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You can fool the fans but not the players

26.03.2013, 13:30 Uhr  ·  Jürgen Beck, ein Zuschauer der Premiere von „Krabat“ beim Stuttgarter Ballett fragt per Email, warum ich die Compagnie „Deutschlands berühmtestes Provinzballett“ nenne und bittet um – „gerne auch öffentlich“ - Erklärung dieser Formulierung sowie der Begriffe „Provinztheater“ und „Provinzhandlungsballett“. Hier ist sie.

Von

 

 

Zuschauer Beck vermutet weiterhin, ich habe „traumatische Erlebnisse mit dem Stuttgarter Ballett und müsse nun „irgendeine tiefsitzende und lange aufgestaute Abneigung“ abarbeiten.

Jürgen Beck, dieser Blog ist Ihnen und Ihren Fragen und Vermutungen gewidmet. Zunächst einmal bin ich keine Krisengebietsreporterin. Die von künstlerischen Aufs und Abs, vielen Flops und viel Mittelmäßigkeit geprägte derzeitige Lage des Balletts macht aus meinem Ressort noch keinen Kriegsschauplatz. Man kann im Jemen traumatische Erlebnisse haben oder in Afghanistan, wenn man von dort berichtet, nicht im Stuttgarter Opernhaus. Ich sehe es als meine Aufgabe als professionelle Tanzkritikerin, Bühnenereignisse auf mich wirken zu lassen und diese Eindrücke dann zu analysieren, zu bewerten und die Ergebnisse meines Nachdenkens argumentativ darzustellen. Natürlich kann es im Extremfall Kunstereignisse geben, die traumatische Erfahrungen bilden, aber ich versichere Ihnen, alle Eindrücke aus Stuttgart liegen weit unterhalb dieser dramatischen Schwelle. Mein Beruf hat mir zum Glück noch überhaupt keine traumatischen Erfahrungen beschert. Ich fasse keine Abneigungen, die dann tief sitzen und sich lange aufstauen, wie Sie spekulieren. Das wäre unprofessionell und darüber hinaus ungesund. Meiner Auffassung nach muß jeder Kritiker in jede Vorstellung gehen mit einem Bewußtsein wie ein weißes Blatt. Ich jedenfalls komme nirgends hin mit dem Vorsatz, die Vorstellung schlecht zu finden. Das wäre entsetzlich. Im Gegenteil, ich arbeite in der Hoffnung, die Karriere eines nächsten großen Choreographen noch miterleben und begleiten zu dürfen. Wo ich Begabung und Intelligenz und Hingabe an die Arbeit sehe, komme ich wieder und schreibe entsprechend begeistert.

Aufstauen kann sich bei mir schon deshalb gar nichts, weil ich jederzeit alles, was ich denke, aufschreiben und veröffentlichen kann. Luxus! Freiheit! Das ist das Konzept des Feuilletons als einem Forum der Kommentierung und Diskussion bedeutender ästhetischer Entwicklungen.

Nun zu dem Begriff, der Sie objektiv stört: Provinz. Ich verbinde Charme mit dem Wort, einen besonderen Charme deutscher Städte. German Gemütlichkeit! Sie möchten nicht behaupten, man könne Stuttgart mit Paris, Berlin oder New York vergleichen. Es hat aber riesige Vorteile, in Stuttgart zu leben und nicht in London oder Johannesburg. Als Choreograph und Ballettdirektor wußte der Südafrikaner John Cranko, der seine Erfahrungen mit dem Royal Ballet gemacht hatte, das Leben in Baden-Württemberg zu schätzen. Es gab Unterstützung vom Intendanten, Freiheit in ästhetischen Entscheidungen und intelligente, belesene, gebildete, geschmackvolle Menschen im Theater. Irgendwann ist ja auch die Kritik umgeschwenkt und verstand Cranko besser. Trotzdem wird man wohl keine Rede und keinen Text von Cranko finden, in denen er Stuttgart als das neue Zentrum der Ballettwelt bezeichnet hätte.

