Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Neu im Kino: Die Fantasyballette des Bolschoi

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Fantasyballette nennt die Kinowerbung die Klassiker und Sowjet-Reißer, mit denen das Bolschoi-Ballett die Zuschauer in aller Welt von der Leinwand herunter erobert. Knüller. Mehr darüber....

Reclams Ballettführer schweigt sich aus, wenn es um den Namen Juri Grigorowitsch geht. Außer, dass das Lexikon ihn ein paar Mal erwähnt in der Kategorie „Ferner choreographierten „Schwanensee“ folgende….“, fehlt jede Erklärung zu Schaffen oder Person. „Legend of Love“ hat nicht mal einen Eintrag im Register des Nachschlagewerks.

Und doch interessiert gerade dieses wahrscheinlich herzzerreißende Drama auf Spitzenschuhen die Weltöffentlichkeit derzeit brennend. Denn am 26. Oktober beginnt mit der „Legende von der Liebe“ die neue Serie weltweiter Kino-Übertragungen von Moskauer Aufführungen des Bolschoi-Balletts. In der eben beginnenden Saison 2014/15, der fünften solcher Ausstrahlungen, werden sieben Ballette auf der Kinoleinwand gezeigt, vier davon live. Sechs der sieben Ballette sind von Juri Grigorowitsch. Zeit also, sich endlich mit dem Mann zu beschäftigen.

Grigorowitsch wird im Januar achtundachtzig Jahre alt. Als er das Bolschoi-Ballett 1964 übernahm, wurde er Herr über gut zweihundert Tänzer. Der sagenhafte Ruhm der Compagnie wuchs durch legendäre Gastspiele im Westen  seit 1954, bei denen Galina Ulanova und Maja Plissetzkaja Gegenstand universeller Bewunderung wurden. Sergej Filin, seit 2011 Ballettdirektor, vertraut auf Grigorowitschs Ballette als Fundament seines Repertoires.

Legend of Love“ zu Musik von Arif Melikow wurde 1961 uraufgeführt. Eine todkranke Prinzessin kann nur errettet werden, wenn ihre Schwester dafür ihre Schönheit opfert. Das bedauert sie später, als beide denselben Mann besitzen möchten. Whatever. Wie die eine oder andere Oper wird auch dieses Ballett vermutlich nicht wegen der einigermaßen märchenhaften Handlung geliebt, sagen wir es so.

Darauf folgt am 23. November „La Fille du Pharao“, Pierre Lacottes hinreißende Version von Marius Petipas Ägyptenballett zu Musik von Cesare Pugni. „Kinostar“, der verantwortliche Filmverleih, nennt es ein „orientalisches Fantasyballett“. Ja, das trifft es ganz gut. Das gab es schon mal im Kino, macht aber nichts. Man geht ja auch immer wieder in „Meine Nacht mit Maud“ oder „Zwölf Uhr mittags“ oder „Broadway Danny Rose“. „Fille“ ist eine Aufzeichnung, aber dieses Mal mit Swetlana Zakharova, also hingehen. Von Ägypten nach Indien mit Petipas Klassiker „La Bayadère“ geht es am 7. Dezember, wiederum mit Zakharova, erneut nicht live, erneut trotzdem hingehen. Man kann das berühmte „Königreich der Schatten“, mit den zweiunddreißig über die Diagonale in Arabesque penchée herunterwandernden Ballerinen nicht oft genug sehen, schon gar nicht in dieser Perfektion.

Am Sonntag, den 21. Dezember in die Live-Übertragung des „Nußknacker“ zu gehen, ist unvermeidlich und bestimmt ein buchenswerter Adventsnachmittag. Pfefferkuchen statt Popcorn.

Schwanensee“ folgt am 25. Januar und „Romeo und Julia“ am 8. März, bevor wir mit einer Live-Übertragung des Balletts „Iwan der Schreckliche“ am 19. April ins Russland des sechzehnten Jahrhunderts versetzt werden. Zu Musik übrigens, die Prokofjew für den Film Eisensteins komponiert hatte.

Zwei Dinge: Erstens sagt Alexei Ratmansky, einer der Nachfolger Grigorowitschs, dass das Sowjet-Repertoire voller interessanter Schätze sei, eine Aussage, die Mikhail Baryshnikov wiederum bezweifelt. Alle anderen im Westen haben große Fragezeichen in den Augen. Ich jedenfalls, und mit diesem „Wahr oder nicht wahr“, Ratmansky oder Baryshnikov, im Hinterkopf werde ich „Iwan den Schrecklichen“ noch interessanter finden. Sergej Filin bedauerte in einem Interview, dass die zeitgenössischen Werke, die das Bolschoi-Ballett längst auch tanzt, selten auf dem Spielplan bei Gastspielen gefragt sind. Der Westen will das Bolschoi in „Schwanensee“ sehen, noch immer. Oder in „Iwan“. Nur Paris wählte anders: Im Januar waren Ratmanskys „Verlorene Illusionen“ mit dem Bolschoi im Palais Garnier zu sehen, eine Sternstunde mit Diana Vishneva. Es ist so faszinierend zu spekulieren, wohin sich der post-neokklassische Tanz entwickeln wird und wo genau sich das abspielen wird. Bis dahin nehmen wir in diesem Kinoherbst Nachhilfe beim Bolschoi und werfen uns auf die Grigorowitsch-Forschung.


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