Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Heute bei ARTE: „Let’s Dance“ – Tanz für Fußfetischisten

Dieser Film, Auftakt einer dreiteiligen Serie, hält nicht, was er verspricht. Warum man lieber nur "Singin' in the Rain" schauen sollte, der vorher gesendet wird

Let’s Dance heißt eine neue ARTE-Serie, die heute abend beginnt. Womit fängt der Sender, der auch schon einen Themenabend dem Busen widmete, eine Serie über Tanz an? Natürlich mit einer Folge über den Fuß. Franchement, frei heraus, Arrrrte m’énerve pas mal. Arte, Du nervst. Irgendwie haben die Deutschen-Franzosen es geschafft, aus ihrer eigenen frischen, ach so unkonventionellen, farbenprächtigen, schnitt- und illustrationsfreudigen visuellen Herangehensweise eine Art Dogma für Kulturdokumentationen zu machen. Routine! Routine, wie die Sprecher sprechen, als würden sie dabei noch dauernd „Ohlala!“ denken. Zahlen, Daten, Fakten, Geschichte? Fehlanzeige. Sensation ist viel wichtiger, weshalb Christian Louboutin, einer der teuersten Schuhdesigner der Welt, etwas davon murmeln darf, dass Schuhfetische nicht zum Laufen gemacht sind, naturellement betonen sie eben die Erotik des Fußes, und na ja, also machen kann man in diesen Schuhen vieles, bloß nicht laufen. Sagt der Herr Schuhmacher, der dabei total super relaxed in einem Sessel fläzt, in einem blitzweißen Lacoste-Polo und knallbequemen Herren-Loafers. Es kann ihm nicht unwillkommen sein, dass im Gegenschnitt barbusige Frauen mit äußerst knappen Unterhosen in sehr hohen Schuhen sich rücklings auf Stühle werfen und mit Beinen in der Luft zappeln, an deren Füßen Louboutins sitzen – wie – ja, wie Charlotte Roche in ihrem nächsten Buch oder wie ein von seinen Käferbeinen gekippter Gregor Samsa. Die Untertitel weisen die Darbietung als eine Show von Christian Louboutin aus.

Aber zurück zu dem lehrreichen kulturkritischen Parcours über den Fuß, den diese vorurteilsfreie und libertinäre Dokumentation verfolgt. Marie-Agnes Gillot, sehr sympathischer Etoile der Pariser Oper, bestätigt die an einem Skelett veranschaulichte These der liebenswerten alten Barfußtänzerin Anna Halprin, wonach der Fuß so aufgebaut sei und so funktioniere wie die Hand. Das soll ein Argument sein für größere Bewunderung für den Fuß. Klar. In den ersten Minuten des Films wird darauf hingeleitet, die grausamste Benutzung des Fusses zuerst abzuhandeln, natürlich weil sie auch die interessanteste ist, den Spitzentanz. 35-40 Minuten braucht Gillot, bis sie bereit ist, in ihren Spitzenschuhen loszutanzen, bis sie jede Zehe einzeln mit einer zierlichen Silikonauflage versehen und diese festgeklebt hat. Damit, wie sie erklärt, die Zehen vor Reibung geschützt sind und damit vor Blasenbildung. Gut, das ist der unspektakuläre, aber eigentlich bemerkenswerte Moment dieses Films, weshalb der Film hier auch nicht verweilt. Klar, hier wird ja mal eben eines der beliebtesten Klischees des klassischen Tanzes von einer zerstört, die in dessen Zentrum arbeitet. Das hat das Fernsehen nicht so gerne. Gillot beklebt nämlich absolut makellose Füsse. Mon Dieu, dann besteht in Wahrheit der Alltag des Balletts gar nicht aus Blut Schweiß und Tränen und Salat als Abendessen am Ende eines Tages mit Orangensaft zum Frühstück und nichts zum Mittagessen? Sondern die Ballettwirklichkeit besteht nur aus Schweiß und Tränen und Salat? Zugegeben, Gillot wird nicht beim Essen gezeigt – schließlich geht es ja um den Fuß – aber sie schwitzt auch nicht und sie sieht auch nicht aus, als könnten Choreographen sie leicht zum Weinen bringen. Sie erklärt vielmehr ganz sachlich, wie wenig Material zwischen den Zehen und dem Fußboden so ein Spitzenschuh eigentlich bietet.

Da sind natürlich von Louboutin ausgestattete ganze Frauen mit sehr wenig Material zwischen sich und dem Zuschauer viel mehr Bild für die Gebühr.

Man möchte den zuständigen Redakteuren den Fuss auf die Brust setzen und sie fragen, wann sie aufhören möchten, ihrem Publikum mit ihrem optisch getunten Halbwissen die Zeit zu stehlen, wann sie anfangen nachzudenken, bevor sie die Texte für solche Filme schreiben, die Werbung enthalten für schrill zurechtgemachte Künstler, die sich echte Schädel unterschrauben, um auf ihnen über die Wall Street zu laufen. Doch das gibt’s! Was das mit Tanz zu tun hat? Keine Ahnung. Die Methoden des Privatfernsehens, das Frauentausch und Verlängerung oder Vergrößerung von Körperteilen dokumentiert, finden jetzt auch im öffentlich-rechtlichen Kulturfernsehen Anklang. Information war gestern. Mal mit dem Fuß nach der Fernbedienung angeln und dieses exquisite Stück „biologischer Hochtechnologie“ – der französische Choreograph Angelin Preljocaj – dazu benutzen, abzuschalten.

„Let’s Dance“ (1/3), auf ARTE, 21:55 Uhr davor 20:15 Uhr: „Singin‘ in the Rain“