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Christina Hucklenbroich bloggt über unser Zusammenleben mit Tieren: über Alltägliches und neu Erforschtes und lange Verborgenes

20. Mai. 2016
von Christina Hucklenbroich
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Kükentötung: Was will die Gesellschaft? Mitgehört im Gerichtssaal in Münster

Als die Lautsprecherdurchsage um 9:58 Uhr alle Interessierten bittet, die Plätze im Sitzungssaal I im Oberverwaltungsgericht Münster einzunehmen, sind die fünf Stuhlreihen längst voll: Am Freitagmorgen, 20. Mai 2016, wird öffentlich über die Frage verhandelt, ob zwei Brütereien – eine aus dem Kreis Paderborn und eine aus dem Kreis Gütersloh – männliche Hühnerküken direkt nach dem Schlüpfen aus dem Ei töten dürfen. Die Praxis ist europaweit üblich, weil die männlichen Küken aus Legehuhn-Zuchtlinien sich weder für die Eiproduktion noch für die Mast eignen; sie setzen zu wenig Fleisch an. Jährlich trifft dieses Schicksal etwa 45 Millionen Küken in Deutschland. In Nordrhein-Westfalen sollte diese Handhabung jedoch eigentlich im Jahr 2015 aufhören: Ende 2013 wies der grüne Umweltminister Remmel die Kreisbehörden damals an, den Brütereien in ihren Zuständigkeitsbereichen das Töten männlicher Eintagsküken ab 1. Januar 2015 zu untersagen. Etliche Brütereien zogen vor Gericht, beim Verwaltungsgericht in Minden bekamen sie dann Anfang 2015 Recht. Die Kreise Gütersloh und Paderborn gingen nun in Münster in Berufung – und das unter reger Aufmerksamkeit der Medien. Wer wirklich noch um kurz vor zehn dem Lautsprecher-Aufruf gefolgt wäre, hätte die Richter, die juristischen Vertreter der Kreisbehörden und den Rechtsanwalt der beiden Betreiber von Brütereien erst einmal eine ganze Weile nicht sehen können, denn vor den Sitzreihen traten sich die Fernsehteams auf die Füße. Und: Geschätzt die Hälfte der 30 bis 40 Besucher auf den Stühlen waren Journalisten.

Gut eine Stunde später wird Martin Beckmann, der Anwalt der beiden Brüterei-Betreiber, dann deshalb auch sagen, man habe ja heute morgen schon hier im Saal gesehen, worum es eigentlich gehe: um Aufmerksamkeit für politische Ziele. Das Verfahren sei nur eine Bühne: „Ein politisches Geschäft“ werde „auf den Schultern der Betroffenen“ – also der Betreiber der Brütereien – ausgetragen. Es gehe den Behörden auch gar nicht darum, das Verfahren zu gewinnen, so Beckmann.

Gewonnen haben sie auch nicht. Mittags zog sich das Gericht zur Beratung zurück, wenige Stunden später meldeten dann viele Medien das Urteil: Dem Tierschutzgesetz zufolge dürfen Tiere aus einem „vernünftigen Grund“ getötet werden. Für die Tötung der männlichen Küken aus Legelinien besteht nach Ansicht der Richter ein solcher vernünftiger Grund. Das Urteil stellt die wirtschaftlichen Nutzungsinteressen des Menschen über ethische Gesichtspunkte des Tierschutzes. Es erkennt auch an, was Anwalt Beckmann im Gerichtssaal mehrfach darlegte: Dass seine Mandanten eine Aufzucht der männlichen Küken, wie von Tierschutzaktivisten gefordert, nicht leisten können, ohne enorme wirtschaftliche Risiken auf sich nehmen zu müssen.

Protest des Tierschutzbundes in Münster vor dem Gerichtsgebäude© huchProtest des Tierschutzbundes in Münster vor dem Gerichtsgebäude

Denn Fakt ist: Die männlichen Küken werden getötet, weil ihre Aufzucht als „Nischenmarkt“ gilt. Längst gibt es Landwirte, die – beispielsweise als Teil der sogenannten Bruderhahn-Initiative – diese Küken aufziehen. Die Aufzucht dauert aber viel länger als üblich, weil die Hähne langsam wachsen; am Ende sind sie dennoch leichter als Vertreter von Mastrassen. Ihre aufwendige Haltung wird teilweise finanziert aus dem Erlös der Bruderhahn-Eier, also der Eier der Schwestern, die mit etwa 50 Cent pro Stück teurer sind als andere. Beides – Aufzucht der Hähne, Haltung der Hennen, die die Bruderhahn-Eier legen – leisten Landwirte, die sich der Initiative angeschlossen haben. Das ist viel Engagement, aber wohl nicht für jeden etwas – nichts jedenfalls für die beiden Brüterei-Betreiber aus Gütersloh und Paderborn. Für sie sei die Aufzucht der männlichen Tiere ein unlösbares Problem, es würde ihre wirtschaftliche Existenz vernichten, hieß es in Münster. Die zuständigen Kreisbehörden hatten nämlich explizit die „Erschließung eines Absatzmarktes“ vorgeschlagen und dabei auch die Bruderhahn-Initiative ins Spiel gebracht. Die Kükentötung, so die Haltung der Behörden, widerspreche inzwischen den Gerechtigkeitsvorstellungen der Mehrheit der Verbraucher. Die Bio-Ecken in allen großen Supermärkten würden immer weiter wachsen, argumentierte die Vertreterin des nordrhein-westfälischen Umweltministeriums vor Gericht. Dementsprechend sah sie schwindende Hindernisse dabei, ein Vermarktungskonzept zu entwickeln. Beckmann hingegen vermutete hier nur „Nischen für einige zehntausend Tiere“. Und überhaupt: Der Rechtsanwalt kritisierte, dass der angebliche „Bewusstseinswandel“ in der Bevölkerung immer wieder als Argument herangezogen wurde. Er sehe aber keine Belege dafür, dass der „vernünftige Grund“ heute ein anderes Argument sei als früher.

