Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Schatzkammer, Wissensspeicher: Marie Taglionis silberner Spitzenschuh im Tanzarchiv Köln

Eine Ausstellung im Deutschen Tanzarchiv in Köln führt auf's Schönste ein in die Welt des klassischen Tanzes. Ballettgeschichte wie sie anschaulicher nicht präsentiert werden kann

Im Deutschen Tanzarchiv Köln ist noch bis Juli nächsten Jahres eine wunderschöne Austellung zu sehen, zusammengestellt aus den reichen Beständen des Hauses von Klaus-Jürgen Sembach und dem Stellvertretenden Leiter des Archivs, Thomas Thorausch. „Die Verzauberung der Welt. Die Klassik des Tanzes 1713-1913“ enthält eine faszinierende Folge kolorierter Stiche, zeigt Lithographien, handschriftliche Notationen, Karrikaturen, Filmausschnitte, Skulpturen und am Schluß eine zeitgenössische Installation, die die Besucher in der Gegenwart wieder ankommenläßt. http://www.sk-kultur.de/tanz/tanzmuseum/seiten13/ausstellung2.htm

Warum wählen Thorausch und Sembach für die Ausstellung den Zeitraum dieser zweihundert Jahre zwischen 1713 und 1913? Nun, die erste Setzung ist leicht erklärt, denn zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts gründete der französische König Ludwig XIV. die Ecole de Danse an der Pariser Oper, um sich nicht länger über unzureichende Bewegungsfähigkeiten adliger Amateure ärgern zu müssen, sondern perfekt ausgebildete Bühnenkünstler engagieren zu können. 1913 aber gilt allgemein als der Paukenschlag, mit dem die Moderne im Ballett die Klassik beendete, drei Jahre nachdem Marius Petipa auf der Krim gestorben war. 1913 war auch das Unglücksjahr Nijinskys, in dem Serge Diaghilew ihn aus den Ballets Russes entließ, weil er sich so stark über Nijinskys Heirat mit Romola de Pulszky erregte. Und natürlich geht nicht nur die Epoche des Klassischen zuende, in dem ihre besten Protagonisten sich von etablierten Meisterwerken abwenden und zu neuen Kollaborationen aufbrechen, mit den aufregendsten musikalischen und künstlerischen Avantgardisten des neuen Jahrhunderts.

Bereits 1914 aber markiert Mary Wigmans „Hexentanz“ noch eine parallele, folgenreiche ästhetische Entwicklung: Es entsteht mit der rhythmischen Bewegungschorik und dem künstlerischen Barfußtanz eine kämpferische körperliche Anti-Gestik, von deren Agitationen sich der Begriff des klassischen Tanzes in Deutschland bis heute nicht erholt hat. Er ist seither beschädigt. Insofern ist es besonders erfreulich, in der Kölner Ausstellung zu verweilen, weil hier die ästhetische Magie des Klassischen vor Augen geführt wird ohne sie vorauseilend als selbstverständlich vom Weltgeist as soon as possible zu überwindende eskapistische Spielerei von Adligen zu diskriminieren. Thorausch qualifiziert den „Bruch“ von 1913 denn auch lieber als Metamorphose. Die Feen, Nymphen und Prinzen, die romantischen Figuren des Balletts, werden dieser Metamorphose unterzogen, und sie durchleben sie und kommen als trauriger russischer Petruschka zurück, oder als magisches Wesen „Feuervogel“, oder – als Tennisspieler.

In seiner Ansprache anläßlich der Ausstellungseröffnung (die auf der Webseite auch nachzulesen ist) sagte Thorausch: „Bewegt man sich in unserer Ausstellung entgegengesetzt, entgegen der konventionellen Lesart, so stößt man bei genauerem Hinschauen auf eine Maschinerie gigantischen Ausmaßes: Akademien und Schulen, die an Kasernen erinnern, Theater, die Konzernen gleichen, Familiendynastien wie die der Elsslers, der Taglionis, der Vestris u.a., die die Welt des Balletts beherrschen….Es scheint, als ob gewaltige Apparate die Tanzkunst bewegen.“

Das ist ein faszinierender Gedanke, den man natürlich gut weiterverfolgen kann, während man den silbernen Ballettschuh betrachtet, den Zar Alexander II Marie Taglioni verehrte.

© Deutsches Tanzarchiv Köln 

Man muß sich nur umschauen in der Tanzwelt der Gegenwart, um zu sehen, dass das Theater von familienähnlichen Machtstrukturen nach wie vor bestimmt ist, als wären die Theater heute wie die Fürstenhöfe, an denen sie einst zuerst eingerichtet wurden. Das ist natürlich nicht die Aussage der Ausstellung „Die Verzauberung der Welt“….die beweist aufs Schönste Thorauschs Anspruch, das Archiv möge sich als „Schatzkammer, Wissensspeicher, Forschungs-, Lehr- und Lernort erweisen“.

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