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Christina Hucklenbroich bloggt über unser Zusammenleben mit Tieren: über Alltägliches und neu Erforschtes und lange Verborgenes

31. Mrz. 2015
von Christina Hucklenbroich
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Uralte Katze, dementer Hund

Svenja Joswig war Anfang zwanzig und studierte in Hannover, als ihr zum ersten Mal auffiel, wie sehr ein Haustier, das in die Jahre kommt, das Leben seiner Halter verändern kann. Damals löste sich Joswigs Wohngemeinschaft nach drei Jahren auf, weil ihre Mitbewohnerin in eine ebenerdige Wohnung umziehen musste: Ihr alter Hund hatte so große Gelenksprobleme, dass tägliches Treppensteigen nicht mehr zumutbar erschien.

Wenige Jahre später erlebte Joswig selbst, wie schwierig das Leben werden kann, wenn man ein alterndes Haustier hat. Als Joswig zehn war, hatte sich die Familie den Labrador-Schäferhund-Mischling Momo zugelegt. Mit dem Älterwerden bekam die Hündin chronische gesundheitliche Probleme. „Man konnte unsere Hündin nach einiger Zeit nur noch an ebenerdige Orte mitnehmen und teilweise musste sie nachts rausgelassen werden, weil sie Harn und Kot nicht mehr lange halten konnte“, erinnert sich Joswig. Damals begannen nicht nur pflegeintensive Jahre für die Hundehalterin. Auch die Diskussionen mit Freunden und Verwandten waren konfliktreich. „Von außen hörte man oft: Der Hund ist alt, der kann doch nicht mehr!“, sagt Joswig. Die Tierärzte waren unterschiedlicher Meinung: Einer riet zur Einschläferung, eine andere reagierte kritisch, als Joswig sich schließlich für die Einschläferung entschied, als der Hund fünfzehn Jahre alt war und trotz Operationen immer wieder Tumoren und schwere Gelenksprobleme hatte. „Man ist teilweise allein mit der Entscheidung und muss sie immer verteidigen“, sagt Joswig.

Wie sich das Tier im Alter verändert, wissen viele Halter nicht© dpaWie sich das Tier im Alter verändert, wissen viele Halter nicht

Was bei anderen Hundehaltern nur Stoff für persönliche Erinnerungen und Erzählungen im Freundeskreis gewesen wäre, wurde für Svenja Joswig ein Thema, das sie bis heute, drei Jahre nach Momos Tod, begleitet. Das hat vor allem mit ihrem Beruf zu tun: Joswig ist Tierärztin. Vor zwei Jahren machte sie in Hannover Examen, Ende 2014 legte sie dann ihre Dissertation vor. Ihre Studie “Die Zukunft liegt im Alter” ist eine umfassende Forschungsarbeit über die tiermedizinische Geriatrie (Altersheilkunde) und ihre Chancen in einer Gesellschaft, in der die meisten Haustiere – von Hund und Katze bis zum Pferd – immer älter und die Beziehungen der Halter zu ihren Tieren gleichzeitig immer enger werden. Vor wenigen Tagen schließlich ging Joswigs Facebookseite “Tiermedizinische Geriatrie” online. Sofort meldete sich eine Unternehmensberatung bei der 28-Jährigen. Bisher hat zwar kaum jemand anderes neben Joswig in Deutschland die Entwicklung der Tier-Geriatrie so umfassend erforscht. Aber auch andere Branchenexperten haben offenbar ein Gespür dafür, dass die Altersmedizin für Tiere ein zukunftsträchtiges Feld sein könnte: lukrativ und irgendwann nicht mehr wegzudenken aus tiermedizinischen Praxen oder den Sortimenten der Futter- und Zubehörindustrie.

Kein Wunder: Seit den siebziger Jahren hat sich die durchschnittliche Lebenserwartung von Katzen auf etwa fünfzehn Jahre verdreifacht, bei Hunden hat sie sich innerhalb weniger Jahre fast verdoppelt. In einer Studie von 1996 wurden Hunde bereits im Schnitt zehn Jahre alt. Das maximale Alter lag bei 21 Jahren, fast acht Prozent wurden 15 Jahre alt. Auch die Lebenserwartung von Pferden ist gestiegen.

In den Vereinigten Staaten, auch das zeigt Joswig in ihrer Arbeit auf, entwickelte sich schon in den achtziger Jahren eine Tier-Hospizbewegung, in der man versucht, das Konzept des “End of life care” für alte, chronisch kranke Haustiere auf eine wissenschaftlich basierte Grundlage zu stellen. Das erste “Tier-Hospiz-Symposium” fand im Jahr 2008 statt, ein Jahr später gründete sich die “International Association for Animal Hospice and Palliative Care”. Die Protagonisten der amerikanischen Tier-Hospizbewegung sind vielfach Tierärzte, sie propagieren unterschiedliche Modelle – von palliativer Betreuung, die der Halter unter tierärztlicher Supervision bei sich zu Hause durchführen kann, bis zu einer Rundumbetreeung nach stationärer Aufnahme, die große tiermedizinische Zentren anbieten. Derartige “Hospice Care” ist in der Tiermedizin nicht nur für die unmittelbar letzten Tage und Wochen vor dem Tod vorgesehen. Es geht eher darum, es dem Besitzer zu ermöglichen, ein chronisch krankes Tier auch während längerer Zeiträume zu betreuen und ihm dabei physischen Schmerz und Unwohlsein möglichst zu ersparen. Er muss also lernen, wie er Juckreiz, Übelkeit oder Verstopfung bei seinem Tier “managen” kann; es geht in den Fällen sterbenskranker Tiere nicht um die Heilung an sich. Bis zur Entwicklung der Hospiz-Angebote habe es nur die aggressive “Behandlung-um-jeden-Preis” für schwer kranke Tiere gegeben – oder die direkte Einschläferung, “mit praktisch nichts dazwischen”, schrieb Kathryn Marocchino von der California Maritime Academy im kalifornischen Vallejo in einem Aufsatz über die Geschichte der Tier-Hospizbewegung.

Die Katze: bei den einen Gast im Garten, bei den anderen Familienmitglied© dpaDie Katze: bei den einen Gast im Garten, bei den anderen Familienmitglied

Diese beiden Pole reichen nicht mehr, seitdem die Beziehung zwischen Tier und Halter so eng und vielschichtig geworden ist. Die amerikanischen Hospizexperten empfehlen deshalb auch, ein dichtes Netz aus Helfern und Experten um den Halter und sein palliativ versorgtes Tier zu weben: Für den Notfall sollen Adressen von Psychotherapeuten oder Geistlichen vorrätig gehalten werden; ist der Besitzer berufstätig, sollen qualifizierte Tier-Sitter in der Region rekrutiert werden, die sich auf die besonderen Bedürfnissen alter und kranker Tiere einstellen können. Vor allem muss der Besitzer selbst geschult werden, etwa darin, Medikamente zu verabreichen oder die gelähmte Harnblase des Tieres auszudrücken. Er soll außerdem Hilfsmittel an die Hand bekommen, zum Beispiel Unterstützungsgeschirre für das Treppensteigen.

