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Thom Yorke ist der bestgekleidete, beweglichste Mann Großbritanniens

10.04.2013, 23:39 Uhr  ·  Der Winter hört nicht auf. Mein Tänzer dieses nicht-aufhörenden Winters ist der Sänger Thom Yorke. Spex ist eben auch ein Tanzmagazin

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Eine Freundin von mir hat ihr schönes dunkelblaues BMW Coupé nicht mehr ganz neuen Baujahrs den Winter über in der warmen Garage unter ihrer zentral gelegenen Wohnung stehen gelassen, nachdem es beim ersten Kälteeinbruch nicht mehr hatte anspringen wollen. Ich nenne das großzügig. Sie fuhr den ganzen Winter mit ihrem Klapprad, an dem das wärmste der Lammfellsattelbezug ist, oder schob ihren mit Einkäufen beladenen Kinderwagen quer durch die Stadt und fuhr mit Bussen. Sie dachte neulich, jetzt käme der Frühling und holte den BMW-Mann, damit der das Auto wieder in Gang brächte. Das klappte auch, aber das Auto hatte mit Sommerreifen überwintert, was sich bei ihrer Osterferienausfahrt auf einer schneematschigen Autobahn jetzt als nicht so glücklich herausstellte. Wäre das Auto ein Lebewesen, es wäre wohl umgekehrt wie jene Zugvögel, die in diesen Tagen zu südlicheren Etappenzielen zurückfliegen. Im Schwarzwald bedeckt eine dicke Schicht harschigen Schnees alles, von Sitzbänken am Wegesrand guckt nur die Lehne heraus. Füchse schleichen in der Nähe einsamer Gehöfte umher, vor Hunger. In den Gärtnereien der Städte warten die Frühblüher vergebens auf Kundschaft. Es geht ihnen wie dem Brot bei Frau Holle, das im Ofen verbrennt, weil es niemand rechtzeitig herauszieht. Niemand will sie aus ihren Plastiktöpfen herausziehen und einpflanzen, geht ja nicht. Die Leute scheinen seit Monaten nur diese einzige Winterjacke anzuhaben, Kapuze mit Fellrand auf, weggeschlurft. Kommt die nie mehr in die Wäsche? Was für einen Monat haben wir? Wie nah sind wir dem Polarkreis? Komisch nur, dass es so lange hell bleibt. Wie paßt das zu der Kälte.

Nichts geschieht. Nichts geht vorwärts. Alles ist langwierig und zäh, ungeschmeidig wie kalte Muskeln. Manchmal verbirgt sich alles Interessante einer Kunst wie hinter einem Vorhang der Ereignislosigkeit. In der Literatur geht man in solchen Zeiten an die eigenen Bücherschränke, anstatt in die Buchhandlung. In der Musik hört man sich durch ältere Aufnahmen. Museen sind dann sicher interessanter als Galerien.

Vielleicht, denkt man beim Hinausschauen auf das Graunbraundreckweiß draußen, hatte William Forsythe doch recht, als er sagte, der zeitgenössische Tanz wäre im Moment nicht unbedingt auf den Bühnen zu finden, sondern, wer weiß, auf den Kunstbiennalen. Wenn die Choreographen immer stärker aus dem Tanz herausgehen und singende Performer um sitzendes Publikum in einem dunklen Raum herum organsisieren, wobei jeder ehrliche Betrachter sich eingestehen muß, dass er kurz davor steht, aus Langeweile in Ohnmacht zu fallen, dann ist das enttäuschend. Umkehrende Zugvögel eben. Wenn hingegen bildende Künstler tänzerisches Geschehen einsetzen in ihren Kunstwerken, kann das, wie etwa im Werk von William Kentridge, sehr faszinierend sein. Es darf nicht aussehen wie mit Sommerreifen im Schneematsch gefahren.

Wenn ich nicht mehr in das Graunbraunundsoweiter hinausschauen kann, und mich frage, wo bleibt er denn nun, der neue Tanz, dann sehe ich zum X-ten Mal meine zwei Lieblingsvideos seit Wochen: „Lotus Flower“ von Radiohead und das neuere „Ingenue“ von „Atoms for Peace“. Radiohead hatten zusammen mit Sigur Ros für Merce Cunninghams Stück „Split Sides“ gespielt, jede Band eine Hälfte des Stücks. In den Videos zu den Songs tanzt der Sänger Thom Yorke auf seine absolut unirdische, seltsam bühnentaugliche Art. In „Lotus Flower“ gehen seine Augenbrauen auf und ab wie bei Charlie Chaplin und er kann seine Augen in verschiedene Richtungen gleiten lassen oder eines halb schließen und mit dem anderen den Betrachter anschauen wie ein Frühblüher, der gekauft werden will. In „Lotus Flower“ wirkt er auch erst einmal wie angewachsen, dieser dünne Mann mit dem Hut. „Ingenue“ zeigt ihn im Dreiteiler mit Weste über dem Hemd, ohne Hut, aber mit Pferdeschwanz. Spex findet, er sei der bestfrisierte, bestgekleidete und beweglichste Mann Großbritanniens. Sagen wir, der beweglichste Band-Sänger und sagen wir, ein Zopf ist ein Zopf ist ein Zopf, also eine bereits sehr eingeführte Frisur. Vielleicht bestgekämmte? Bygones. In „Ingenue“ tanzt er mit seinem weiblichen Doppelgänger, der Tänzerin Fukiko Takase. Sie trägt den identischen Anzug und die gleiche Frisur und die beiden ergänzen einander ideal. Yorke geht fabelhaft zu Boden. Ein geheimnisvolles Duett, ein schöner melancholischer Song. Hört man ihn oft genug, dann graust es einen regelrecht vor der gutgelaunten Sommermusik, die kommen wird, wenn dieser Winter doch noch einmal zuendegehen wird. Aber ist Yorke und Takase nicht kalt so ganz ohne Jacken?

In beiden Videos hat der britische Royal-Ballet-Hauschoreograph und It-Boy der Strömungen „Tanz und Hirnforschung“, „Tanz und Videokunst“, „Spitzenschuhe sind Popkultur“, Wayne McGregor, mitgearbeitet und ich finde, an Yorke und Takase sieht das besser, eigener, natürlicher und zeitgenössischer aus als seine Schrittfolgen für klassischen Tänzern. Das technisch Hochgerüstete, das bewegungsmäßig bestfrisierte von McGregor haben diese Videos gar nicht. Ich guck die noch mal eben.

 

Veröffentlicht unter: Thom Yorke, Spex, Radiohead, Atoms for Peace

 

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Jahrgang 1965, Tanzkritikerin.