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Welchen Tanz wollen wir an unseren größten Bühnen?

25.11.2012, 23:02 Uhr

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Was ist ein guter Spielplan im Tanz? Wie sieht Ballettdramaturgie aus im einundzwanzigsten Jahrhundert? Was passiert in den deutschen Theatern? Nehmen wir die laut Wikipedia zehn größten deutschen Städte. Müßten nicht die größten die besten sein – wenn die These noch stimmt, dass der Tanz eine Kunst der Metropolen ist? In dieser Reihenfolge: Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt am Main, Stuttgart, Düsseldorf, Dortmund, Essen und Bremen.

In der größten deutschen Stadt, Berlin, amtiert ein Ballettdirektor, der es sich in dieser Spielzeit leistet, gar keine Premiere zu präsentieren. Hat Vladimir Malakhov keinen Aufsichtsrat? Läuft das eh mit den Tickets in der Hauptstadt? Touristen kommen, egal was gespielt wird? Der Spielplan ist schlecht: Im Dezember spielt das Staatsballett „The Open Square” – irgendein Stück des zeitgenössischen israelischen Choreographen Itzik Gallili (hat das Royal Ballet in London, hat die Pariser Oper, hat die Scala in Mailand je von ihm gehört? Nein. Na also) außerdem John Crankos „Romeo und Julia”, nichts dagegen, und den gemischten Ballettabend von Nacho Duato, William Forsythe und Marco Goecke, dessen nichtssagende Nullitätentänze kein Mensch braucht. Super. Das Fenster des Tanzes in der Hauptstadt? Vorweihnachtliche Höhepunkte der deutschen Tanzlandschaft? Fehlanzeige. Hamburg spielt John Crankos „Onegin”. In der Spielzeit des vierzigjährigen Jubiläums von John Neumeier als Hamburger Ballettdirektor erlaubt er es sich, eine andere als eine eigene Premiere zu präsentieren. „Onegin” ist das beste Handlungsballett der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, natürlich. Und die Hamburger Tänzer werden darin gewiß großartig sein. Aber ansonsten, in Deutschlands zweitgrößter Stadt, einer absoluten Ballett-Boomstadt: Choreographien von John Neumeier, John Neumeier, John Neumeier und John Neumeier.

Anders München: Da leitet Ivan Liska eine Compagnie, deren Männer derzeit ausgezeichnet tanzen, deren Frauen-Riegen nicht ganz so perfekt dastehen, vor allem an der Spitze herrscht da gepflegte Langeweile auf hohem Niveau. Aber, Liska, ein Neumeier-Tänzer wie seine Frau und Ballettmeisterin Colleen Scott, macht mit seinen Stellvertretern Bettina Wagner-Bergelt und Wolfgang Oberender eine interessante Spielplan-Politik. Immer wieder werden Ballette gegeben, die sonst nirgendwo gezeigt werden: Gerade die ausgezeichnet getanzte Premiere von Léonide Massines sinfonischem Ballett der ersten Stunde, „Choréartium” zur vierten Sinfonie von Johannes Brahms. Was für eine Entdeckung! Plötzlich wissen wir, dass es noch ganz andere Möglichkeiten gibt, abstrakt zu choreographieren, als Balanchine oder Ashton sie entwickelten. Massine, der bei den Ballets Russes groß wurde, setzt auf wilde Ensemble-Auftritte, ungewöhnliche Hebungen, schert sich in sehr ungewöhlichem Maße nicht um das, was ihm vorausging. Wie dumm, wie unwissend wäre man, das nicht gesehen zu haben.

Ach ja, am selben Abend gab es übrigens noch José Limons Othello-Ballett „The Moor’s Pavane” – haben wir das jetzt auch mal gesehen, von diesem für Pina Bausch und ihre Tänzer so wichtigen modernen Choreographen und das erst vor wenigen Jahren für Sylvie Guillem entstandene „Broken Fall” des Briten Russell Maliphant, dem noch kein deutscher Intendant einen Posten angeboten hat, weil ihn niemand kennt. Das Trio ist atemberaubend schön, faszinierend, fast unheimlich angesichts der Risiken, die die Tänzer eingehen.

