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Vorhang! Das war die Saison 2011/2012

31.07.2012, 20:05 Uhr

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Durchschnittlich bin ich jedes Jahr pro Woche einmal in einer fremden Stadt, um Tanz anzuschauen. In der Saison 2011 / 2012 bin ich für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung” zu neunundvierzig Tanzveranstaltungen gegangen, – gereist, heißt das meistens, – und da unter ihnen einige Ereignisse waren, die das Anschauen mehrerer Vorstellungen beinhalteten und nicht wenige Tanzabende mehr als ein Stück zeigen, habe ich eine Vielzahl von Choreographien gesehen – an die einhundertzwanzig schätzungsweise.

Theatertanz ist eine Kunst, die in Städten ausgeübt wird. Ich war 2011/2012 in dreiundzwanzig Städten: In Frankfurt am Main, Gelsenkirchen, Essen, Berlin, Bochum, Dortmund, Düsseldorf, Dresden, München, Hamburg, Köln, Karlsruhe, Stuttgart, Ludwigshafen und Bonn. Ich war in Avignon, Amsterdam, London, Brüssel, Zürich, Salzburg, Wien, und Paris. Ein paar Reisen waren kürzer, als die Namen der auftretenden Compagnie es vermuten ließen: Das „New York City Ballet” kam nach Ludwigshafen und nach Baden-Baden, und das „Royal Birmingham Ballet” nach München zur Ballettwoche, das „Königlich Dänische Ballett” war in Paris zu erleben und die „Ballets de Monte-Carlo” in Köln.

Als ich einmal einen Zug bestieg und ohne Kinder ein Kinderabteil betrat, in der Hoffnung, es werde leer sein an einem Montag vormittag um 11 Uhr, saß darin ein Mann alleine an seinem Laptop. Ich fragte ihn, ob es ihm recht sei, wenn ich meinen auch dort aufklappte. Es war ihm recht. Wir saßen ein paar Stunden in diesem Abteil, ohne dass jemand gewagt hätte, uns zu stören und auch ohne, dass zwischen uns ein Wort gewechselt worden wäre. Am Ende der Fahrt sprachen wir kurz über Dienstreisen. Er versäume es nie, in Madrid oder London oder wohin ihn seine beruflichen Interessen eben führten, für kurze Zeit in ein Museum zu schlüpfen. Zwischen zwei Terminen schaffe er das immer, und wenn es nur für eine halbe Stunde sei. Auf diese Weise gelinge es ihm, sich selbst mit der Notwendigkeit und Mühe des Reisens auszusöhnen, sagte der Mann.

Das erscheint plausibel: Man versucht Dinge zu tun, die einen mit dem Ort verbinden, an den man für jeweils so kurze Zeit geführt wird. Man macht Spaziergänge und studiert die Gesichter der Menschen, die in dieser Stadt leben, man betrachtet Gemälde, die sie sich täglich wirklich vergegenwärtigen können, die man selbst aber nur in Katalogen anschauen kann. Man arbeitet im Café und taucht so unter in der Menge derjenigen unter, die das wie selbstverständlich, alltäglich tun. Man verabredet sich mit einer Person, die man privat in der fremden Stadt kennt und hört, was ihr in der Zwischenzeit, seit dem letzten Besuch, widerfahren ist.

Manchmal hilft das alles nichts. Dann muß man alles ausblenden und sich auf die Vorstellung freuen.

Und dazu gab es wahrhaftig Grund in der zuendegegangenen Spielzeit. Die letzte Premiere war das neueste Werk von Sidi Larbi Cherkaoui, „Puz/zle”. Er bleibt der anregendste und charismatischste junge Choreograph Europas. Hans van Manen wurde achtzig Jahre alt im Juli und mit einer Gala vieler seiner schönsten Werke gefeiert. In der kommenden Saison setzt Het Nationale Ballet mit einem Hans-van-Manen-Programm die Festlichkeiten fort. Sasha Waltz choreographierte die Carmen-Suite mit Berliner Jugendlichen und das war großartig. Pieter Ampe und Guilherme Garrido erarbeiteten „A Coming Community” und setzten dem Performance-Konzept ein schreiend komisches Denkmal. John Neumeier wurde siebzig Jahre alt und Heinz Spoerli beendete seine letzte Saison als Tanzchef in Zürich. Werke von ihm werden aber in nicht wenigen anderen Häusern weiter getanzt werden. Pina Bausch galt eine große Retrospektive im vorolympischen London. William Forsythe eroberte für sich den Tanz zurück mit dem faszinierenden „Stellentstellen”. Olivier Dubois macht mit seinem aufregenden Pole Dance -Stück „Révolution” Furore beim Holland Festival. Die Legacy Tour der Merce Cunningham Dance Company ging zuende. Patrice Bart revitalisierte ein verlorengegangenes Ballett, „La Source”, Kostümbildner Christian Lacroix verpaßte der Produktion magische Ausstattungen.

Mikhail Baryshnikov spielte Theater in Paris: „In Paris”, einer der schönsten Abende der Spielzeit.

Martin Schläpfer ist der Ballettdirektor des Jahres: Beste Tänzer, beste neue Choreographien, phantastischer Einstand als Opernregisseur und Choreograph mit „Castor et Pollux”.

Fällt hieran etwas auf? Dreiundzwanzig Städte. Absolut divergierende ästhetische Konzepte. Keine neuen Namen, keine verwirrend neuen ästhetischen Entwicklungen. Absolut wie in den anderen Künsten. Ich sollte mehr in Museen gehen, mehr lesen, noch mehr nachdenken. Wie alle anderen Menschen auch. Oh, es ist Spielzeitende.

 

 

 

 

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Jahrgang 1965, Tanzkritikerin.