Aber zu seiner Zeit war in den Augen der Ballettwelt und über sie hinaus Stuttgart keineswegs Provinz. In Stuttgart fanden Uraufführungen statt, die die Welt sehen wollte und die die Wahrnehmung des klassischen Tanzes entscheidend veränderten. Ballett wurde als eine zeitgenössische Kunst empfunden, in deren Werken die Menschen der Gegenwart sich erkannten und gespiegelt sahen. Moderne Kunst und zeitgenössische Musik und Literatur bildeten die Referenzen von Crankos Arbeit. Provinziell aber ist, wer Bedeutung und Wirkung der eigenen Arbeit überschätzt und zu unbotmäßigen Vergleichen greift. Sich selbst Weltklasse und Weltgeltung zu attestieren, kann peinlich wirken. „Deutschlands berühmtestes Provinzballett“ ist eine Formulierung dieses Kontrasts zwischen der einstigen Bedeutung und der Tatsache, dass das Stuttgarter Ballett weltbekannt ist, weil es noch immer überall gastiert, und der unangenehmen Wahrheit, dass die Compagnie auch ihre heutigen (Kassen-)Erfolge dem Cranko-Repertoire und der Cranko-Zeit zu verdanken hat.

Der Satz von John Cage „You can fool the fans, but not the players“ gilt leider auch für Stuttgart. Ich schätze und respektiere die Anhänglichkeit des Stuttgarter Publikums und seine Liebe zum Ballett. Und ich kann auch verstehen – obwohl in meinen Pausengesprächen alle Bekannten und Freunde Langeweile als ihre Reaktion beschrieben – dass Sie und viele andere Zuschauer „Krabat“ mochten und gerne das jugendliche Alter und die vergleichsweise Unerfahrenheit mit dem Genre in Ihrem Urteil berücksichtigen. Aber das ist eben die Haltung des Fans und die kann sich im Einzelfall wie hier von den Ansichten der Kritik unterscheiden. Vielleicht haben Sie den Abend als angenehm verbracht gebucht, meine Überlegungen haben mich zu dem Schluß geführt, dass die Choreographie den Erwartungen, die man legitimerweise hegen konnte, nicht gerecht wird. Jemand, der „Krabat“ nicht gesehen hat, kann doch über die Gegenwart des Handlungsballetts diskutieren. Das heißt Provinz. In der Provinz finden Ereignisse statt, die für die Beteiligten von Bedeutung sind, für Demis Volpi, David Moore und Jürgen Beck und eine große Zahl anderer Mitwirkender und Zuschauer, nicht aber etwa für die Leitung des Royal Ballet in London oder die Kritiker der „New York Times“ oder das Tanzpublikum der Biennale de Lyon. Ein Choreograph sollte sich in seinen Werken zum Standard in seiner Kunst verhalten. Das heißt, wer in Stuttgart choreographiert, muß sich doch zu dem verhalten, was das zwanzigste Jahrhundert im Tanz erreicht hat. Apropos Jugend des Choreographen und Jugendballett: John Cranko brachte im Alter von zwanzig Jahren am Sadler’s Wells Ballet Debussy’s „Children’s Corner“ heraus….

 
 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (8)
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5 Wolfgang Heinz 19.04.2013, 10:16 Uhr

Krabat

.. man hält es kaum aus, wie wichtig sich Frau Hüster in ihren Formulierungen nimmt. Wie weit sie thematisch ausholt, oje. Krisengebiete mit kulturellen Ereignissen zu vergleichen, was will sie denn??
Und immer wieder trifft man ja auf diese wunderbare, undifferenzierte (aber so schön abgenutzte) Formulierung "Provinz". Ein überhaupt nicht klar definierter Begriff, ähnlich dem Aprilwetter, oder denken Sie anders?
Also ein Wörtchen, das man sich besser für die Kaffeerunde aufspart, denn außer Sarkasmus kommen ehrlich gesagt, dabei keine weiteren interessanten Erkenntnisse beim Leser an.

7 Conny Rümler 02.04.2013, 00:08 Uhr

Apropos...

...ich, völlig weißes Blatt, zum zweiten mal überhaupt im Ballett: "Krabat" war SUPER!

9 Christine Arnold 29.03.2013, 12:47 Uhr

Aufforderung zum Tanz

Ich frage mich leider nicht zum 1. Mal, was für ein traumatisches Erlebnis Frau Hüster in Stuttgart hatte. Ihr hat in den letzten Jahren wirklich alles, was sie gesehen hat, nicht gefallen. Stuttgart allerdings als Provinzbühne zu beschreiben, ist der Gipfel. Frau Hüster, wenn Stuttgart wirklich so eine Provinzbühne wäre, würde die NY Times nicht - wie am 27.03.13 - in einem Artikel von Roslyn Sulcas - auch Reid Anderson, als einen der wichtigesten internationalen Ballettdirektoren zu Wort kommen lassen.

