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Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

40 Jahre Tanztheater Wuppertal Pina Bausch – so wird gefeiert. Und was dann passiert.

Vor vierzig Jahren nahm Pina Bausch die Arbeit mit ihrem Tanztheater Wuppertal auf. Die Jubiläumsspielzeit ist sorgfältig geplant, los gehts am 5.9. Doch was kommt danach?

Eröffnet werden die Festivitäten mit einer Vorstellung von „Palermo, Palermo“. Danach gibt es nicht nur mit vielen Stücken Pina Bauschs ein Wiedersehen, sondern Ausstellungen, Gespräche, Filmreihen, Konzerte und Workshops. In vier jeweils einem Jahrzehnt gewidmeten Kino-Sessions von zwölf Stunden Länge wird zum Teil unveröffentlichtes Archiv-Material gezeigt. Professor Lutz Förster, den ich am Telefon fragte, was er besonders empfehlen könne, antwortete, ich solle auf keinen Fall die siebziger Jahre verpassen (7. September). Er selbst freut sich darauf, so viele Gäste zu empfangen und endlich Zeit und Gelegenheit zu finden, mit einigen von ihnen – Robert Wilson etwa, und sogar in der Öffentlichkeit – in Ruhe zu sprechen.

Im Augenblick aber grassiert noch die Grippe in Wuppertal und Probenpläne geraten gefährlich ins Wanken.

Die interessanteste Frage hinsichtlich der Zukunft des Tanztheaters Wuppertal über dieses Jubiläum hinaus lautet derzeit, wird dessen Nutzungskonzept für das Schauspielhaus Wuppertal den Sieg davontragen über andere Begehrlichkeiten. Förster hat sich entschieden für den Erhalt des Schauspielhauses und dessen Umwidmung zum Tanzzentrum ausgesprochen. Ich fragte ihn, welche Argumente dafür sprächen. Zunächst sei das Schauspielhaus eine phantastische Bühne für Tanz. Mit siebenhundertfünfzig Plätzen sei das Haus groß, aber nicht zu groß. Es stelle ein bedeutendes Gebäude in der Stadt dar. Zur Eröffnung des Baus von Gerhard Graubner sprach Heinrich Böll. Viele der Stücke Pina Bauschs, so Förster weiter, seien im Schauspielhaus uraufgeführt worden und für die dortigen Bühnenverhältnisse entworfen. Ideal sei etwa der Kontakt zum Publikum, den die Architektur des Zuschauerraums im Verhältnis zur Bühne befördere. Und wenn die Stücke weltweit in noch so vielen Theatern gespielt worden seien, am besten passten sie in das Schauspielhaus. Dabei habe die Compagnie nicht von Anfang an dort gespielt. 1980 habe der damalige Intendant Hellmuth Matiasek den Vorschlag unterbreitet, das Tanztheater möge hauptsächlich im Schauspielhaus auftreten. Und wie mit allen neuen Vorschlägen habe man sich anfangs gar nicht gerne mit der Zuteilung arrangiert, dann aber bald die Vorzüge des Theaters erkannt. Pina Bausch habe das Haus sehr gemocht, so Förster, und für die Bewahrung ihres Werkes habe ihr sicher etwas Ähnliches vorgeschwebt wie das geplante Zentrum.

Das Nutzungskonzept, das PACT Zollvereins-Direktor Stefan Hilterhaus entwickelt hat, sieht geschickterweise eine partizipative Bespielung des Schauspielhauses durch vier Elemente vor. Eines wird die Pina Bausch Stiftung sein, eines das Tanztheater Wuppertal, eines ein „Produktionszentrum“, das internationale, gerne spartenübergreifende Aufführungen einlädt, koproduziert, etc., und ein viertes nennt der Autor „Bürger-Forum ‘Wupperbogen’“, das Kongresse, demokratische Foren und ähnliches veranstaltet.

So wird die Begegnung zwischen den Bürgern der Stadt und dem Theater, dem Erbe Pina Bauschs und neuen Theaterformen gefördert.

Wann darüber entschieden wird, ist nicht klar. Aber diese Jubiläumsspielzeit wird, wenn alles gut geht – wonach es aussieht – eine deutliche Manifestation werden für das Tanztheater Wuppertal und die Pina Bausch Stiftung und ihre vielfältigen lebendigen Bemühungen, das Erbe zu bewahren und glücklich in die Zukunft zu führen. Dazu gehört eben auch, einen Begriff von Tanz, Film, Musik und Theater zu reflektieren und zeitgenössisch zu definieren, wie Pina Bausch das für sich und ihre Generation so prominent getan hat. Die Herausgabe der Werke Pina Bauschs auf DVD hat die Stiftung begonnen. Pünktlich zur Jubiläumsspielzeit sind bereits fünf DVDs erhältlich: „Probe Sacre“ zeigt Kyomi Ichida und Pina Bausch im Ballettsaal bei der Einstudierung von „Le Sacre du Printemps“ – Ichida muß für eine erkrankte Kollegin einspringen und innerhalb weniger Stunden die Rolle des Opfers lernen. Das Filmteam von „Die Klage der Kaiserin“, dessen Dreharbeiten Bausch dafür unterbrechen mußte, filmte stattdessen diese Probe. „Das Frühlingsopfer“ zeigt die komplette Choreographie in einer Bühnenaufführung. Es gibt das Stück „Walzer“, „Café Müller“ auch, und den Film „Die Klage der Kaiserin“. (Alle sind bei „L’Arche“ erschienen in Kooperation mit der Pina Bausch Stiftung, manche mit Begleitbuch, Preise zwischen 32 und 39,50 Euro)

Und hier kann man die Beschlusslage zum „Pina Bausch Zentrum“ im Schauspielhaus Wuppertal und die alternativen Nutzungsvorschläge nachlesen

 

 

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