Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Doch, Tänzer können sprechen.

Und zwar sehr interessant! Watch it! Die Tänzer des "New York City Ballet" erzählen von ihrem Leben in der neuen Staffel der AOL online Dokumentation.

Wendy Whelan zum Beispiel. Die in Louisville, Kentucky geborene wunderbare Ballerina des New York City Ballet hat vor wenigen Tagen ihren Abschied von der Company gefeiert. Zwei Drittel ihres Lebens gehörte sie zu diesem Zeitpunkt dem von und für George Balanchine gegründeten Ensemble an – unglaublich. Mit Ende vierzig hat jemand wie Whelan nicht nur ein dreißigjähriges Berufsleben hinter sich. Vor dem Examen an der „School of American Ballet“ liegt eine zehnjährige Ballettausbildung. Whelan trat 1984 als „Apprentice“, als Lehrling, in das NYCB ein, eine Art Anstellung auf Probe. Im besten Fall hört man ein Jahr später die erlösenden Worte, man werde einen Vertrag erhalten. Dann tritt man ins Corps de ballet ein, wird Gruppentänzer/in. Und im allerglücklichsten Fall hört man erst drei Jahrzehnte später all die vielen Glückwünsche und Gratulationen zu einer beispiellosen Karriere, wie Whelan sie erlebte. Mit Jerome Robbins arbeitete sie intensiv zusammen, Alexei Ratmansky besetzte sie in allen vier Balletten, die er für das Ensemble schuf. Sie verkörpert genau die Qualitäten, die Balanchine an seinen Tänzerinnen liebte – sie ist feminin, stark, schnell, smart und stylish, sie besitzt Persönlichkeit, sie ist eckig.

AOL hat eine Fernsehdokumentation mit dem NYCB produziert, deren zweite Staffel am 4. November anläuft. Wer es noch immer nicht glauben will, dass Tänzer die fleißigsten, musikalischsten, diszipliniertesten und bestaussehenden Künstler sind, einfach die coolsten, der kann sich ab nächste Woche Dienstag online davon überzeugen.

Silas Farley, zum Beispiel, kommt in der neuen Staffel vor. Er ist noch im Status des Apprentice. Das heißt, er war es zum Zeitpunkt der Dreharbeiten, denn seit dem Sommer 2013 ist er Mitglied des Corps de ballet. Aufgewachsen in Charlotte, North Carolina, sah Farley zum ersten Mal Tanz, als er sechs Jahre alt war und seine Mutter ihn zu einer Vorstellung in der Kirche mitnahm. Überwältigt von der Power, mit der diese Tänzer den Raum erfüllten, beschloß Silas, das wolle er auch lernen. Mit sieben Jahren ging er zum Ballettunterricht, lernte steppen und Jazztanz. Mit neun Jahren wußte er, er würde nicht irgendwo tanzen wollen, sondern allein am New York City Ballet. Der Vierzehnjährige wurde in den Sommerkurs der School of American Ballet aufgenommen und nach wenig mehr als einer Woche Kurs teilte man ihm mit, er dürfe bleiben. In der Dokumentation strahlt er, als er das erzählt und sagt, seither habe er New York nicht mehr verlassen und hoffe auch nicht, dass er das in absehbarer Zeit müsse. Ach ja, selbstverständlich Farley choreographiert auch, seit er zwölf Jahre alt ist.

Es ist absolut ungewöhnlich, wie Tänzer aufwachsen, dass sie mit drei oder vier Jahren etwas entdecken, wovon sie in der Grundschule feststellen, dass sie es zu ihrem Beruf machen möchten. Wenn andere Kinder Abitur machen und sich in der Welt umschauen um herauszufinden, was sie einmal werden möchten,wenn sie schließlich mit fünfundzwanzig oder sechsundzwanzig Jahren ins Berufsleben eintreten, dann werden Tänzer am NYCB mit siebzehn zwischen siebenundachtzig andere Tänzer gestellt, und müssen täglich beweisen, dass sie da zurecht stehen, dass sie die körperliche, geistige und seelische Stärke besitzen, ein Profi zu sein. Manche sind gerade mal siebzehn und wohnen zum ersten Mal alleine in einer Großstadt, ha, nicht in irgendeiner Großstadt, in New York! – und vielleicht wissen sie noch nicht einmal, wie man Gemüse kocht oder ein Steak brät. Dafür tanzen sie acht verschiedene Balanchine-Ballette unter dem kritischen Auge von jedermann. Sie gehen raus auf die Bühne nach drei ordentlichen Proben, nicht mehr im schlimmsten Fall. Es war keine Zeit, jemand anders hatte sich verletzt. Jetzt zeigt es sich: Ist sie, ist er „Hot Stuff“, zum Bleiben gemacht, zum Besiegen des Publikums geboren?

Die Dokumentation durchwandert alle Rangstufen der Company. Sara Mearns, „Principal Soloist“, also Erste Solistin an der Spitze der Company, tanzt elf bis dreizehn verschiedene Ballette, nicht im Monat oder pro Saison, sondern pro Woche.

Dreißig Jahre Altersunterschied können zwischen einem Apprentice und einem Principal liegen, und Dutzende von Balletten, und Herkunftsunterschiede und solche ethnischer Abstammung. Spielt keine Rolle dafür, wie gut sie zusammenarbeiten. Aber es macht eine solche Dokumentation so faszinierend. Wo immer sie herkommen, sie sind hochbegabt. Mann, sind Tänzer aus der Nähe interessant. Viel interessanter als ihr Chef Peter Martins, in diesem Fall. Obwohl der auch mal einer war. Bygones.

http://on.aol.com/show/517887470.471-city-ballet/518479136