Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Ich habe kein Leben: Interview mit Starchoreograph Hofesh Shechter

Er arbeitet meistens und reist das halbe Jahr in der Welt von Theater zu Theater. Was treibt Hofesh Shechter wirklich um?

„Shechter is a true original“, schrieb die Londoner Zeitung „The Guardian“, und das ist wahr. Auf wieviele Künstler der Gegenwart trifft das zu? Doch der israelische Choreograph Hofesh Shechter, achtunddreißig, entwickelt seine tänzerische Sprache von Stück zu Stück faszinierend weiter. „Sun“, sein neuestes großes Werk, ist feiner, subtiler, bildreicher als das beeindruckende „Political Mother“, mit dem er berühmt wurde. Mit seiner Company ist er seit 2008 im Brighton Dome als Artist in Residence beheimatet. Vom „Arts Council“ erhält Shechter 25 Prozent der Mittel, die er benötigt, internationale Koproduzenten erbringen alles andere notwendige Geld – unter ihnen sind keine deutschen Veranstalter. „Aufforderung zum Tanz“ (AzT) traf ihn im österreichischen St. Pölten zum Gespräch, am selben Morgen war das Team dort eingeflogen zu einer Aufführung von „Sun“.

AzT: Hofesh Shechter, Ihre choreographische Sprache ist weitestgehend abstrakt, aber bis zum Bersten mit Details angefüllt, als ob Sie einen Informationsfluß schaffen wollten, den zu verarbeiten die Arbeitsspeicher an den Rand der Kapazität bringt. Jetzt mal langsam und der Reihe nach, bitte: Separieren Sie die Einflüsse für uns.

HF: Da sind in der Tat einige! Ich habe mit der Batcheva Dance Company gearbeitet, mit Ohad Naharin, als ich sehr jung war, gerade mal achtzehn. Dort lernte ich tanzen, meinen Körper zu koordinieren und körperlichen Ausdruck zu verbinden mit mir als Person, herauszufinden, wer ich bin und was ich da mache. Für mich ging es in Ohads Arbeit um die Freiheit des körperlichen Ausdrucks. Batsheva war ein erstaunlicher Ort – ich konnte entdecken, was die Motivation hinter der Bewegung für mich bedeutet. Wenn ich mich bewege – was fühlt sich für mich natürlich an und entsteht einfach so aus mir heraus, bei welchen Bewegungen empfinde ich Freude? Und dann kam Wim Vandekeybus und machte ein Stück für Batcheva. Das hat mich bis in die kleinste Zelle meines Körpers hinein beeinflusst. Sein rauher, schon beinahe animalischer Zugang zum Kreieren von Bewegung, sein instinkverhaftetes Vorgehen hat mich tief beeindruckt.

AzT: Das war natürlich erheblich weniger dekorativ als Naharins schöne Tänze.

HF: Am Anfang war ich nicht sehr begeistert – ich dachte, Vandekeybus ist ja nicht unbedingt ein toller Tänzer. Ihn persönlich fand ich interessant, aber ich dachte, das kann ja nichts werden, er ist ja gar kein richtiger Tänzer, er hat keine Erfahrung. Aber dann stellte ich fest, das spielt ja gar keine Rolle, nur die Energie ist entscheidend. Und nur wie diese Energie in Körperlichkeit umgesetzt wird, ist wichtig, es geht nicht darum, ob es schön aussieht, sondern welches Gefühl darin liegt. Das habe ich in mir bewahrt. Und auch bei Naharin übrigens geht es nicht darum, wie etwas aussieht, sondern wie es sich von innen anfühlt.

AzT: Naja, aber es sieht schon weicher aus, schöner.

HF: Ja sicher, bei Vandekeybus sieht alles „dreckiger“ aus, mehr „down to earth“..

