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Die Wahrheit über “Got to Dance”

08.07.2013, 15:38 Uhr  ·  "Ich sehe dich auf den ganz großen Bühnen dieser Welt", lobte die Jury von "Got to Dance" verschiedene ihrer Bewerber. Aufforderung zum Tanz schaut nach, ob diese Prophezeiung stimmen kann

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Freunde haben gesagt, ach, Du warst im Theater, letzte Premiere der Saison, und konntest deshalb nicht Halbfinale und Finale von „Got to dance“ schauen? Hol das sofort nach! Versprochen, selbstverständlich, habe die letzte Folge im Internet geschaut, wo man alles anklicken kann und lernt, wer die Juroren sind und die Moderatorin, alles, was man schon immer über Fernsehen wissen wollte und bisher nicht zu fragen wagte. Der eine Freund ist Tänzer und beschrieb mir in drastischen Worten seinen Abscheu vor der Sat 1 und Pro 7 -Show, die andere Freundin ist keine Tänzerin, hat aber immer tolle Ideen und interessante Fragen dazu und fand „Got to dance“ super. Guck das, waren ihre Worte. So, und jetzt wird es schwierig. Denn wahrscheinlich sind am Ende dieser Ausführungen beide sauer (Hallo, Suse! Grüß Dich, Marco!)

Hier ist was ich denke. Das Konzept ist clever. Im Finale winken die drei Juroren praktisch alle durch, damit die Spannung bis zum Ende aufrechterhalten wird, kein Zuschauer vorher wegschaltet und es das Publikum selbst war, das die fiese, ungerechte, total danebene Sieger-Entscheidung getroffen hat. So kann man bei Erfolg nächstes Jahr die neue Staffel womöglich mit den selben Richtern veranstalten, denn die haben sich ja bei niemand unbeliebt gemacht. Die Jury, wird im Internet beklagt, sei zwar sympathisch, würde aber immer dasselbe sagen. Ja, liebes Internet, da hast Du vollkommen recht, virtuelles Volk, Du sprichst vernünftig. Ich finde sie wie aus dem Barbie-Casting-Show-Album ausgeschnitten. Palina Rojinski ist rothaarig und süß und üppig dekoriert und wie alle Model, Moderatorin, und Schauspielerin und sie kann auch tanzen und bestimmt macht sie auch Yoga. So wie Howard Donald, Ex-Take-That, fast mein Jahrgang, Ex-Freundin und Kind in Münster, Westfalen, fährt Rennauto und praktiziert den herabschauenden Hund. Er ist der erfahrene und immer noch coole Typ (House-DJ) mit dem niedlichen Denglisch. Er ist zurückhaltend und spricht, ganz der Gentleman, meistens nach seinen Kolleginnen. Nikeata Thompson ist die atemberaubende Schönheit am Tisch und meint es ernst, wenn sie den „Acts“ etwas sagt. Sie ist die Choreographin der Trias und Berlin!, und auf ihrer Homepage stehen die ganzen Supersänger, mit denen sie gearbeitet hat – mit Seed fünf Jahre, mit Peter Fox, mit Jan Delay am Hammer-Album „Disko“. Genau. Die wissen also, was sie tun, und wie sie das sagen, was inhaltlich nicht so wichtig ist. Sie wollen bloß sympathisch wirken. Volle Punktzahl dafür (auch für Outfits und Nikeatas goldenen Lidschatten). Liebenswert ist ebenfalls die richtige Beschreibung für Moderatorin Johanna Klum. Ihr Typ ist gerade modern, was ich gut verstehe.

Jetzt etwas zu den Tänzern. „Tanz ist Geschmackssache“, der Satz fiel öfter in der Sendung, das finde ich ja nicht. Heidi Klum sagt auch nicht „Modeln ist Geschmackssache“, das wertet es doch sehr ab, Heidi und ich sind da strenger. So. Die Tänzer. Poppin’ Hood poppt nicht sehr, muß ich sagen, er tanzt so viel wie die in Gold gekleideten und golden geschminkten Pantomimen auf ihren Podesten in Fußgängerzonen. Da schlug Palinas Bewertungsstunde. Sie konnte das als einzige tanzhistorisch einordnen, weil Poppin Hood anfangs ein paar Takte aus Tschaikowskys „Nußknacker“ verwendet, konnte sie sagen, der „Nußknacker“ sei ihr Lieblingsballett als Kind gewesen und sie fände es prima, dass der jetzt mal so neu interpretiert würde.