“Dass es solche Hilfsmittel wie diese Geschirre gibt, müssen Tierhalter überhaupt erst einmal wissen”, sagt Joswig. Sie glaubt, dass vor allem Tierärzten in Zukunft eine wichtige Beratungsfunktion zukommt, wenn immer mehr Menschen von den Herausforderungen eines Lebens mit uraltem Tier überrascht werden und dann versuchen, den Alltag neu zu organisieren. “Es schränkt einen schon ein, wenn der Hund keine Treppe mehr steigen kann”, sagt Joswig. “Ich persönlich habe, als der Hund jung war, auch mit vielem gar nicht gerechnet, was auf einen dann später zukommt.”

Zu dem, was auf Halter zukommt, gehören auch kognitive Defizite: Der kanadische Veterinärmediziner Gary Landsberg hat sich auf dieses Feld spezialisiert und stellte in mehreren Studien fest, dass alte Hunde oft in der Nacht aufwachen, exzessiv bellen, oder unsauber werden. Alte Katzen schreien viel oder werden ruhelos. Manche Verhaltensänderungen können allerdings auch ganz andere Ursachen haben – und würden vielleicht sogar eher auf Behandlung ansprechen, als es bei Senilität der Fall ist. “Kognitiven Abbau muss man klar abgrenzen von schmerzbedingten Veränderungen”, sagt Joswig. “Wenn ein Tier etwa wegen Arthritis chronische Schmerzen hat und deshalb aggressiv wirkt, wird das oft verwechselt mit einer  altersbedingten Eigensinnigkeit. Ich glaube, dass gerade chronische Schmerzen oft nicht erkannt werden. Tierbesitzer sind in dieser Hinsicht auch oft überfordert.”

Große Hunde gelten früher als "geriatrisch" als kleine© dpaGroße Hunde gelten früher als “geriatrisch” als kleine

Noch lassen sich offenbar nur wenige gezielt helfen. Joswig schreibt, dass Halter mit alternden Tieren sogar seltener zum Tierarzt gehen als mit jungen. Und noch seien die Zeiten auch im Umbruch, in der Sprechstunde habe man es mit zum Teil völlig konträren Einstellungen zu tun, sagt Joswig, die in einer Tierarztpraxis im Raum Osnabrück arbeitet. “Bei einem Halter lebt die Katze ausschließlich draußen und ist ihr Leben lang größtenteils auf sich allein gestellt, bei dem anderen ist sie ein Familienmitglied, wird optimal gefüttert und regelmäßig zum Tierarzt gebracht.”

Doch da die Beziehung insgesamt enger werde, könne man davon ausgehen, dass die Tier-Geriatrie in Deutschland in den kommenden Jahren massiv Einzug halten werde. “Irgendwann wird es geriatrische Schwerpunktpraxen für Haustiere geben”, ist sich Svenja Joswig sicher. ” Und ich glaube, dass in Deutschland auch eine Hospizdebatte entstehen wird.”

31. Mrz. 2015
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17. Mrz. 2015
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Der missverstandene Hund

Die meisten Hundehalter würden behaupten, ihren Hund genau zu kennen, viele denken auch, dass sie ihm seine Gefühle ansehen können. Der Klassiker ist dabei der “schuldbewusste Blick”. Wenn der Hund unter umwölkter Stirn von unten nach oben linst und dabei den Kopf zwischen die Schultern zieht, ist für viele Menschen der Fall klar: Da hat jemand Schuhe zerbissen, unerlaubt vom Tisch geklaut oder gar auf die Fußmatte gepinkelt.

Dass die meisten Halter damit völlig falsch liegen und der schräge Blick des Vierbeiners wohl rein gar nichts mit etwaigen vorangegangenen Missetaten zu tun hat, zeigen jetzt Wissenschaftler um Nicola Clayton von der Universität Cambridge im Fachmagazin “Behavioural Processes”. Die Forscher nahmen 96 Hunde und ihre Halter in ihre Studie auf; sie führten Hausbesuche durch. In der gewohnten Umgebung des Hundes, etwa dem Wohnzimmer, platzierten die Halter ein Leckerchen an einen bestimmten Ort und verboten dem Hund, es zu fressen. Dann verließen sie den Raum. Wenn sie zurückkehrten, hatte entweder der Hund verbotenerweise die Leckerei gefressen oder der Wissenschaftler hatte sie entfernt.

Was denkt er hinter verschleiertem Blick?© dpaWas denkt er hinter verschleiertem Blick?

Die Halter sollten anhand der Körpersprache des Hundes feststellen, ob der Hund sich regelkonform verhalten hatte oder nicht. Doch das gelang ihnen nicht – die Trefferquote war nur so gut, wie es bei einem Zufallsgenerator gewesen wäre. Die Autoren schließen, dass der “schuldbewusste Blick” von Hunden kein Eingeständnis von als solcher wahrgenommener Schuld ist – sondern wohl eher eine typische Reaktion auf Verärgerung, die der Halter zeigt.

Die Studie kann man wie eine knackige Einstimmung auf die übrigen Forschungsarbeiten lesen, die in diesen Wochen erschienen sind und die Hund-Mensch-Beziehung näher beleuchten. Ihr Ergebnis, kurz und knapp: Einiges liegt im Argen zwischen Haltern und ihren Hunden. Man versteht nicht nur Blicke falsch. Die Wissenschaftler liefern darüber hinaus einige Belege dafür, dass an dem alten Spruch “Das Problem ist am anderen Ende der Leine” einiges dran sein könnte. Mit ihrem Erziehungsstil oder ihrer Art der Bindung an ihren Hund verursachen viele Halter offenbar genau die Probleme, unter denen sie leiden und deretwegen sie einen Hundetrainer nach dem anderen konsultieren.

So zeigen etwa Wissenschaftler aus Freiburg und Ungarn aktuell im Fachmagazin “Plos One”, dass Halter wohl mehr als eine Mitschuld trifft, wenn sie ihre Hunde nicht in der Wohnung alleinlassen können, ohne dass die Tiere Panikattacken bekommen und die Nachbarschaft zusammenbellen. Die Autoren um die Budapester Ethologen Veronika Konok und Adam Miklósi befragten für ihre Arbeit 1200 deutsche und 320 ungarische Hundebesitzer.

Trennungsangst bei Hunden ist ein gängiges Problem, das viele Halter in Probleme stürzt; sie äußert sich in ständigem Bellen und Jaulen, wenn das Tier allein ist, in Unruhe oder Panik, sobald der Halter nicht mehr sichtbar ist, Zerstörungswut oder Unsauberkeit oder auch in Fluchtversuchen und selbstverletzendem Verhalten in Abwesenheit des Halters. Konok, Miklósi und ihre Mitautoren konzentrieren sich bei ihrem Interpretationsansatz auf die Herangehensweise der Bindungspsychologie, die verschiedene Bindungstypen beim Menschen unterscheidet: Sicher gebunden, unsicher-ambivalent oder unsicher-vermeidend gebunden, desorganisiert gebunden. Kinder, die nicht sicher gebunden sind, haben problematische Bindungserfahrungen in der frühen Kindheit gemacht, etwa erfahren, dass ihre Bezugsperson nicht immer verfügbar ist oder dass sogar Bedrohungen von ihr ausgehen können. Unsicher-vermeidend gebunden bedeutet etwa, dass ein Kind Trennungen von der Bezugsperson nach außen hin ignoriert und scheinbar cool bleibt, während seine Stresslevel ansteigen. Es hat erfahren, dass die Bezugsperson nicht zuverlässig verfügbar ist, wenn es sie braucht, vermeidet nun Nähe in Beziehungen und drückt seinen Stress auch nicht aus. Die Klassifizierung der Bindungstypen geht auf die Arbeiten der amerikanischen Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth in den siebziger Jahren zurück. Mit dem “Strange Situation Test” entdeckte sie, dass Kleinkinder auf eine Trennung von ihrer Bezugsperson unterschiedlich reagieren; ihr Verhalten hängt offenbar mit den Bindungserfahrungen zusammen, die sie gemacht haben.