Fanden die Bürger vor dreißig Jahren „vernünftig“, was sie heute nicht mehr akzeptieren können? Wenn es nach den Menschen gehen würde, die sich an diesem Freitag draußen vor dem Oberverwaltungsgericht versammelt hatten, dann lautet die Antwort: ja. Der Durchgang zur Münsteraner Innenstadt, der über den Platz zwischen Aegidiikirche und Gerichtsgebäude führt, ist vormittags normalerweise nicht gerade belebt. Doch an diesem Freitag sammelten sich hier im Nieselregen bald ganze Gruppen, einzelne steckten in flauschigen gelben Kükenkostümen und stachen deshalb hervor. Sowohl der „Deutsche Tierschutzbund“ als auch „Peta“ waren mit Abgesandten in Münster vertreten, verteilten Flyer und kleine, weiche Kunststoffküken an die wenigen Passanten und warteten gespannt auf die Urteilsverkündung.

„Wir fordern eine gesetzliche Lösung und eine Umkehr der Brütereien zum Zweinutzungshuhn“, formulierte die Biologin Lea Schmitz, Sprecherin des Tierschutzbundes, die Ziele ihres Verbands. Ein Systemwandel müsse her, denn: „Diese extreme Zucht auf Mast- und Legelinien bringt noch andere Probleme.“ Als Beispiel nannte Schmitz die schmerzhafte Verformung der Masthuhnkörper; die Tiere können am Ende der Mastperiode oft kaum noch stehen, weil sie so viel Brustfleisch ansetzen. Und das, obwohl Masthähnchen nur 35 bis 40 Tage lang leben und dann schon geschlachtet werden.

Demo des Tierschutzbundes: Jeder gelbe Ball symbolisiert ein Küken© huchDemo des Tierschutzbundes: Jeder gelbe Ball symbolisiert ein Küken

Was bedeutet ein solches Schicksal, vergleicht man es mit dem der männlichen Küken aus Legelinien? Tod am ersten Lebenstag gegen ein kurzes Leben als Masttier? Im Gerichtssaal in Münster klang diese Frage nur ganz am Rande an. Und auch eine weitere Argumentationslinie wurde kaum verfolgt: Zwar ist das für die meisten Menschen besonders Schockierende an der Debatte die „Wegwerfmentalität“, das „Entsorgen“ von Tieren nach der Geburt. Doch tatsächlich werden einige der Küken nicht weggeworfen, sondern als tiefgefrorene „Eintagsküken“ an die Halter von Greifvögeln oder anderen fleischfressenden Tieren vermarktet. Welcher Anteil auf diese Weise Verwendung findet, ist allerdings unklar.

Für die Tierschützer liegt hier auch nicht der Kernpunkt des Streits. Sie wollen, dass Leid, das ihrer Ansicht schon nicht mehr gesetzeskonform ist, endlich ein Ende findet. „Der Skandal ist, dass gesunde Tiere auf die Welt gebracht werden, um gleich getötet zu werden“, so Sophie Nouvertné, Justitiarin von Peta Deutschland und als Prozessbeobachterin nach Münster gekommen. „Wir hoffen, dass der Rechtsweg ausgeschöpft wird und man auch noch zum Bundesverwaltungsgericht nach Leipzig geht.“

Sophie Nouvertné, Justitiarin bei Peta: "Wir können nicht akzeptieren, dass auf die Methode der Geschlechtsbestimmung im Ei gewartet wird"© huchSophie Nouvertné, Justitiarin bei Peta: „Wir können nicht akzeptieren, dass auf die Methode der Geschlechtsbestimmung im Ei gewartet wird“

Auch die große, einzige Alternative, um die es im Gerichtssaal immer wieder geht, ist für die Aktivisten von Peta nicht akzeptabel: die Geschlechtsbestimmung im Ei. Eine Methode, die die Universität Leipzig entwickelt, soll 2017 marktreif sein. Eier mit männlichen Küken könnten so vor dem Schlüpfen erkannt und zerstört werden, bevor die Embryonen empfindungsfähig sind. „Eine wirkliche Alternative ist das nicht, weil ja auch die Legehennen im derzeitigen System leiden“, sagt Nouvertné. „Wir können auch nicht akzeptieren, dass auf diese Technik gewartet wird. Wir fordern, dass das Töten der Küken umgehend aufhört.“ Positiv fiel Nouvertné während der Verhandlung auf, dass eine so detaillierte Diskussion geführt wurde und dass der Wandel gesellschaftlicher Vorstellungen über Tierschutz immer wieder explizit erwähnt wurde.

Das große mediale Interesse im Nachklang der Verhandlung in Münster deutet schon jetzt auf eines hin: dass sich diese öffentliche Debatte über landwirtschaftliche Nutztierhaltung gerade verschiebt, und zwar vom Interesse an Haltungsbedingungen nun zu einem Beobachten der Bedingungen, unter denen Tiere getötet werden. Erstes Indiz neben der Aufmerksamkeit, die dem Küken-Thema zuteil wird, ist die wachsende Zahl an Berichten über die Schlachtung trächtiger Rinder. Eine Million Milchkühe werden jährlich in Deutschland geschlachtet, zehn Prozent von ihnen sollen unbemerkt trächtig sein. Ebenso ist das Interesse am Schicksal männlicher Küken aus Legelinien in den vergangenen Monaten und Jahren stetig gestiegen. Lea Schmitz vom Tierschutzbund ist sich zwar sicher: „Die Haltungsfrage ist den Verbrauchern immer noch am wichtigsten.“ Aber auch die Frage der Tötung von Tieren rücke mehr ins Bewusstsein.

Zu Ende ist die Diskussion darüber jedenfalls noch lange nicht. Gerade die Frage der Küken wird noch unter höherem Druck weiterdiskutiert werden. Erste Medienberichte über das Münsteraner Urteil haben nun einen weiteren Kritikpunkt zutage gefördert: Die so dringend erwartete Entwicklung einer Methode zur Geschlechtsbestimmung wird zwar 2017 abgeschlossen sein. Es ist aber davon auszugehen, dass das Verfahren erst ab etwa 2019 auch wirklich in den Brütereien eingesetzt werden kann.

20. Mai. 2016
von Christina Hucklenbroich
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04. Feb. 2016
von Christina Hucklenbroich

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Pinzette im Katzenbauch vergessen: die Fehler der Tierärzte

Spektakuläre Behandlungsfehler in der Humanmedizin schaffen es oft in die Medien, das Thema „Ärztepfusch“ ist ein Dauerbrenner in Talkshows, ganze Bücher werden über einzelne Schicksale veröffentlicht. Und auch die offizielle Statistik der ärztlichen Behandlungsfehler genießt jedes Jahr im Frühjahr, wenn sie veröffentlicht wird, wieder große Aufmerksamkeit. Dank ihr wissen wir genau, wie viele Patienten sich mit dem Verdacht, eine falsche Behandlung erhalten zu haben, an ihre Krankenkasse wenden – und wir wissen auch, dass die Zahl von Menschen, die ein solches Misstrauen hegen, steigt.

