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Weltsextag

30.04.2013, 11:35 Uhr  ·  Weltsextag, äh, Welttanztag, da kann man schon mal durcheinanderkommen, neue Ballette machen das ganz bewußt und versprechen Sex and Crime und etwas zu essen, alles im Theater!

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Gestern war der 31. Welttanztag. Ok, es war nicht so offensichtlich. An dem Tag ist nichts besonderes passiert, so wenig wie an den dreißig Welttanztagen in den vergangenen dreißig Jahren. Was auch ein Glück sein kann, nicht so wie bei dem Mann, neben dem ich neulich im Zug saß und der dann sagte, wissen Sie eigentlich, was heute für ein Tag ist, und ich sagte nein, und er sagte, es sei sein Geburtstag, und ich sagte, na herzlichen Glückwunsch dann und er sagte, leider sei es auch der Tag, an dem Tschernobyl hochgegangen sei und er zählte noch zwei Katastrophen auf mit demselben Datum und grinste sein dämonisches Naturwissenschaftler-Lächeln und ich sagte, na wir wollen hoffen, dass Sie schön feiern und sonst aber nichts passiert weiter. So war es auch. Insofern kann man ja auch froh sein, dass gestern nichts war außer Welttanztag. Dazu wird immer ein Choreograph ausgesucht, der dann den bekannten Text vom „Tanz als Weltsprache“ aufsagt. Gestern war das der taiwanesische Choreograph Lin Hwai-min, das ganze Cocktailtrinken und Lin Hwai-min-Zuhören und Anschauen seines „Cloud Gate Dance Theatre“ fand in Paris statt, und die offizielle Grußbotschaft beinhaltete noch, wir zuhause sollten uns tanzend in den „Circle of Life“ einreihen, und vorher den Computer zuklappen.

Wow. Manchmal denke ich, ob der zeitgenössische Tanz nicht intellektuell ein bißchen zu überheblich daherkommt und so ungewollt eine elitäre Veranstaltung bildet, einfach weil so viele da nicht mitkommen. Also, ob man nicht öfter Anne Teresa de Keersmaeker auf Beyoncé runterbrechen müßte, um den Kreis der Freunde dieser Kunst wieder zu erweitern.

Sympathische Anstrengungen in Richtung Inklusion, und das möchte ich jetzt würdigen, unternehmen einzelne Ballettdirektoren immer wieder. Eine inszeniert demnächst einen Krimi als Ballett. Im zweiten Teil sitzt das geneigte Publikum an Tischen auf der Bühne und speist, während das Spektakel voranschreitet, bekocht von einem Mann mit französischem Namen und etwas mit „Gustation“ im Titel. Macht 85 Euro pro Person. Da kommt doch wirklich alles zusammen, was die Leute im Fernsehen im Moment gut finden, nämlich etwas vorgekocht zu bekommen und ein paar Leichen. Das ist doch ganz schlau von diesem Tanztheater zu sagen, guckt mal, bei uns kriegt Ihr das alles live UND NOCH ZEITGENÖSSISCHEN TANZ. Und wenn man den nicht versteht, kann man überlegen, wer der Mörder ist oder einfach auf seinen Teller schauen und überlegen, was das noch mal gerade ist, was da liegt.

Ähnlich einladend ist eine Premierenankündigung eines anderen Hauses, das eine „Italo-Revue“ verspricht mit Musik von Adriano Celentano und anderen, sowie „Sex and Crime“ aus der Ära der Borgia. Fünfzehntes Jahrhundert, aber ej, da gings zu! Das wissen die Tanzzuschauer die häufiger Fernsehzuschauer sind natürlich aus der Serie, von der dieser bestimmt sehr aufregende Abend inspiriert zu sein scheint. Ist das nicht beruhigend, dass die Theaterdramaturgen den Finger so sanft auf den Puls der Zeit legen und dann auf solche guten Ideen kommen. Ich nehm mir was zu essen mit und zieh mir dieses Borgia-Ballett rein. Das war nämlich auch so ein Vorschlag letztens, dass man das Kolatrinken und Popcornessen im Theater erlauben sollte damit mehr junge Zuschauer kommen, weil die das eben aus dem Kino gewohnt sind, immer etwas zu trinken und zu essen. Dann macht es auch mehr Spaß, beim Ficken und Töten zuzusehen, also, auch wenn das ein Ballett wird am Ende.

 

 
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Jahrgang 1965, Tanzkritikerin.