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Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

30. Nov. 2014
von Wiebke Hüster
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Jérôme Kaplan. Ein Porträt des weltberühmten Kostümdesigners

###Vorhang für “Paquita”

Kostümdesigner sind Leute, die Stücke ausstatten, die sehr berühmte Kostümdesigner vor ihnen ausgestattet haben. Kostümdesigner sind außerdem Leute, die Stücke ausstatten, die sie selbst bereits ein oder mehrere Male ausgestattet haben.

Jérôme Kaplan weiß, wie man die Klippen, an denen Kreativität zerschellen kann, umschifft, und auf Kurs bleibt. Léon Bakst, den großen Ausstatter der Ballets Russes, Jürgen Rose, der mit John Cranko „Onegin“ schuf, das berühmtste Handlungsballett des zwanzigsten Jahrhunderts und Ezio Frigerio, der für Giorgio Strehler und Rudolf Nurejew arbeitete, nennt er als seine größten Vorbilder. Der 1964 geborene und in Paris lebende Kaplan zählt wie sie zu den wenigen Ausstattern, deren Bühnen- und Kostümbilder weder vor dem Tanz kapitulieren noch ihn visuell dominieren wollen. Begonnen hat er in Oper und Schauspiel, aber in der Ballettwelt hat er einen Namen, seit er für Jean-Christophe Maillot, Bertrand d’At, David Nixon und Alexei Ratmansky entwarf. Was ihm gelingt, ist, einen seltenen Sinn für Schönheit, für Farben, Proportionen, Stoffe, zu verbinden mit einem absolut authentischen, historisch informierten Stil. Fake gibt es bei ihm nicht. Monatelang sitzt Kaplan in Kostümbibliotheken, studiert Uniformen des neunzehnten Jahrhunderts, zeichnet Details von Ballkleidern ab, exzerpiert, kopiert. Ganze kostbare Autographen in unhandlichen Formaten füllt er mit Vorschlägen, skizziert, koloriert, befestigt passende Stoffmuster an den Seiten. Wochenlang arbeitet er daran, die historischen Inspirationen so zu adaptieren, dass seine wichtigsten Kriterien erfüllt sind. Seine Entwürfe müssen den Tänzern volle Freiheit in der Bewegung lassen, trotzdem müssen sie angezogen aussehen, angekleidet, nicht kostümiert. Im Ballett so Kaplan, müsse eine Figur sofort eindeutig identifizierbar und charakterisiert sein durch das Kostüm, denn Sprache fehle ja.

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In der Tat, die Figuren sprechen einander nicht mit Namen an, bevor sie zu ihrem Pas de deux ansetzen. Zeit und Ort der Handlung müssen erkennbar sein. So tief sich Kaplan auf das Studium der historischen Vorlagen einläßt, so elegant und zeitgenössisch übersetzt er diese in seine eigene Handschrift und mit ihr in das ästhetische Verständnis der Gegenwart. Die großen Handlungsballette, die er ausstattet, werden mit unvorstellbarer Sorgfalt produziert, und sie sind darauf ausgelegt, mindestens ein Jahrzehnt im Repertoire zu bleiben. Manchmal werden sie auch zwanzig oder sogar dreißig Jahre gespielt. Kaplans Antwort auf die Ungewissheit im Hinblick auf den Geschmack der Theaterwelt fünfzehn Jahre von heute ist Purismus. Alles muß schlicht und stilsicher wirken.

Im Augenblick steht Jérôme Kaplan vor zwei großen Premieren. Am 13. Dezember feiert „Paquita“ in München Premiere, die Rekonstruktion des berühmten Balletts von Marius Petipa, die das Bayerische Staatsballett in die Hände des besten klassischen Choreographen unserer Zeit gelegt hat, in die Hände von Alexei Ratmansky. Hier hat Kaplan Bühnenbilder geschaffen, die dreidimensionale Elemente einschließen und so wesentlich aufregender in die phantastische Ballettwelt des neunzehnten Jahrhunderts entführen als Hintergrundprospekte oder Videoprojektionen allein es vermöchten. Am 18. Dezember hebt sich der Vorhang über einem „Nußknacker“, den er für die Mailänder Scala entworfen hat.

Mit Ratmansky, den er kennenlernte, als das Bolschoi-Ballett in Paris gastierte, hat er bereits zwei Mal zusammengearbeitet. 2010 brachten die beide „Don Quichote“ bei „Het Nationale Ballet“ in Amsterdam heraus, und 2011 feierten sie die Premiere des Balzac-Balletts „Illusions perdues“ in Moskau. www.jeromekaplan.com

###Jérôme Kaplan

30. Nov. 2014
von Wiebke Hüster
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27. Nov. 2014
von Wiebke Hüster
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Klappe halten, Gwyneth Paltrow

Wann ist ein Mann ein Mann, fragte der eben mit neuen Songs ins Rampenlicht zurückgekehrte Herbert Grönemeyer früher, (Herbert, ehrlich: Haus, Frau, Kind, Baum, Boot, Runtastic-App). Wir fragen „Wann ist ein Klassiker ein Klassiker?“ Oder wem die Frage zu einfach ist: „Welches Ballett möchten wir immer wieder sehen, nach welchem Ballett sehnen wir uns zurück, wenn wir in einem anderen, richtig schlechten Ballett sitzen?”

