Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Leben ist Information

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Was Genforscher über den Körper sagen, interessiert einige zeitgenössische Choreographen brennend. Sidi Larbi Cherkaoui erklärt, was das mit seiner belgisch-chinesischen Premiere "Genesis" zu tun hat

Yabin Wang ist eine bereits als Kind in klassischem chinesischem Tanz ausgebildete Virtuosin. Ganz China kennt sie als Schauspielerin aus Fernsehserien. 2009 gründete sie ihre eigene Tanzgruppe „Yabin Dance Studio“. Sidi Larbi Cherkaouis neues Stück „Genesis“ ist in Zusammenarbeit mit ihr entstanden – was auf ihre Initiative zurückgeht – und sie tanzt darin auch mit. Die Premiere fand vor wenigen Wochen in Bejing statt. Am Freitagabend zeigte „De Singel“ in Cherkaouis Heimatstadt Antwerpen die europäische Premiere. Am darauffolgenden Morgen habe ich mit Sidi Larbi Cherkaoui über die Entstehungsgeschichte und die Themen von „Genesis“ gesprochen – nein falsch, er hat mir eine Reflektion seines Stücks auf Band gesprochen, ohne dass ich irgendeine weitere Frage hätte stellen können oder müssen….

Sidi Larbi Cherkaoui:

„Das Stück fing für mich mit Yabin an, sie war mein Ausgangspunkt. Ich erkannte mich in ihr wieder, sie ist mein Spiegelbild. Sie ist eine Tänzerin, aber das genügt ihr nicht, sie zeichnet, sie produziert, sie ist eine in China berühmte Schauspielerin. Ich mochte diese Vielseitigkeit an ihr, und ihren großartigen Humor, wir lachen sehr viel zusammen und das ist sehr wichtig – wenn das Leben die Arbeit ist, dann möchte man, dass die Arbeit erfreulich verläuft. Menschen wie Yabin machen es erfreulich. Und sie ist extrem talentiert. Ihre körperlichen Fähigkeiten sind enorm, sie ist sehr beweglich, ihr technisches Niveau im klassischen Tanz ist sehr hoch, gleichzeitig fürchtet sie sich überhaupt nicht davor, sich fallenzulassen, am Boden zu bewegen in einem zeitgenössischen Idiom. In diesem umfassenden Sinne war sie der Ausgangspunkt für das Stück.

Dann fingen sie und ich an, zu diskutieren, wovon das Stück handeln sollte. Und wir beschlossen, es solle vom Wachsen handeln, wie man als Person wächst, was man dafür tun muß. Und wir stellten fest, dass unsere Bewegunen selbst sehr organisch waren, dass sie einer Energie entsprangen, die wir in unseren Körpern entstehen liessen. Dagegen empfanden wir unsere Umgebung als un-organisch und küsntlich, als würde sie sich uns ständig entgegenstellen und uns zurückhalten. Nicht nur geistig, auch ganz praktisch, denn sie war in Bejing und ich war in Belgien. Es gab physische Barrieren zwischen uns. Es war ein bißchen, als würden wir einander durch Glas hindurch anschauen. Und diese Vorstellung kam uns wieder in den Sinn, als wir über das Stück sprachen und auf das Thema Geburt kamen. Denn wo werden die meisten von uns geboren? Doch nicht in der Natur! In Krankenhäusern – natürlich geschieht das zu unserer Sicherheit und der unserer Mütter – aber das erste, womit wir in Berührung kommen, was wir sehen, als Neugeborene, ist das Latex der medizinischen Handschuhe und das Glas der sterilen Krankenhaus-Umgebung. Das geschieht alles einzig zum Schutz des empfindlichen menschlichen Körpers, aber hinterläßt doch tiefe Spuren in der Erinnerung.