In der Deutung und Behandlung psychiatrischer Krankheiten beim Menschen auf die Bindungstheorie zurückzugreifen, ist hochmodern. Und inzwischen hat das Bindungsthema auch die Tier-Verhaltensmedizin erreicht. Die deutsch-ungarische Forschergruppe schreibt, dass Hunde üblicherweise in einem sehr jungen Alter in Haushalte aufgenommen werden und dass viele Befragungen zeigen, dass die Menschen sie als “Familienmitglied” ansehen. Der Schritt zum legitimen Vergleich mit der Eltern-Kind-Beziehung sei da nicht weit. Daher sei es gerechtfertigt, die Theorien der Bindungspsychologie auch auf das Hund-Halter-Verhältnis anzuwenden. Die Forscher fanden bei den deutschen Hunden, deren Halter an der Fragebogen-Studie teilnahmen, 18 Prozent Tiere mit Trennungsangst. Unter den ungarischen Hunden wies ein Drittel diese Problematik auf.

Unsicher, wenn der Halter geht?© dpaUnsicher, wenn der Halter geht?

“Es scheint sowohl bei Menschen als auch bei Hunden Individuen zu geben, die eine niedrigere Schwelle für die Aktivierung des Bindungssystems aufweisen und die eine Reaktion auf eine Trennung hin zeigen, die nicht ihrem Entwicklungsstand entspricht”, bilanziert das deutsch-ungarische Autorenteam. Aber die Fragebögen erfassten nicht nur Charakteristika des Hundeverhaltens, sondern auch Persönlichkeitsmerkmale der Halter. Erreichten die Hundehalter hohe Werte in einem Test, der auf einen “vermeidenden” Bindungsstil hinweist, so litten ihre Hunde mit größerer Wahrscheinlichkeit an Trennungsangst. Die Wissenschaftler folgern, dass dieses vermeidende Bindungsverhalten des Halters zumindest zum Teil für die Verhaltensprobleme des Tieres verantwortlich ist. “Halter mit unsicher-vermeidendem Bindungsstil vermeiden intime Kontakte, Nähe und das Zeigen von Gefühlen”, schreiben sie – und zwar nicht nur in Beziehungen mit Menschen, sondern auch mit Tieren. “Hunde, die Zurückweisungen erfahren oder erleben, dass ihre Bedürfnisse, etwa nach Kontakt, ignoriert werden, können nicht sicher sein, dass ihr Halter verfügbar ist.” Dieser inkonsistente Stil der Halter könnte Trennungsangst fördern. Die Autoren räumen aber auch ein, dass andere Faktoren zu Trennungsangst bei Hunden beitragen können: zu frühe Trennung von der Mutterhündin, die Genetik oder auch traumatische Erfahrungen.

Trivial ist das Problem der Trennungsangst nicht: Halter buchen ihre Hunde für viel Geld täglich in “Hutas” (Hunde-Tagesstätten) ein, bemühen Dogsitter oder lehnen Stellenangebote ab, weil sie ihren Hund während der Arbeit nicht allein lassen können. Erst in der vergangenen Woche musste sogar das Verwaltungsgericht Stuttgart über einen Fall entscheiden, in dem es um den Verbleib des Hundes während der Arbeitszeit ging. In dem Verfahren war ein Hundehalter dagegen vorgegangen,  dass man ihm untersagt hatte, seine Weimaraner-Hündin während seiner Arbeitszeit in einem Kraftfahrzeug zu halten. Die Klage des Halters wurde abgewiesen, weil das Halten der Hündin “Cosima” in einem Fahrzeug als nicht verhaltensgerecht eingestuft wurde.

Verboten: Hunde darf man nicht während der Arbeitszeit im Auto lassen© dpaVerboten: Hunde darf man nicht während der Arbeitszeit im Auto lassen

Die Verantwortung der Halter für Verhaltens- und Gesundheitsprobleme von Hunden entdeckt jetzt auch die Heimtierindustrie. Hier geht es nicht um “Bindungsstile”, sondern etwas weniger psychologisch um “Erziehungsstile”. Der Konzern Mars Petcare etwa hat gerade eine Broschüre herausgegeben, in der “Tierhalter-Typen” unterschieden werden. Je nachdem, welchem Typ ein Halter angehört, habe der Hund ein geringes oder größeres Risiko, Übergewicht zu entwickeln, heißt es hier. Übergewicht ist eins der größten Probleme der Veterinärmedizin, es zieht Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gelenkprobleme oder Stoffwechselstörungen wie Diabetes nach sich. Mehr als die Hälfte der Hunde haben einer neueren deutschen Studie der LMU München zufolge Übergewicht. Die Mars-Broschüre nun überträgt Erziehungsstile, die in der Psychologie bei Eltern unterschieden werden, auf Hundehalter, und machen dort folgende vier Typen aus: konsequent, autoritär, nachsichtig und unbeteiligt. Der autoritäre Halter etwa reagiert verärgert, wenn der Hund bei Tisch bettelt. Das Tier wird auf seinenPlatz verwiesen: “Später gibt er etwas Futter in den Napf und besteht darauf, dass der Hund/die Katze wartet bis ihnen der Halter erlaubt zu essen. Das sorgt für Frust beim Tier – Futter vor sich zu haben, aber nicht essen zu dürfen.” Man kann sich leicht vorstellen, dass so Essstörungen gefördert werden. Doch den Industrieexperten ging es vor allem um Überfütterung. Sie befragten mehr als 120 Tierärzte nach Tierhalter-Typen und inwiefern der Typ eine Rolle spielt bei der Entwicklung von Übergewicht beim Haustier. Am häufigsten wird in den Praxen der “nachsichtige” Typ vorstellig: Er verwöhnt das Tier ohne Ende und füttert beispielsweise nach Lust und Laune vom Tisch. 98 Prozent der Tierärzte waren überzeugt, dass der Erziehungsstil des Halters sich auf das Übergewicht des Tieres auswirkt. Nun soll die Theorie der Erziehungsstile genutzt werden, um Halter entsprechend ihres Typus zu motivieren, Diätstrategien für das Tier umzusetzen.

Oft leben Hund und Mensch also aneinander vorbei – und beide erleiden dadurch Stress. Ein besonders trauriges Kapitel der Mensch-Hund-Beziehung schlägt nun Kimberley Lambert im Fachmagazin “Preventive Veterinary Medicine” auf. Hier trägt sie die Ergebnisse ihrer 2014 erschienenen Dissertation noch einmal knapper zusammen. Lambert hat eine Zusammenschau von Studien angefertigt, die untersuchen, warum Hunde in Tierheimen landen. Die Hauptgründe für die Abgabe von Hunden in Tierasylen, die Lambert identifizierte, waren Umzüge, Verhaltensprobleme des Hundes, die Kosten der Hundehaltung, gesundheitliche Probleme des Halters – oder schlicht die Erwartungen, die der Halter an die Haltung eines Hundes gehabt hatte und die sich offenbar nicht erfüllt hatten.