Um Kunstfehler in der Tiermedizin ist es vergleichsweise ruhig. Pfusch an Pferd, Katze oder Kaninchen scheint eher ein Fall für Juraforen zu sein und nicht für die allgemeine Öffentlichkeit. Wenn die Tierärzte doch einmal öffentliche Kritik trifft, dann ist sie meist allgemeiner angelegt: So landete etwa die Tierärztin Jutta Ziegler vor fünf Jahren einen Erfolg auf dem Buchmarkt mit ihrem „Schwarzbuch Tierarzt“, in dem sie der Tierärzteschaft grundsätzlich vorwarf, viel zu oft invasive Therapien und Operationen einzuleiten. Eine kleine „Pfusch-Debatte“ traf daraufhin auch die Veterinärmediziner, die immerhin erleben mussten, dass die „Bildzeitung“ – inspiriert von Zieglers Buch – einen gesunden Hund als „Scheinpatienten“ in fünf verschiedene Praxen schickte. Die Diagnosen fielen erstaunlich heterogen aus. Doch inzwischen ist es wieder ruhig um das Thema geworden, sieht man mal von einzelnen Berichten über Gerichtsfälle in der tierärztlichen Fachpresse ab.

Ist der Tierarzt abgelenkt? Hund in der Praxis© Rainer WohlfahrtIst der Tierarzt abgelenkt? Hund in der Praxis

Die britische Veterinärmedizinerin Catherine Oxtoby setzt diesen Einzelfallberichten nun eine kühle Analyse entgegen: Im renommierten Fachmagazin „Veterinary Record“ schreibt sie gemeinsam mit drei Mitautoren über die Fehlertypen, die in Tierarztpraxen vorkommen, und ihre Ursachen. Es ist die erste Studie über die Ursachen von tierärztlichen Kunstfehlern überhaupt; Oxtoby hat dafür 500 Versicherungsfälle ausgewertet. Die Daten erhielt sie von Großbritanniens größter Haftpflichtversicherung für Tierärzte. In einem zweiten Teil ihrer Studie führte sie Interviews mit neun verschiedenen Teams aus Tierärzten und Tierarzthelferinnen aus verschiedenen Teilen Englands, die Auskunft gaben, warum aus ihrer Sicht Fehler passiert waren, und die typische Beispiele für Behandlungsfehler, die sie erlebt hatten, schilderten.

Das zunächst hervorstechendste Ergebnis von Oxtobys Studie ist: Tierische Patienten werden geschädigt, wenn die Kommunikation im Tierärzteteam zu wünschen übrig lässt. Man redet einfach nicht miteinander – nicht über Zuständigkeiten, nicht über Zweifel, nicht über die Fehler von Vorgesetzten. Oxtobys Probanden beschreiben Situationen, in denen jeder vom anderen Teammitglied denkt, es übernehme eine Aufgabe. Im Fall eines Pferdes habe das fatal geendet, berichtete ein Tierarzt: Jeder habe vom anderen angenommen, die Überwachung der Narkose im Blick zu haben. Am Ende sei das Pferd nicht mehr vom OP-Tisch aufgestanden.

Die Veterinärmedizin wird komplexer: Hund im MRT© dpaDie Veterinärmedizin wird komplexer: Hund im MRT

„Chaotische informelle Methoden der Kommunikation“, nennt Oxtoby das. Keine Protokolle, ein ausgeprägtes Sich-Verlassen darauf, dass Vermutungen („Der andere wird es schon machen“) stimmen. Dies betrifft vor allem hochkritische Momente; so kommt es wohl häufig vor, dass niemand die OP-Schwestern anweist, alle Tupfer vor und nach dem Eingriff zu zählen, weshalb sie leicht im Tier vergessen werden können. Oxtoby sieht die Hauptgründe für falsche oder fehlende Kommunikation in einem Versagen der Führungskräfte. Die Supervision für Berufsanfänger und Tierarzthelferinnen werde nicht ausreichend geleistet, es herrsche bei den jüngeren Tierärzten der Eindruck vor, man werde „ins kalte Wasser geworfen“ und mit schwierigen Problemen, auch Notfällen im Nachtdienst, in denen man zudem der einzige Zuständige in der Praxis ist, völlig alleingelassen. Zudem löse es Resignation bei Tierärzten aus, wenn sie miterleben müssten, wie andere Tierärzte, die sich unprofessioneller Methoden bedienten, damit „davonkämen“. Ein Tierarzt berichtete: „Mein Chef kehrte solche Dinge unter den Teppich, und dennoch praktiziert er meines Wissens immer noch.“ Er zweifle nun ganz generell an den Gesetzen, die für Tierärzte gelten, denn die Fehler seines früheren Vorgesetzten seien immer wieder Gesprächsstoff gewesen, ohne dass er zur Verantwortung gezogen worden sei.

Daneben charakterisiert Oxtoby aber auch Fehler, die durch „kognitive Grenzen“ zustande kommen: Tierärzte oder medizinisches Hilfspersonal  sind schlicht abgelenkt, im Geiste abwesend, haben einen schlechten Tag. Eine Tierarzthelferin erzählte im Interview mit Oxtoby, Fehler passierten häufig, wenn man während einer Tätigkeit unterbrochen werde. Auch solche Fälle zählen zu den Fehlern, die durch „kognitive Grenzen“ entstehen. Außerdem schildert die Studie Fehler, die den Tierärzten durch ihr Equipment unterlaufen (etwa Geräte mit amerikanischen statt englischen Skalen), Fehler durch Zeit- und Produktivitätsdruck (etwa Unterbesetzung eines Teams) und „Veterinärmedizin-spezifische“ Fehler, die damit zusammenhängen, dass ein Tier besonders aggressiv ist oder schneller laufen kann als der Tierarzt.

