Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Warum Rekonstruktionen im Tanz aufregend, wichtig und sinnvoll sind

Der Tanz hat eine faszinierende Vergangenheit, aber an den meisten Theatern in Deutschland nur eine kurzlebige Gegenwart. Das muß sich ändern. Das Bewusstsein dafür wächst

Gestern abend bin ich auf Youtube versackt, das gestatte ich mir selten, aber gestern abend war es soweit. Erst habe ich in einem Bezahlkontext in Lady Gagas neues Album „Artpop“ hineingehört, aber gekauft habe ich es nicht. Ich finde es zu „Art“ und zu wenig „Pop“, etwas aufdringlich elektronisch und wenig zum Tanzen anregend. … Es handelt sich am Ende eher um PopKunsthandwerk, was sich bestimmt gut verkauft. Wahrscheinlich haben ihre Manager das auch ordentlich durchkalkuliert, trotzdem fragt man sich, wer die Zielgruppe genau sein soll. Frauen über vierzig, die mit ihren Kindern im strömenden Regen Laterne gelaufen sind und Fruchtpunsch getrunken und St.-Martins-Brötchen geteilt haben bringt das jedenfalls nicht so richtig wieder hoch. Keine Minderheitenmusik also. Der Tanz hingegen arbeitet sich gerade so richtig hin auf ein Minderheitenpublikum. Konzept-Tanz geht langsam die Luft aus, die Zahl der Späße, die man darin so machen kann ist zwar vermutlich in Wahrheit unbegrenzt, aber so fühlt es sich als Publikum nicht an.

Gerade rechtzeitig sind deshalb die Tanzfonds eingerichtet worden. Und beim Tanzfonds Erbe konnten nun Choreographen, Theater, Einzelpersonen und Institutionen gucken, was sie denn gerne mal so rekonstruieren oder neuinterpretieren oder re-enacten möchten. Man mußte nur in Deutschland leben und das Rekonstruktionsobjekt mußte Einfluß gehabt haben auf die deutsche Tanzöffentlichkeit und im zwanzigsten Jahrhundert entstanden sein.

Rekonstruiert (bleiben wir der Einfachheit halber vorerst bei diesem Begriff) wurden und werden Stücke der Großstadt-Grufti-Drogen-Erotik-Tänzerin Anita Berber genauso wie Susanne Linkes Reviermännerstück „Ruhr-Ort“, etwas von Reinhild Hoffmann und zur Premiere kam heute Abend in Osnabrück (und bald in Bielefeld, dem Partner-Theater, und dann beim Bayerischen Staatsballett) Mary Wigmans Strawinsky-Stück „Le Sacre du printemps“. Sie hätten im Team spekuliert, sagen Susan Barnett und Henrietta Horn, die mit Katharine Sehnert für die Rekonstruktion verantwortlich zeichnen, im Programmheft.

Das glaubt man sofort, denn die Probleme von Rekonstruktionen im Tanz sind riesengroß, wenn die Choreographen nicht mehr leben, meistens lückenhafte oder idiosynkratische Notate hinterlassen haben, es kaum Fotografien gibt und womöglich keine Filmaufnahmen, wie es für Wigmans „Sacre“ leider zutrifft. Viele Choreographen, so auch Wigman, möchten keine Wiederaufnahmen von ihren Stücken erleben. Tatjana Gsovky, die das Berliner Ballett vor und lange nach dem Zweiten Weltkrieg prägte, verweigerte Rekonstruktionen. Bei William Forsythe müßten sich spätere Rekonstrukteure über die Wahl der Version verständigen, denn er hat bei Wiederaufnahmen selbst immer wieder verändert, verändert und verändert.

Warum also Rekonstruktion? Man kann es auch Annäherung nennen oder Re-Statement, ein Begriff, den eine andere Mitarbeiterin der Sacre-Rekonstruktion, Emma Lewis Thomas, vorzieht.

