Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Pina braucht Fotos

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Pina braucht Fotos, sagte der Tänzer Jan Minarik am Telefon zu dem Fotografen KH W. Steckelings, und dieser kam. Es war das Jahr 1974. Nun sind diese Dokumente veröffentlicht.

 

Es gibt erfreulich viele verschiedene Bücher über die 2009 verstorbene berühmteste deutsche Choreographin, Pina Bausch, und ihr Werk. Bücher von Fotografen, von Tänzern, von Journalisten, Bücher von Anne Linsel, Ursula Kaufmann und Walter Vogel, von Jo Ann Endicott und Jochen Schmidt, von Norbert Servos und Gert Weigelt und anderen. Nun aber ist noch eines erschienen, und das ist dann doch ein ganz besonderes. „Pina Bausch. Backstage“ zeigt nämlich nicht, was wir schon zu kennen glauben, aus anderer Hand, sondern was die wenigsten von uns kennen aus der einzigen Hand, die damals, in der ganz, ganz frühen Zeit, überhaupt eine Kamera richtete auf das eben ans Werk gehende frische Wesen der Revolutionäre. KH.W. Steckelings heißt der Fotograf, ein Experte für und Sammler von Fotografie.

In den Jahren 1974 und 1975 fotografierte er am Wuppertaler Theater für Programmhefte von Pina Bauschs Stücken. Dabei blieb er stundenlang in den Proben anwesend und war offenbar von einer so unaufdringlichen, angenehmen Präsenz, dass alle agierten, als wäre keine Kamera anwesend. 1400 zum größten Teil nie abgezogene Bilder entstanden auf diese Weise, alle schwarz-weiß. Klaviere, Ballettstangen, Tische, Stühle, Aschenbecher sind die stummen Zeugen des neuen Theaters wie die Kostümständer und Matratzenstapel. Auf einige wenige Aufnahmen, die Tänzer in Arabesken zeigen kommen viele, die sie in wartenden, nachdenklichen Positionen dokumentieren, – mit in die Hüften gestemmten Händen – und viele Bilder vollkommen in das Ausprobieren vertiefter Menschen in seltsamen Kostümierungen. An einem Novembertag 1974 liebte es Pina Bausch, einen Schlapphut aufzuhaben, und bewies Broadway-haften Übermut, als sie mit dem Hut, verschränkten Armen, vorgeschobenem Becken und auf den Spitzen ihrer kräftigen Strassenschuhe stehend, frech blickte.

Im Vorwort zu dem Schwarz-Weiß-Band schreibt Salomon Bausch, ihr Sohn und Vorstand der Pina-Bausch-Stiftung, er danke es einem besonders glücklichen Zufall, Steckelings begegnet zu sein. Was für eine zauberhafte Entdeckung. Konzentration und Spannung, aber auch Stillstand und Erschöpfung des Probenprozesses sieht Salomon Bausch in den Fotografien.

Nora und Stefan Koldehoff berichten in ihrem einleitenden Essay, Aufführungen der fertigen Stücke habe Steckelings nie besucht. Mit seiner Asahi Pentax sei er im Probenraum dieser sich neu erfindenden Kunst erschienen und habe instinktiv gewußt, dass er dort am richtigen Ort war. Die zentrale These der Koldehoffs leuchtet ein und ist so bestechend formuliert wie ihr ganzer schöner Essay, der das Schaffen Pina Bauschs noch einmal historisch betrachtet und ihre ästhetische Revolution treffend beschreibt. Sie schreiben:

 

Die Fotos, die KH W. Steckelings in den ersten Jahren des Tanztheaters Wuppertal aufgenommen hat, konnten nur entstehen, weil seine Arbeitsweise der von Pina Bausch in vielem entsprach. Mit seiner Kleinbildkamera hielt er sich im Hintergrund, agierte behutsam, näherte sich den Tänzern mit dem Objektiv so vorsichtig wie Pina Bausch mit ihren Fragen: kein künstliches Licht, keine inszenierten Posen – nur die Suche nach dem Eigentlichen, nach den grundsätzlichen Themen der eigenen Existenz, die jeden Menschen jenseits seines Alltags beschäftigen. Auch für ihn ging es darum, eine eigene Gestaltung des Geschehens zu finden – und nicht darum, die fertige Gestaltung einer anderen Kunst einfach nur abzulichten. Zugleich bewahrte ihn der Anspruch auf Gestaltung vor allem subjektiv Neugierigen. Keines seiner Bilder hat auch nur den Hauch des Indiskreten. Darin bestand vielleicht die tiefste Wesensverwandtschaft zwischen seiner und Pina Bauschs Art des Arbeitens, obwohl sie ihn darüber meist im Ungewissen ließ.“

KH W. Steckelings: „Pina Bausch backstage“. Herausgegeben von Stefan Koldehoff. 30 x 21 cm, 184 Seiten, Leinen mit Schutzumschlag, 36 Euro.

ISBN: 978-3-907142-99-8

 

Erschienen im Nimbus Verlag in Kooperation mit der Pina Bausch Stiftung. Mit einem Vorwort von Salomon Bausch sowie einem Essay von Nora und Stefan Koldehoff. 

www.nimbusbooks.ch

 

 

 

 

 

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  1. Vernissage / Ausstellung "Pina Bausch backstage" im Café im Dorf in Haan-Gruiten 18.6.-14.9.2014
    Der Artikel weckt Interesse auf mehr … zu dem Fotoband „Pina Bausch backstage“ gibt es die erste Vernissage (18. Juni) und Ausstellung (bis zum 14. September 2014) mit und von dem Fotogafen KH. W. Steckelings in der besonderen Atmosphäre des Café im Dorf im idyllischen Haan-Gruiten. Weitere Informationen finden Sie unter http://www.cafe-im-dorf.net

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