Seltener Gast in Tierarztpraxen: eine Stockente © dpaSeltener Gast in Tierarztpraxen: eine Stockente

Was die Typen von Behandlungsfehlern angeht, so machten chirurgische Fälle in der Statistik der Versicherer den größten Anteil aus. Unter diesen OP-Fehlern wiederum standen Probleme bei der Kastration von Hündinnen an erster Stelle, es folgten Fälle vergessener chirurgischer Instrumente im Körper und an dritter Stelle Blutungen. Eine Hündin zu kastrieren, klingt für Laien wie ein Routineeingriff. Unter Tierärzten gilt diese Operation aber als schwierig und anfällig für Komplikationen.

Einen Trost kann Oxtoby, die an der University of Nottingham forscht, dann aber doch formulieren: Fast nie war eine Vernachlässigung der Patienten im Sinne einer Versorgung, die der Tierarzt hätte schleifen lassen, der Grund für einen Fall, der bei einer Versicherung landete.

In ihrem Fazit stellt die Veterinärmedizinerin fest, dass die Tierärzte es versäumt haben, die Kommunikation zwischen Experten zum Gegenstand von Studium und Weiterbildung zu machen. Im Studium stehe zwar inzwischen die Kommunikation zwischen Tierarzt und Tierbesitzer auf dem Stundenplan, doch Teamwork unter Tierärzten selbst und Fehlerkultur, regelmäßige Feedbacksitzungen und eine institutionalisierte nachträgliche Analyse von Fehlern – das alles fehle, was sich ja auch in der Tatsache spiegelt, dass Oxtobys Studie die erste ihrer Art für die Veterinärmedizin ist. Die Autorin sieht dennoch schon nach diesen ersten Daten Parallelen mit Berufen wie Arzt oder Pilot, deren Fehler wissenschaftlich weitaus besser erforscht sind. Aus Studien zu diesen Berufsfeldern ging immer wieder hervor, dass der richtige Umgang mit Fehlern vor allem deshalb ausbleibt, weil sich die Beteiligten nicht trauen, das Problem offen anzusprechen, und das Gefühl haben, dass sich sowieso nichts ändern würde. Ähnliches berichteten auch Veterinär-Anästhesisten um die Schweizer Tier-Epidemiologin Sonja Hartnack in einer Veröffentlichung vor zwei Jahren im Fachmagazin „Veterinary Anaesthesia and Analgesia“, die Wortbeiträge einer Gremiensitzung zusammenfasste. Damals gaben die tierärztlichen Narkose-Fachleute an, dass man Strafen fürchte und deshalb Fehler nicht erwähne, und dass es zudem eine Art Übereinkunft gebe, „dass niemand über Fehler spricht“. Geht es nach Catherine Oxtoby und ihren Mitautoren, dann ist es an der Zeit, dass sich genau das ändert.

04. Feb. 2016
von Christina Hucklenbroich

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16. Dez. 2015
von Christina Hucklenbroich
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Machen Hunde im Wartezimmer kranke Katzen noch kränker?

Der Kater Smithers leidet an chronischem Nierenversagen, sein Artgenosse Indie war versehentlich in den Trockner geraten, und Marty hatte eine schwere Augenkrankheit, als man den Streuner auf der Straße auflas: All diesen Samtpfoten konnte im „Cat Hospital“ in Philadelphia so gut geholfen werden, dass ihre Halter wahre Lobeshymnen ins Gästebuch der Klinik schrieben. Das „Cat Hospital“ ist eine der beiden ersten Tierkliniken Amerikas, die sich rein auf Katzen spezialisiert haben. Die Klinik in Philadelphia, die auf gemütliche Wohnzimmeratmosphäre setzt, wurde ebenso wie eine zweite Katzenklinik in Chicago Anfang der siebziger Jahre gegründet. Heute gebe es in den gesamten Vereinigten Staaten kaum noch eine Stadt ohne reine „Katzenpraxis“, schreibt der Veterinärmediziner Jürgen Kremendahl in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins „Kleintier konkret“ – und erinnert gleichzeitig daran, dass man in Deutschland noch weit von einer solchen Infrastruktur für kranke Stubentiger entfernt ist. Kremendahl, der selbst eine reine Katzenpraxis in Wuppertal führt, plädiert in seinem Fachartikel dafür, die Spezialisierung der Tiermedizin in dieser Hinsicht nun auch ähnlich konsequent wie jenseits des Atlantiks voranzutreiben. Um dem Vorhaben Nachdruck zu verleihen, hat er mit einigen Kollegen die „Deutsche Gruppe Katzenmedizin“ ins Leben gerufen, einen neuen Fachverband, der sich in diesen Monaten in der Gründungsphase befinde.

Süß - und schreckhaft, sobald Hunde in der Nähe sind© dpaSüß – und schreckhaft, sobald Hunde in der Nähe sind

Den Zuspruch der Katzenhalter sieht Kremendahl als sicher an. Schließlich, so der Veterinärmediziner, seien auch Pferdekliniken, Koi-Tierärzte und Vogelpraxen längst etabliert. Und er nennt ein gewichtiges Argument: Katzen würden durch den Geruch und das Gebell von Hunden, die in normalen Kleintierpraxen allgegenwärtig sind, schwer gestresst, schreibt er. Dementsprechend wenig kooperieren sie, wenn sie Behandlungen über sich ergehen lassen müssen.

23 Praxen mit Siegel „katzenfreundlich“

So lange eine flächendeckende Versorgung mit Katzenpraxen noch nicht in Reichweite ist, empfiehlt Kremendahl das Programm „Cat Friendly Clinic“ der International Society of Feline Medicine. Auch ganz normale Praxen und Kliniken können sich innerhalb dieses Programms zertifizieren lassen und das Siegel „katzenfreundlich“ in den drei Stufen Bronze, Silber und Gold erwerben. Bedingungen sind beispielsweise eine separate Wartezone für Katzen und ihre Besitzer oder auch – wenn höhere Zertifizierungslevel erreicht werden sollen – sogar separate OP-Säle. Interessanterweise müssen auch bestimmte Mindestgesprächszeiten mit dem Besitzer eingehalten werden Will man etwa die Stufe „Gold“ erreichen, müssen die Konsultationen im Sprechzimmer mindestens fünfzehn Minuten dauern.

Für die Katze ist also nur das Beste gut genug – und auch für ihren Halter. Jürgen Kremendahl weist in seinem Artikel ebenfalls darauf hin, dass Katzenhalter besonders anspruchsvolle Kunden sind. Sie „möchten eine kompetente Behandlung und eine angemessene Kommunikation“. Zudem legten sie auch Wert auf eine geschmackvolle Einrichtung der Klinik oder Praxis. Beschränke sich ein Tierarzt darauf, Katzen zu behandeln, so habe er immerhin einen größeren innenarchitektonischen Spielraum als in Praxen, die alle Tierarten betreuen.