8 Elisabeth Schäfer 27.03.2013, 11:12 Uhr

""obwohl in meinen Pausengesprächen alle...

""obwohl in meinen Pausengesprächen alle Bekannten und Freunde Langeweile als ihre Reaktion beschrieben"" - Das mag wohl daran liegen, dass Sie nur mit den Freunden aus der Weltstadt Karlsruhe gesprochen haben. Die mit dem berühmten Ballett.

16 Jürgen Beck 27.03.2013, 09:13 Uhr

Fans und Kritiker

In Ihrem Beitrag machen Sie es natürlich ganz geschickt, in dem Sie mich - und alle anderen, denen die Krabat-Vorstellung in Stuttgart gefallen hat - als niedliche und putzige "Fans" des Stuttgarter Balletts darstellen, die naturgemäß in dieser Eigenschaft gar nicht objektiv urteilen können. Gönnerhaft gestehen Sie uns dieses Fan-Dasein auch zu und bewundern das Stuttgarter Ballett um seine treuen Anhänger. Finden Sie nicht, dass Sie sich mit dieser Haltung auf ein ziemlich hohes Ross setzen? Sie nehmen für sich die unvoreingenommene Haltung einer fairen Kritikerin in Anspruch und behaupten, dass Sie zu Beginn einer Vorstellung wie ein "weißes Stück Papier" seien. Das mag zwar stimmen, nur wie kommen Sie darauf, dass die anderen hingegen nur Fans seien, deren Urteil daher von minderer Qualität ist?

Aber jetzt im Ernst: Ich nehme für mich schon auch in Anspruch ein sachgerechtes Urteil über eine Ballettvorstellung fällen zu können und würde mich auch nicht als Fan irgendeiner bestimmten Ballett-Kompanie bezeichnen.

Auf meine Frage, ob es denn - wenn man Ihre Kriterien der Provinzialität zugrunde legt - überhaupt eine Ballett-Kompanie gibt, die noch globale Relevanz hat, haben Sie nicht direkt geantwortet. Wenn ich Ihrer ursprünglichen Definition folge, sehe ich da eigentlich keine (zumindest nicht in Deutschland), insofern wäre Stuttgart ja dann kein Einzelfall ... Vielleicht ist es einfach so, dass das zeitgenössische (Handlungs-) Ballett generell keine globale Wirkung mehr entfaltet. Oder sind die Bemühungen des Royal Ballet in dieser Hinsicht wirklich relevanter?

Sie messen Demis Volpi an den choreographischen Leistungen John Crankos. Gut, das muss er sich in Ihren Augen gefallen lassen, wenn er in Stuttgart als Choreograph arbeitet. Ich hoffe dann aber, dass für Sie auch alle aktuellen Choreographien des New York City Ballet an Balanchine zu messen sind und dass diese Arbeiten dem Erbe dann auch gerecht werden :-)
Manchmal ist es vielleicht einfach besser, wenn man die Helden der Vergangenheit, die singuläre Erscheinungen waren, ruhen läßt und zeitgenössischen Künstlern mit heutigen Maßstäben begegnet und ihnen die Lasten der großen Vorgänger von den Schultern nimmt.

15 Jürgen Beck 26.03.2013, 15:09 Uhr

Zum Thema Provinz

Sehr geehrte Frau Hüster, vielen Dank für Ihre Erläuterungen und Ihre Definition des Begriffs "Provinz" in der Ballettwelt. Wenn ich Sie richtig verstehe ist alles, was für die Leitung des Royal Ballets in London oder beispielsweise die Kritiker der NYT bedeutungslos ist "provinzielle" Kunst. Wenn man dies allerdings so betrachtet, wäre dann nicht nahezu die gesamte Ballettszene Deutschlands provinziell? Und nicht nur das ... welche Ballettkompanie hätte dann aus Ihrer Sicht im Moment überhaupt die geforderte globale Bedeutung?

Antworten (2) auf diese Lesermeinung

Jahrgang 1965, Tanzkritikerin.