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Warum Yoga-Star Patrick Broome keinen Mozzarella isst

31.10.2012, 22:40 Uhr

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Fünfhundert Teilnehmer hatte am vergangenen Wochenende die 1. Insideyoga Conference in Frankfurt am Main, überwiegend kamen Yoga-Lehrer, um sich von Weiterentwicklungen klassischer Stile etwa von amerikanischen Kollegen inspirieren zu lassen oder zu erleben, wie Musik organisch eine Klasse durch eine ganze Choreographie-ähnliche Folge von Asanas führt, ohne Absetzen, aber mit Luftholen, fordernd, aber auch mitreißend, wie bei Young Ho Kim.

Foto: Hie Kim

Bild zu: Warum Yoga-Star Patrick Broome keinen Mozzarella isst

„ I do these poses for food”  

(T-Shirt-Aufdruck auf der 1. Inside Yoga Conference in Frankfurt am Main)

 

Mag sein, du führst die „Krähe”, den Kopfstand oder den „Herabschauenden Hund” für essbare Spenden vor, besser als betteln, könnte man sagen, aber die Frage heißt, für welches Essen? Stärker noch als in der Tanzszene führen Diskussionen über Nahrung in der Yogawelt an die Grenzen zwischen den einzelnen Schulen. Während Tänzer spätabends ihr Tricot waschen und ein hartgekochtes Ei essen, kann man damit im Yoga nicht vorsichtig genug sein. Manche Jivamukti-Yoga-Meister etwa sind entsetzt, wenn sie unter den Salatblättern ihrer Schüler eine Scheibe Mozzarella entdecken. Sie meinen es ernst mit dem Wort vegan. Lederschuhe? Wo kämen wir da hin? Deshalb posierten einige von ihnen nackt auf Werbekampagnen-Fotos der Tierschutzorganisation PETA, wie Naomi Campbell und ihre Model-Kolleginnen das auch bereits getan hatten, um gegen Pelze zu protestieren. Kuhmilch geht gar nicht und Früchte darf man nicht abreißen, sondern nur aufsammeln. Sonst schreit die Pflanze. Wird sie geraucht oder getrunken schreit die Pflanze, Hopfen oder Hanf, übrigens nicht, interessanterweise. Trick or treat?

Yoga als Werkzeug zu betrachten, scheint von diesen extremen Positionen weit entfernt zu sein. Und doch ist einer der unideologischsten, entspanntesten Yoga-Stars, Dr. Patrick Broome, ein Jivamukti-Yogi. In seinen Klassen wechseln die Schwerpunkte, wie man bei der 1. Inside-Yoga Conference lernen konnte. „Auf der Suche nach Gott” war eine von ihnen überschrieben – deren körperliche Praxis war sanft und energie-aufbauend, nicht kräftezehrend. Statt sich im „Downward Dog”, also auf allen Vieren, zu verausgaben, übte sich die Klasse im Singen von Mantras und lauschte den Erzählungen eines Lehrer-Assistenten, denen zufolge sich indische Gurus in Florenz entsetzt zeigten angesichts von Michelangelos „David”, weil dieser keinen Lendenschurz trägt: Kulturschock nennt man das. In der „Jivamukti Old School” Klasse von Patrick Broome ging es dann wieder mehr ums Schwitzen und weniger um die religiöse Ausrichtung. Im Interview in einer Konferenz-Pause erklärt Broome den Nutzen des einen und die Bedeutung des anderen.

 

Aufforderung zum Tanz: Patrick Broome, können Yoga-Lehrer zu extreme Postionen vertreten und dann ihre Schüler einbüßen?

Patrick Broome: Das gibt es, dass Lehrer sich zurückziehen von ihren Schülern oder dass sie einen Schritt in ihrer Entwicklung machen und plötzlich Sachen unterrichten, die nicht jeder Schüler hören will. Sodass dann Schüler wegbleiben und sagen, der redet ja nur noch dies oder das… und dann können Lehrer auch ganz aus dem Geschäft herausfallen. Das sind dann allerdings meistens die Lehrer, die mich wieder interessieren und die ich dann aufsuche. Weil sie bereit sind tiefer zu gehen als das rein Körperliche, das gerade so populär ist.

AzT: Wie findet man da den richtigen Weg – zu sagen, ich bin aus dem Westen, ich unterrichte Fußballer und Manager, und ich habe doch auch diese tiefe religiöse Ausrichtung in meinem Yoga?

PB: Je nach Zielgruppe. Je nach Interesse. Manche muß man einfach in der körperlichen Praxis abholen. Managern oder Fußballern biete ich erst mal das köperliche Programm an und zeige ihnen, dass es da etwas gibt, wo sie sich begegnen können und eventuell noch etwas Größerem begegnen können, und wenn dann Fragen sind und Leute tiefer gehen wollen, dann gehe ich tiefer. Aber anfangs bleibe ich bei einer rein körperlichen Praxis, die der Entspannung und Kräftigung dient.

AzT: Sie verharmlosen sich, oder verkleiden sich, oder wie könnte man das sagen?

PB: Nein, ich verkleide mich nicht. Ein großer Lehrer hat mal gesagt, der Yoga sollte sich in einer gewissen Weise immer seinem Schüler anpassen, den Umständen, wer, wo und zu welcher Jahreszeit unterrichtet wird.