 

Der Testhund erkennt Gesichtsausdrücke© dpaEin Testhund erkennt Gesichtsausdrücke

Während all diese Ergebnisse darauf schließen lassen, dass noch immer viele Menschen ein falsches Verständnis vom Hund und seiner Haltung haben, schneiden die Hunde selbst in Sachen Menschenkenntnis gut ab: Hunde, die an Menschen gewöhnt sind, können offenbar genau zwischen verschiedenen menschlichen Gesichtsausdrücken unterscheiden – und da auch bei Menschen, die ihnen fremd sind. Das berichten österreichische Wissenschaftler im Fachmagazin “Current Biology”. Die Forscher von der Veterinärmedizinischen Universität Wien zeigten teilnehmenden Hunden entweder die obere oder die untere Hälfte des Gesichts einer wütend oder freudig schauenden Person auf einem Touchscreen. Einige der Hunde mussten dabei immer die gut gelaunten, andere die finsteren Porträts anstupsen und wurden dafür belohnt. “Unsere Studie belegt, dass Hunde zwischen wütenden und freudigen Gesichtsausdrücken bei Menschen unterscheiden können”, sagt Studienautor Ludwig Huber. Es spreche zudem einiges dafür, dass die Hunde ein lächelndes Gesicht als positiv, ein wütendes Gesicht hingegen als negativ empfinden. Denn die Hunde, die anfangs ärgerliche Gesichter erkennen sollten, lernten deutlich langsamer. Dass man sich von wütenden Menschen besser fernhält, war ihnen offenbar klar.

17. Mrz. 2015
von Christina Hucklenbroich
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30. Jan. 2015
von Christina Hucklenbroich
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Mein Pferd ist mein Therapeut: Eine Studie erklärt, warum Frauen reiten

Es klingt erst mal wie ein Scherz oder zumindest wie ein selbstironischer Kommentar, den vielleicht einige wenige Reiter über ihr teures und zeitaufwändiges Hobby fallenlassen würden: T-Shirts mit dem Spruch “My Horse ist my Therapist” sind in diversen Reitsportshops zu haben, und auch eine Facebookgruppe nennt sich “Mein Pferd ist immer noch der beste Therapeut”.

Dass hinter diesen Slogans mehr steckt als Koketterie, wollen jetzt drei Anthropologinnen mit einer gemeinsamen Studie im Fachmagazin “Medical Anthropology Quarterly” belegen. Dona Lee Davis und Sarah Dean von der University of South Dakota und Anita Maurstad von der Universität Tromsø in Norwegen führten lange Tiefeninterviews mit 52 Frauen zwischen zwanzig und siebzig durch. Die Teilnehmerinnen ritten bereits lebenslang – in erster Linie freizeitmäßig; manche beteiligten sich auch auf Amateurniveau an Turnieren, etwa im Bereich des Distanzreitens, des Gangpferdereitens mit Islandpferden oder des Dressurreitens. Die Teilnehmerinnen, die aus Norwegen und dem Mittleren Westen der Vereinigten Staaten stammten, gaben sich selbst Pseudonyme und sprachen offen über die Bedeutung, die ihr Pferd in ihrem Leben hat.

###© dpaAuch hier geht es um Frauen und Pferde: Schauspielerin Almila Bagriacik  bei den Dreharbeiten zum Kinofilm “Hördur –  zwischen den Welten”

Erstaunlicherweise fielen immer wieder Sätze, die das Reiten und den Umgang mit dem Pferd verglichen mit einer Psychotherapie. Ganz ernsthaft, ohne jeden ironischen Unterton, stellten die Frauen diesen Zusammenhang her. Reiten sei eine Möglichkeit für einen “Reset” des Körpers, psychisch und physisch, sagt eine Frau namens Halla. Lynn erzählt: “Bei dem Stall, wo ich jetzt bin, gibt es einige gleichgesinnte Leute, die wie ich der Meinung sind, ihr Pferd sei für sie wie Psychotherapie.” JZ sagt, Reiten sei ihr Leben. “Es ist Freude. Es ist Therapie.” Viele andere Teilnehmerinnen veranschaulichen diese Wirkung, indem sie feststellen, Reiten würde ihren Kopf durchlüften, sie dächten nicht an den Stress bei der Arbeit oder an die Zukunft. Mehrere werden sehr explizit: Reiten sei ihre “Art, zum Psychiater oder Psychologen zu gehen”, sagt Bella. “Ich war ohne Pferd für einige Jahre und das Leben war schrecklich; es war keine Freude, mit mir zusammen zu sein.” Krusty meint über das Reiten: “Es hält mich psychisch gesund.” Isis fügt hinzu: “Wenn ich das Pferd nicht hätte, hätte ich wahrscheinlich schon einen psychischen Zusammenbruch gehabt.”

Die Autorinnen nennen ihre Studie deshalb kurzerhand “My Horse Is My Therapist” – wie die ironischen T-Shirts, die manche Onlineversandhäuser anbieten. Es geht ihnen dabei aber um mehr als nur darum, Reflexionen und Eindrücke einer Handvoll von Freizeitreiterinnen aufzuzeigen. Sie lokalisieren die Reitleidenschaft der Frauen “im Grenzbereich zwischen Vergnügen und gesundheitlicher Beeinträchtigung”. Im Reitsport sehen sie ein Beispiel dafür, wie ein Freizeitvergnügen “medikalisiert” wird, wie die klare Grenze zwischen Menschen, die als Psychiatriepatienten zum therapeutischen Reiten geschickt werden, und vermeintlich “Gesunden”, die sich privat ein Pferd halten, verschwimmt.

###Umgang mit dem Pferd – wirkt er wie eine Psychotherapie, die hilft, alltäglichen Stress zu bewältigen? (Foto dpa)

Wie zur Bestätigung räumen zwei Teilnehmerinnen der Studie psychiatrische Diagnosen ein; Bella leidet an einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS), und JZ ist depressiv. Sie sprechen darüber, wie sie beim Umgang mit dem Pferd das Rasen ihrer Gedanken abschalten und Frustrationen beiseiteschieben können. “Bella und JZ medikalisieren die Beziehung mit ihren Pferden explizit”, bilanzieren die Autorinnen. Doch für sie ist eine andere Frage zentral: Könnten die vielen Aussagen der anderen darauf hinweisen, dass normaler Stress heute gesellschaftlich schon als psychische Krankheit wahrgenommen wird? Die Probandinnen vergessen auf dem Pferderücken den Alltag, bezeichnen diesen Effekt aber schon als “Psychotherapie” – sie brauchen also eine Psychotherapie für alltäglichen Stress. Probandin Lynn etwa betont, dass ihr Pferd während einer Lebenskrise, ausgelöst durch ihre Scheidung, noch deutlicher als zuvor ein Psychotherapie-Ersatz gewesen sei.

Die Studienautorinnen erinnern in diesem Zusammenhang an die Debatte um das amerikanische Klassifikationssystem psychischer Störungen, das DSM-5, das 2013 in neuer, überarbeiteter Auflage herauskam und dessen Kritiker der Meinung sind, normale Stress-, Unaufmerksamkeits- oder auch Traurigkeitssymptome würden hier in Form neu geschaffener Diagnosen “psychiatrisiert”.  Und die Anthropologinnen fragen auch (ohne eine endgültige Antwort zu finden), ob Freizeitvergnügungen heute vielleicht sogar zu einer “Medikation” hochstilisiert werden müssen, um überhaupt eine Daseinsberechtigung zu haben und ernstgenommen zu werden.