AzT: Das hat die Tür zum eigenen Choreographieren doch sicher weiter aufgestossen…

HF: Ja natürlich, weil man nicht das Gefühl hat, man müßte bestimmte visuelle Vorgaben erfüllen. Aber ich weiß nicht – natürlich habe ich weitere Einflüsse – zum Beispiel habe ich Volkstänze geliebt seit meiner Kindheit! Das viele Springen! Volkstänze sind sehr impulsiv, die pure Lebensenergie tritt in ihnen zutage.

AzT: Außerdem lassen Volkstänze eine Gemeinschaft von Tanzenden entstehen.

HF: Das mochte ich eben schon als Kind so sehr. Das ist ja beinahe die Agenda des Volkstanzes, seine Bestimmung, die Leute zusammenzubringen.

AzT: Und das Nachtleben, das Clubbing?

HF: Ja, darauf ist meine Tanzsprache vielleicht ein Kommentar, aber ich selber, ich gehe nachts nicht tanzen, niemals. Als ich jung war, habe ich das versucht, aber ich mochte es überhaupt nicht. Wissen Sie, ich bin sehr scheu, wenn es sich um das Tanzen in einem Club handelt. Nein, ich glaube die Einflüsse in meinem Tanz stammen eher aus Stammes-Kontexten oder zeremoniellen Zusammenhängen. Die Clubs heute sind vielleicht eine moderne Variation dessen, was sich bei Trance-Tänzen schon vor tausenden von Jahren abgespielt hat. Das Primitive, das Alte, das Urtümliche interessiert mich, dabei denke ich weniger an das Clubbing heute. Mich interessiert die Kraft, die Menschen stets daraus bezogen haben sich zu versammeln und Zeremonien abzuhalten.

AzT: Dann ist es gar nicht eine Art urbaner Energie, die Ihre Kunst trägt?

HF: Doch, bestimmt, ich bin dem urbanen Leben ja ausgeliefert, ich habe mein ganzes Leben in Städten verbracht, deswegen glaube ich auch, dass es stimmt, was Sie ansprechen, mein Werk enthält einen Kommentar zum Leben in Metropolen, es reagiert auf die Lebensbedingungen in Städten, die Massen von Menschen.

AzT: Würden Sie Ihre Choreographien als narrativ bezeichnen oder würden Sie sie eher mit Lyrik vergleichen, atmosphärischen Momententwürfen? Gehen Sie mit einem bestimmten Thema im Kopf in den Ballettsaal und erklären dies den Tänzern?

HF: Manchmal tue ich das. Generell erlebe ich meine Arbeit als Kampf zwischen dem Poetischen, einer Erzählung, und meinem galoppierenden Geist. Der Kampf spielt sich so ab: Erlaube ich meinen Instinkten, sich frei zu entfalten und etwa dem Ärger, der Wut, tänzerischen Ausdruck zu verleihen? Lasse ich es einfach kommen, erlaube ich der Schönheit, der Zartheit, einfach zu erscheinen, Gestalt anzunehmen, vielleicht sogar ohne dass ich es genau verstehe, was da ans Licht tritt? Aber dann ist da die Notwendigkeit, die wir alle empfinden, es doch genauer zu verstehen, dem Geschehen einen rationalen Sinn zu unterlegen, und es „richtig“ – was immer das dann heißt, zusammenzufügen. So, ich denke, häufig beschreibt meine Arbeit genau diese Art von Spannung – zwischen dem Instinktiven, dem Loslassen, dem Nicht-Unter-Kontrolle-Haben und Emotionalen, und der Kontrolle auf der anderen Seite, wo alles einen Sinn ergibt.

AzT: Empfinden Sie so nur in Ihrer Arbeit oder suchen Sie auch im wirklichen Leben nach dieser Spannung?

