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Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Wenn der Troll tanzt: Staffan Holms bewegter “Peer Gynt” in Düsseldorf

Staffan Valdemar Holms Düsseldorfer Inszenierung von Henrik Ibsens "Peer Gynt" ist ein visuell faszinierender, musikalischer, genau choreographierter Theaterabend. Dem subtilen Zusammenspiel der Künste liegen kluge Thesen zur Moderne zugrunde

© Foto Sebastian HoppeSolveig hält Peer ihr Gesangbuch entgegen. Doch der, den die Trolle empören, weil sie “Einen Menschen zum Tier machen!”, macht sich seinen eigenen Vers auf die Liebe

 

 

Wie jedes große, uns intensiv und lange beschäftigende Kunstwerk, so besitzt auch Staffan Valdemar Holms neue Inszenierung von Henrik Ibsens seltsamem Manneslebens-Drama „Peer Gynt“ mehrere Schichten. Auf unterschiedlichen Ebenen arbeitet sie sich während dreieinhalb Stunden in unser Bewußtsein hinein und hinterläßt Spuren. Man lauscht ihren Tönen nach, hängt ihren Bildern noch Tage lang nach; tief haben sich Gesichter, Blicke und Bewegungen der Schauspieler eingeprägt. Stück für Stück, Szene für Szene versucht man die Rätsel Ibsens und Holms Lösungsangebote aufzuschlüsseln.

Wie oft kann man das nach einem Theaterabend sagen?

Diese geheimnisvolle Komplexität der Regiearbeiten Holms war bereits in seinem Düsseldorfer „Hamlet“ zu beobachten, in seinem Frankfurter „Tartuffe“, und, längere Zeit zurückliegend, in seiner Berliner Inszenierung von „Was Ihr wollt“. Zu der Vielschichtigkeit seiner Lesarten tritt eine gewisse stille, nicht des Witzes entbehrende Subtilität hinzu. Wird es drastisch im Text, agieren die Schauspieler ganz spröde. Peer Gynts Mutter Aase brüllt mit beinahe ausdruckslosem Gesicht: „Halt’s Maul!“. Das Tolle ist, diese Spröde kippt durch die über den Abend verteilte gelegentliche Wiederholung in Komik um. Der lakonisch herausgeschriene Befehl reizt durch die Widersprüchlichkeit der Zeichen zum Lachen. Nicht nur der Zuschauer hat nach Theaterabenden Staffan Holms das Gefühl, die Bilder und Geschehnisse in sich um- und umwenden und stets noch weitere Aspekte der Interpretation entdecken zu können. Die Theaterfiguren selbst agieren, als stünden sie im Bann des Rätsels, das ihnen ihr Leben ist. Zu den atemberaubendsten Momenten in Holms Inszenierungen zählen die langen Sekunden, in denen die Schauspieler schockstarr einfach nur dastehen – und man sie anschauen kann. Dann kann das Publikum nachdenken, während auf der Bühne nachgedacht wird, gleichzeitig, was eine nicht zu unterschätzende Verbindung zwischen Oben und Unten knüpft. Wenn man als Regisseur nie vergißt, sich zu fragen, warum ein bestimmtes Stück jetzt in der Gegenwart auf die Bühne gehört, diese Motive aber mit abstrakteren Überlegungen verbindet wie Staffan Holm, anstatt alle in Trainingsanzügen rauszuschicken, dann ist es nur folgerichtig, dem Publikum solche Zeiten des Währenddessen-Nachdenkens zu schenken. Zeit zum Betrachten. Das Gegenprogramm zum Zutexten in der wirklichen Welt, das sind die Inszenierungen Holms. Shakespeare-Figuren laufen bei ihm nicht mit Laptops herum.

Erstaunlich ist, dass die Kritik, die ihm Unentschiedenheit vorgeworfen hat und gerne sagt, seine Regieansatz bliebe „irgendwo hängen“ oder ginge nicht auf, sich so wenig Mühe gibt beim Lesen und Deuten.

