Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Das Land in dem stets Nachmittag ist oder Message in a Ballet

Im zwanzigsten Jahrhundert waren es vermutlich Engländer, von denen die interessantesten Ideen über Tschaikowskys und Petipas Ballett „Dornröschen"...

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Im zwanzigsten Jahrhundert waren es vermutlich Engländer, von denen die interessantesten Ideen über Tschaikowskys und Petipas Ballett „Dornröschen“ stammten. Constant Lambert, Frederick Ashton’s musikalischer Direktor, verglich die Bedeutung von „Dornröschen“ in Tschaikowskys Werk mit jener der „Zauberflöte“ in Mozarts Schaffen. Beide seien magisch, beider ernster Geist entstamme nicht einer klösterlichen Abwendung vom Leben sondern einem umfassenderen Verständnis seiner unvergänglichen Schätze. Das Ballett erinnert den Musiker an Lord Alfred Tennyson’s Land in dem es immer Nachmittag zu sein schien (seemed always afternoon). Lambert vermutet, moderne Kritiker, die überall Eskapismus argwöhnen und denen es in der Kunst auf keinen Fall an „message“ fehlen dürfe, vermöchten wenig mit „Dornröschen“ anzufangen. Das Ballett, so seine These, eigne sich von allen Künsten am wenigsten dazu, Botschaften zu übermitteln, und welche willkommene Oase es daher biete in einer Welt, in der Schriftsteller, Maler und Komponisten einem ununterbrochen Botschaften sendeten, ob man sie empfangen wolle oder nicht.

Das Problem von „Dornröschen“ ist, dass Lambert über die Noten Tschaikowskys verfügte, Frederick Ashton aber nicht über eine exakte Notation von Petipas Choreographie. So nahe als möglich an der Originalversion von Petipas Balletten solle man bleiben: „Things can be old-fashioned and dated, but many master-pieces are dated in the right way, and I think it impertinent to tamper with these.“ – Dinge können altmodisch und überholt sein, aber viele Meisterwerke sind gerade auf die richtige Weise altmodisch, und ich finde es impertinent, an ihnen herumzupfuschen.

 

Ach ja, und noch etwas: Pantomime, fand Ashton, setzte Petipa dramaturgisch raffiniert sein, nämlich gewöhnlich nach großen Tanzszenen, und diese sei im übrigen nur dann unerträglich, wenn langweilige Performer sich an ihr versuchten.

 

So. das als Vorwort zu einer neuen choreographischen Version von „Sleeping Beauty“ auf DVD aus den Händen eines – in den Augen Ashtons – sicher nicht astreinen Arrangeurs, nämlich von Yuri Grigorovich und dem Bolschoi Ballett. ABT-Star und Bolschoi-Erwerbung David Hallberg tanzt darin mit Svetlana Zakharova. Gigantomanie heißt das dem Bolschoi auch nur zu gemäße Stichwort dieser Produktion, die anläßlich der Premiere im vergangenen Jahr live weltweit in Kinos übertragen wurde. Nun kann man das zuhause in Ruhe betrachten und zurückspulen und Erio Frigerios monumentale Versailles-hafte Gartentore im Detail betrachten. Hier herrscht Sonnenkönigs Pracht, Tellertutus und Rokokko-Perücken inklusive (Kostüme Franca Squarciapino). Diese italienische Ausstattung ist so zur Gänze geeignet, die Vorurteile meiner französischen Freundinnen gegenüber italienischer Mode zu bestätigen – eigentlich ist es ja nur eines: „VULGÄR“ – dass einem die Tränen kommen. Märchen heißt im Bolschoi, larger than life. Ist das jetzt die Amerikanisierung der russischen Kultur? Dann möchte ich die nicht.

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Zu David Hallberg kann man nur sagen, ja, es stimmt, er kann die Allonge-Perücke super tragen und er ist jede Sekunde Zelluloid wert, auf die er gebannt wird. Weniger flapsig ausgedrückt sind seine Soli sensationell. Svetlana Zakharovas Tanz ist ebenso makellos, ihr Spann ist schön, ihr Rücken biegsam, sie bewegt sich wie eine Feder. Seltsamerweise ist sie so schlank und schmal und hochgewachsen, dass es überhaupt nicht mehr gewagt oder schwierig oder aufregend aussieht, wenn sie sich auf Spitze erhebt. Es scheint so natürlich, dass sie da oben schwebt, steht, geht, auf zwei, auf einem Bein, dass die Spannung weg ist. Puff! Ein irrer Effekt, den ich noch bei keinem anderen Star erlebt habe. Ihre Klicks auf Youtube zählen nach Hunderttausenden und wer dort Auszüge aus ihrer Interpretation der Odile sieht, kann wirklich sprachlos sein. Aber Aurora scheint ihr weder in ihrer Lieblichkeit noch in ihrer Königlichkeit etwas zu sagen.

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Das strahlende Erfolgslächeln, das in ihrem Gesicht festgefroren scheint, ist auf die Dauer etwas eintönig. Erstaunlicherweise sind auch ihre Balancen im Rosen-Adagio nicht zum Niederknien. Es paßt auch stilistisch gar nicht, dass ihr Spielbein hinter dem entsprechenden Ohr eingerastet zu sein scheint. Und in manchen späteren Pirouetten gerät Hallberg fast aus der Balance, während er sie dreht, weil sie aus der Achse zu kippen droht. Sitzt man in so einem Moment im Theater, wird man so gebannt sein von dem Erlebnis als Ganzem, dass solche technischen Schwächen keine große Rolle spielen. Noch in der Live-Übertragung im Kino fiebert man ja gleichsam mit, dass alles gelingen möge. Diese Spannung und diese Empathie fehlen vor einer DVD-Einspielung natürlich völlig. Und wenn diese nicht außergewöhnlich gut ist, dann wird sich die Illusion, einem ganz großen Moment der Tanzgeschichte beizuwohnen, auch nicht einstellen. Man kann natürlich immer auf Ashtons Version mit Fonteyn zurückkommen, oder, wenn es mal etwas anderes sein muß, dann Peter Wrights etwa in der Aufzeichnung von Het Nationale Ballet mit der bezaubernd spielenden Sofiane Sylve.

Fotos: Damir Yusupov. Courtesy BelAir Classiques

DVD: The Bolschoi Ballet HD Collection: The Sleeping Beauty. Bel Air Classiques 2012, 138 min. BACO78

 

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