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Yoga@home

05.10.2012, 22:38 Uhr

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Noch bevor sie damit angefangen haben, machen sich die meisten Leute schon fertig, ich auch. Womit? Na mit Sport. Bewegung. Fitness. Man fragt sich – in einem dieser prüfenden inneren Monologe, in denen I, Me and Myself darüber diskutieren, wer die Oberhand behält – man fragt sich in diesem trauten bewußtseinsinneren Kreis: Wäre es nicht schön, wäre es nicht geradezu Pflicht, ein bißchen zu trainieren, und etwas abzunehmen, nicht mehr schnaufen zu müssen beim Treppensteigen, nicht außer Puste zu geraten, wenn die Kinder mit einem Fahrradfahren oder Fangenspielen wollen. Wäre es nicht schön, nicht nur in engen Jeans so auszusehen, als sei man trainiert, sondern auch fest zu sein überall, ohne stramme, pardon, Anziehsachen? Ja schon. Ja natürlich…. Aber! Wann soll ich das machen, die Zeit hab ich doch wirklich nicht auch noch, und schlimmer noch, was soll ich bloß machen? Sportarten, die während der ersten fünfunddreißig Jahre des Lebens Spaß machen, können dem älter gewordenen Körper oder seinem Geist plötzlich schal, mühsam, und wie eine Tortur vorkommen. Die Pferdeställe am neuen Wohnort gefallen nicht. Golf spielen? Zu aufwändig. Tennis? In den Hallen im Winter ist es laut, stickig und neonbeleuchtet, kein Vergnügen. Ballett? Das Konzept der Hausfrauenklassen ist außerhalb von Metropolen erschreckend unbekannt. Manche gehen ins Fitness-Studio. Fast so viele sterben vor Langeweile auf den Geräten und haben keine Lust, sich von muskelbepackten Typen, die sie sich draußen nicht mal nach dem Weg zu fragen trauen würden, Tips geben zu lassen. So ein Personal Trainer kann einem schnell zu persönlich werden.

Oder: Man fängt mit irgend etwas davon, haßt es die ersten Male richtig, wird dann zuversichtlich, fängt schließlich an, Stolz zu empfinden und Fortschritte zu bemerken. Ist dann ein paar Wochen lang dabei, fühlt sich phantastisch, erklärt strahlend allen, die es hören möchten und auch allen, die das nicht eigens angemeldet haben, wie toll man sich fühlt. Ja, phantastisch. Dann kriegt man eine fette Erkältung und fühlt sich tagelang klapprig. Oder der Zahnarzt setzt fabelhafte Implantate, allerdings ist das eine richtige Operation im Kopfbereich und es empfiehlt sich daher zu pausieren. Zack, Ende, aus, wie es bei Janosch sinngemäß heißt, Sofa, Serien, alles, was der Erholung dient. Und nun die ganze Mäusegymnastik noch einmal von vorne? Wer hat denn dazu Lust? Wie oft hat das jeder von uns schon hinter sich?

Es war also das falsche Training. Noch einmal nachzudenken, was für eine Art Training geeigneter wäre, ist wichtig. Vielleicht fällt einem dann ein, was man als Kind oder Jugendlicher am liebsten gemacht hat und fängt das wieder an: Handball, Rudern, Boxen, Hallenhockey, Fußball. Wer weiß. Oder man beginnt mit etwas, das man nie machen durfte, oder das sich nicht ergab, weil….wasimmer: Surfen (einen kleinen Baggersee gibt es überall). Wenn man aber ganz erwachsen ist und in seiner Kindheit noch so tief graben könnte ohne etwas zu finden (Jazzdance? Gummitwist?) und wirklich immer noch keine Lust hat, irgendwo mit anderen Leuten am verabredeten Ort zur verabredeten Zeit zu erscheinen und Anweisungen entgegen zu nehmen (Nordic walking?), dann macht man am besten etwas zuhause, das fünfzehn Minuten minimal fordert, und sich an- und abschalten läßt, wie man es braucht. Trainings-DVD’s sind echter technischer Fortschritt im aufrüstungsspiralengefährdeten Kampf gegen I, Me and Myself, einen der drei oder alle, die der Meinung sind, das hätte alles Zeit bis zum nächsten Frühjahr.

Nehmen wir Pilates. Joseph Hubert Pilates, Turner, Taucher, Bodybuilder und Zirkusartist, wie seine Wikipedia-Beschreiber meinen, hat eine Klasse entwickelt, in der man streng, diszipliniert Muskeln anspannt und richtig atmet, und dann aufgerichtet, federleicht, und mit der Bauch- und Beckenbodenspannung rausgeht, von der Tänzer träumen. Tiefliegendste, feinste Muskelschichten werden hier aktiviert. Magisch in der Wirkung. Es macht high. Leider, wovon sich jeder auf der ausgezeichneten DVD „Schlank mit Pilates mit Suzanne Deason”(Gaiam Americas, 2009, mit deutscher Tonspur) überzeugen kann, ist es todlangweilig, es zu machen. Niemals würde ich diese DVD zuende exerzieren. Aber ich bin auch ein anspruchsvolles Gemüt und nicht sehr fernzielorientiert Wer besser strukturiert ist und nicht so vergnügungssüchtig, wird sich bei Deason im Nullkommanichts eine attraktive Körperspannung erarbeiten und bestimmt keine Rückenschmerzen mehr bekommen: Bei Stress einfach Suzanne einschalten, durchatmen und mitmachen. Es braucht einen gewissen Ernst.

