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Disco, Baby, Disco

22.08.2012, 15:14 Uhr

Von

Slave to the rhythm…..

Grace Jones

 

Grönemeyer kann nicht tanzen, sangen Wiglaf Droste und Bela B. Na und? Musik-Männer seiner Generation mußten das doch gar nicht können. Vor fünfundzwanzig Jahren mußten jedenfalls in Berlin in den Diskotheken überhaupt keine Männer tanzen, die man ernst nehmen konnte, die durften herumstehen und Kaffee trinken. Diese Männer hatten ernste Mienen, sie waren gerade so kurz vor eins von ihren intellektuellen Schreibtischen aufgestanden oder aus ihren Hinterhofwohnungen gekommen, wo sie in malerische Bäume hinausschauten und Kunst machten. Malte man damals gerade oder nicht? Ich erinnere mich nicht mehr was man damals gerade machte – man xeroxte? Man drehte Superachtfilme ohne Ton? Doch, man malte, man war irgendwie wild und Salomé war in Paris ausgestellt worden. Grönemeyer brauchen wir jetzt nicht mehr, auch nicht Bela B, für den Rest des Blogs können wir die geistig wieder wegräumen. Danke.

Man tanzte auch nicht miteinander. Jeder schaute so für sich ins Nirgendwo beim Tanzen. Niemand lächelte verträumt. Man machte eine ganze Menge nicht damals, wenn ich das tanzhistorisch mal so festhalten darf. Deswegen war es auch ein ziemlicher Schock, als ich jetzt nachts tanzen war. Junge Frauen nahmen mich mit. Ich hatte Urlaub. Dass es Wochenende war, spielte für mich keine Rolle und ich nahm mir vor, nicht daran zu denken, dass damals am Wochenende-Weggehen verboten war. Das Samstags-Tabu, ich schmiß es weg. Es sollte nicht das letzte abgeschaffte Gesetz bleiben an diesem Abend. Manche der jungen Frauen, die mich eingeladen hatten, waren vorher noch schick zum Grillen eingeladen. Darum sagte die Jüngste, die nicht grillen ging, zu mir, sie würde mich abholen, mir was zum Anziehen mitbringen und mit mir ein Bier am Hafen trinken, bis die anderen dazukämen. Nette Kneipe war das, laut und voll mit Ehepaaren kurz vor der Pensionierung und Kindern ohne Führerschein, Einheimischen und Feriengästen, vorurteilsfreies Flenstrinken sozusagen.Der mit einem an die Antike gemahnenden Namen geschmückte Club lag dann hinter dem größten Supermarkt, den je Dünen eingezäumt haben. Auf dem großzügigen Parkplatz stand ein einladender Imbißwagen mit warmen Speisen und kalten Getränken.

Meine Begleitung – sie ist groß und sehr hübsch und fast achtzehn, es geht gegen ein Uhr, aber ihre Eltern haben das erlaubt! – steuert selbstbewußt auf den glatzköpfigen polnischen Türsteher zu. Mit väterlicher Strenge verlangt er den Ausweis meiner Freundin. Lächelnd zeigt sie ihm einen Führerschein ( es ist allerdings der kopierte Führerschein ihrer volljährigen Schwester) und entschuldigt sich eiskalt mit den Worten, sie hätte ihren Ausweis nicht dabei. Jemand muß sie verpfiffen haben, denn anders als in den Wochen zuvor klappt der Trick dieses Mal nicht. Der Türsteher sagt, da sehe er doch den Personalausweis und fischt das Dokument überraschend schnell und geschickt hinter dem Führerschein hervor. „Geh nach Hause”, sagt er betont grimmig. „Du hast mich angelogen”.

Meine Begleitung ist sauer, fügt sich aber und fährt mit dem Inseltaxi, aus dem ihre Schwester und weitere Freunde aussteigen, nach Hause ins Bett. Sind ja nur noch ein paar Monate bis zum Geburtstag.

Drinnen gibt es zwei Räume. In dem kleineren darf geraucht werden und die Musik ist einen Hauch älter. Frauen in sehr knappen Minikleidern und auf sehr hohen Stilettos wippen unschlüssig auf der nicht sehr großen Tanzfläche mit ihren Popos. Sie kichern und erzählen sich dabei den neuesten Klatsch. Aus einer Mädchengruppe löst sich eines und redet so lange auf den sie fasziniert anstarrenden total glücklichen DJ ein, bis man das Gefühl hat, man höre seit dreißig Minuten dasselbe Stück.

Im großen Raum herrscht dieses für ältere Ohren ununterscheidbare „Umm.Umm.Umm.Umm.Ummummummumm.”. Lieder werden nicht mehr gespielt, sagen die jungen Frauen. Ein Set geht ins andere über und die meisten Tanzenden wiegen sich einfach weiter im Takt oder ziehen eng umschlungen an die Bar und kaufen Mineralwasser. Es ist heiß, heiß, heiß und alle strahlen sich an und die Tanzfläche ist immer gleichmäßig gefüllt. Früher hätte man sich natürlich sofort bei einem blöden Lied an den Rand gestellt um dem DJ zu verstehen zu geben, dass er sowas gar nicht zu spielen braucht. Ganze Abende konnten so in der allergrößten Tanzlangeweile vergehen, wenn einfach nichts, was man mochte, gespielt wurde.

Der Jugend ist das vollkommen gleichgültig. Die Disko heute ist wie eine Party von Leuten, die sich alle kennen, die sich fröhlich antanzen, sich ansprechen, lauthals mitsingen, ihre Freunde knutschen, als wäre der Tanzschuppen ihr Wohnzimmer, die Aula ihrer Schule oder das Jugendzentrum. Alle Jungs tanzen. Viele nehmen die Sonnenbrillen die ganze Nacht nicht ab. Einer trägt ein T-Shirt, auf dem steht „The Smiths”. Oh, was hatte ich diese Band gerne damals.

Ich finde nichts peinlich. Ich finde es nett da. Meine jungen Frauen wollen mich gar nicht von der Tanzfläche lassen. Wir trinken ein Wasser, noch ein Wasser und dann noch ein Wasser. Wir lernen einen jungen britischen Inder kennen, der richtig süß tanzt. Er ist traurig, als wir um halb drei gehen wollen. Ich muß mit der höflichsten meiner jungen Frauen darum streiten, wer das Taxi bezahlen darf.

Es war so ganz anders als vor fünfundzwanzig Jahren, denke ich am nächsten Tag, wie konnte das nur so vollkommen anders sein und mir doch dasselbe Vergnügen bereiten wie damals. Was für ein herrliches Gefühl, in einen dunklen, heißen Raum voller brüllend lauter Musik einzutauchen und zu fühlen, wie alles von einem abfällt und man nur genauso ungeduldig auf die Tanzfläche drängt wie alle anderen. Damals war es so wichtig, sich zu unterscheiden. Jetzt dankt man der Jugend dafür, dass sie dazu einlädt, für ein paar Stunden zwischen ihnen unterzutauchen.  

 

 

 

Veröffentlicht unter: Disco

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Jahrgang 1965, Tanzkritikerin.