Nieren- und Schilddrüsenprobleme

Sucht man auf der Website der Initiative „Cats Friendly Clinic“ nach zertifizierten Praxen und Kliniken in Deutschland, dann finden sich immerhin schon 23 Einrichtungen mit diesem Siegel. Nur einige wenige dieser Tierärzte sind allerdings reine Katzenspezialisten – darunter etwa die Praxen „Cats Only“ in Hamburg und „Vets for Cats“ in Berlin.

Beliebtes Haustier, virtuell und in Wirklichkeit: Internetstar "Grumpy Cat" bei der Hollywood Christmas Parade© dpaBeliebtes Haustier, virtuell und in Wirklichkeit: Internetstar „Grumpy Cat“ bei der Hollywood Christmas Parade

Echte Spezialistentitel für Tierärzte, die sich auf Katzen konzentrieren wollen, sind noch rar. Ein „Fachtierarzt für Katzen“ werde wohl in Deutschland noch lange auf sich warten lassen, vermutet Kremendahl. Deutsche Veterinäre können jedoch schon jetzt durch Prüfungen, die teilweise auch in Europa abgehalten werden, australische und amerikanische Spezialistentitel erwerben. Kremendahl hofft für die Zukunft darauf, dass sich der Trend zur Katzenpraxis auch in Deutschland durchsetzen wird. Das sei auch medizinisch sinnvoll, argumentiert er in seinem Artikel: Schließlich gebe es viele spezifische Katzenkrankheiten wie die Feline Infektiöse Peritonitis (FIP), die sich bei anderen Arten nicht findet. Die Viruserkrankung löst eine Bauchfellentzündung aus. Typisch für Katzen sind auch bestimmte Schilddrüsen-, Nieren- und Harnwegserkrankungen oder die umgangssprachlich als „Katzen-Aids“ bezeichnete Infektion mit dem Felinen Immundefizienz-Virus.

„Gentrifizierte Katze“

Immerhin ist die Katze der Deutschen liebstes Haustier: Angesichts von 11,5 Millionen Stubentigern (und nur 6,9 Millionen Hunden) könnten sich auch in Deutschland bald mehr Tierärzte überlegen, eine Spezialisierung auf Katzen ins Auge zu fassen. Noch gebe es aber selbst Konflikte mit dem Namen, der auf dem Praxisschild steht, schreibt Kremendahl: Es ist nicht ohne weiteres erlaubt, sich „Katzenpraxis“ zu nennen. Manch ein Tierarzt muss deshalb unter das Schild „Kleintierpraxis“ den Zusatz „Schwerpunkt Katzenmedizin“ setzen, um klarzumachen, dass Hunde, Hamster und Wellensittiche bei ihm nicht versorgt werden.

Doch Kremendahl blickt optimistisch in die Zukunft: „Die Katze“, schreibt er, „besonders auch die ,gentrifizierte Katze‘, lebt fast doppelt so lange wie noch vor 25 Jahren. Sie wird immer älter und kränker, hat es an den Nieren, der Schilddrüse und den Knochen. Es handelt sich oft also um Erkrankungen, die bei Erhaltung der Lebensqualität gut von uns kontrolliert werden können.“ Der Bedarf ist also da, die Aussichten sind gut – nur, was genau er mit dem schönen Begriff „gentrifizierte Katze“ meint, bleibt der Autor am Ende schuldig.

 

16. Dez. 2015
von Christina Hucklenbroich
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27. Okt. 2015
von Christina Hucklenbroich
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Der Ethik-Kodex der Tierärzte

Drei Jahre lang haben die deutschen Tierärzte miteinander um ihren Ethik-Kodex gerungen. Eine Arbeitsgruppe der Bundestierärztekammer hat Entwürfe erarbeitet, Vorschläge entgegengenommen und immer wieder neue Fassungen online vorgestellt. Währenddessen ist in den beiden auflagenstärksten Mitteilungsblättern des Berufsstandes – dem „Deutschen Tierärzteblatt“ und dem berufspolitischen Magazin „Vetimpulse“ – eine erbitterte Debatte über den neuen Kodex geführt worden, noch während er entstand. Die Kernfrage ist dabei: Ist der Tierarzt der Landwirtschaft verpflichtet, ein Helfer von Produzenten tierischer Lebensmittel? Oder sollte er sich als unabhängiger Schützer der Tiere sehen?

Ethisch nicht allzu sehr umstritten: die Behandlung von Wildtieren, hier eine Rabenkrähe© dpaEthisch nicht allzu sehr umstritten: die Behandlung von Wildtieren, hier eine Rabenkrähe

In dieser Woche ist es nun soweit: In Bamberg, beim Deutschen Tierärztetag, einer Versammlung des Berufsstandes, die nur alle drei Jahre stattfindet, soll der Kodex endgültig verabschiedet werden; in der Schweiz beispielsweise gibt es ähnliche ethische Leitlinien für den Berufsstand bereits. Ob das Vorhaben gelingt? Die Verwerfungen scheinen inzwischen massiv zu sein. Letzter Stand der Debatte: In der Septemberausgabe des „Tierärzteblattes“ hat Johann Schäffer, Veterinärhistoriker an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, in einem sieben Seiten langen Artikel daran erinnert, dass die Nationalsozialisten das Thema Tierschutz und die Tierärzte, die sie als die dafür verantwortliche Berufsgruppe sahen, für ihre Ziele instrumentalisierten. Sofort nach der Veröffentlichung wurde Empörung laut. Im Magazin „Vetimpulse“, das sich in der Ethik-Debatte als klarer Gegenspieler von Bundestierärztekammer und des von ihr verantworteten „Tierärzteblatts“ positioniert, fordert der evangelische Theologe Wolf von Nordheim als Gastautor gar eine Entschuldigung von der Redaktion des „Tierärzteblattes“ – der Artikel mit dem Titel „Der deutsche Tierschutz – ein Werk des Führers!“ habe alle heute im Tierschutz Engagierten verunglimpft.

Wie konnte es zu diesem Konflikt kommen? Und vor allem: Was hat die Rolle der deutschen Tierärzte während des Nationalsozialismus mit der aktuellen Ethik-Debatte zu tun?

