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Das Tanztheater, eine indische Erfindung. Akram Khan im Interview

17.02.2013, 20:57 Uhr

Von

 

Akram Khan zählt mit Sidi Larbi Cherkaoui zu den erfolgreichsten zeitgenössischen Tänzer-Choreographen. Hier spricht er über die Ursprünge und Motive seiner Kunst und die Zukunft des Tanzes

 

WH: Akram Khan, Sie bereiten gerade Ihr neues Stück „ITMOI” vor, das im Mai in Grenoble uraufgeführt wird, das deutsche Hellerau hat es koproduziert. „In the Mind of Igor” wird Ihre Auseinandersetzung mit der Musik und der Bedeutung Strawinskys für den modernen Tanz und das Theater, drei Komponisten schaffen neue Musik für die Uraufführung. Parallel touren verschiedene Stücke von Ihnen, auch Ihr 2011 geschaffenes Solo „Desh”. Es spielt am 6. April in St. Pölten, danach in Brest, Kopenhagen und London. Sie haben „Desh” als Ihre persönlichste Arbeit bezeichnet, es sei Komödie und Tragödie zugleich, eine Geschichte, die ins Herz des Lebens in Bangladesch führe. Welchen Part spielt das Stück in Ihrem Gesamtwerk?

AK: Es ist mir sehr wichtig, schließlich handelt es von meiner eigenen Kindheit in Bangladesch, von meiner Identität. Es sind sehr viele frühe Erinnerungen in das Stück eingeflossen. Es enthält außerdem subtile politische Anteile. Was das Stück zummenhält ist, dass wir Aspekte des Lebens in Bangladesch reflektieren anhand der Beziehung zwischen meinem Vater und mir.

WH: Ihre Eltern haben Sorge dafür getragen, dass Sie, während Sie in London aufwuchsen, doch nicht Ihre kulturellen Wurzeln verloren. So wurden Sie bereits als Kind in dem indischen Kathak-Tanz ausgebildet. Handelt „Desh” von Tanz als Brücke zwischen Kulturen?

AK: Ich denke über die Situation, in der ich aufwuchs gerne nach, in dem ich den Begriff des Öko-Systems auf sie anwende. Es gibt verschiedene Öko-Systeme, wie Sie wissen, biologische, wie etwa den Körper, Öko-Systeme der Natur, wie den Regenwald, es gibt sozio-technologische Öko-systeme wie das Internet oder den internationalen Finanzmarkt. Was mir nun so interessant erscheint an diesen Öko-Systemen ist, dass sie alle miteinander in Verbindung stehen.

So ein System ist auch die Familie. In ihr ist wiederum jeder ein einzelnes System für sich, aber doch sind sie von einander abhängig. Zum Beispiel liebte mein Vater Bollywoodfilme, meine Mutter hörte aber gern Tom Jones. Meine Mutter war überzeugt, ich würde Englisch sowieso in der Schule lernen und sprach mit mir nur Bengali, bis ich zehn Jahre alte wurde. An meinem Geburtstag sagte sie zu mir „Happy Birthday!” und ich war vollkommen überrascht, dass sie der englischen Sprache mächtig war. Ich sagte zu ihr: „Mum, Du kannst ja Englisch!” Und sie sagte: „Aber natürlich, ich bin doch Lehrerin!” Für mich war das eine Offenbarung! Meine Familie, als Ökosystem betrachtet, war zugleich sehr komplex und funktionierte fabelhaft als ein Ökosystem, das man vergleichen könnte mit anderen wie dem Körper, dem Finanzmarkt, oder dem Regenwald. In dieser Familie aufzuwachsen, war sehr aufregend.

WH: Verstehe ich Sie richtig, dass „Desh” auch eine Art Ausdruck Ihrer Dankbarkeit für diese Kindheit ist?

AK: Ich weiß nicht, ob es Dankbarkeit ist, ich sehe es eher als eine Art Erforschung oder Enthüllung dieser Erfahrungen, die manchmal wirklich sehr intensiv waren. Und wenn wir über das Thema von „Desh” reden – es handelt nicht nur von meiner Vergangenheit, sondern von unser aller Zukunft. Um ehrlich zu sein, wenn wir über die Zukunft nachdenken, dann hängt die Art und Weise, wie wir das tun, von unserer Vergangenheit ab, davon, wer wir sind. Durch die Menschheitsgeschichte hindurch hbaen sich Zivilisationen immer wieder andere Vorstellungen von der Zukunft gebildet. Manche Gesellschaften hatten einen zyklischen Begriff von der Zeit. Andere glaubten, die einzige Zukunft von Bedeutung sei in dem zu sehen, was nach dem Tod komme. Es gibt sehr unterschiedliche Konzepte von Zeit, aber es ist allen gemeinsam, dass die Vergangenheit die Zukunft bestimmt. Kindheitserfahrungen prägen unsere Ideen von der Zukunft. „Desh” handelt davon, wie ich mir aufgrund meiner Kindheit die Zukunft vorstelle und zwar gespiegelt in meiner Beziehung zu meiner Nichte. Dabei handelt es sich nicht um eine reale Figur, sondern einen fiktionalen Charakter. Es gibt diese Bühnenfigur der Nichte, anhand derer ich einen Begriff von Zukunft entfalte.

WH: Es scheint mir, als seien Sie und Sidi Larbi Cherkaoui mit Ihren klar definierten kulturellen Hintergründen die stärksten Stimmen, wenn es um die Zukunft des Tanztheaters nach Pina Bausch geht. Sehen Sie sich künstlerisch in dieser Tradition?

