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Rex und ich sind nicht mehr zusammen

17.07.2013, 00:23 Uhr  ·  Tanz als massenkulturelles Phänomen - Public Viewing, interessante Transfers, aufopferungsvolle Stars, aufregendes Privatleben - so kommt man ins Fernsehen Teil II

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Deutschland überlegt, ob es wirklich eine zweite Staffel „Got to Dance“ braucht. Außerdem – ob sich genügend begabte deutsche Tänzer finden, die sich vorschreiben lassen, was sie anziehen und wie ihre „Dance Acts“ aussehen sollen, die sie sich doch angeblich ganz alleine ausgedacht haben?

Die Vereinigten Staaten sind viel weiter. Da läuft demnächst auf dem Sender CW die zweite Staffel einer Serie über das „Ballet West“ an – „Black Swan“ als vorabendtaugliches Realitätsfernsehen. Tänzer konnten sagen, ob es ihnen recht ist, aus der Nähe von der Kamera verfolgt zu werden oder nicht – fair enough. Manchen war das natürlich lieber als anderen. Eine der Tänzerinnen in „Breaking Pointe Season II“ offenbart in der Vorschau aus dem Off, ihr ebenfalls beim „Ballet West“ angestellter Freund habe sie verlassen. Diese viele Zuschauerhoffnungen weckende Mitteilung verwendet der Sender eben darum in den ersten elf Sekunden seines sechzig Sekunden dauernden Trailers. Die Kollegin Jenny Dalzell vom amerikanischen „Dance Magazine“ hat gestoppt, nicht ich, wann dieser Satz kommt: „Rex and I are no longer together“. Die amerikanische Kollegin ist streng. Sie schreibt, nachdem sie noch nicht mehr von der geheim gehaltenden Staffel hat sehen können als diesen Trailer, sie sei sicher, die Liebesgeschichte der beiden Tänzer bilde einen der wichtigsten Erzählstränge der Serie und ihr trockener Kommentar lautet: „Yippee“. Nur um dann umstandslos zu verkünden, es sei ja immerhin klassisches Ballett im Fernsehen, und sie könne es kaum erwarten.

Witzig!

Warum scheint der Tanz derzeit nur höhere Einschaltquoten zu erzielen, wenn es sich mit streng betrachtet außerästhetischen Mitteln verkauft? Wer ist mit wem zusammen, wieviel „Blut Schweiß und Tränen“ gehören nicht dazu, um ein Ballettstar zu sein? Ohne Frage! Aber interessanter ist doch zu erleben, wozu alle diese Flüssigkeiten angeblich austreten müssen. Nein?

Eine Möglichkeit darauf zu reagieren, ist, das Ballett dahin zu bringen, wo die Leute immer hingehen, um das massenkulturfähige Produkt Film anzuschauen. Einhunderttausend Zuschauer haben in der zuende gehenden Saison Übertragungen von fünf Opern und drei Balletten der Pariser Oper in europäischen Kinos gesehen. Damit setzt sich der Trend der vergangenen Spielzeit fort. Public Viewing wie bei Fußballspielen ist vor allem in Stuttgart beliebt, wo es sehr erfolgreich im Park vor dem Opernhaus praktiziert wird.

Wie im Fußball werden außerdem Mitteilungen über Wechsel erster Solisten lanciert. Die rumänische Ballerina Alina Cojocaru (32) verließ im Juni nein, nicht ihren Freund, sondern mit ihrem Freund und Tanzpartner Johan Kobborg (40) das Royal Ballet in London, wo sie seit 1999 getanzt hatte, sie beginnt, wie vor wenigen Stunden bekanntgegeben wurde, im English National Ballet, das jetzt unter der Leitung ihrer ehemaligen Kollegin Tamara Rojo steht. Dafür holt sich das Royal Ballet Natalia Ossipova vom Mikhailovsky Ballet, das ist die russische Compagnie, deren spanischer Direktor Nacho Duato jetzt das Staatsballett Berlin übernehmt. Ablösesummen für alle zusammen: Werden nicht einmal bekannt, werden aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht gezahlt. Manno, wie wir als Kinder immer gesagt haben, unfair. Man sieht schon an diesem russischen, spanischen, englischen, rumänischen, dänischen, Durcheinander, das Alistair Macaulys Ausführungen in der „New York Times“ darüber, dass es sie selbstverständlich noch gibt, die amerikanische Ballerina, irgendwie unpassend wirken. Das allerdings nicht auf die Weise, die „Dance Magazine“-Bloggerin Nr. 2, Wendy Perron, meint. Sie denkt, er sei altmodisch und habe einen abgelaufenen Begriff von der Ballerina. Ich denke, wir haben ein anderesProblem. Es gibt sehr viele gute Tänzerinnen, sie tauchen hier auf und dann wieder dort, sie sind „Giselle“ und am nächsten Abend so ein wildes virtuoses Wesen, von irgendeinem wilden Choreographen ausgedacht, Lebensdauer unbekannt. Sie heißen Polina Semionova und gehen nach New York zum American Ballet Theatre, wo aber auch noch andere gastieren, sie heißen Sofiane Sylve und landen nach New York plötzlich in San Francisco, nachdem sie eigentlich ein vielversprechender Star bei Het Nationale Ballet waren. Die „New York Times“ kann noch solche Fragen diskutieren. Alle anderen diskutieren besser fernsehtauglichere Fragen oder das Fernsehen selbst.

 

 
 

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Jahrgang 1965, Tanzkritikerin.