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27. Okt. 2015
von Christina Hucklenbroich
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16. Sep. 2015
von Christina Hucklenbroich
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Dackel heißen meistens Lucy: Amerikas beliebteste Hundenamen

Gleich mehrere amerikanische Verbände und Online-Communitys für Hundehalter haben in den vergangenen Tagen ihren Datenbanken eine Antwort entlockt auf die Frage: Welche Hundenamen liegen derzeit im Trend? Ob nun der American Kennel Club, das Nachbarschaftsnetzwerk „Nextdoor“ oder die Dogsittervermittlung Rover.com am Werk waren, das Ergebnis ist erstaunlich gleichförmig: Unangefochten an der Spitze stehen „Bella“ für Hündinnen und „Max“ für Rüden. Darüber hinaus lassen sich aber „rassespezifische“ Unterschiede finden: Der häufigste Name für den Chihuahua, einen winzigen, zarten Schoßhund, ist „Coco“, Dackel heißen besonders oft „Lucy“, Retriever (egal ob Golden oder Labrador) werden am liebsten „Bailey“ getauft, und die wuscheligen kleinen Shi Tzus „Gizmo“. Boxer heißen logischerweise „Rocky“, Deutsche Schäferhunde „Max“, und Mischlinge genau wie Dackel „Lucy“. Diese Informationen stammen von „Nextdoor“, einem sozialen Netzwerk, in dem viele Nutzer auch Rasse und Namen ihrer Hunde in ihrem Profil angeben.

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16. Sep. 2015
von Christina Hucklenbroich
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04. Aug. 2015
von Christina Hucklenbroich
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Die Klugheit der Katzen

600 Millionen Katzen leben als Haustiere bei den Menschen dieser Welt. Und das, obwohl die allermeisten Katzenartigen ein eher eigenständiges Leben führen und nicht sehr sozial sind. Wie es trotz dieser ungünstigen Ausgangslage dazu kam, dass Mensch und Katze zusammenfanden, sei noch sehr wenig erforscht, bedauern Monique Udell und Kristyn Vitale Shreve von der Oregon State University jetzt in einer Studie, mit der sie das ehrgeizige Ziel verfolgen, das weltweite Wissen über die kognitiven und sozialen Fähigkeiten der Hauskatze zu versammeln. So wollen die Verhaltensbiologin und die Zoologin eine Antwort finden auf offene Fragen, etwa die, wie es Katzen vermochten, den Menschen zu binden, wie sich die Domestikation auf die Katze auswirkte und ob die Ko-Evolution mit dem Menschen dazu geführt hat, dass Katzen ähnlich wie Hunde Gesten des Menschen lesen können.

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04. Aug. 2015
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30. Jun. 2015
von Christina Hucklenbroich
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Hochschullaufbahn in der Tiermedizin: Die Besten müssen draußen bleiben

An den fünf veterinärmedizinischen Fakultäten in Deutschland hat sich Unruhe ausgebreitet. Der Anlass ist ein anonymer Brief, mit dem ein junger Tierarzt aus München Anfang des Jahres auf Missstände aufmerksam machte. Seinem Vorbild folgten im Juni Tierärzte, die an der Leipziger Fakultät tätig sind; sie sprachen mit Journalisten, die einen Bericht in einem Stadtmagazin veröffentlichten. In beiden Fällen geht es um die Gehälter und Arbeitsbedingungen an den universitären Tierkliniken. Zehn Euro im Monat – das war, folgt man dem anonymen Brief aus München, bis vor wenigen Wochen der Lohn für eine Vollzeitstelle als Tierarzt an der Kleintierklinik der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Jedenfalls für junge Tierärzte, die dort hofften, mit einer wissenschaftlichen Arbeit promoviert zu werden oder Weiterbildungszeit zu sammeln. Im Gegenzug mussten sie morgens um 7.30 Uhr mit der Arbeit beginnen und Tiere versorgen, OPs vorbereiten, Besitzer beraten. Im Regelfall waren sie bis nach 18 Uhr beschäftigt. Sie hatten tagsüber keine offiziellen Pausen und machten Nacht- und Wochenenddienste ohne Vergütung. In ihren Verträgen stand, dass sie nur wenige Stunden im Monat arbeiten würden, sie mussten aber mündlich zustimmen, ständig da zu sein.

Hund im 3-Tesla-Tomographen: Szene an einer deutschen Universitätskleintierklinik© dpaHund im 3-Tesla-Tomographen: Szene an einer deutschen Universitätskleintierklinik

Mehr als fünfzig Doktoranden gab es insgesamt an der Klinik – allesamt fertig examinierte Tierärzte -, nur einige wenige bekamen nicht nur zehn Euro im Monat, sondern 400 bis 450. So steht es in dem anonymen Brief, mit dem einer der Doktoranden Ende Januar Medien, Parteien und Gewerkschaften alarmierte. Darin warnt der Tierarzt auch, dass die Sicht der Klinik sei, sie leisteten keine „echte“ Arbeit, sondern die Routinetätigkeiten dienten ihrer Aus- und Weiterbildung. Der Zeitpunkt für den Brief war nicht zufällig: Durch das neu in Kraft getretene Mindestlohngesetz konnte der Whistleblower darauf hoffen, dass sein Anliegen Gehör finden würde.

Und so war es auch. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete mehrfach auf ihrer Münchner Lokalseite. Die Grünen-Fraktion Bayern sorgte dafür, dass die bayerische Staatsregierung gebeten wurde, sich zu positionieren. Auch das Hauptzollamt München, zuständig bei Verstößen gegen das Mindestlohngesetz, begann, das ergaben Recherchen der „Süddeutschen Zeitung“, zu ermitteln. Und die Hochschulleitung der LMU forderte den Dekan der Veterinärmedizinischen Fakultät, Joachim Braun, umgehend zu einer Stellungnahme auf. „Ich habe schnell festgestellt, dass die Fakten in dem anonymen Brief stimmen“, sagt Braun, der angibt, zuvor von den Zuständen in der Klinik nichts gewusst zu haben. „In der Klinik haben Tierärzte unbezahlt gearbeitet. Ihre klinische Arbeit kann nicht als Ausbildung gewertet werden. Sie müssen dafür bezahlt werden.“

Und so wird es nun auch kommen. Bernd Huber, Präsident der LMU, hat sich wiederholt mit Doktoranden und Klinikleitung getroffen und Anfang Mai eine Lösung vorgelegt. 15 Euro sollen die Doktoranden künftig pro Stunde bekommen und, wenn sie Vollzeit arbeiten, diese Zeit auch anerkannt bekommen. Sie werden zudem rückwirkend ab dem 1. Januar 2015 diesen Lohn erhalten, da ja mehrere Wochen lang gegen das Mindestlohngesetz verstoßen worden war. „Wir werden der Fakultät kurzfristig helfen, weil in dieser besonderen Situation höhere Kosten entstehen“, erklärt Huber. Auf lange Sicht müsse die Klinik ihre Arbeitskräfte aber selbst finanzieren. „Wir haben uns darauf beschränkt, eine rechtskonforme Situation herzustellen“, sagt Huber. Für ihn ist der Fall damit erledigt.

