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Nachruf für einen rosenwangigen englischen Chorknaben, gestorben mit achtundneunzig Jahren

22.05.2013, 23:33 Uhr  ·  Frederic Franklin war einer der großen Stars der "Ballets Russes" nach Sergej Diaghilew. 1914 geboren, war er einer der letzten Zeitzeugen der großen Epoche, als der Tanz in die Moderne aufbrach.

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Europa in den späten dreißiger Jahren: Alexandra Danilova, der Star des „Ballet Russe de Monte-Carlo“ bestellt Frederic Franklin in ihre Garderobe. Die Ballerina will ihren neuen Tanzpartner aus der Nähe betrachten. „Junger Mann, wie alt sind Sie?“, fragte sie, und als er „Dreiundzwanzig, Madam“ antwortet, rümpft sie die Nase: „So – dann werden wir uns wieder unterhalten, wenn Sie die Dreißig überschritten haben.“

So beginnt eine der legendärsten Bühnenpartnerschaften der Tanzgeschichte. Zum Tanzen war Franklin durchaus zu gebrauchen, nur zum Reden war er eben einfach noch zu jung. Ob die beiden das später nachholten, blieb eines der Geheimnisse des Traumpaares aus der Epoche der Ballets Russes nach der Ära Diaghilew. Ihre gefeierte Zusammenarbeit erstreckte sich über zwei Jahrzehnte. Der Anfang aber war etwas frostig und für Franklin überraschend beschwerlich. Die zierliche Danilova war außerordentlich schwer zu heben. Sie sei nicht ins Plié gegangen vor Hebungen, berichtet der alte Mann grinsend in der 2005 beim Sundance Festival vorgestellten Dokumentation „Ballets Russes“; das habe zwar wundervoll ausgesehen, sei aber für seinen Rücken extrem mühsam gewesen – schließlich sorgt das Beugen der Knie der Tänzerin für den notwendigen Schwung, der dem Partner beim Hochstemmen hilft. Oder eben auch nicht.

Wer die beiden in den historischen Aufnahmen tanzen sieht, kann ihnen weder Anstrengungen anmerken, noch feststellen, wer in ihrer Kollaboration der Boss war. Es steht zu vermuten, dass es Danilova war – das Ergebnis jedenfalls war von perfekter Harmonie. Beide sprühten vor Charme und wußten, dass sie einander noch besser zur Geltung brachten. Ihr in Zahlen absoluter Box Office Hit war Léonide Massines geniale Offenbach-Choreographie „Gaité Parisienne“. Eines der herrlichsten Ballette aller Zeiten, beginnt es mit Pariser Kellnern, die ihre langen weißen Schürzen fliegen lassen und mit den Staub aus der Luft schlagenden Servietten über den Unterarmen über die Bühne fegen, ein noch leeres Restaurant, wo zu ihren Füssen sorgfältig frisierte Stubenmädchen das Parkett schrubben. Franklin ist der romantische Held, Danilova die kleine Handschuhverkäuferin.

Der letzte Vorhang vor den beiden fällt auch in einer Vorstellung von „Gaité….“ Serge Denham, der Direktor des „Ballet Russe de Monte-Carlo“, läßt ihn viel zu früh, nämlich nach dem großen Can-Can schließen, weil ihm aufgefallen war, dass er dem Orchester sonst Extra-Honorare für eine über Gebühr lange Vorstellung würde bezahlen müssen. Dazu ist er zu geizig. Er weiß nicht, wieviel ihn das letztlich kosten soll: Danilova platzt der Kragen, sie geht für immer.

Franklin, der auch diese Geschichte in dem Film „Ballets Russes“ (Regie: Dayna Goldfine und Dan Geller) erzählt, ist jetzt, am 4. Mai im Alter von achtundneunzig Jahren, wenige Wochen vor seinem Geburtstag, gestorben. Er war einer der liebenswürdigsten, charmantesten Stars der Tanzwelt. Hilfsbereit, energiegeladen, strahlend, gutausehend und charismatisch, wurden in seiner langen glücklichen Karriere mehr als fünfundvierzig Rollen für ihn geschaffen, von den berühmtesten Choreographen des zwanzigsten Jahrhunderts, von Léonide Massine, George Balanchine oder Mikhail Fokine.

Franklin, Liverpooler Sohn eines Caterers, wird von seinen Eltern Fred und Mabel in eine Aufführung von „Peter Pan“ mitgenommen, als er vier Jahre alt ist. Nachhause zurückgekehrt, denken seine Eltern, er schläft, Freddie aber steht aufrecht in seinem Kinderbett und glaubt, er kann fliegen: „Ich werde ans Theater gehen!“

So kommt es dann auch. Ein Leben lang. Hoch in seinen Neunzigern, steht er als Pater Lorenzo in „Romeo und Julia“ in New York auf der Bühne. Alle brauchen ihn. Zum Glück ist sein Gedächtnis phänomenal und er erinnert sich an verlorengeglaubte Ballette, frühe Werke etwa von Ashton oder Balanchine, und verhilft zu ihrer Rekonstruktion. Das „Dance Theatre of Harlem“ nutzt seine Erfahrung, er coacht dort die romantischen Ballette. Denn auch die kennt er genauestens – bei den Ballets Russes sind Werke wie „Les Sylphides“ die zweite große Säule des Erfolgs, neben dem nicht abreissenden Strom brillanter neuer Choreographie. Der Zweite Weltkrieg vertreibt Franklin aus Europa, mit Massines Company geht er auf eine lange Tournee durch die Vereinigten Staaten. Irgendwann kommt da das Gefühl auf, amerikanische Zuschauer würden sich auch, nach vielen Jahren der Begeisterung für russische Stücke und ihre teils allerdings nur pseudorussischen Tänzer, über amerikanische Ballette freuen. So wird Agnes de Mille eingeladen und kreiert das uramerikanischste aller Ballette, „Rodeo“. In der Rolle des Champions: Freddie Franklin. Mit einer Ballets Russes – Kollegin gründet er das Slavenska-Franklin-Ballett, als sie keine Arbeit haben, und 1962, nachdem sich die Ballets Russes endgültig aufgelöst hatten, gründet Franklin mit Jean M. Riddell das „National Ballet of Washington“ und leitete es bis zu dessen Schließung 1974.

In der Dokumentation erzählt Dame Alicia Markova, mit der Franklin auch tanzte, wie wenig Geld sie verdient hätten und wie sie auf ihren Tourneen von keiner Stadt etwas gesehen hätten außer dem Bahnhof und dem Theater, und wie sie im Zug schliefen und am Morgen in der nächsten Station erwachten und wie sie sich trotzdem „reich“ fühlten. „Am I not rich?“

So wirkte auch Freddie Franklin wie ein vom Schicksal Beschenkter – als hätte er sicher kein leichtes, aber ein sehr ausgefülltes, aufregendes Leben gehabt, eine Menge faszinierender Leute gekannt. Darüber, und das war das Glück der soviel Jüngeren, gab er eloquent und unterhaltsam Auskunft. Spätestens jetzt, bei seinem Tod, wünscht man sich den „Director’s Cut“ der „Ballets Russes“-Dokumentation.

 
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Jahrgang 1965, Tanzkritikerin.