrachten, sondern jene Sommertage im Tessin mit Rolf Vollmanns ‘Romanverführer’ „Die wunderbaren Falschmünzer”, denn sie enthielten am Ende die Hoffnung auf baldige endlose Ferien mit einer unglaublichen Fülle wartender Romane. Aber mit Steckdosen kann man auch noch andere Geräte aufladen, ein Laptop mit DVD-Spieler etwa. Was also wäre das ideale Ballett für die Insel?

Bei dieser Frage tauchen zunächst ganz andere Bilder als die technischer Wundermaschinen an die Bewußtseinsoberfläche. Nixen, Najaden und andere Erstbesetzungen für Wasserballette wie Hans Werner Henzes und Frederick Ashton’s „Ondine”, etwa, oder doch wirkliche Tänzerinnen, die vor Robinson Crusoe und Freitag erscheinen und auf einer flugs hingezauberten Bretterbühne, beschattet von Palmen, den Schiffbrüchigen und seinen die Eremitage mit ihm teilenden Ureinwohner in die nicht weniger phantastischen, aber unverhältnismäßig abwechslungsreicher bevölkerten Welten des Tanzes entführen.

Es ist zu heiß zum Tanzen, eigentlich.

Das Pariser Opernballett meldet, es kehre von einer Sommertournee durch die Vereinigten Staaten zurück. In Chicago, Washington und New York sahen zwischen dem 26. Juni und dem 22. Juli 50 000 Zuschauer in 25 zu 95 % ausgebuchten Vorstellungen die französischen Tänzer. Die letzte Aufführung – zuvor waren „Giselle”, aber auch Serge Lifar’s „Suite en blanc” gegeben worden, zeigte noch einmal Pina Bauschs Version der Gluck-Oper „Orpheus und Eurydike”, musikalisch begleitet vom Balthasar-Neumann-Ensemble unter Thomas Hengelbrock / Manlio Benzi.

Auf den Sommerbühnen der Festivals hingegen herrschen andere Bedingungen. Es ist heiß bis in die Nacht, bei den Proben tagsüber läuft allen der Schweiß in die Augen. Mücken stechen abends, Zikaden machen Krach, die Scheinwerfer klappern, das Publikum ist von der bezaubernden Kulisse abgelenkt. Manchmal gehen auch Sommergewitter herunter und verhindern, dass überhaupt getanzt wird.

Es ist auch zu heiß dazu, ehrlich.

Ganz die richtige Zeit, um sich in der Mittagshitze zurückzuziehen und im kühlen Zimmer das Ballett für die Insel anzuschauen. Meines stammt von dem Choreographen, den George Balanchine so gerne um sich hatte und der mit Leonard Bernstein als Komponist einige seiner berühmtesten Werke für das Ballett und den Broadway schuf – aus dem Bernstein-Ballett „Fancy Free” von 1944 etwa, das drei Matrosen beim Landgang zeigt, wurde später das legendäre Musical „On the Town”.

Für den Broadway choreographierte er außerdem „West Side Story”, „The King and I” oder „Fiddler on the Roof”.

Aber er hat auch einige der schönsten Ballette des zwanzigsten Jahrhunderts erdacht. Wer sich in seinen „Dances at a Gathering” nicht verlieren kann, wer bei dieser leise dramatischen Szenenfolge nicht die tiefsten Momente der Melancholie auskostet und nicht zittert, wenn einige Minuten des zögernden Tanzes, der fragenden Bewegungen, das Bühnenleben einer Reihe von Protagonisten entscheidend verändert, den vermag kein Tanz dieser Welt zu berühren.

Das ist Jerome Robbins. 1975 schuf er mein Ballett für die Insel. Im Mai, als es anläßlich des hundertsten Geburtstages seines Komponisten vom New York City Ballet beim Ravel-Festival uraufgeführt wurde, hieß es „Piano Concerto in G major”. Im Dezember desselben Jahres wurde es an der Pariser Oper einstudiert und in „En sol” umbenannt. Ravels genau vor achtzig Jahren komponierte Musik eignet sich perfekt für das sorglose, schwebend-glückliche Tanzen einer Reihe in sommerlich weiße Trikots mit einfarbigen Wellenmustern gekleidete Tänzer vor einer himmelblauen Rückwand mit monochrom skizzierten Wellen, Wolken und Sonnenstrahlen. Erté entwarf diese schöne Ausstattung eigens für Paris. Das Ensemble zeigt eine Reihe fließender, klassischer Bewegungen, die geheimnislos zufrieden agierenden Mädchen und Jungen springen und gleiten durch einen vom leisen Wellenschlag getimten Sommertag. Dessen Bläue verspricht eine Ewigkeit, wie es nur die vollkommensten Sommertage vermögen. Niemand hat hier eine andere Aufgabe, als diese Luft, diese Hitze, dieses Wasser, diesen Sand zu genießen, in sich zu verschließen, um die Erinnerung daran an kalten, dunklen Tagen umso müheloser heraufbeschwören zu können. Aber daran, dass selbst auf diesen makellosen Sommer ein Winter folgen wird, denken vielleicht Robbins’ Zuschauer, seine Tänzer aber nicht.

Interessant ist, wie pragmatisch und sportlich, wie amerikanisch und realistisch dieses Vergnügen ausgemalt ist. Dann aber verlangsamt sich die Choreographie plötzlich. Es wirkt, als läge man selbst am Strand und begänne zu träumen. Und da tanzen alle nicht mehr wie wirkliche Tänzer, sondern wie Traumbilder. Natürlich nicht so langsam, wie in einer echten filmischen Slow Motion, aber das macht nichts, denn diese Verlangsamung, die man zunächst mehr spürt als beobachtet, wirkt viel geheimnisvoller, als es das schlagartige Umschalten in echte Zeitlupe könnte.

Diese Manöver in dem knapp 25 Minuten langen Stück stellen sich – coup de théâtre! – als Vorbereitung für den langen, phantastischen Pas de deux von „En sol” heraus. Man fühlt sich währenddessen wie ein Kind, das in die Wolken schaut und Figuren in ihnen sieht. Robbins muß es so gemacht haben. Er sah, wenn andere Löwen oder Zauberer am Himmel entdeckten, Tänzer.

Die DVD ist bei Bel Air Classiques erschienen: „Paris Opera Ballet. Tribute to Jerome Robbins.” Sie enthält noch weitere Werke von Robbins und ein Ballett von Benjamin Millepied. Der Ballettspezialist Koen Kessels dirigiert dabei das Orchester der Pariser Oper. Den Pas de deux tanzt Etoile Marie-Agnès Gillot mit Florian Magnenet.

 

 

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