Generelle Erklärungen dafür, warum hauptsächlich Mädchen und Frauen heute reiten und Männer – bis auf einige im Spitzensport – die Reitställe meiden, sind noch immer rar gesät. Dona Lee Davis, Anita Maurstad und Sarah Dean  bewegen sich also in einer riesigen Forschungslücke. Auch in Deutschland sind wenig neue Erkenntnisse auf dem Feld hinzugekommen, seitdem Harald Euler und Helga Adolph von der Universität Kassel in den neunziger Jahren die Studie “Warum Mädchen und Frauen reiten” anfertigten. Sie interpretierten das Interesse der Mädchen an Pferden als Bindungsphänomen.

Frau und Pferd: Gibt es auch eine dunkle, pathologische Seite?Frau und Pferd: Gibt es auch eine dunkle, pathologische Seite? (Foto dpa)

Eine Bewertung fehlte in der alten deutschen Studie noch – ob die Beschäftigung mit dem Pferd der Entwicklung von Kindern dienlich ist, blieb damals offen. Die amerikanisch-norwegische Forschergruppe konzentriert sich zwar auf den therapeutischen Nutzen des Hobbys. Die Wissenschaftler – oder vielmehr ihre Probandinnen – lassen aber den Gedanken zu, dass es auch eine dunkle, pathologische Seite geben könnte. Emma, Edie und Isis sprechen im Hinblick auf ihre Pferdeleidenschaft auch von “Obsession”, “Zwang” und einem “Bazillus”. Niki sagt: “Es ist, als ob ich eine Süchtige wäre und meinen Reit-Kick bräuchte.” Mit diesen Zitaten endet aber auch schon die Erörterung der Frage, ob es auch krankhafte, schädigende Seiten der Pferdeleidenschaft gibt.

Und die Frage, warum Männer das Glück dieser Erde nicht auf dem Pferderücken suchen? Ungelöst. Die wenigen, die es doch tun, scheinen dort zumindest keine Therapieerfahrungen zu machen. Dona Lee Davis, Anita Maurstad und Sarah Dean hatten ursprünglich auch acht männliche Reiter interviewt. Sie schlossen sie aus ihrer Studie aus, weil die Männer in ihren Erzählungen über das Hobby mögliche therapeutische Effekte ihres Pferdes nie erwähnten.

30. Jan. 2015
von Christina Hucklenbroich
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05. Jan. 2015
von Christina Hucklenbroich
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Veganer sind entspannter: Neue Studien über das fleisch-, ei- und milchfreie Leben

Zehn Jahre lang lebte die New Yorker Autorin, Schauspielerin und Regisseurin Lena Dunham vegan. Was sie in dieser Zeit zu sich nahm, listet sie in ihrem in diesem Herbst erschienenen autobiographischen Buch “Not that Kind of Girl” seitenlang auf: Reismilch, Mandelbutter-Feigen-Smoothie, Wasserkressesalat mit Sojacrispies, Adzukibohnenpaste oder Cornflakes mit Mandelmilch. Sei mal ein vegetarischer Ausrutscher passiert, habe sie sich selbst dafür scharf verurteilt, so Dunham. Ihre Motivation war der Schutz der Kreatur, nicht die eigene Fitness oder der Glaube an mehr Gesundheit durch Verzicht auf tierische Produkte. Und sie bekannte sich früh offen zum Veganismus: “Mit siebzehn gab ich eine vegane Dinnerparty, die es sogar auf die Stil-Seite der New York Times schaffte”, erzählt die 1986 geborene Dunham in “Not that kind of girl”. Überschrift: “Knackiges Menü für jugendliche Gäste”. Das war 2003. (Die Zeitschrift “Newsweek” lässt das Fest, das sich damals zugetragen hat, hier noch einmal Revue passieren.) Heute, ein Jahrzehnt später, würden es ein paar mit Sojashakes und Sesammus feiernde Teenies nicht mehr derartig ins Scheinwerferlicht schaffen: Vegansein ist im Mainstream angekommen – vegane Dinnerpartys sind nichts Besonderes mehr.

Dass das gerade vergangene Jahr 2014 ein Jahr war, in dem der Veganismus auch in Deutschland richtig begann zu boomen, wird kaum jemand bestreiten: Zweitausend”V”ierzehn sozusagen, um mit jenen zu sprechen, die das V inzwischen wie ein Logo für den Veganismustrend verwenden – V in Veihnachten, in Vöner, in Visch usw. In den Buchläden türmten sich die Bücher über veganes Kochen und vegane Lebensphilosophie, in den ersten Dezemberwochen eröffneten etliche vegane Weihnachtsmärkte, vegane Magazine kamen neu in den Handel. Die Marktexperten der Heimtierindustrie halten veganes Hunde- und Katzenfutter für den nächsten großen Hype unter Tierhaltern. “Vegan ist sozusagen über Nacht richtig cool geworden”, schreibt der Vegan-Koch und Fitnessguru Attila Hildmann in seinem neuen Kochbuch “Vegan to go”, das vor einem Monat erschienen ist.

Vegan in Kassel: "Vöner" im Imbiss "Zum glücklichen Bergschweinchen"© dpaVegan in Kassel: “Vöner” im Imbiss “Zum glücklichen Bergschweinchen”

Was wird nun ZweitausendVünfzehn bringen? Einiges deutet darauf hin, dass die wissenschaftliche Begleitung des Phänomens Veganismus Fahrt aufnehmen wird. Viele Studien, die 2014 erschienen sind, beschrieben zunächst einmal den Ist-Zustand: Wer ernährt sich warum vegan? So untersuchten etwa Wissenschaftler um den Dermatologen Jonathan Silverberg von der Northwestern University in Chicago für das Fachjournal “Dermatitis”, was Eltern unternehmen, wenn ihre Kinder unter Neurodermitis leiden. Die Daten von 9500 Kindern und Jugendlichen wurden einbezogen. Zwar lagen erwartungsgemäß Homöopathie oder auch Ayurveda hoch im Kurs. Aber immerhin 2,5 Prozent der betroffenen Familien versuchen es auch mit rein veganer Lebensweise.

Zu diesen Studien, die sich dem Phänomen erst mal aus der beschreibenden Perspektive nähern, zählt auch die quantitative Untersuchung der Hamburger Soziologin Pamela Kerschke-Risch, die 2014 herausfand, dass Veganer in Deutschland durchschnittlich 32 Jahre alt sind. Für die Teilnehmer ihrer Studie galt außerdem, dass sie zu achtzig Prozent Frauen waren und meist höhere Bildungsabschlüsse hatten. Fast neunzig Prozent lebten erst seit weniger als fünf Jahren vegan. Die wichtigste Rolle spielen vegan lebende Freunde für die Entscheidung, fortan selbst vegan zu leben. Ein ansteckendes Phänomen also, das immer weiter um sich greift, das trendiger Lifestyle wird und immer akzeptierter. Oder?

Unlängst gab es auch ganz andere Untersuchungsergebnisse. Das Portal vegan.eu und die Kennenlern-Plattform Gleichklang befragten mehr als tausend Veganer. 92 Prozent der befragten Veganer berichteten, bereits Ausgrenzung oder Diskriminierung erfahren zu haben. Achtzehn Prozent von ihnen hatten schon einmal Ausladungen und Kontaktabbrüche erlebt. Aber besonders häufig beklagten die vegan lebenden Personen, dass sie verspottet wurden (92 Prozent) und dass ihnen der Vorwurf des Extremismus gemacht wurde (72 Prozent). Zudem sah sich fast die Hälfte der Befragten häufig mit der Forderung konfrontiert, ein nicht veganes Gericht zu essen. Massiv angefeindet wurden auch vegan lebende Eltern, denen offenbar häufig vorgeworfen wird, dass es unverantwortlich sei, Kinder milch-, ei- und fleischfrei zu ernähren.

