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Stilblüte, blühe, entfessele deine Urgewalten

31.08.2012, 21:15 Uhr

Von

Do I look like I care?

                              Garfield

 

Der um Beistand gebetene Kritiker Edwin Denby sagte zu dem um die Zukunft seiner Kunst besorgten Choreographen George Balanchine, man müsse den Tanz nicht retten, das sei nicht nötig. Tanz würde es immer geben. Er hatte recht. Das Mißverständnis aber besteht weiter. Eines der größten Probleme der Kritik ist das Verhältnis zu ihrem Gegenstand. Große Teile der Tanzkritik sehen sich – diametral entgegengesetzt zu Edwin Denby – als Mittler zwischen der Kunst und ihrem Publikum. Sie sind der Auffassung, sie besäßen einen Wissensvorsprung und seien gehalten diesen zu nutzen um den Zuschauern zu erklären, was das Kunstwerk bedeutet und die Künstler meinen. Sie demokratisieren Herrschaftswissen, ihrer Ansicht nach. Sie stehen dem Künstler zur Seite. Das paßt zu zeitgenössischen Choreographen, die eigentlich Dramaturgen, Biologen, Ornithologen or whatever sind. Die Idee, man könne ein Werk betrachten, erinnern, überdenken, beschreiben und interpretieren, in einen Kontext stellen, vergleichen, lieben, bewundern, ohne die Distanz dazu zu verlieren, ist ihnen fremd. Die Idee, dass jedes Werk zunächst einmal für sich stehen muß, dass jeden Abend, wenn es im Zuschauerraum dunkel wird, alles zurücktritt und nur das Geschehen auf der Bühne beginnen darf zu wirken, ist ihnen genauso fremd. Nein, da wird alles „mitgedacht” – die Großmütter der Tänzer, Alter, Hautfarbe, Geschlecht und Herkunft der Choreographen, Zahl der Stofftiere zuhause und der Impfnarben. Aber es sollte egal sein, wo die Bühne steht, es ist vollkommen gleichgültig, was die Tänzer an den Füßen tragen, Spitzenschuhe, Schläppchen, Socken, nichts, Turnschuhe, High Heels, solange sie darin etwas Interessantes tun. Lieben Sie Brahms? Ja, aber ich höre auch gerne Fiona Apple, Feist, Boy, Hot Chip und Adele.

Während Teile der Tanzkritik sich wie Großtheoretiker und intellektuelle Speerspitzen einer in Wahrheit längst untergegangenen Avantgarde aufführen, verlieren andere die Distanz zu sich selbst. So mußte sich etwa der Direktor des Balletts am Rhein Düsseldorf/Duisburg, Martin Schläpfer, im eben erschienenen Jahrbuch der Zeitschrift „Tanz” fragen lassen, ob er nicht auch „Konzessionen an den Publikumsgeschmack” mache. Dessen „Forellenquintett” beinhalte „zugängliche Szenen mit fast schon niedlichem Humor”, ob das ein „Erfolgsrezept” sei? Gegenfrage – muß man sich so einen Stuß fragen lassen? Was hat die Interviewerin erwartet? Dass Martin Schläpfer sagt, klar, das sei ein total billiges Stück Publikumsanmache, er habe einfach mal süß sein wollen zu seinen Zuschauern? Und dann wollte Nicole Strecker noch wissen, welchen Preis Martin Schläpfer für dem Erfolg zahlt: „(Martin Schläpfer schweigt)”. Doch, echt, steht da. Ja, er schweigt, Frau Strecker, weil er ein so höflicher Mensch ist.

Hartmut Regitz fragt in der August-September-Ausgabe der Zeitschrift „Tanz” den Berliner Ballettdirektor und alternden Star der eigenen Compagnie, Vladimir Malakhov, ob es ihn nicht nerve, immer wieder gefragt zu werden, wann er denn von der Bühne abtrete? Und Malakhov antwortet „Warum haben Sie dasselbe nicht Nurejew gefragt oder Baryshnikov?” Wenn Ballettdirektoren für ihre Bescheidenheit wiedergewählt würden, wäre Malakhov schneller weg, als er es nach seiner Leistung beurteilt sein müßte. (Danke, Hartmut Regitz, das war echt investigativ.)

„Betrachten wir mal diese Medien: Warum will ein Mensch das Ballett längst lieber im Kino als im Theater sehen?” – so heißt es im Vorwort derselben Ausgabe. Ein Mensch – ja, im Unterschied zu einem Schwan oder einer Blume? – man kann gar nicht glauben, dass das Publikum Ballette lieber im Kino als im Theater sieht. Bloß hat man das Bolschoi Ballett nicht öfter als einmal pro Spielzeit in einer einigermaßen problemlos zu überwindenden Distanz. Da liegt es nahe, ins Kino um die Ecke zu gehen, um eine Bolschoi-Live-Übertragung zu sehen, zumal, wenn man in Wiesbaden im Theater nur Werke von Stephan Thoss sehen kann, und nicht „Raymonda” in einer historisch satisfaktionsfähigen Version.

Apropos niedlich. Dorion Weickmann porträtiert – sprachen wir von Distanz? – Laurent Chétouane, ach, übrigens, im selben Malakhov-ist-Nurejew-nur-älter-oder-besser-Heft: „Wenn er (also jetzt Chétouane, nicht Nurejew) von seiner Kindheit an der Atlantik-Küste berichtet, von der aufgepeitschten See und den Böen, die gigantische Wolkenberge vor sich herschieben, dann scheint das Wasser bis ans Berliner Mitte-Trottoir zu branden und das Kaffeehaus-Tischlein mit sich fortzuspülen”. Süß, nicht? Auch so meteorologisch informiert.

Aber dieser Tsunami an künstlerischem Charisma reißt die Autorin gleich mit: „Wie eine Fata Morgana (äh, hat man die nicht dort, wo es sehr trocken ist, in der Wüste? Anm. der verwirrten Red.) sieht sich das Gegenüber (also das ist jetzt Dorion Weickmann, n’est-ce-pas?) mit dem Meeresschwärmer auf irgendeinem Felsen stehen und hinausschauen auf das Chaos, auf die geballte, zermalmende und marternde Macht der Natur. Ohne dass darüber gesprochen wird, malt es (d.i. Dorion Weickmann, immer noch, oder?) sich gleichzeitig aus, wie Laurent Chétouane auf die Tänzer blickt, wenn er deren Urgewalten entfesselt. Wenn er sie antreibt, unter seinen aufmerksamen, fordernden, vielleicht gar gierigen und schonungslosen Augen den Orkan ihres Begehrens aufheulen zu lassen.”

Und wenn sie nicht vor Lachen gestorben sind, dann lesen sie noch heute Tanzkritiken. Man muß die Tanzkritik nicht retten. Tanzkritik wird es immer geben.

 

 

 

 

 

 

 
 

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Jahrgang 1965, Tanzkritikerin.