Dazu kurz folgende Abschweifung: Zuletzt saß ich in einem wirklich nicht guten Ballett und gab das anschließend auch in der Zeitung zu Protokoll. Das Ballett hatte sich den Titel und die – allerdings abgespeckte – Besetzungsliste eines der größten Romane der Weltliteratur hergenommen und die Vorlage ihrer wesentlichen Unterhaltungsaspekte entkleidet. Die Choreographie machte das nicht wirklich wett. Bygones. Daraufhin bekam die Zeitung Leserpost, in der meine Meinung überwiegend nicht geteilt wurde. Ob denn Texte wie meiner nicht kontrolliert würden? Äh, wir nennen das „redigieren“ und ein prominenter Redakteur dieser Zeitung hatte das selbstverständlich getan. Dann aber kam der eigentlich interessante Leserbrief. Dieser Mann schrieb, an meinem Aussehen wäre einiges auszusetzen und empfahl mehr Sex, speziell um gefühlvolle Pas de deux in Zukunft besser nachvollziehen zu können. Ich habe überlegt, ob ich dem Mann antworten soll, aber entsetzte Kollegen und Freunde rieten davon energisch ab. Ein liebenswürdiger Eingeweihter schrieb mir, er habe noch nie soviel „Fremdscham“ empfunden. Das tat gut. Den Rest von Schrecken vertrieb ich auf Youtube, mit der „Jimmy Kimmel Show“ – das ist die Show, in der Sarah Silverman mit Matt Damon erschien und „I’m f**in’ Matt Damon“ sang. Die Rubrik „Celebrities read mean tweets“ ist voller Highlights. Adam Sandler etwa kriegte getwittert, sollten Aliens auf die Erde kommen und einen Erdling zu verspeisen wünschen, würde der Betreffende sofort zu Adam Sandlers Haus fahren – mit einem Netz. Oder dieser: „Gwyneth Paltrow, you ugly ass big bird looking bitch, shut the f**k up!“ Phantasievoll. Quasi unübersetzbar, aber genau das Beleidigungsschema meiner Zuschrift. Wann ist ein Mann ein Mann? Wenn er sich unter Kontrolle hat? Wann ist ein Leserbrief ein Leserbrief? Wenn er sachliche Argumente enthält?

Wann ist ein Klassiker ein Klassiker, hieß die interessantere Frage weiter oben. In Karlsruhe demonstriert gerade das Badische Staatsballett, inwiefern John Crankos Shakespeare-Adaption „Der Widerspenstigen Zähmung“ Klassiker-Aspekte aufweist. Sie – alle beteiligten Tänzer! – tun es wundervoll. Ich sah Blythe Newman als Katharina und als Petrucchio Filip Barankiewicz, ein schauspielerisch hinreißendes Paar, das die schwierigen Pas de deux brillant meisterte. Natürlich muß es großartig sein, als Katharina, die ein irres Temperament atmen muß, an seiner Seite einen so entspannt agierenden, sicheren Partner wie Barankiewicz zu spüren. Barankiewicz ist zutiefst sympathisch, man folgt ihm ohne jedes Zögern durch die komödiantischen Verwicklungen Shakespeares wie Katharina sich ihm in den atemberaubenden Hebungen anvertraut. Cranko wußte exakt, was zu tun war, um die Geschichte klug und tänzerisch-mimisch zu erzählen, doch er wußte nicht nur das: Das Ballett atmet Shakespeare’s Witz, seinen Geist, es übersetzt das überbordende Vergnügen an der Sprache in tänzerischen Ausdruck. Irgendwie sind ja alle Ballette Crankos Fehdehandschuhe, die man Ballett-Ignoranten und Verächtern vor die Füße schleudern kann, worauf sie vor Furcht, für ihre Irrtümer büßen zu müssen, erzittern. „Onegin“ natürlich, zuallererst, aber eben auch die „Zähmung“. Arlene Croce, jahrzehntelange Tanzkritikerin des „New Yorker“, empfand oft das Gegenteil von dem, was ich denke, als richtig, so auch im Fall von Cranko. Das dürfte nun zweifelsfrei ihr amerikanischer Irrtum sein. In dem Text „Congregations, Criticism and a Classic“ ist sie 1975 über die „Zähmung“ hergefallen und berichtet, nach dem zweiten Pas de deux habe sie das Theater verlassen müssen, Cragun gefällt ihr nicht und Haydée findet sie auch nicht witzig. Wow. Dafür beschreibt sie sehr überzeugend, warum sie Paul Taylor’s „Esplanade“ für einen amerikanischen Klassiker hält. Weiter vorne im Text macht sie noch eine Bemerkung, die hilft Leserbriefschreiber besser zu verstehen. Die meisten Leute, die ins Ballett gingen, nähmen die Sache sehr persönlich und das sei auch nicht schwer nachzuvollziehen, denn: „The sensations of the theatre are such that often one is in the grip of a helpless attraction….“- Die Empfindungen, die das Theater in seinen Zuschauern auslöst ähneln dem Gefühl, einer starken Anziehung wehrlos ausgeliefert zu sein.“ So muß es wohl gewesen sein.

27. Nov. 2014
von Wiebke Hüster
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