Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Berlins liebstes Einhorn

Im Alter von 88 Jahren ist die Berliner Ballerina Ingeborg Höhnisch gestorben. Sie war Jean Cocteaus Einhorn, probte mit Mary Wigman an "Sacre" und tanzte für Visconti. Ein Nachruf

Als wenn man es nicht wüßte. Als wenn man nicht wüßte, dass die Tage, die man mit einem sehr alten Menschen wird verbringen können, gezählt sind. Nein, man schiebt eine Verabredung, auf die man sich eigentlich sehr freut, die aber sehr gut vorbereitet sein will, ein wenig heraus. Aus Wochen werden Monate. Aus Scheu, denn man kennt die Person nicht gut, eigentlich überhaupt nicht, und man fürchtet zu stören, Unruhe zu stiften, die vielleicht, weil die Vergangenheit so intensiv zurückgerufen wird, schlaflose Nächte bringt. Aus Scheu und weil die Gegenwart ständig neue, soviel vehementer vorgetragene Forderungen bereithält, zögert man.

Kritiker sind Leute, die wie die Tänzer, die Musiker, die Schauspieler in den Tag leben und flußabwärts schwimmen. Sie nehmen vor, was ihnen auf der Bühne gezeigt wird. Voll konzentriert, absolut auf den Punkt, unabgelenkt, parat. Auf dem Sprung zu realisieren, wessen sie gerade Zeuge werden. Wohnen sie einer Premiere bei, von der vielleicht noch in hundert Jahren gesprochen wird? Oder erwartet sie ein Flop? Oder wird es sich um eine von hundert Abstufungen zwischen diesen Extremen handeln? Spring in den Fluß und urteile jetzt, heißt unsere Variation von Carpe Diem. Am nächsten Morgen läuft die Zeit ab.

Aber eines Tages öffnete mir Ingeborg Höhnisch die Tür zu ihrer Berliner Wohnung und lud mich lächelnd ein, näherzutreten. Zwei Stunden saßen wir neben einander und das Band lief und wir blätterten ihre Alben durch mit Fotografien und Kritiken aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie hatte das Einhorn getanzt in einem Ballett von Jean Cocteau. Ich fragte und sie machte wegwerfende Handbewegungen. Sie freute sich aber doch, sie erklärte, sie erzählte mir, lange hatte sie nicht von ihrem Tanzen so detailliert gesprochen, schien es. Ich nannte sie danach im Stillen das Einhorn, wenn ich an sie dachte, das schien mir Schönheit, Verzauberung, Fremdheit, Einsamkeit zu enthalten, alles, was ich mit Respekt vor ihr zu einem Bild in mir formte.

Von Ingeborg Höhnisch hatte ich durch ein Email ihrer Schwester Erika Goering erfahren. Diese hatte in der Zeitung gelesen, was ich berichtete von einem Osnabrücker Rekonstruktionsversuch von Mary Wigmans „Le Sacre du printemps“. Frau Goering schrieb, ihre Schwester Ingeborg habe die Rolle des Opfers 1957 bei den Berliner Festspielen mit entwickelt und miteinstudiert, auch wenn der Part des Opfers auf der Bühne bei den wenigen Vorstellungen des Stücks stets von Dore Hoyer getanzt worden sei. Würde, fragte ich zurückschreibend sofort, wenn Ingeborg Höhnisch eine Aufzeichnung der Osnabrücker Rekonstruktion anschauen könnte, sie vielleicht imstande sein zu helfen, verlorene Teile der Partie zu rekonstruieren?

Dazu ist es jetzt nicht mehr gekommen. Ingeborg Meitzner, wie sie seit ihrer Hochzeit eine glückliche Ehe hindurch hieß, ist am 19. September in Berlin gestorben. Zwei Monate zuvor, am 15. Juli, war sie achtundachtzig Jahre alt geworden.

In einer Inszenierung von „Moses und Aaron“ tanzte sie 1960 nicht nur neben Konstanze Vernon, die dann Ballettdirektorin der Bayerischen Staatsoper wurde, sondern auch mit Marion Cito, die dann Pina Bauschs Kostümbildnerin wurde. Unter den Herren des Balletts ist einer meiner Lehrer verzeichnet, Detlef Hoppmann.

Die Todesanzeige fiel in meinen Postkasten, während ich mit dem Aufbruch zur Geburtstags-Gala für Birgit Keil beschäftigt war, einem außergewöhnlich festlichen Theater-Abend mit berührenden Gesprächen, mit guten Reden und schönen Tänzen, der bis drei Uhr morgens ging.

Am selben Wochenende zeigte die Ballettakademie Wiesbaden im Theater Rüsselsheim zwei Vorstellungen von „Der Goldene Schlüssel“, einem Ballett, das sich Direktorin Paige Perry ( früher Hamburgballett), selbst ausgedacht hat. Die Kleinsten sind Küken, tatsächliche Küken, und Mäuse auf einem Dachboden, und jede Altersstufe zeigt genau die Schwierigkeiten, die sie imstande ist, selbstbewußt und strahlend zu zeigen, alle haben Charme und besitzen jene individuelle Natürlichkeit, wie sie nur in wirklich guten Compagnien gelebt werden kann. Amazing Paige! Ich dachte an das Einhorn, das im Alter von fünf Jahren bei Rudolf von Laban Unterricht genommen hatte.