Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Kann man den „Zauberberg“ vertanzen? Über Romane als Ballettvorlagen

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Sind nicht die besten Werke des Tanzes jene, die wie Gedichte lesbar scheinen? Da draußen in den Stadttheatern arbeiten aber meistens Prosaisten. Kann das gutgehen?

„Poet des Tanzes“ würde kein Choreograph zur Zeit genannt werden; poetisch klingt nicht sexy im Internet. Es ist ein Wort außerhalb des www. Seltsam, es dauert gerade mal zwanzig Jahre und schon weiß man nicht mehr, was die Leute mit dem metaphorisch eingesetzten Wort Poet genau gemeint haben könnten. Erich Walter, Tänzer, Choreograph und Ballettdirektor zunächst in Wuppertal und von 1964 an der Deutschen Oper am Rhein, wurde in einer Veröffentlichung des Theatermuseums der Landeshauptstadt Düsseldorf 1993, die ihn zehn Jahre nach seinem Tod würdigte, so genannt. Daraus muß man zunächst schließen, dass das ein Kompliment war.

Liest man in der Dokumentation, dann kann sich „Poet des Tanzes“ auf die Arbeitsweise Walters beziehen, der gerne Uraufführungen schuf, anstatt die bekannten Werke des Repertoires neu zu choreographieren. „Poet“ also im Sinne von „Autor“ gebraucht, verbunden mit der formalen Beobachtung, dass seine Ballette weniger nacherzählbare Handlungen boten wie etwa realistische Romane oder Theaterstücke des neunzehnten Jahrhunderts, sondern in atmosphärische eigene Welten führten, Welten, in denen vergleichbare ästhetische Gesetze galten wie in der Lyrik.

Der Tänzer und Ballettmeister Peter Vondruska hat mir die Schrift über Erich Walter geschickt, dafür noch einmal meinen sehr herzlichen Dank an dieser Stelle: Tief verbunden!

Was mich besonders erstaunt hat, ist das Vorwort von Josef Krings, Oberbürgermeister der Stadt Duisburg von 1975 bis 1997. In Deutschland ist es ja schon etwas Besonderes, wenn Bürgermeister sich für Ballett interessieren oder auch nur vorgeben das zu tun – was im Ergebnis auf dasselbe herauskommt. In Frankreich sitzen in manchen Ballettvorstellungen fünf Minister. Das in Deutschland zu erleben, wird mir nicht vergönnt sein, soviel Pessimismus sei gestattet.

Aber Oberbürgermeister Krings kannte Erich Walter und besuchte dessen Premieren. Der erste Satz seines Texts lautet: „Mich beeindruckten zwei große deutsche Choreographen, Kurt Jooss und Erich Walter“. Unglaublich. Josef Krings hat Proben von Erich Walter angeschaut und sich beim Bier von Kurt Jooss dessen Flucht vor den Nationalsozialisten erzählen lassen.

Mit einer Tanzauffassung zu arbeiten, eine Weltwahrnehmung zu besitzen, die poetisch sind, meint etwas ganz Einfaches. Es bedeutet, den Tanz als künstlerische Ausdrucksform zu sich finden zu lassen, nicht als Mittel zum Zweck zu betrachten. In dieser Ästhetik ist Tanz kein Ersatz für einen Hollywoodfilm oder einen klassischen Roman. Ganz im Sinne von Balanchines Neoklassik würde man sein Ballett „Mozartiana“ seinem „Don Quichote“ vorziehen.

Eine andere Beobachtung von Josef Krings im selben Text ist zutiefst irritierend. Er beschreibt, wie die Kritik nach anfänglicher Begeisterung das Interesse an Walters Werken verloren hätte. Das Tanztheater wurde populär, „und Erich Walter geriet aus dem Scheinwerferlicht“.

Wenn man das liest, wird einem ganz beklommen zumute. Es erinnert daran, wie leicht Kritik mißverstanden werden kann als Seismographie. Wir sind auch mal die Indianer mit dem Ohr am Boden, die die Büffelherde hören können, obwohl diese Stunden entfernt grast und nichts tut, als mit sanften Büffellippen das Präriegras abzurupfen. Aber deshalb sollten wir auf keinen Fall vom Boden hochkommen mit dem Ausruf: „Oh mein Gott! Da hinten hinter den Rocky Mountains gibt es eine Gruppe vierbeiniger behaarter Wesen, die Gras kauen und wir möchten gar nichts anderes mehr kennen als diese Götter im Fell und Lippen haben wie sie.“ Nein, wir sollten nicht darüber lachen, dass vor zwanzig Jahren die Bezeichnung „Poet des Tanzes“ fabelhaft klang. Wir sollten die Ästhetik nicht vergessen, die das beschreiben wollte und fragen, welche Choreographen der Gegenwart so tief in die zeitgenössischen Möglichkeiten des Tanzes eindringen, dass ihre Choroegraphien komplex, auf mehreren Ebenen lesbar, auslegbar und doch geheimnisvoll erscheinen. Denn dominieren nicht die Prosaisten zu sehr das Geschehen? Wie viele „Anna Kareninas“ brauchen wir noch als Ballett? Hat Alexei Ratmansky wirklich recht, wenn er sagt, nur Vorlagen des neunzehnten Jahrhunderts könnten choreographisch auf der Basis des klassischen Tanzes umgesetzt werden, keineswegs aber Stoffe des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts? Und heißt die Tatsache, dass seine „Illusions perdues“ ein großartiges Ballett geworden sind, dass wir noch ein „Momo“-Ballett brauchen?

Der Dortmunder Ballettdirektor Xin Peng Wang ist der Auffassung, Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“ sei eine geeignete Vorlage für ein Ballett, die Premiere ist im November. Wie sein Naphta wohl seine Überzeugungen tanzt? Und wie Peeperkorns wundervolle Ansprachen wohl in Brisés Gestalt annehmen? Wir können es kaum erwarten, den Textvergleich. Gleichfalls in dieser Spielzeit wird David Bombana für das Ballett Karlsruhe Franz Kafkas Roman „Das Schloss“ choreographieren.

Ich warte auf „Krieg und Frieden“, finde ich auch ein super Buch. Oder alle Teile von „Harry Potter“, das könnte sich ja über mehrere Spielzeiten erstrecken.

Oberbürgermeister, die mit mir Bier trinken und über Lyrik sprechen möchten, meine Anschrift ist der Redaktion bekannt.


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