Die künstlerische und gesellschaftliche Situation des Tanzes wird sich nur dann verbessern, wenn diese Kunst Kanonbildung betreibt, wenn mehr Choreographen und Tänzer historisch informierte, stilistisch umfassend gebildete Künstler werden, wenn wie in der Musik, wie in der Dramenliteratur, in der Bildenden Kunst, Künstler sich in Auseinandersetzung mit der ästhetischen Vergangenheit ihres Gebietes begeben. Dieser wichtigen Haltung gegenüber gibt es Mißverständnisse. Gerade viele Intendanten und die Sparten Schauspiel und Oper glauben, es sei nostalgisch, sentimental und rückwärtsgewandt, wenn ihre Ballettdirektoren auf einem gemischten Spielplan bestehen, der, wenn die Compagnie entsprechend gut und ausreichend groß ist, auch Antony Tudor’s „Lilac Garden“, Kurt Jooss‘ „Der grüne Tisch“ und George Balanchines „Midsummernight’s Dream“ enthält. Oder hunderte anderer Choreographien, die, aus dem zwanzigsten Jahrhundert und davor geschaffen, gedrittelt mit Uraufführungen gemischt werden können.

Es ist schwer zu begreifen offenbar, dass es eben Kanon und zeitgenössisch zugleich ist, wenn Michael Thalheimer „Stella“ inszeniert und auch, wenn Trisha Brown etwas von Monteverdi inszeniert. Wenn man aber „Dornröschen“ in Jeans tanzt, ein Beispiel, das der Intendant des Bayerischen Staatsballetts, Ivan Liska, heute in der Diskussion vor der Premiere brachte, dann ist es eben nicht mehr „Dornröschen“, denn dabei handelt es sich um ein Ballett, das an einem märchenhaften Königshof spielt, und nicht in der Osnabrücker Fußgängerzone. Auch der Osnabrücker Intendant Dr. Waldschmidt betonte, dem „Sacre“ seien zwei Uraufführungen vorangestellt, und er dürfte sich gar nicht dafür interessieren, wenn „Sacre“ ein Museumsstück wäre. Warum interessieren sich dann in Museen alle brennend für Museumsstücke? Und warum wäre es allerhand, wenn Museen in Osnabrück nur Werke von Joseph Beuys und jüngeren Künstlern sammelten? Im Gegenteil, in der Kunst ist es sogar ein buchenswertes Ereignis, wenn festgestellt wird, dass ein Papst-Porträt Julius II.‘ ein echter Raffael ist, wenn auch unter Beteiligung seiner Werkstatt – und man feststellen kann, dass die Helligkeit gewisser Farben des Gemäldes, die u.a. für die Zweifel an der Echtheit sprachen, durch frühere falsche Restaurierungen zu erklären ist.

Der Tanz braucht Rekonstruktion wie die Kunst Restaurierungen und Ausstellungen Alter Meister.

Der Tanz in Deutschland muß an der Repertoirebildung arbeiten. Es muß Neues entstehen, unbedingt. Aber es müssen auch Stücke regelmäßig und an vielen Häusern getanzt werden, die andere Definitionen von Tanz liefern, die den Kanon bilden jener Werke, die man kennen sollte, um sich über den wirklichen Stand einer Kunst auseinandersetzen zu können. Das funktioniert im Tanz anders als im Schauspiel oder in der Oper. Wann ist das endlich Normalität?

Und was war nun gestern abend auf Youtube so toll? Zwei Leute, an denen man begreifen kann, warum so wenige den Tanz vom Tänzer zu trennen vermögen: Rudolf Nurejew und Margot Fonteyn. Ich bin aus Dokumentationen über Fonteyns Leben, über eine schwarz-weiße Diashow der absolut schönsten Fotos der beiden, hineingeraten in Dame Ednas Talkshow mit Nurejew als Gast; ich sah Ausschnitte aus Frederick Ashtons Ballett „Facade“ in einer Filmaufnahme von 1937. Die beiden waren schlagfertig, witzig, und strahlend charmant. Sie wußten, dass jeder von ihnen durch den anderen noch besser das verwirklichen konnte, was ihre Idee von Tanz war. Dafür und darin liebten sie sich. Youtube hat mich an diese Idee erinnert. Sie ist brillant und einen Abend über sie nachzudenken, war die beste Vorbereitung für das Thema Rekonstruktion. Rekonstruieren wir das, was zu rekonstruieren ist. Denn wir verlieren ja jeden Tag genug – Tänzer, die zu alt werden, Stücke, die vergessen werden.

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