Vegan in Berlin: Veganes Schweineohr im Bioladen in Schöneberg© huchVegan in Berlin: Veganes Schweineohr im Bioladen in Schöneberg

Trost spendet die Studie eines Wissenschaftlerteams um Julie DiMatteo von der School of Psychology der Fairleigh Dickinson University in New Jersey. Vier Forscherinnen untersuchten im Fachjournal “Nutritional Neuroscience”, wie sich eine vegane Diät auf die Stimmung von Menschen auswirkt. Dafür wurden 283 Veganer, 109 Vegetarier und 228 “Omnivoren” über soziale Netzwerke rekrutiert und mit einem Instrument aus der Psychologie, der Depression Anxiety Stress Scale, befragt. Insgesamt waren Veganer stimmungsstabiler als Omnivoren, die auch Fleisch, Milch und Ei aßen. Bei Männern zeigten sich unter den Veganern auch weniger Ängste. Bei den Frauen bestand ein deutlicher Unterschied im empfundenen Stress zwischen den Veganerinnen und den Omnivoren. Die Frauen, die vegan lebten, waren weniger gestresst. Es gab auch einen Zusammenhang zwischen geringerem Stress bei Frauen und einem geringeren täglichen Verzehr von Süßigkeiten.

Trotz solch ermutigender Nachrichten leben “nur” 900.000 Menschen in Deutschland vegan. Auch die Praktikabilität dieses Lebensstils mag dabei eine entscheidende Rolle spielen. In “Vegan to go” empfiehlt Attila Hildmann, im Restaurant lieber zu sagen, man sei Allergiker, sonst würden einem doch in Butter geschwenkte Nudeln untergejubelt. Auch der Spitzenkoch bemerkt also noch so manchen Fallstrick, bemüht sich aber, Ratschläge zu geben, die eine neue Lässigkeit erlauben. Selbst nachts an der Tankstelle könne man fündig werden und beispielsweise mit etwas Glück vegane Chips auftreiben, so Hildmann, der in “Vegan to go” schnelle Rezepte vorstellt, so dass auch die Argumente der Kochmuffel, die die durchaus aufwendigen veganen Gerichte vermeiden, abgeschwächt werden.

Vegan in Münster: Pilzburger im Restaurant "Krawummel"© huchVegan in Münster: Pilzburger im Restaurant “Krawummel”

Christian Vagedes, der 2010 die “Vegane Gesellschaft Deutschland” gründete und in diesem Jahr die ersten drei Ausgaben des “Vegan Magazins” herausgab, glaubt, dass die Akzeptanz des veganen Lebensstils vor allem durch die geschmackliche Qualität der veganen Produkte gesteigert werden kann. „Rein ideell sagen Ihnen achtzig Prozent der Bürger: Klar kann ich mir vorstellen, so zu leben, aber es muss halt schmecken“, so Vagedes. In der aktuellen Ausgabe seines “Vegan Magazins” stellt Vagedes deshalb neue vegane Lebensmittel vor, die er gemeinsam mit einem kleinen Lebensmittelwerk in Mecklenburg-Vorpommern entwickelt hat. „Frischkäse, der wie Frischkäse schmeckt“, sagt Vagedes. „Sylter Dressing. Mayonaise. Schokopudding. Fleischsalat, der wie Fleischsalat schmeckt.“ Monatelang hat Vagedes, der als Designer arbeitet, dafür mit Lebensmittelexperten an Rezepturen getüftelt. „Ein Quantensprung in der Annehmbarkeit“ seiner Lebensidee Veganismus sei jetzt geschafft. Vagedes ist zuversichtlich: Auf das Cover der letzten im Jahr 2014 erschienen Ausgabe seines “Vegan Magazins” stellte die Redaktion selbstbewusst ein Foto von einer gesichtslosen Frau im roten Blazer, davor zwei Hände, die Fingerspitzen sind charakteristisch aneinandergelegt. Daneben steht: “Berliner Gerüchteküche: Angela Merkel – isst sie wirklich schon vegan?”

05. Jan. 2015
von Christina Hucklenbroich
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07. Nov. 2014
von Christina Hucklenbroich
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Können Haustiere Ebola übertragen? Wissenschaftler diskutieren über Hunde und “Bushmeat” als Infektionsrisiko

Tierärzte fragen sich, ob Hunde Ebola übertragen können. Und ein neues Gutachten beleuchtet, ob illegal importiertes Bushmeat aus Afrika das Virusfieber in Europa ausbrechen lassen könnte. Weiterlesen →

07. Nov. 2014
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03. Sep. 2014
von Christina Hucklenbroich
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Hunde wollen keine Gespräche: Ergebnisse aus neuen Tier-Studien

Begeistert scheinen Hunde nicht zu sein, wenn Menschen mit ihnen sprechen. Sie sehnen sich nach etwas anderem, ergibt eine neue Studie. Forscher untersuchten auch IQ-Tests für Welpen und einiges mehr. Weiterlesen →

03. Sep. 2014
von Christina Hucklenbroich
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21. Jan. 2014
von Christina Hucklenbroich
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Junge Tierärzte protestieren gegen Gehälter und Arbeitsbedingungen an Universitäten

Als Mario Beck in den Jahren 2004 bis 2010 in München Veterinärmedizin studierte, nahm er eines Tages an einer Veranstaltung teil, mit der man Studenten dafür motivieren wollte, nach dem Examen an der Universität zu bleiben, an den Tierkliniken, und dort zu arbeiten, zu forschen und sich weiterzubilden. Eine Dozentin stand damals im Hörsaal und erklärte, woraus die Arbeit an der Kleintierklinik für einen jungen Tierarzt nach dem Examen besteht. Alles hörte sich sehr gut an: “Wir machen Journal Clubs und Book Rounds, wir haben eine Intensive Care Unit” – etwa so, erinnert sich Beck, habe die Hochschullehrerin die Vorteile angepriesen. “Sie sind vom ersten Tag an in dieses Notdienstgefüge eingebunden”, zitiert Beck, inzwischen seit vier Jahren Tierarzt, weiter aus seiner Erinnerung. An dieser Stelle beginnen Becks Zuhörer in Saal 5 im Leipziger Congress Centrum zu lachen. “Notdienstgefüge” – was sich wie ein Baustein eines durchdachten Weiterbildungskonzeptes anhört, ist ein Euphemismus für lange, arbeitsreiche Nächte ohne angemessene Bezahlung. In Saal 5 weiß das jeder. Der Seminarsaal im Gebäude der Leipziger Messe ist an diesem Donnerstagnachmittag brechend voll, Beck steht vorne an einem Stehpult. In seinem Publikum sitzen vor allem junge Tierärzte. Der Vortrag ist Teil eines der Symposien des Leipziger Tierärztekongresses, des größten im deutschsprachigen Raum, alle zwei Jahre lockt er mehr als 4000 Tierärzte nach Leipzig. Mario Beck ist gebeten worden, zu der Frage zu referieren, ob man als junger Nutztierpraktiker eine Familie ernähren könne.

