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Profitraining im Frankfurter Mousonturm oder Was Tänzer mit Wildlachsen verbindet

26.02.2013, 15:29 Uhr  ·  Ich habe mich im Frankfurter Mousonturm an die Ballettstange gestellt und zwar in Tony Rizzis „Release Ballet Class“. Es war herrlich. Aber jetzt fehlt mir Magnesium...

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Eine der elementaren Erfahrungen des Kunstunterrichts an der Schule ist es, etwas abzeichnen zu müssen und festzustellen, dass man dazu nicht in der Lage ist. Musiklehrer kennen Schüler, die nie lernen, eine Terz von einem Quintakkord zu unterscheiden oder auch nur ein Volkslied gerade zu singen. Für manche ziehen sich Deutschstunden endlos hin, weil sie nicht begreifen, was an Thomas Manns „Zauberberg“ so interessant sein soll.

Was aber alle in solchen Stunden lernen, ist Respekt, alle bekommen eine Ahnung von den ungefähren Dimensionen dieser Wissensschatzkammern und von den ästhetischen Abenteuern, die nachvollziehend zu bestehen ihnen selbst nicht gegeben sein mag.

Nur für den Tanz gilt das nicht, denn es gibt kein Schulfach, das theoretisch in diese Kunst einführt und praktischen Unterricht darin nur auf freiwilliger Basis. Was bedeutet das? Das heißt, dass die technischen und darstellerischen Leistungen, welche Tänzer erbringen, von einem größeren Publikum nicht in vollem Ausmaß erkannt werden. Wer Tanz nur von Youtube kennt oder von Musik-Clips, denkt leicht, Tänzer, rennen da in ihren Tutus von links nach rechts, so what? Denn wie man auch keine Anstrengung hört, wenn die Königin der Nacht eine ihrer schweren Arien durchsingt (aber man summt ja zuhause mit und weiß, wie grässlich das klingt), so koordinieren Tänzer Atmung und Bewegung derart virtuos, dass ihr enormer Krafteinsatz darein fließt, jeden Sprung, jeden Schritt leicht und mühelos aussehen zu lassen.

Da also ein nicht unterrichtetes Publikum kaum ermessen und bewundern kann, welche Schwierigkeiten Tänzer überwinden, fehlt dem Tanz das Geheimnis, bleibt sein Oberflächenreiz so kurz wirksam wie etwa der eines heimischen Singvogels auf dem Baum an der Straßenecke. Man bewundert ja keine Vögel dafür, dass sie ihre Flügel ausbreiten. Im neunzehnten Jahrhundert gab es nicht nur mehr Hausmusik, sondern auch ungleich mehr Gelegenheiten, an denen die Leute selbst öffentlich tanzten und so besser einschätzen und wertschätzen konnten, was auf ihren Bühnen geschah.

Es ist etwa so, wie man eine Packung mit geräuchertem Lachs aus der Kühltheke nimmt und sich fragt, soll ich den für 2,99 oder den Bio oder den schottischen Wilden nehmen? Und man steht da als Ahnungsloser, bis man jenen BBC-Film gesehen hat, in dem ein Lachsleben geschildert wird, von den Jahren im Ozean an bis über die gefährliche Rückwanderung den Fluss hinauf bis zu den Laichplätzen, an denen das Leben dieser Fische beginnt und endet.

Aber eben, der Tänzer ist kein Vogel, der nur seine Flügel ausbreitet und kein Wildlachs, der sein naturgegebenes Schicksal erfüllt. Es gibt keine Tänzer, die man mit Kafkas Josefine vergleichen könnte, deren Singen nur ein leises Pfeifen ist und die dennoch von ihrem ganzen Volk angebetet wird.

Nichts gleicht für mich daher bis heute der Faszination, Tänzern bei ihrem Training zuzuschauen oder bei Proben, wenn sie neue Minuten Tanz mit einem Choreographen erarbeiten oder einen Part lernen, der ihnen neu anvertraut wird.