AK: Ich bin nicht sicher. Natürlich ist es eine Ehre, auch nur gesprächsweise mit dem Namen Pina Bausch in Verbindung gebracht zu werden. Sidi Larbi Cherkaoui und ich sind große Verehrer ihrer Werke und entscheidend durch sie beeinflußt. Eine ganze Generation von Künstlern die heute arbeitet, nicht nur Regisseure und Choreographen, sondern Filmregisseure und Bildende Künstler, ist maßgeblich von ihrer Verbindung von Tanz und Theater inspiriert. Aber man darf nicht vergessen, dass in der indischen Tradition seit mehreren tausend Jahren eine enge Verbindung von Tanz, Theater und Musik existiert. Und nur im Westen haben sich diese performativen Künste getrennt. Und ich folge dieser Tanztheatertradition sicherlich einesteils dank Pina Bausch, anderenteils aber dank meiner engen Beziehung zur indischen Tradition, die ich seit Jahren vertiefe.

WH: Ich weiß, dass Ihre Arbeit von vielen Einflüssen genährt ist – vom Leben in einer Metropole, vom Yoga, von traditionellen indischen Tänzen wie dem Kathak…welche Rolle aber spielt in Ihrem Werk die Spiritualität?

AK: Das ist ein sehr viel persönlicherer Aspekt Die Uhrzeit ist in meinen Augen sehr linear, männlich, christlich, sehr präzise. Die östliche Uhrzeit ist Jahreszeiten-Zeit, zyklisch, Naturzeit. Diese beiden Zeitbegriffe oder Zeitempfindungen stehen in Konflikt miteinander, ich sage nicht, daß das negativ ist,. Die spirituelle Zeit in mir steht immer im Konflikt mit dem Sinn für die wirkliche Zeit. Was für mich interessant ist, ist, dass wir als Company wie ein ganz anderes System funktionieren, ein System, das sich sehr von früheren Systemen unterscheidet. Was meine ich damit? Dass wir in einem System von Kollaborationen arbeiten, das ist entscheidender als die Frage nach Spiritualität. Es ist mit der Frage nach Spiritualität insofern verknüpft, als Spiritualität auch etwas Offenes ist. Religionen sind geschlossene Systeme – ich sage nicht, das ist schlecht oder gut, aber das ist der Unterschied. Es gibt offene und geschlossene Systeme. Und ich glaube, vor mir und Larbi waren das geschlossene Systeme in denen gearbeitet wurde. Ein einfaches Beispiel. Wenn man einen Rauchring bläst, so einen Donut, dann ist dessen Umriß zunächst ganz klar definiert. Und je mehr sich die Moleküle von einander trennen, desto mehr löst sich der Ring auf und seine Energie verteilt sich im Raum. Das ist, was ich ein geschlossenes System nenne. Im Unterschied dazu kann das offene System Flow oder Energie von außen aufnehmen, es kann sie aufnehmen, durch sich hindurchgehen lassen und wieder abgeben. Es kann auch zusammenbrechen wie das geschlossene System, aber es wird sich immer wieder neu formieren können und auf einem höheren Level neu organisieren. Die Erde ist ein gutes Beispiel für ein offenes System. Die Erde bekommt Energie von der Sonne, verwandelt diese und gibt sie wieder an die Atmosphäre ab. Das ist die Art von Kollaboration die ich meine. Und hier setzt auch mein Begriff von Spiritualität an.  

 

 

 
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Lesermeinungen zu diesem Artikel (2)
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7 K. Clausius 07.03.2013, 16:45 Uhr

Ex oriente lux?

Naja. Immerhin der Erkenntnisgewinn: beim Internet und Finanzmarkt handelt es sich um Öko-Systeme. Zur Frage der Zukunft des Tanztheaters nach Pina Bausch kommt da nicht wirklich etwas Interessantes. Es war wohl auch nicht zu erwarten. Aber vielleicht gibt es diese Frage ja so auch gar nicht. Sie taucht schon im Artikel der verehrten Blog-Inhaberin zum Göttlichen im Menschentier auf. Bes. in Deutschland und Belgien soll sie sich stellen. Warum? Auch der Tanz mit seinen Protagonisten ist globalisiert. Nicht zu jeder Zeit gibt es in jeder Region herausragende Könner. In keinem Metier. Macht das eine (lokale) Sinnkrise im Tanz aus? Und warum folgt daraus, dass Tanztheater keine Gattung (von was?) ist? Gibt es Arbeitsweisen DES Tanztheaters und warum ist es subtiler wie Petipa zu choreographieren? Dass Riten/Rituale ein gegenwärtiges Phänomen auf manchen Bühnen sind und der Symbolismus eine gewisse Renaissance hat, zeigt vielleicht auf eine aktuelle Form der menschlichen (oder meinetwegen auch "animalischen") Sinnsuche: Back to the roots! Die religiös/philosophische Frage nach dem Warum führt immer nach rückwärts. Aber macht das eine (verstärkte) Krise des Tanzes (hierzulande und in Belgien) aus? Vielleicht ist "nur" eine verschärfte Talent-Suche/Förderung (was ist eigentlich aus dem Mentoring seitens der besseren Kritiker geworden?) angesagt. Und dann gibt es ja neben den Choreographen noch die Tänzer. Aber das scheint eine andere Geschichte zu sein.

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Jahrgang 1965, Tanzkritikerin.