Köln, die viertgrößte Stadt, hat gar kein eigenes Ballett, sondern nur Gastpiele. Frankfurt am Main, fünftgrößte Stadt, hat an den Städtischen Bühnen das Ballett als Sparte abgeschafft. Das Feigenblatt für diese wirklich nicht zu entschuldigende Peinlichkeit ist die Mitfinanzierung von „The Forsythe Company”, einem freien Ensemble, das touren muß ohne Ende, um Geld einzuspielen, und das außerdem mitfinanziert wird vom Land Hessen, dem Land Sachsen und der Stadt Dresden. In Stuttgart, John Crankos Wirkungsstätte zwölf Jahre lang, herrschen dessen Erben und bringen ein Publikum dazu, ins Ballett zu gehen, das wahrscheinlich noch käme, wenn es selbst tanzen müßte, solange sich ein Hinweis fände, dass Cranko das so gewünscht hätte. Düsseldorf, zweiter Lichtblick in dieser Liste der zehn, mischt das Repertoire wie München – wichtige Arbeiten, die zur Literatur zählen, mit zeitgenössischen Werken, nur dass Martin Schläpfer anders als Liska ein Choreograph ist.

Dortmund schließlich hat Xin Peng-Wang und spielt im Dezember dessen unterirdische Version von „Schwanensee” und ein neues Handlungsballett „Der Traum der roten Kammer” (Modell Neumeier). In Essen bei Ben van Cauwenbergh gehen im Dezember die Zuschauer in Heinz Spoerlis „Sommernachtstraum”. Wir wissen nicht, was das soll. Kinder gehen in „Max und Moritz” und wer am 29.12. noch nicht verzweifelt genug ist, geht in Cauwenberghs „Tanzhommage an Queen”, gemeint ist die Band, nicht die englische Königin. In Bremen, Stadt Nr. 10, spielt ab und zu Samir Akikas „Funny, How?”, ein Tanztheaterstück.

Von den zehn größten deutschen Städten enstprechen also gerade zwei dramaturgischen Vorgaben, die in den anderen Sparten selbstverständlich sind. Oder wo ist das Schauspielensemble einer städtischen Bühne, das, von einem Theaterautor geleitet und trainiert, nur dessen Stücke in dessen eigenen Inszenierungen spielt? Es gibt es nicht. Warum denken Intendanten, das sei im Tanz eine tolle Idee, dauernd Uraufführungen zu produzieren? Wenn diese Tanz-Ensembles so kleingespart sind, dass sie auch Werke des modernen Repertoires nur schwer oder gar nicht aufführen könnten, was sollen sie denn dann machen?

Und wenn die Intendanten dann auch noch finden, Geld für zusätzlich eingekaufte Produktionen müßte der Tanz nun wirklich nicht ausgeben? Wie soll man denn dann ein Stück von einem anderen Choreographen finanzieren? Und wieso sollte Trisha Brown nach Bremen kommen oder Lucinda Childs oder Sarah Michelson, wenn dort nicht exzellente Tänzer auf sie warten, die ihre Werke ausgezeichnet kennen und darauf fiebern, mit ihnen zu arbeiten. Aber die Welt des Tanzes ist paradox. Sie mag klein erscheinen, deswegen darf man ihr keine künstlichen nationalen oder gar regionalen Grenzen einziehen. Aber ihre besten Ergebnisse sind so anspruchsvoll, dass sie nur von außergewöhnlichen Interpreten ausgeführt werden können. Dann aber, wenn sie erstklassig aufgeführt werden, erschließen sie sich jedem und faszinieren breite Zuschauerschichten. Damit sich dieses Verständnis von Tanz durchsetzt, braucht es mehr Ballettcompagnien, die so geführt werden wie München oder Düsseldorf – oder Paris oder London. Das ist überall möglich, auch an kleineren Häusern.

 

 

 

 

 

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Jahrgang 1965, Tanzkritikerin.