Für die deutschen Veterinärmediziner ist er es nicht, unter anderem, weil nun auch Doktoranden an den anderen vier tiermedizinischen Fakultäten nachziehen: In der Juniausgabe des Leipziger Stadtmagazins „Kreuzer“ erschien ein Artikel, der ähnliche Arbeitsbedingungen an der dortigen Universitätskleintierklinik zum Thema hat: 19 Stunden arbeiten die Doktoranden dort laut Vertrag, doch sie beklagen, es seien in Wirklichkeit doppelt so viele. Die Universität Leipzig gab umgehend eine Pressemitteilung heraus, in der es hieß: „Die zuletzt auch öffentlich geäußerte Kritik im Hinblick auf eine angemessene Bezahlung geleisteter Arbeit sehen Universitäts- und Fakultätsleitung in wesentlichen Punkten als berechtigt an und wollen die bestehenden Probleme gemeinsam lösen.“ 90.000 Euro soll die Veterinärmedizinische Fakultät zusätzlich zu ihrem Budget des Jahres 2015 bekommen, um die Betroffenen komplett vergüten zu können.

Die Vorfälle berühren eines der heißesten Eisen des Berufsstandes: die soziale Selektion bei Hochschulkarrieren in der klinischen Veterinärmedizin. Der Brief der Münchner Doktoranden gipfelt in einem entscheidenden Satz: „Im Grunde muss die Lizenz, eine Doktorarbeit in der Klinik anfertigen zu dürfen, durch unbezahlte Arbeit in der Klinik erkauft werden.“

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30. Jun. 2015
von Christina Hucklenbroich
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01. Jun. 2015
von Christina Hucklenbroich
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Kühe, Kälber und der Konsument

Fast sechzig Jahre gibt es ihn schon: Den internationalen „Tag der Milch“, der meist am 1. Juni begangen wird. So auch heute. In den ersten Jahrzehnten, in denen die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen und der Internationale Milchwirtschaftsverband IDF an diesem Tag für Milchverzehr warben, kursierten Slogans wie „Die Milch macht `s“ oder sogar noch der alte Fünfziger-Jahre-Werbespruch „Milch macht müde Männer munter“ unwidersprochen. Doch inzwischen wird allerorten am Image der Milch gekratzt. Nicht nur Tierrechtler äußern Kritik – wie etwa Animal Rights Watch mit der Kampagne „Sag Nein zu Milch“. Nein, Milchskepsis ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Nicht erst, seit vor wenigen Monaten eine schwedische Studie aufsehenerregend nachwies, dass „drei Gläser Milch täglich zu verfrühtem Tod“ führen. Das hatten Wissenschaftler der Universität Uppsala aus Daten von mehr als 100.000 Probanden herausgelesen. Auch das Knochenbruchrisiko der Probanden, die viel Milch tranken, soll erhöht gewesen sein – Ergebnisse, die in vielen Medien aufgegriffen wurden.

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01. Jun. 2015
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15. Mai. 2015
von Christina Hucklenbroich
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Vegane Kleidung: Wollen die Deutschen Bananenfaser statt Merinowolle?

Die Regale im Bioladen quellen über vor neuen veganen Produkten aus Lupine, Kokosmilch oder Quinoa, in den Innenstädten scheinen vegane Bistros geradezu aus dem Boden zu schießen und über die vegane Kochbuchschwemme braucht man eigentlich nicht mehr zu sprechen: Sie ist in den Buchhandlungen einfach nicht zu übersehen. Wer die vegane Lebensweise für ein paar Wochen ausprobieren will, hat im Alltag deutlich weniger Hürden zu überwinden als noch vor wenigen Jahren. Schwierig wird es eigentlich erst, wenn man seinen veganen Fokus nicht auf Fitness und Ernährung richtet, sondern sich verpflichtet fühlt, Ausbeutung von Tieren grundsätzlich bei jeder Konsumentscheidung zu hinterfragen. Dann kann jemand, der Veganer ist, um ein politisches Statement zu leben, oder jemand, der sich rein aus ethischen Gründen dazu verpflichtet fühlt, schnell in Konflikte kommen – und müsste eigentlich trotz leerem Magen viele der neuen Angebote ausschlagen.

Ein veganer Snack - hier ein Cupcake mit Sojasahne - wartet inzwischen an jeder Ecke© huchEin veganer Snack – hier ein Cupcake mit Sojasahne – wartet inzwischen an jeder Ecke

Ein paar Beispiele für dieses Problem nennt Christian Koeder in seinem Buch „Veganismus – Für die Befreiung der Tiere“, das im vergangenen Jahr erschienen ist, einer umfassenden Geschichte und Analyse des veganen Lebensstils und seiner Hintergründe. Koeder weist darauf hin, dass in manchen Ländern, etwa Thailand, angekettete Affen bei der Kokosnussernte eingesetzt werden. Auch Last- und Arbeitstiere werden in vielen Ländern verwendet. Oder ein anderer Fall: Apfelsaft, der mit Gelatine geklärt wird. Sind die veganen Lebensmittel, deren Produktion mit solchen Transporten und Arbeitsschritten verknüpft ist, überhaupt noch vegan? Es ist anzunehmen, dass viele ethisch motivierte Veganer sich solche Gedanken machen.

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15. Mai. 2015
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31. Mrz. 2015
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Uralte Katze, dementer Hund

Svenja Joswig war Anfang zwanzig und studierte in Hannover, als ihr zum ersten Mal auffiel, wie sehr ein Haustier, das in die Jahre kommt, das Leben seiner Halter verändern kann. Damals löste sich Joswigs Wohngemeinschaft nach drei Jahren auf, weil ihre Mitbewohnerin in eine ebenerdige Wohnung umziehen musste: Ihr alter Hund hatte so große Gelenksprobleme, dass tägliches Treppensteigen nicht mehr zumutbar erschien.