Kein Platz mehr frei: In Saal 5 im Leipziger Congress Center ging es um Gehälter und Arbeitsbedingungen (Foto Hucklenbroich)

Was in den zwanzig Minuten seines Referats folgt, ist aber weit mehr als die Beantwortung dieser Frage. Beck breitet das Dilemma junger Tierärzte in Deutschland in allen seinen Facetten aus, spricht über seinen eigenen Lebensweg und seine Zweifel. Vor allem aber äußert er offen Kritik an den Universitäten, die Tierärzte ausbilden – und auch ausbeuten. Sein Bericht über die Infoveranstaltung an der LMU München endet damit, dass eine Kommilitonin sich damals meldete und fragte: “Was verdient man da?”

“Also so”, habe die Dozentin geantwortet, “so dürfen Sie die Frage nicht stellen. Wir machen ja Book Rounds und Club Rounds!” Am Ende sei dann doch noch eine konkrete Antwort gekommen: “So 600 bis 800 Euro”, sagt Beck. “Womit man in München bestimmt keine Familie ernähren kann.”

Mario Beck hat 1999 Abitur gemacht, ist zur Bundeswehr gegangen, dann wählte er die Ausbildung zum Tierarzthelfer, um die Wartezeit auf den Tiermedizinstudienplatz zu überbrücken, die man vorweisen muss, wenn die Abiturnote für den Numerus clausus nicht gut genug ist. Beck studierte in München, machte 2010 Examen. Heute arbeitet er als angestellter Nutztierarzt in Thüringen. Auf einer Weltkarte zeigt er in Leipzig die Stationen seines Arbeitslebens: ein Studentenjob in München, Tätigkeiten in Spanien, Irland, Deutschland und am Rande der Mongolei.

Was zunächst wie ein ganz normaler Lebenslauf eines engagierten und reisefreudigen jungen Akademikers aussieht, bekommt durch die Erfahrungen, an denen Beck seine Zuhörer teilhaben lässt, schnell Risse. Während seines Studiums arbeitete er bei der Tierrettung München. Eines Nachts lieferten er und seine Kollegen ein verletztes Tier in einer privaten Tierklinik in München ab. Beck kam mit der jungen Tierärztin ins Gespräch, die Nachtdienst hatte. Es stellte sich heraus, dass sie an der LMU München gearbeitet und dabei promoviert hatte, danach hatte sie die Stelle in der privaten Tierklinik bekommen, dort war sie nun in Vollzeit angestellt. Am Ende, sagt Beck, habe er sie noch gefragt: “Und, was verdienst du?” 1200 Euro, antwortete die promovierte Tierärztin. Er habe in dieser Nacht lange wachgelegen und überlegt: “Wie kommt sie dazu, für dieses Gehalt zu arbeiten?” Die Frau sei schließlich promoviert und berufserfahren gewesen. Aus dem Publikum meldete sich eine junge Tierärztin und sagte: “So lange es solche Leute und solche Stellen gibt, kommen wir aus der Misere nicht raus.”

Was investiert der Tierarzt noch nach dem Examen in seine Ausbildung? (Foto Rainer Wohlfahrt)

Beck stellte aber auch klar, dass er ein Gutteil der Verantwortung bei den Universitäten sieht: “Wenn man zuvor einige Jahre an einer Institution gearbeitet hat, wo man 600 bis 800 Euro bekommen hat, und dann kommt einer, der bietet einem 1200 Euro – dann hat man sein Gehalt gerade verdoppelt.” Das Selbstbewusstsein und die Auffassung, Arbeit müsse angemessen bezahlt werden, wird Veterinärmedizinern also früh genommen.

Erst wenn man dieses System überwindet, wird wohl auch der in privaten Praxen und Kliniken angestellte Tierarzt besser vor prekären Bedingungen geschützt sein. Noch liegt auch hier, in den privaten Praxen und Kliniken, vieles im Argen: Mario Beck erinnerte in seinem Vortrag noch einmal an eine unter Tiermedizinern sehr bekannte Dissertation aus dem Jahr 2007, für die ein großer Teil der angestellten, klinisch tätigen Tierärzte in Deutschland nach ihren Gehältern und Arbeitsbedingungen befragt worden war; nur die Universitätsmitarbeiter waren damals ausgeschlossen geblieben. Angestellte Tierärzte waren damals zu 75 Prozent Frauen. Die Autorin Bettina Friedrich fand heraus, dass das Durchschnittsgehalt für in Praxen und Kliniken angestellte Tierärzte in den alten Bundesländern bei 2500 Euro liegt, in den neuen sogar nur bei 2000 Euro brutto – unabhängig von der Anzahl der Berufsjahre. Die Hälfte der Arbeitnehmer, die diese Angaben machten, hatte zum Befragungszeitpunkt bereits promoviert. Das geringste Gehalt, das männliche Vollzeitangestellte nannten, betrug 900 Euro brutto, bei Frauen knapp 600 Euro. Im Durchschnitt verdienen Männer 550 Euro mehr als Frauen. Für den Beruf sind bisher nie Tarifvereinbarungen getroffen worden.

Die Hannoveraner Studie beleuchtet auch die Arbeitsbedingungen. Die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit der angestellten Tierärzte beträgt demnach 48 Stunden, wobei Notdienste noch nicht berücksichtigt sind. Für 75 Prozent der Angestellten bleibt der Notdienst unvergütet. Viele bemängeln ein fehlendes Privatleben; nicht einmal ein Drittel der angestellten Frauen hat Kinder. Am unzufriedensten sind die Pferdetierärzte. Ein Drittel von ihnen gab zu Protokoll, während des Arbeitstages überhaupt keine Pause zu haben. Im Schnitt hatten sie mit 55 Stunden auch die höchste Wochenarbeitszeit.

Nun ist diese Studie vor inzwischen sieben Jahren veröffentlicht worden. Becks Vortrag und die Beiträge aus dem Publikum ließen darauf schließen, dass sich wenig verändert hat. Aber dafür gibt es auch noch weitere Belege: Ende 2011 veröffentlichte der BVVD, der Bundesverband der Veterinärmedizinstudenten Deutschland, eine Studie, die erneut auf Befragungen angestellter Tierärzte beruhte, im “Deutschen Tierärzteblatt”. Die Daten bestätigten die Hannoveraner Dissertation. Man habe damals versucht, Druck auf den BVVD auszuüben, damit die Studie nicht veröffentlicht wurde, sagten Vertreter des Studentenverbands in Leipzig – eben weil sie zeigte, dass auch die seit der Hannoveraner Dissertation verstrichene Zeit keine Veränderung gebracht hatte.

Der BVVD machte in Leipzig öffentlich, dass er bei seiner Mitgliederversammlung Mitte Dezember eine Arbeitsgruppe “Doktoranden, Hiwis, wissenschaftliche Mitarbeiter und Co.” gegründet hat. In Zukunft könne sich jeder von geringen Gehältern und widrigen Arbeitsbedingungen an Universitäten Betroffene an sie wenden und das Vorgehen der neuen Arbeitsgruppe kommentieren, sagte Frédéric Lohr, der Gründungspräsident des BVVD, in Leipzig. Katharina Heilen, bis Ende des Jahres Präsidentin des BVVD, sagte: “Bisher waren es abendliche Gespräche beim Bier unter jungen Tierärzten, in denen das Problem thematisiert wurde. Aber irgendwann muss man ein Statement setzen.” Die 25-Jährige selbst hat im vergangenen Frühjahr Examen gemacht. “Ich habe lange gesucht, bis ich eine Stelle gefunden hatte, von der ich leben konnte”, sagt sie.