AzT: Also wärmendere oder kühlendere Übungen zu zeigen…

PB: Man sollte versuchen, in der Sprache des Publikums, das man gerade hat, zu unterrichten. Aber mein Wunsch ist Vollständigkeit. Manchmal ist es doch gerade der Manager, der diese Sehgnsucht nach spiritueller Unterweisung empfindet, da sein materielles Leben ja so unglaublich gut funktioniert und er meint, dass da trotzdem noch etwas fehlt. Und dann kann es sein, dass ich mit ihm Asanas übe und er auf einmal sagt, jetzt möchte ich in Meditation einsteigen.

AzT: Und wie finden diese Schüler zu Ihnen?

PB: Auf Empfehlung. Bei einem Geschäftsessen sagt einer zum anderen, du, ich habe jetzt Yoga angefangen und der andere sagt, spinnst du?, und der erste sagt, ne, das ist super, tut mir total gut. Und ein halbes Jahr später trifft er den wieder und der sieht noch besser aus und ist noch zufriedener, und dann sagt der Skeptischere, okay, jetzt probiere ich das auch mal. So geht das. Ich bewerbe mich eigentlich überhaupt nicht.

AzT: Wie lange unterichten Sie schon und seit wann sind Sie so erfolgreich?

PB: Seit fünfzehn Jahren etwa und es lief eigentlich von der ersten Stunde an erstaunlich gut. In einem Münchner Fitness-Studio habe ich meine erste Stunde gegeben und die sagten, versuchen wir es mal, aber in der ersten Stunde waren gleich sechzig Schüler, die das ausprobieren wollten. Und ich dachte, hoppla, so gut bin ich gar nicht und ich muß erst mal noch mehr lernen und bin recht schnell zu meinen Lehrern nach New York verschwunden für ein Jahr.

AzT: Ihr Erfolg, der läßt sich doch auch auf den Männerbonus zurückrechnen, oder? Es gibt so wahnsinnig viele Frauen hier. Da sind Sie und Ihre männlichen Kollegen doch mal gleich schon Anziehungskräfte, oder?

PB: Wir haben es als Männer in der Yoga-Welt viel leichter. Meine Lehrerin Sharon Gannon, die mit David Life viel zusammen unterrichtet sagt, sie kann eine Stunde an die Schüler ranreden, dann kommt David und sagt zwei Sätze, schon hören alle zu und nehmen es ganz anders an als bei ihr. Das ist wahrscheinlich wie bei den männlichen Choreographen. Die haben es doch eigentlich auch leichter als die Frauen.

AzT: Ihre Verbindung zum Management und zum Sport leuchtet mir gleichermaßen ein. Wie es ist mit der Kultur?

PB: Ich habe einige Schüler, die man Philantrophen oder Mäzene nennen könnte, die Yoga üben. Und die Künstler haben ja ohnehin diesen Bezug zum Wahren, Guten, Schönen, das kannst du im Yoga wunderbar erfahren. Und wenn Künstler den Weg dahin in der Meditation finden, ist es für sie oft sehr erfüllend, dort wieder Inspiration und Kraft zu finden.

AzT: Sie meinen, dort finden Künstler die Fähigkeit wieder, sich zu fokussieren?

PB: Nein, gerade das können ja Künstler so gut, und Sportler, die können sich schon unglaublich konzentrieren, deshalb sind sie ja so weit gekommen. Die Künstler sehen zusätzlich noch mehr als andere. Und dann finden sie in der Yoga-Philosophie Dinge beschrieben, die sie schon immer gesehen, schon immer gespürt haben, aber andere Menschen nicht sehen, nicht spüren. Und da sehen sie, dass es schon immer Seher gab, Menschen gab, die durch spirituelle Praxis so offen waren, dass sie ähnliche Dinge gesehen, gespürt haben, aber nicht in Kunst ausgedrückt, sondern in Worten beschrieben haben. Viele Künstler haben mir gesagt, sie fühlen sich betätigt, sie sind erleichtert, sich nicht als Freaks zu empfinden, als Spinner, nur weil sie anders sehen, anders empfinden. Du mußt ja erst mal auf die Idee kommen, die Welt so zu sehen und zu malen wie etwa Monet das tat. Künstler wie Monet sehen die Essenz. Und genau damit beschäftigen sich die Yogis auch, mit der Suche nach der Essenz. Und darum fühlen sich Künstler gut aufgehoben in einer Gruppe von Menschen, die unter die Oberfläche schauen wollen. 

AzT: Ändert Yoga die Welt?

PB: Darum wünsche ich mir immer, dass noch mehr Männer Yoga machen. Es tut ihnen so gut. Und wer lange Yoga praktiziert, Mann oder Frau, fängt an, sich auch abseits der Matte anders zu verhalten. Diese Menschen stellen ihre Ernährung um, handeln umweltbewußter, werden insgesamt freundlichere Menschen sein wollen. Nicht aus moralischen Gründen, sondern weil man einfach niemanden mehr verletzen möchte. Wenn Du immer wieder erfährt wie alles mit einander verbunden ist, willst du einfach niemanden dominieren oder verletzen.

AzT: Sind Sie auch Vegetarier?

PB: Ja, aber schon seit meiner Kindheit. Ich mochte nie Fleisch. Mir war ganz schnell klar als Kind, dass Fleisch und Tier zusammenhängen. Ich könnte niemals ein Tier töten, um es zu essen. Eier esse ich nicht, Kuhmilch trinke ich nicht.

AzT: Nie Heißhunger auf etwas gehabt und nie Mangelerscheinungen bemerkt?

PB: Manchmal kriege ich Heißhunger auf ein Spiegelei. Und dann esse ich eins. 

 

 

 
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Jahrgang 1965, Tanzkritikerin.