Am anderen Ende des Lebenswegs, wenn es um das Sterben geht, findet das auch häufig im Krankenhaus statt. Ich erinnere mich an den Tod meines Vaters im Krankenhaus. Er starb, als ich neunzehn Jahre alt war. Geburt und Tod finden in nicht natürlicher Umgebung statt. Und dazwischen, wie oft gehen wir nicht ins Krankenhaus, werden angesehen, durchgecheckt, vermessen. Immer geht es dabei um Ziffern. Wie lang ist dieses, wie hoch ist das Cholesterin, alles wird in Zahlen ausgedrückt. Je länger wir darüber sprachen, desto klarer wurde mir, dass ich für „Genesis“ dieses Universum eines Laboratoriums schaffen wollte. In diesem Labor sollten die Tänzer manchmal Doktoren darstellen, und manchmal Patienten, Untersuchungsobjekte. Ich versuchte, es zur selben Zeit sehr offen zu halten und sehr klar, was der am schwierigsten zu findende Punkt dabei ist. Man begibt sich teilweise auf eine narrative Ebene – wie mit dem Charakter, der in einem Plastiksack in der Pathologie ankommt, dessen Genesis sich aber rückwärts abspult – er wird wieder lebendig, man testet ihn, er ist krank – und ich re-organisiere seine Lebensgeschichte sozusagen. Es handelt sich um eine Autopsie, die zugleich eine Wiederbelebung ist. Und dann sieht man die anderen Ärzte, die begreifen, oh, er ist ja noch lebendig.

Es erinnert natürlich auch an Christus, der nach drei Tagen vom Kreuz abgenommen wird und wiederaufersteht. Das Stück funktioniert wie ein Rubicube: Man stellt Bilder zusammen, die dann eine Art von Bedeutung ergeben. Das Stück ist voller Symbolismus und voller Symbole, die neben einander stehen wie in einem Traum. Kazotuki Kozuki, der japanische Tänzer, ist mein Alter Ego im Stück – der ewige Patient, der versucht, sich einen Reim zu machen auf alles um ihn herum, auf die Erfahrungen, die er macht und auch auf die ganze Expertise um ihn herum – wie die Ärzte ihn lenken und ihm zeigen, wie er sich zu verhalten hat…Und dann kommt er mit einer Wahrheit heraus, in einem Monolog, den er auf Japanisch hält – denn er kennt das Geheimnis des Alterns. Unsere DNA kopiert sich selbst, verliert dabei aber immer etwas an Informationen – die Telomere – der letzte Teil unserer DNA – an einem gewissen Punkt verlieren wir soviel Information, dass wir nicht länger in der Lage sind zu existieren nicht in dieser Form. Und ich glaube, es ist sehr wichtig zu erkennen, dass Information Leben bedeutet. Je mehr Information da ist, desto mehr Leben. Und je mehr Information man verliert, desto näher ist man dem Sterben. Wenn man darüber nachdenkt, als Tänzer, dann wird einem bewußt, wei wichtig jeder einzelne Moment ist – jede kleine Geste wird bedeutend. Und wenn ich dann eine Tänzerin wie Yabin sehe, für die jeder Moment Bedeutung hat, und die jede Geste so genau artikuliert. Alles hat Bedeutung für sie. Es ist sehr schön, einen Tänzer zu sehen mit soviel Begabung dazu, im Moment zu leben. Vielleicht ist der beste Weg, um zu wachsen, immer im Hier und Jetzt zu verweilen, den gegenwärtigen Augenblick zu umarmen.“

 

Fußnote:

Auf den letzten Metern des Jahres 2013 hat der Pariser Verlag „Les Editions Textuel“ einen wunderschönen Bildband über Sidi Larbi Cherkaoui herausgebracht. Ja, der Text der Tanzjournalistin Rosita Boisseau ist auf Französisch, mais oui, naturellement, aber es handelt sich dabei quantitativ bloß um eine Einleitung für einen herrlichen Bildband, der an alle Stücke wunderbar erinnert. Im Anhang gibt es eine Liste aller Stücke. 24,90 Euro ww.editionstextuel.com  Das Buch wurde gefördert von der Fondation BNP PARIBAS und man kann es bestellen auf www.eastman.be

 


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