Machten in Leipzig auf die prekären Arbeitsbedingungen an Universitäten aufmerksam: (v.l.) Frédéric Lohr, Max Rieckmann und Katharina Heilen vom Bundesverband der Veterinärmedizinstudenten BVVD (Foto Hucklenbroich)

Es ist nicht das erste Mal, dass junge Tierärzte öffentlich auf Veranstaltungen des Berufsstandes auf prekäre Arbeitsverhältnisse aufmerksam machen. Inzwischen hat es schon mehrfach Protest gegeben, auch außerhalb von Verbänden wie dem BVVD. Auf einem Kongress in Essen stand im März 2013 eine junge Tierärztin im Publikum auf und erzählte von ihrer Stellensuche nach dem Examen. In einer privaten Tierklinik hatte man ihr einen Job für 1600 Euro brutto angeboten. Ein eigenes Auto sollte sie mitbringen, um Praxisfahrten machen zu können. Die junge Frau rechnete in dem vollbesetzten Saal vor, wie viel Geld ihr nach Abzug von Miete, Auto, Smartphone und Berufsunfähigkeitsversicherung noch für Lebensmittel geblieben wären: 150 Euro im Monat. Und außerdem habe sie ja noch 16.000 Euro Bafög-Schulden, schloss die Frau. Die Geschichte über diesen Vorfall und die Offenheit der jungen Berufskollegin machte schnell die Runde, sie ist inzwischen zu einer Art moderner Sage unter Veterinärmedizinern avanciert.

Und auch dem Studentenverband BVVD und seiner Arbeitsgruppe geht es längst nicht nur um Doktorandenstellen. An universitären Tierkliniken werden auch gering bezahlte “Internships” und “Residencys” angeboten, die nicht zwingend mit einer Dissertation gekoppelt sind. Es handelt sich um Weiterbildungsstellen, die nach mehreren Jahren zu der Möglichkeit führen, die Prüfung zum “Diplomate” in einem veterinärmedizinischen Spezialgebiet abzulegen, etwa in Pferdechirurgie oder Dermatologie. Für eine Karriere in der klinischen Veterinärmedizin an deutschen Universitäten ist der „Diplomate“-Titel inzwischen zur Voraussetzung avanciert. Um sich überhaupt zur Prüfung für den Diplomate-Titel anmelden zu können, sind zuvor Jahre der Weiterbildung in anerkannten Ausbildungsstätten notwendig, etwa an einer Universitätstierklinik oder einer anderen zugelassenen Klinik, in der geeignete Ausbilder vorhanden sind. Zunächst muss an solchen Einrichtungen ein mindestens einjähriges Internship, dann eine dreijährige „Residency“ absolviert werden. Die deutschen Tierärzte, die schon jetzt Diplomates sind, findet man über die Website www.ebvs.org, die Seite des European Board of Veterinary Specialisiation, unter dessen Dach alle “Colleges” versammelt sind, also die virtuellen Zusammenschlüsse der geprüften Diplomates in den einzelnen Gebieten. Hier kann man „Specialist Search“ anklicken und auch das Fachgebiet aussuchen – etwa „Equine Internal Medicine“ (innere Medizin für Pferde) – oder das Land, in dem man sucht, und so beispielsweise deutsche Diplomates ausfindig machen.

An Universitätstierkliniken, hier in Leipzig, können Spezialkenntnisse erworben werden – etwa Diagnostik mit Hilfe des Magnetresonanztomografen (Foto dpa) 

Auch, wer “Fachtierarzt für Kleintiere” werden, also einen nationalen Spezialistentitel erwerben möchte, kommt nicht um mehrere Jahre Arbeit an einer großen Tierklinik mit Weiterbildungsbefugnissen herum. Deshalb finden sich auch viele Tierärzte an den Universitätstierkliniken, die auf gering bezahlten Stellen, etwa im Rahmen eines Internship, Weiterbildungszeit für die Fachtierarztprüfung sammeln. Das aktuelle Stellenangebot für Internships der LMU München gibt einen Einblick in die Tätigkeiten der Tierärzte – und die Ansprüche, die die Institution an sie stellt. Es handelt sich demnach um eine Vollzeittätigkeit von morgens 7:30 Uhr bis abends nach 19 Uhr. “Nacht- und Wochenenddienste, in denen viel Erfahrung gewonnen wird, werden zwischen den sieben Interns gleichmäßig aufgeteilt”, heißt es hier. Allerdings sei kein Freizeitausgleich möglich. “Alle Nacht- und Wochenenddienste werden von den Interns übernommen”, konkretisiert die Stellenanzeige. Zudem heißt es: “Bevorzugt werden Bewerber mit abgeschlossener Doktorarbeit und klinischer Erfahrung.” Unter dem Punkt Vergütung findet sich der lapidare Hinweis: “Die Ausbildung im Internship ist kostenfrei. Nachtdienste und Wochenenddienste werden nach TV-L vergütet.”

In Leipzig erinnerten sich frisch approbierte Tierärzte auch daran, dass schon im Studium ein problematischer Umgang mit Hilfskräften im Klinikalltag herrschte. Während des praktischen Jahres, berichtete ein Tierarzt, sei es an der Kleintierklinik der Universität, an der er studierte, üblich gewesen, Studenten 36 Stunden am Stück einzusetzen: “Uns wurde verboten zu schlafen.”

Auch ein Studentenvertreter referierte während des berufspolitischen Forums in Leipzig. Der 24 Jahre alte Max Rieckmann, Vizepräsident des BVVD und Student im neunten Semester, schloss mit seinem Vortrag an Mario Beck an. Er referierte zu der Frage: “Wird Tiermedizin in Zukunft für Studierende noch ein attraktiver Beruf sein?” Die Studienplätze würden stark nachgefragt, erklärte Rieckmann – 5000 Bewerber kommen auf die 1000 Plätze in Hannover, Berlin, Leipzig, Gießen und München. Am Anfang bestehe jedoch oft kein realistisches Berufsbild. Meist komme es dann während des Studiums zur Ernüchterung. Man höre von angestellten Tierärzten schon während des Studiums, etwa bei Praktika oder an der Universität, oft: “Nochmal würd ich `s nicht machen. Man hat kein Geld, man hat keine Freunde. Ich würde Humanmedizin studieren.” Rieckmann kam im Hinblick auf die Eingangsfrage seines Vortrages zu einem recht lapidaren Schluss: “Ob vernünftig oder nicht – es bleibt ein sehr nachgefragter Beruf.” Mario Beck fand eine ähnlich trockene Antwort auf die Leitfrage seines Vortrags, ob man als Tierarzt eine Familie ernähren könne: “Es hängt vom persönlichen Optimismus ab, wie man die Frage beantwortet. Mit dem Sozialhilfesatz kann man eine Familie auch irgendwie durchbringen.”

 

 

 

21. Jan. 2014
von Christina Hucklenbroich
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27. Dez. 2013
von Christina Hucklenbroich
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Warum Frauen Pferde lieben und woher die kleinen Kätzchen kommen: Die Tier-Studien des Jahres

Macht Meerschweinchenstreicheln klug? Und wie steht es um den plötzlichen Haustier-Boom in China? Die wissenschaftlichen Studien des Jahres 2013 erhellen diese und andere Fragen. Weiterlesen →

27. Dez. 2013
von Christina Hucklenbroich
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