HF: Nein, ich suche das nicht bewußt, aber es geschieht mir immer wieder, dass ich das so empfinde. Oft stecken wir in hochkomplexen Situationen. Wir haben Sprache entwickelt, wir haben Werte etabliert, Strukturen geschaffen, und wir glauben, dass unsere Instinkte da hineinpassen, aber das ist eben manchmal nicht so. Wenn das alles passen würde, bräuchten wir keine Gesetze. Unsere Instinkte führen nicht notwendigerweise zu guten Handlungen. Also geht es im Leben immer darum, Strukturen aufzubauen und doch innerhalb dieser Strukturen frei zu bleiben. Wir sind animalisch, letzten Endes, und wir kämpfen mit Definitionen und Werten. Es ist interessant, dass wir beide kurz vor einer Vorstellung von „Sun“ über diese Themen reden, denn in „Sun“ steckt eine Menge davon. Wenn Sie dieses Stück sehen, lassen Sie dann einfach zu, wie diese Bilder in Sie eindringen, schauen Sie dann einfach nur hin, erfahren es, wie es ist, ohne zu versuchen, es zu verstehen – oder – und das Stück steckt voller Täuschungen, Sie wissen nie genau, was gerade wirklich passiert – Sie lassen es auf sich wirken, Sie lassen es geschehen. Manche Leute schaffen das erst am Ende und haben wirklich eine harte Zeit bis dahin. Manche Zuschauer geben in der Mitte die Kontrolle auf und sagen, so, jetzt lasse ich das einfach geschehen.

AzT: Und was ziehen Sie vor?

HF: Dass die Leute sich hingeben. Das ist es, was mir widerfährt, jedes Mal. Aber natürlich ist da jeder verschieden. Das war eben die Spannung, in der ich dieses Stück geschaffen habe: Ich will ja auch nicht den Sinn eines Werkes dem Publikum auf einem silbernen Tablett überreichen! So lasse ich es in einem abstrakten Kontext stehen, die Zuschauer erleben eine sinnliche Erfahrung. Das ist tricky. Es kann für manche Menschen eine sehr frustrierende Erfahrung sein.

AzT: Inwiefern?

HF: Indem sie verstehen möchten, und nicht verstehen.

AzT: Erklären Sie den Titel des Stücks, bitte.

HF: Es geht um Ambivalenzen, im Stück wie bei der wirklichen Sonne. Sie schenkt uns Leben und wird doch, aller Vorraussicht nach, unser menschliches Leben hier beenden, die Sonne ist etwas Zärtliches, aber sie verbrennt uns auch, etwas, das zugleich schön und gefährlich ist. Für uns ist es etwas sehr Entferntes. Ein Imago – wir wissen, das dahinter sehr viel anderes steckt, aber nicht genau, was. Also, während Sie das Stück verfolgen, ist da immer etwas, das nicht stimmt, das Ihnen ein unbehagliches Gefühl verschafft. Sie wissen, da ist etwas Dunkles, Sie wissen, da wird etwas verschwiegen und alle lügen – dieses Gefühl, diese Ambivalenz interessieren mich. „Sun“ ist lustig, merkwürdig. Aber es gibt hier auch unterschiedlichste Reaktionen auf den Farbenreichtum oder die vielen Schichten dieses Stücks, auf die das Publikum nicht weiß, wie es reagieren soll…Ich nenne meine Tänzer in diesem Stück „Spieler“, nicht Tänzer, weil das für mich am besten trifft, was sie da tun – uns im Unklaren darüber lassen, was wirklich geschieht.

AzT: Ich weiß man wartet jetzt auf Sie, eine letzte Frage noch.

HF: Ok.

AzT: Was ist Ihr Leben in London? Was tun Sie, wenn Sie nicht choreographieren? Was lesen Sie?

HF: Ich habe kein Leben. Ich toure das halbe Jahr. Wenn ich in London bin, habe ich ein Meeting nach dem anderen, Proben…Mein Leben ist meine Arbeit, hauptsächlich. Und ein bißchen Familie, was wunderbar ist. Im Augenblick lese ich Rilke. Naja, Ihnen muß ich ja nicht sagen, warum. Und im Moment höre ich entweder elektronische Musik oder Barockmusik. Ich habe eine Abhängigkeit entwickelt von Barockmusik.

 

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