Diese Faszination springt über von dem Moment an, wenn die erste Tänzerin vor Beginn der Stunde ihr warm eingepacktes Bein vor sich auf die Ballettstange legt und ihren Oberkörper darüber. Zu sehen, wie jemand arbeitet, wie jemand routiniert Bewegungen ausführt, die doch jeden Morgen mit neuem Sinn, mit neuem Bewusstsein ausgeführt werden müssen, um zu neuer Kraft, Erwärmung der Muskeln, zu mehr Elastizität, mehr Energie zu verhelfen, ist lehrreich und spannend.

In einem Film (youtube) über Sara Mearns, Principal Dancer des New York City Ballet sieht man die Tänzerin einen der Säle der School of American Ballet betreten. Dort wird sie, wie alle Ersten Solisten das regelmäßig tun, an einer Morgenklasse der Studenten teilnehmen, damit diese ihr zuschauen, von ihr lernen können und durch sie, die wenige Jahre zuvor dort selbst Schülerin war, inspiriert werden. Die Kamera schwenkt und sieht jede Fensternische, jede Türöffnung voller gespannter Gesichter all derjenigen, die an der Klasse nicht teilnehmen dürfen, sie aber beobachten wollen.

Ich gehe, wann immer ich kann und darf, in Ballettsäle und schaue zu und lerne. Schon lange wollte ich erleben, wie der italo-amerikanische Tänzer-Choreograph James Anthony Rizzi unterrichtet, der in Frankfurt geblieben ist, wo er lange einer der wichtigsten Protagonisten von William Forsythes Ballett Frankfurt war. Diese Woche unterrichtet er Release Ballet im Mousonturm im Rahmen des vom Tanzlabor angebotenen Offenen Profitrainings. Ich kann sagen, er ist ein wundervoller Lehrer. Gestern stand er da mit Bart und Brille, einem voll federgeschmückten Indianer auf dem T-Shirt und in einer waldgrünen Isseye Miyake-Hose („Pleats Please“, diese mit den vielen Falten) spielte von seinem an ein Pult angeschlossenen I-Pod fette Beats, zarte Chansons und etwas Kate Bush, und ermutigte alle zum Schwitzen:  „You are safe!“. Womit er uns dazu aufforderte, etwas zu riskieren, aus uns herauszugehen, auszuprobieren im Sinne Balanchines.

Der hatte es lieber, dass jemand schlimmstenfalls fiel, als dass eine Vorstellung langweilig blieb. Release und Ballet sind schon lange in der Tanzwelt keine Widersprüche mehr. Tony Rizzi trennt sorgfältig zwischen der Beinarbeit – „strong legs“ und dem Oberkörper, der sich freier bewegen darf: „Floppy, floppy!“ Gute Lehrer wie er benutzen nicht nur ungewöhnliche, schöne Musik, verlangen überraschende Phrasierungen und achten bereits an der Stange darauf, dass musikalisch genau gearbeitet wird und nichts verschliffen wird. Gute Lehrer wie er finden auch Bilder, die Petipas Ballettmeistern noch nicht zur Verfügung standen. Um etwa einem Tänzer zu erklären, wie ein Port de bras dabei hilft, vom Boden abzuheben, sagt er: „Think of airbags under your armpits“.

© Wiebke HüsterTony Rizzi während der Ballettstunde

Aber es geht nicht alles fließend in einander über, wie er betont.

„Release“ heißt nicht spannungslos. Man greift nach dem Raum, erklärt Rizzi, und gleich sehen die Bewegungen raumgreifender aus! Sich danach zu zentrieren, ist genauso wichtig: „It’s always nice to come home“.

Es sind die besten Lehrer, bei denen sich die ganze Klasse so fühlt, sicher wie zuhause, aber voller Energie, bereit, etwas Wildes zu riskieren, bereit, sich einen Balanchine-Millimeter mehr zu strecken, jenen Millimeter, der phantastische Tänzer wie Tony Rizzi von gewöhnlicheren unterscheidet.

Wer solche Ballettstunden erlebt, vergisst sie nicht und sieht Tanz von da an mit anderen Augen. Also, öffnet die Ballettsäle und lasst die Leute rein.

 
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Jahrgang 1965, Tanzkritikerin.