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31. Mrz. 2015
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17. Mrz. 2015
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Der missverstandene Hund

Die meisten Hundehalter würden behaupten, ihren Hund genau zu kennen, viele denken auch, dass sie ihm seine Gefühle ansehen können. Der Klassiker ist dabei der „schuldbewusste Blick“. Wenn der Hund unter umwölkter Stirn von unten nach oben linst und dabei den Kopf zwischen die Schultern zieht, ist für viele Menschen der Fall klar: Da hat jemand Schuhe zerbissen, unerlaubt vom Tisch geklaut oder gar auf die Fußmatte gepinkelt.

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17. Mrz. 2015
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30. Jan. 2015
von Christina Hucklenbroich
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Mein Pferd ist mein Therapeut: Eine Studie erklärt, warum Frauen reiten

Es klingt erst mal wie ein Scherz oder zumindest wie ein selbstironischer Kommentar, den vielleicht einige wenige Reiter über ihr teures und zeitaufwändiges Hobby fallenlassen würden: T-Shirts mit dem Spruch „My Horse ist my Therapist“ sind in diversen Reitsportshops zu haben, und auch eine Facebookgruppe nennt sich „Mein Pferd ist immer noch der beste Therapeut“.

Dass hinter diesen Slogans mehr steckt als Koketterie, wollen jetzt drei Anthropologinnen mit einer gemeinsamen Studie im Fachmagazin „Medical Anthropology Quarterly“ belegen. Dona Lee Davis und Sarah Dean von der University of South Dakota und Anita Maurstad von der Universität Tromsø in Norwegen führten lange Tiefeninterviews mit 52 Frauen zwischen zwanzig und siebzig durch. Die Teilnehmerinnen ritten bereits lebenslang – in erster Linie freizeitmäßig; manche beteiligten sich auch auf Amateurniveau an Turnieren, etwa im Bereich des Distanzreitens, des Gangpferdereitens mit Islandpferden oder des Dressurreitens. Die Teilnehmerinnen, die aus Norwegen und dem Mittleren Westen der Vereinigten Staaten stammten, gaben sich selbst Pseudonyme und sprachen offen über die Bedeutung, die ihr Pferd in ihrem Leben hat.

###© dpaAuch hier geht es um Frauen und Pferde: Schauspielerin Almila Bagriacik  bei den Dreharbeiten zum Kinofilm „Hördur –  zwischen den Welten“

Erstaunlicherweise fielen immer wieder Sätze, die das Reiten und den Umgang mit dem Pferd verglichen mit einer Psychotherapie. Ganz ernsthaft, ohne jeden ironischen Unterton, stellten die Frauen diesen Zusammenhang her. Reiten sei eine Möglichkeit für einen „Reset“ des Körpers, psychisch und physisch, sagt eine Frau namens Halla. Lynn erzählt: „Bei dem Stall, wo ich jetzt bin, gibt es einige gleichgesinnte Leute, die wie ich der Meinung sind, ihr Pferd sei für sie wie Psychotherapie.“ JZ sagt, Reiten sei ihr Leben. „Es ist Freude. Es ist Therapie.“ Viele andere Teilnehmerinnen veranschaulichen diese Wirkung, indem sie feststellen, Reiten würde ihren Kopf durchlüften, sie dächten nicht an den Stress bei der Arbeit oder an die Zukunft. Mehrere werden sehr explizit: Reiten sei ihre „Art, zum Psychiater oder Psychologen zu gehen“, sagt Bella. „Ich war ohne Pferd für einige Jahre und das Leben war schrecklich; es war keine Freude, mit mir zusammen zu sein.“ Krusty meint über das Reiten: „Es hält mich psychisch gesund.“ Isis fügt hinzu: „Wenn ich das Pferd nicht hätte, hätte ich wahrscheinlich schon einen psychischen Zusammenbruch gehabt.“

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30. Jan. 2015
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05. Jan. 2015
von Christina Hucklenbroich
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Veganer sind entspannter: Neue Studien über das fleisch-, ei- und milchfreie Leben

Zehn Jahre lang lebte die New Yorker Autorin, Schauspielerin und Regisseurin Lena Dunham vegan. Was sie in dieser Zeit zu sich nahm, listet sie in ihrem in diesem Herbst erschienenen autobiographischen Buch „Not that Kind of Girl“ seitenlang auf: Reismilch, Mandelbutter-Feigen-Smoothie, Wasserkressesalat mit Sojacrispies, Adzukibohnenpaste oder Cornflakes mit Mandelmilch. Sei mal ein vegetarischer Ausrutscher passiert, habe sie sich selbst dafür scharf verurteilt, so Dunham. Ihre Motivation war der Schutz der Kreatur, nicht die eigene Fitness oder der Glaube an mehr Gesundheit durch Verzicht auf tierische Produkte. Und sie bekannte sich früh offen zum Veganismus: „Mit siebzehn gab ich eine vegane Dinnerparty, die es sogar auf die Stil-Seite der New York Times schaffte“, erzählt die 1986 geborene Dunham in „Not that kind of girl“. Überschrift: „Knackiges Menü für jugendliche Gäste“. Das war 2003. (Die Zeitschrift „Newsweek“ lässt das Fest, das sich damals zugetragen hat, hier noch einmal Revue passieren.) Heute, ein Jahrzehnt später, würden es ein paar mit Sojashakes und Sesammus feiernde Teenies nicht mehr derartig ins Scheinwerferlicht schaffen: Vegansein ist im Mainstream angekommen – vegane Dinnerpartys sind nichts Besonderes mehr.

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05. Jan. 2015
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07. Nov. 2014
von Christina Hucklenbroich
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Können Haustiere Ebola übertragen? Wissenschaftler diskutieren über Hunde und „Bushmeat“ als Infektionsrisiko

Tierärzte fragen sich, ob Hunde Ebola übertragen können. Und ein neues Gutachten beleuchtet, ob illegal importiertes Bushmeat aus Afrika das Virusfieber in Europa ausbrechen lassen könnte. Weiterlesen →

07. Nov. 2014
von Christina Hucklenbroich
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