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Mehr Halloween-Kostüme für Tänzer

05.11.2012, 22:57 Uhr

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Ghost Princess    Foto: Jeff Rosenberg, Berlin 2012

Ein bißchen mehr Halloween wünscht sich Dance Magazine Blogger Wendy Perron auf den Tanzbühnen New Yorks. Haha. Meine kanadische Freundin führte in diesem Jahr, den Bollerwagen hinter sich ziehend, den Trupp von Kindern an mit langer schwarzer True-Blood-Robe und einer Pizza-Durchmesser-großen, täuschend echt aussehenden Samtspinne auf dem Kopf. Right. Wenn man die so gut befestigen würde, dass sie in der Arabesque Penchée nicht vom Kopf fiele (Oberkörper neigt sich zu Boden, gestrecktes Spielbein strebt mit maximaler Hebung himmelwärts), könnte das zu ganz neuen Pas de deux inspirieren, indeed. Aber die Lieblingskostümierung von Kindern in diesem Jahr wäre auch nicht schlecht (siehe Foto). 

Schließlich ist das Ballett ohnehin von Geistern bevölkert, untote Wilis, keckernd aus Schornsteinen herausrauschende Sylphiden, ist klar. Halloween und Ballett, beides fördert gleichermaßen übernatürliche Talente im Betteln: Klingeln bei grinsenden Kürbissen und Gedichte aufsagen, um Süßigkeiten oder Subventionen zu bekommen, was für ein entzückender altmodischer, transkontinentaler Brauch. Im guten alten Europa ist das längst gut eingeführt.

Wendy Perron, ganz ehrlich, meinte etwas anderes. Sie ist enttäuscht von zeitgenössischen Kostümdesignern und findet, entweder ent-individualisierten diese die Tänzer oder verhinderten, dass die Bewegungen und Körperproportionen ungestört erkennbar seien, schlimmstenfalls beides. Und mit ihrer Forderung nach ein bißchen mehr Halloween meint sie nur, mehr Individualität wäre schön. Sie glaubt, das Gespenst unter dem Bettlaken oder die Hexe unter dem spitzen Hut seien individuelle Geschmacksmanifestationen. Ich glaube, die Leute bestellen bloß im Internet Pizza-Durchmesser-große täuschend echt aussehende Samtspinnen, so wie sie bei Obi, Nanunana, Tschibo oder wo immer kleine Tonkürbisse kaufen und diese aufstellen und in ihren Kellern haben sie Batterien von Häschen, Engeln und Hexen, von Nikoläusen und Weihnachtsmännern und Christkindlein, die nicht verrotten und jahreszeitlich hervorgeholt werden. Ich weiß nicht, Wendy Perron, wie indivduell das wirklich ist. Vielleicht in New York? (Das sagt eine Deutsche).

Was in New York, Individualität und Kostüme hin oder her, nicht so gut ist, ist, dass einige Poster und Programmhefte, Dekorationen und Kostüme im Martha Graham Center of Contemporary Dance durch den Hurrikan Sandy zerstört werden konnten. Wo? Westbeth Village. Der Keller, in dem Designs von Isamu Noguchi etwa für die berühmte „Klytemnästra” der amerikanischen Modern-Dance-Ikone Graham lagerten, stand sechs Fuß hoch unter Wasser. Ironischerweise waren die zerstreuten Aktivitäten und Habschaften des Martha-Graham-Nachfolge-Organisationen erst kürzlich an diesem Ort glücklich zusammengezogen worden. Ein Ort mit Geschichte: Es handelt sich um das Cunningham Studio, das vom Trust aufgegeben werden mußte. Eigentlich ein gruseliger Scherz der Geschichte: Martha Graham, deren mythologisch aufgeladener tiefenpsychologischer Ausdruckstanz-Feminismus von Merce Cunninghams am Individuum nicht sehr interessierten Post-Expressionismus abgelöst wurde, beerbt in nächster Generation ihren Überwinder und verliert in seinem Keller einen Teil ihrer Habe.

Ein Kommentar des New-York-Times-Blogs sah in diesem Unglück die konsequente Fortsetzung des „Mismanagements” der vergangenen Jahre: Warum wurde nicht alles rechtzeitig geborgen? Der Hurrikan Sandy hat Opfer gehabt, die diese Frage weitaus dringlicher stellen ließen, schließlich kamen Menschen zu Tode. Niemand will angesichts der Trauer um sie den Verlust von alten Kostümen ernsthaft beklagen. Es gibt Fotos, man kann das alles rekonstruieren. Mit etwas Mut zur Indvidualität, inspiriert von Isamu Noguchi, gehen mehr von uns nächstes Jahr als Klytemnästra zu Halloween. Oder als Medea. Oder, total individuell, wir tanzen ein bißchen für die Bonbons. Trick or treat?

http://marthagraham.org

http://www.dancemagazine.com/blogs/wendy

 

 

 
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Jahrgang 1965, Tanzkritikerin.