Wie Poppin’ Hood erinnerten auch alle anderen irgendwie an populäre Darbietungen aus bühnentanzähnlichen Genres. Die S’N’C-Kidz sind achtmaliger Deutscher Meister im Videoclipdancing, wirkten aber wie Cheerleader. Vadim, dreizehn Jahre alt, hielt sich wiederholt die Hand vor den Schritt, um wie in den harten getanzten Rapper-Auseinandersetzungen, auf die sein Solo anspielt, die edelsten Teile des Mannes zu schützen. Fernsehen bildet, auch unsere Kinder.

Die „Penguin Tappers“ sind wie „Riverdance“ – es ist Teil des Nettseins der Jury, dass Howard sagte, sie seien wie „Riverdance auf Droge“, das sollte heißen, ihr seid aber authentischer, origineller. Stimmt nicht wirklich. Patrizias Solo schwankte zwischen Marcel Marceau, Akrobatik und Musical. Und so weiter. Es gab bei allen einen Verstehens-Einstieg für alle, Inklusionsfernsehen eben.

Warum aber wurden die Sieger die Sieger? Veronika und Daniel sind dreizehn wie Vadim, aber weniger vulgär sexy. Trotzdem: Warum siegt bei einem Tanzwettbewerb im Fernsehen eine Lolita-Darbietung, Paartanz von aufgegelten sehr Minderjährigen? Vielleicht, weil dabei größtenteils Kinder zuschauen, die sich gerne wie Erwachsene kleiden und schminken und benehmen sowie deren Eltern, die ihrerseits als Kinder Tanzturniere in Standard- und lateinamerikanischen Tänzen stundenlang im Fernsehen gesehen haben. Das und Wimbledon und das Reitturnier in Aachen. So wie ich. Und doch kann ich „Gottodance“ nicht uneingeschränkt gutfinden. Vielleicht ist Tanz doch Geschmackssache. Heidi?

 

 

 

 
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Lesermeinungen zu diesem Artikel (3)
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0 Joachim van Grieken 11.07.2013, 10:27 Uhr

Man

kann die Sendung analysieren und fachmännisch bewerten.
Persönlich freue ich mich einfach darüber, dass das Tanzen in seinen Ausprägungen eine Plattform im Fernsehen erhält. Ob "Let's dance" oder "Got to dance", die Zuschauer finden es toll. Zurecht, denn es wird einiges geboten. Dass ein paar bunte Vögel in den Jurys sitzen ist nett, aber nicht so wichtig. Zum Glück.
Mich würde interessieren, ob sich aufgrund der Sendungen mehr Menschen für diesen Sport begeistern und ihn betreiben.

Antworten (1) auf diese Lesermeinung

0 Wolfgang Hennig 10.07.2013, 12:34 Uhr

Manchmal...

denke ich, der Mensch dient der Evolution zur Belustigung.
Von traurig, über grotesk, bis hin zum tot lachen ist alles dabei.
Es kann aber auch sein, daß sie, die Evolution, uns vorführen möchte,
wie der "Status Quo" unserer Vernunft ist. Ein Spiegel.
Aber der Mensch schaut in den Spiegel, wie in dem Märchen...
Spieglein, Spieglein an der Wand...
wer ist die, der Schönste, Größte, Beste, Reichste, Mächtigste, Bedeutendste...
und merkt es nicht. Und so lange wird die Geschichte sich mit neuer Schminke,
neuen Kleidern, neuen Generationen, wiederholen...bis zur Erkenntnis und Einsicht
und der damit verbundenen Frage: Warum wiederholt sich unsere "Affig-keit",
...und warum. Ab dem Zeitpunkt könnte das Thema "Bildung" endlich weitergehen.
Denn wir wir stehen! (vor dem Spieglein...und bewundern uns)...
und verweigern uns so der Möglichkeiten, die die Evolution bereithält.
Vielleicht werden wir bald wachgeküsst.

:-)

Jahrgang 1965, Tanzkritikerin.