Mit Pausen und einer genauen Phrasierung der Zeit zu arbeiten, ist ein aus dem Tanz und der Musik abgeleitetes Konzept. In „Peer Gynt“ paßt es noch besonders gut, da es die heraufbeschworene Weite der norwegischen Landschaft spürbar macht und die Einsamkeit des Außenseiters Peer in ihr. Für Solveig und sich ein Haus bauen zu wollen ist der Versuch, dort einen Platz für die Zukunft, für Liebe und dauerhafte Ansässigkeit zu schaffen. Doch Peer Gynt schafft es nicht, nur einen einzigen Plan zu verfolgen: Es zerreißt ihn schier und im nächsten Augenblick schon treibt die Gier ihn in die Arme der Trollprinzessin. Als deren ganzer reicher Clan ihn umarmen und zum Troll transformieren will, bleibt ihm nur die Flucht. „Es gibt auch in unserer Welt einen Überschuß an Vitalität“, sagt Staffan Holm im Trailer des Stücks, den man auf www.Duesseldorfer-Schauspielhaus.de anschauen kann. Im zweiten Teil der Inszenierung erzählt Holm von den Reisen und dem Exil Gynts und schließlich seiner Heimkehr in die Arme Solveigs, die ihr Leben mit Warten zugebracht hat.

Die Textfassung der aus dem Schwedischen, Norwegischen, Dänischen, Englischen und Französischen übersetzenden Angelika Gundlach bleibt beim Reim und findet einen Rhythmus, der dreieinhalb Stunden lang trägt und nicht langweilig wird. Ihre Umgangssprachlichkeit wirkt gegenwartsbezogen, ohne plump oder anbiedernd zu klingen. Holm sagt, sein dänischer Hauptdarsteller Olaf Johannessen, seine Ausstatterin Bente Lykke Moeller und er beherrschten die norwegische Sprache und empfänden Ibsen im Original als wesentlich drastischer als deutsche Übersetzer seine Texte meist widergäben. Nun, dieses Hindernis wäre beseitigt, Gundlachs Deutsch ist direkt, aber wo sie vulgäre Worte wählt, sind diese auch am Platz. Ibsens Bauern sind vulgär, um wieviel mehr sind es seine Trolle…

Also erfährt schon, wer genau hinhört, dass dieses Drama nicht in einem fernen abgelegenen einsamen Ort in fremder Zeit spielt. Doch bevor das erste Wort fällt, beeindruckt Bente Lykke Moellers Bühne – ein Museumsraum mit schweren verschiebbaren Raumteiler-Wänden, lichtgrau gestrichen, auf denen Gursky-große Schwarzweiß-Bilder gehängt sind. Moeller hat für diese Werke Motive aus Peer Gynt aufgenommen: Eine Person auf Skiern läßt sich von einem angeschirrten Pferd über den Schnee ziehen, drei Frauen schweben im Sprung wie trunken von Freiheitsdrang in der Luft, drei in der Nacht aufgestörte Rehe sieht man, die vom Platz weg in alle Waldrichtungen sprengen, ein nacktes Paar, das einander tanzend in der Luft entgegenstrebt. Auf einem anderen Bild geht das dichte, gestrichelte Grau von Links nach Rechts mehr und mehr ins Hellere über. Themen des Stücks wie die Einsamkeit in einer Landschaft, die viele Monate nur Dunkelheit und dann wenige Wochen lang nur Helligkeit kennt, Sexualität, Gier, animalische Furcht, das Sterben und der Tod tauchen auf diesen Bildern in mehr oder weniger abstrakten Motiven auf. Man habe die Bilder Ibsens nicht auf der Bühne illustrieren wollen, sondern zentrale Motive versucht zu visualisieren, sagt Holm im Gespräch. Mit einem Ausschnitt von Brian O’Doherty’s „Inside the White Cube“ im Programmheft wird noch deutlicher, was Holm und seinem Team vorschwebt. Peer Gynt ist der Prototyp des modernen Menschen, rastlos, skrupellos, leer, nach sexueller Befriedigung, nach Schönheit, nach Besitz strebend, ohne Wurzeln, ohne Substanz. Ein Knopf, den der Teufel am Ende umschmelzen und wieder an eine andere Lebensjoppe anhexen kann.