Yoga ist interessanter. Und inklusiver zugleich. Es hat viel mehr Variationen von Übungen. Es ist keine reine Gymnastik, sondern lädt ein, zu sich zu kommen, nicht nur zu einer straffen Bauchmuskulatur. Aber es kann dauern, bis man den richtigen Lehrer gefunden hat. Einen subjektiven, aber hilfreichen Einblick in die verschiedenen Stile gibt das Buch der bekannten deutschen Yoga-Lehrerin Anna Trökes: „Die sieben Schätze des Yoga”. Niemand sollte sich davon abschrecken lassen, dass der Verlag Gräfe und Unzer (München 2010) das Buch so niedlich rosa ausgestattet hat, als wäre der Graphiker mit Lillifee in Indien gewesen. Die Texte liefern informative Einführungen in bestimmte Yoga-Stile. Wer eine Fallgeschichte lesen möchte, eine im Detail autobiographische Erzählung einer der berühmtesten Yoga-Meisterinnen der Vereinigten Staaten, kann Ana T.Forrests Buch „Die Yoga-Kriegerin. Power für Körper und Seele mit Forrest Yoga.” lesen. Es enthält viele Übungen, die man sofort machen kann. Es ist so impulsiv, so stark anfeuernd und ungewöhnlich, um nicht zu sagen, verrückt, dass es unbedingt lehrreich ist: „Reveals All the Highs and Lows of Rockn’Roll”, wie es über die Autobiographie von Keith Richards heißt. Was sollte man sonst sagen über die Frau, die als Rockstar unter den Yogalehrern weltweit gilt. Eine die bei ihr studiert hat und ihren eigenen Stil entwickelt hat über viele Jahre hinweg, ist die Begründerin von „Spirityoga”, Patricia Thielemann.

Bild zu: Yoga@home

Foto: Spirit Yoga

„Anti-Stress Yoga” hat sie ihre 114 Minuten lange Unterrichts-DVD genannt, die jetzt von der Zeitschrift „Brigitte” herausgegeben wurde. Es ist eine sensationell ruhige, gründliche, anziehende Heranführung an alles, was am Yoga wohltuend und leicht zu begreifen ist. Das Leichte hieran, wohlgemerkt, ist das Verdienst Patricia Thielemanns, die in ihrem ausgewogenen Rhythmus und in einer brillanten Dramaturgie von Übungen durch verschiedene Sets führt, die zwischen zwanzig Minuten und anderthalb Stunden lang sind. Es ist abends, man ist todmüde und denkt, ein paar Übungen gehen noch, dann werde ich besser schlafen? Die „Moonlight Yoga”-Sequenz transformiert die Erschöpften in schlafbereite Entspannte. Alle sitzend Tätigen werden die 19 Minuten des Kapitels „Yoga für den Rücken” lieben. Atemübungen, Meditation? Alle – auch die ungewöhnlich erscheinenden Anteile des Yoga werden in effektvoller, kluger und einfühlsamer Weise erklärt und gelehrt, ganz praktisch und zugewandt, aber alles andere als oberflächlich.

Man kann natürlich Yoga-Lehrern hinterherreisen dahin, wo sie Workshops geben, um sie kennenzulernen. Aber Menschen, die – siehe oben – nicht noch weitere Reisen, Termine, Fragezeichen brauchen in ihren Kalendern und Notizbüchern, denen kann etwas Arbeit zuhause Welten eröffnen, Welten, in denen Sport. Bewegung. Fitness. zu einem Vergnügen werden und zu mehr. „Wouldn’t it be lovely?”, wie es in My Fair Lady” heißt?

 

Ein guter Laufplan, der in vier Wochen ohne Stress dazu führt, dass man ein halbe Stunde durchläuft: www.brigitte.de

Ein ebenfalls neu erschienenes Buch von Patricia Thielemann: „Balance Yoga” (Diana Verlag, Buch und DVD im Buchhandel und auf der Webseite der Zeitschrift)

Ana T. Forrest: Die Yoga-Kriegerin. Ullstein Buchverlage, Berlin, 2012

Anna Trökes: „Die sieben Schätze des Yoga. Gräfe und Unzer, München, 2. Auflage 2011

 

 

 
 

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Jahrgang 1965, Tanzkritikerin.