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Der amerikanische Freund

16.01.2013, 22:56 Uhr

Von

 

 

„Right, art is dead. There’s nothing left to say. Style is exhausted and content is pointless. Art has no purpose. All that’s left is commodity marketing.”

Calvin, in „Calvin & Hobbes”

 

Nach der alten Regel, man sollte keinen -ismus für tot erklären, denn jede für erledigt befundene Strömung oder Schule werde sich im nächsten Moment mit exemplarischen Werken als erneuert, unvergessen, betörend zeitgenössisch erweisen und die Vorhersagen Lügen strafen, hätte Calvin den Mund mit dieser eine große Leidenschaft des Menschen vom Tisch der Geschichte fegenden Bemerkung vielleicht etwas voll genommen. Besonders, wenn man bedenkt, dass Calvin ein amerikanischer Grundschüler ist, der sich mittags zuhause in der Tür von einem lebendig gewordenen Plüschtiger überfallen läßt und den Rest des Tages philosophische Streifzüge mit ihm unternimmt. Seinem Vater erklärt er, dessen Wiederwahl (als Vater) sei stark gefährdet. Calvins mit dem Erziehungsauftrag belastete Umgebung trägts mit Fassung.

Es ist altklug, wenn Sechsjährige solche Sachen sagen und was ist es eigentlich, wenn Erwachsene das tun, was dauernd vorkommt? Der Autor, der Roman, das Erzählen, die Malerei, und der Tanz waren schon schrecklich démodé. Beteiligte und ihre Zuschauer machen am besten erstaunte Gesichter bei solchen Redensarten, lächeln und versuchen, ihren Gesprächspartnern zu entkommen, sie an ihre Hausaufgaben zu erinnern oder auf andere Weise das Thema zu wechseln. Bonne Chance!

Etwas anderes sind Gefühle, die nur Erwachsene überkommen, wenn sie merken, dass die Intensität ihrer Reaktionen auf bestimmte Kunstwerke überhaupt nie nachläßt. Die Wiederbegegnung mit Kunstwerken, die einmal tiefen Eindruck hinterlassen haben, ist mitunter von Zweifeln geprägt. Soll ich wirklich? Ach wie langweilig, ich erinnere mich gar nicht, dass das so anfing… Es wird mir nicht mehr gefallen, ich werde mich geniert abwenden und keinen Zugang mehr finden zu der Person, die ich war und die das mochte. Kann passieren. Aber wenn diese Gedanken abgelöst werden durch eine aufflammende neue Faszination, dann beinhaltet dieses aktuelle Interesse auch das Vergnügen daran, derselbe Mensch geblieben zu sein in gewisser Hinsicht.

Gerade ist mir das mit Francois Truffauts „La nuit américaine” widerfahren, in dem er selbst den Regisseur Ferrand spielt und dessen Handlung die Dreharbeiten zu dem imaginären Film „Je vous présente Pamela” schildert. Jacqueline Bisset spielt Julie Baker, die Hauptdarstellerin von „Je vous…”. Alle am Set machen sich bis zu ihrer Ankunft Sorgen, ob es nicht zu riskant gewesen sei, sie zu besetzen, da sie anderthalb Jahre früher aufgrund einer Depression andere Dreharbeiten hatte abbrechen müssen. Nun erscheint sie taufrisch und blütenschön an der Seite ihres Arztes und Ehemanns, und sie wird der ruhende Pol in dem Irrenhaus bleiben bis zum Schluß, voller Empathie und praktischer Vernunft, einfühlsam, tatkräftig und begabt. Um sie herum wird getrunken, melancholisiert, gekämpft, und gestorben, sie aber handelt impulsiv richtig und aufrichtig. Der Film ist eine herrliche, ironische und kluge Betrachtung darüber, was die Leidenschaft für den Film mit ihnen allen macht – den Regisseuren, Schauspielern, Produzenten, Skriptgirls, und Stuntmen, und wie aufregend es sein muß, Teil dieser Welt zu sein, in der Bilder hergestellt werden. Und wenn für diese Bilder Katzen sieben mal an Frühstückstabletts vorbeistreichen, während sie in der Einstellung eigentlich das Naheliegende tun sollen, nämlich die Milch aus dem Kännchen trinken.

Das sind die Rohstoffmärkte, von denen Calvin spricht: Der Set als Commodity Market in der Sonne schlecht werdender Milch, vergessener Textzeilen, schwindender Konzentration, der Folgen des einen berühmten Glases Champagner zuviel.

Man könnte die „Amerikanische Nacht”, wie Truffaut den Film nach dem Fachausdruck für das Drehen von Nachtszenen bei Tage mittels Kamerafiltern und besonderer Blendeneinstellungen nannte, immer wieder anschauen und bestimmt werde ich nicht dreißig Jahre verstreichen lassen, bis ich das tue, jetzt, wo ich ihn wiederentdeckt habe.

Mein amerikanischer Freund hat mir ein Buch geschickt („to lift your spirits”). Das Buch ist 1945 zuerst in New York erschienen, es handelt sich um Backstage-Bilder, die der berühmte Fotograf Alexey Brodovitch zwischen 1935 und 1939 von den Nachfolge-Ballettcompagnien der „Ballets Russes” machte. Edwin Denby’s 1945 zu den Aufnahmen gestellter Text findet sich auch in dieser neuen, 2011 bei den New Yorker „errata editions” erschienenen Ausgabe (ISBN: 978-1-935004-22-6). Der legendäre Tanzkritiker bemerkt, wie sehr Brodovitchs Fotografien eine dreißigjährige Epoche des Russischen Balletts in ihrem hellen Nachschein festhalten. Diaghilews verlorene Ästhetik strahlte noch in ihrem Abglanz bei den Ensembles, in denen seine Tänzer und Choreographen sich nach dem Tod ihres Impressarios zusammenfanden, stärker als so vieles danach. Diese Gewissheit leuchtet für Denby aus jedem der Bilder. Die ausgedehnten erfolgreichen amerikanischen Tourneen der Ensembles gingen dem eigentlichen Erfolg des Balletts in den Vereinigten Staaten voraus, schreibt Denby 1945, drei Jahre vor der tatsächlichen Gründung des „New York City Ballet” durch George Balanchine (der in Europa zu den Ballets Russes gehört hatte) und Lincoln Kirstein.

In den Vereinigten Staaten wurden die späten Ballets Russes nicht geliebt, weil sie exotisch waren (so wie die frühen in Paris), sondern obwohl sie exotisch waren, schreibt Denby: „Their wonderful appeal was based on their unproblematic way of performing, their unconscious conviction that dancing ballet is a perfectly normal thing for a free individual to do, as normal an activity as clarinet playing or research for General Electric”.

Die Kunst, süßer Calvin, ist gar nicht tot, aber während ein Blick in einen Roman von Jane Austen die Literatur jederzeit lebendig macht, kann man gar nicht so viele Exemplare von Alexey Brodovitch’s „Ballet” verteilen, um in der Gegenwart jene Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Tanz wiederzuerwecken, mit der Denby schließen konnte: „And I am not at all gloomy about the future of American Ballet.”

 

 

 

 
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Jahrgang 1965, Tanzkritikerin.