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Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Egon, Prinz aus Dänemark

In Dagmar Ellen Fischers soeben erschienener Biographie des dänischen Tänzers Egon Madsen erfährt man ein paar dieser Dinge, die man schon immer über Tanz...

Bild zu: Egon, Prinz aus Dänemark

In Dagmar Ellen Fischers soeben erschienener Biographie des dänischen Tänzers Egon Madsen erfährt man ein paar dieser Dinge, die man schon immer über Tanz wissen wollte und bisher nie zu fragen wagte. Zum Beispiel, Egon Madsen, kenne ich niemanden, der sich getraut hätte zu fragen, ob die Romeos ihre Julias eigentlich alle gleich küssen, also, ob man eine Bühnen-Art und Weise hat, wie man professionell seine Theater-Geliebte küßt, oder ob das spontan und mit schwankenden, unterschiedlichsten möglichen Emotionen geschieht. Madsen als Romeo hat keine seiner Julias wie die andere geküßt, soviel kommt heraus. Mehr aber auch nicht. Wäre es nicht interessant gewesen zu erfahren, was im Konfliktfall passiert ist oder geschehen wäre? Wie viele Paare lernen sich nicht bei der Arbeit kennen? Fühlte er sich in Versuchung, Realität und Spiel zu verwechseln, gingen die Ebenen manchmal durcheinander? Gelsey Kirkland als Julia nervte mit zu vielen Fragen und mangelnder Bereitschaft, die Proben voll auszutanzen. Madsen verpaßte ihr eine Quittung, indem er sie so echt küßte, dass sie verstand, was er ihr sagen wollte und in Tränen ausbrechend den Ballettsaal verließ.

Die gewisse Brutalität, die aus dieser Szene spricht, ist eigentlich schwer mit dem Weltstar in Verbindung zu bringen. Vor allem wer ihn erst als älteren Tänzer-Darsteller kennengelernt hat ist erstaunt – ist nicht Madsen diese soignierte Erscheinung mit silbernem Haar, bereitwillig in einem Hasen-Kostüm auftretend in „Merryland” von Meryl Tankard, oder, im selben Stück, alle seine berühmtesten Bühnentode in einem Zeitraffer-Solo zusammenfassend mit dem Satz „Ich war sehr gut im Sterben”?

Madsen – vor wenigen Wochen siebzig Jahre alt geworden – ist auch, wenn man dem Buch Glauben schenken möchte, sehr gut im Leben.

Natürlich ist eine Biographie Egon Madsens einerseits nie ausführlich genug. Dazu ist seine Karriere zu interessant. Schließlich zählte er mit Richard Cragun, Marcia Haydée, und Birgit Keil zu dem Quartett der für John Cranko wichtigsten Tänzer in Stuttgart. Aus tanzhistorischer Sicht möchte man das Buch häufig beiseite legen, Madsen anrufen und nach Hintergründen, Motiven und Details seiner künstlerischen Arbeit fragen. So tanzte er wirklich mit einigen der berühmtesten Ballerinen – Margot Fonteyn, Eva Evdokimova, Carla Fracci, Lynn Seymour und Nadia Nerina. Am liebsten jedoch tanzte er mit seiner Frau, Lucia Isenring, und mit Marcia Haydée. Über die Technik des Pas de deux äußert er etwas Bemerkenswertes. Alle seine Tanzpartnerinnen hätten von seiner Seite eine unterschiedliche Technik des Partnering erforderlich gemacht: „Da man vor allem den Rücken sieht, muss man sie feinfühlig anfassen und erst herausfinden, wie man mit ihr umgeht.”

Das würde man doch gerne genauer erklärt bekommen.

Am neugierigsten machen die Passagen über die Arbeit mit John Cranko im Ballettsaal. Rudolf Nurejew, den Cranko als Gast einlädt für zwei Vorstellungen von „Giselle”, in denen er die Rolle Albrechts von Egon Madsen übernehmen soll, macht sich nicht sehr beliebt. Er integriert seine eigenen gewohnten Soli in Peter Wrights Stuttgarter Fassung und wird vom Stuttgarter Publikum düpiert, indem dieses Madsens Auftritt im Bauern-Pas-de-deux applaudierte, Nurejew aber nicht. Madsen kommentiert das Ereignis so. „Tatsächlich hatte das Publikum keine Lust auf arrogante Weltstars, es feierte und bejubelte lieber die eigenen Stars. Und ich verstand die Botschaft von John Cranko: ‘Du bist ein Star, aber benimm dich nicht so!’ Deswegen sind wir ja auch alle normal geblieben; Allüren dieser Art ließ er einfach nicht durchgehen.”

So kann man das auslegen. Vielleicht aber fühlte sich Nurejew mißverstanden und unwillkommen, vielleicht dachte er aus Gründen, seine Variationen seien die richtigeren, besseren.

Aus diesem Buch erfährt man es nicht, es fragt nicht einmal danach. Es ist, wie die Autorin auch eingangs zu erkennen gibt, das Buch einer Verehrerin. Das erklärt die sympathischen Züge des Buchs.  

Dagmar Ellen Fischer: “Egon Madsen. Ein Tanzleben. Biografie.” Leipzig, 2012, Henschel Verlag, Euro 24,90

 

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