Darum versuchte Holm, ein Theater zu machen, das die Figur Peer Gynt in einen Inszenierungskontext stellt wie Museen für moderne Kunst ein Bild Monets oder eine Fotografie von August Sander ausstellen. Darüber hinaus – denn Ibsen meinte mit Gynt auch sich selbst – stellt der Museumsraum auch Düsseldorf dar, vielleicht, weil Holm ein Fremder, trotz seiner Bemühungen nicht angekommener Außenseiter geblieben ist seinem Empfinden nach – in der reichen deutschen Stadt. Bei der Premiere konnte Düsseldorf darüber nicht lachen (sic). Holms Hauptdarsteller Olaf Johannessen ist ein Däne, den das deutsche Publikum in der Rolle des Ministerpräsidenten Kristian Kamper aus der aktuellen Staffel von „Kommissarin Lund“ kennt und aus einer Episode der dänischen Politserie „Borgen“. Er spricht mit dem leisesten Hauch eines Akzents, was ihn noch charismatischer und zugleich liebenswerter wirken läßt und seiner großartigen schauspielerischen Leistung einen persönlichen und dadurch anrührenden Anteil schenkt. Holm spielt auf diesen verschiedenen Ebenen mit der Skandinavien-Verehrung der Deutschen, ihrer Faszination durch Bullerbü, die Schären, dänisches Design und schwedische Autos, ihrer Liebe zu Ingmar Bergman. Natürlich trägt Peer Gynt den ganzen Abend das, was auf Deutsch Norwegerpullover heißt. Bente Lykke Moellers visuelle Ästhetik schafft etwas ganz Außergewöhnliches – in ihr gibt es Raum für Witze und doch steht sie auch in ihrer Schönheit für sich.

Ihre norwegischen Bauern und Trolle tragen traditionelle Sonntagskleidung des neunzehnten Jahrhunderts. Drei Bauernlümmel, die Peer Gynt verspotten, laufen über die Bühne wie direkt der berühmten fotografischen Momentaufnahme August Sanders entstiegen. Die Trolle sehen aus wie die Menschen, nur ist bei ihnen die ganze Tracht nachtschwarz zum Zeichen dass sie, blind wie Maulwürfe, unter der Erde leben. Runde Brillen wie von stark Sehbehinderten und lange Schwänze ergänzen ihre Auftritte. Bei den Trollen muß man auch deshalb so lachen, weil Staffan Holm hier mit seiner Choreographin, der Schwedin Jeanette Langert, im Gruppentanz der Trolle, ihrem Sich-Neigen und Grimassieren über Takte und Takte der Griegschen Musik hinweg, eine der herrlichsten Tanztheaterparodien aller Zeiten geschaffen hat. Wuppertal liegt um die Ecke, oder, wenn Düsseldorf oben ist, dann unter der Erde. Gleichzeitig muß es so Lichtjahre entfernt sein, dass das Düsseldorfer Publikum über diesen sagenhaft gespielten Witz kaum lachen kann.

Schon für die Bauernhochzeit zu Beginn, wo Peer Gynt mit der Braut Vergnügen sucht, die deren Mann vorbehalten sein sollten, hat Langert schöne Tänze geschaffen. Den klassischen norwegischen Männer-Volkstanz Hallingdans zum Ausgang nehmend, können die Schauspieler hier athletische Einlagen zeigen, die sie bravourös meistern.

Die in Burkas versteckten marokkanischen Schönheiten zeigen einen ganz anderen Tanz. Sie läßt Langert rhythmisch im Kreis schreiten, ein schwarzes, verhülltes Negativ der vielen „weißen Akte“ in den Balletten des neunzehnten Jahrhunderts. Und als wäre es ein Akt historischen Ausgleichs der vielen erotischen Zurschaustellungen von Tänzerinnen in den großen Handlungsballetten, läßt hier Langerts und Holms Peer Gynt die Hosen herunter.

In der letzten Szene, in den letzten Minuten, bevor Gynts große Liebe Solveig doch aufsteht und nach hinten ins Bühnendunkel alleine davongeht, hält sie Peer noch bei dessen Versuch, alle Schuld in ihrem Schoß zu bergen.

Das Geheimnis der Inszenierung ist es, zugleich so konkret auf die Gegenwart anzuspielen wie den Moment der Geburt der Moderne künstlerisch ins Auge zu fassen. Staffan Holm, seine Choreographin, seine Ausstatterin und seiner Schauspieler haben einen Abend geschaffen, der die Künste wieder zusammenführt – auch ein Projekt der Moderne – und dessen subtile Spannung aus seiner Reflektiertheit wie seiner Unterhaltsamkeit zugleich entspringt. Wie selten ist das denn!

 

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