Tierleben

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Christina Hucklenbroich bloggt über unser Zusammenleben mit Tieren: über Alltägliches und neu Erforschtes und lange Verborgenes

Philipp Rösler und die Land(tier)arztquote: ein Besuch auf dem Kongress der deutschen Veterinäre

Wie behandle ich den chronischen Juckreiz beim Hund? Wie den chronischen Husten? Was tun gegen die Kropfentzündung bei Sittichen? Wer unlängst ins...

Wie behandle ich den chronischen Juckreiz beim Hund? Wie den chronischen Husten? Was tun gegen die Kropfentzündung bei Sittichen? Wer unlängst ins Programmheft des Tierärztekongresses in Hannover blickte, der könnte denken, das seien die drängendsten Probleme der deutschen Tierärzte – denn mit Fragen dieser Art waren die einzelnen Veranstaltungen überschrieben. Und wirklich: Die Säle waren an allen vier Kongresstagen Ende November gut gefüllt, ernsthaft folgten die Besucher den Vorträgen und machten sich ausführlich Notizen. Der traditionsreiche Kongress des Bundesverbandes Praktizierender Tierärzte (bpt) ist einer der größten Tierärztekongresse in Deutschland; was die Teilnahme von Inhabern von Praxen und Kliniken angeht, ist er sogar der allergrößte. 50 Prozent der 2500 Besucher waren Selbständige, 30 Prozent waren angestellte Tierärzte.

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Philipp Rösler unter Tierärzten, Ende November in Hannover

Wenn man sich allerdings vor den Sälen ein paar Stunden lang mit Verbandsvertretern, Branchenbeobachtern, Klinikinhabern, Angestellten und Studenten unterhielt, dann erfuhr man, dass die drängendsten Fragen des gesamten Berufsstandes sich von den zentralen diagnostischen Herausforderungen der einzelnen Tierärzte im Praxisalltag deutlich unterscheiden. Die Fragen des Berufsstandes sind: Wer sind diese vielen jungen Frauen, die Veterinärmedizin studieren – soziologisch betrachtet? Und: Wie schaffen wir es, wieder mehr Absolventen aufs Land in die Rinder- und Schweinepraxen zu ziehen?

Diese Fragen scheinen in gewisser Weise noch drängender zu sein als die nach Diagnostik und Therapie, denn als am Freitagabend die „berufspolitische Kundgebung“ im Saal 3 des Convention Center begann, war restlos jeder Platz besetzt. Die Kongressteilnehmer standen bis zur Mitte des Saales auf den Zwischengängen, die zum Podium führten, wo Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler sprechen würde.

Guter Arzt mit schlechtem Abi?

Philipp Rösler hat im Frühjahr eine Idee gehabt, für die er von den deutschen Humanmedizinern wenig Unterstützung, vom Bundesverband Praktizierender Tierärzte aber viel Lob bekommen hat: Die Idee war die „Landarztquote“. Jungen Leuten, die sich berufen fühlten, eines Tages als Arzt in ländlichen Gegenden zu arbeiten, sollte es erleichtert werden, einen Medizinstudienplatz zu bekommen. Rösler hatte zunächst in einem Interview über einen erleichterten Zugang um Medizinstudium gesprochen, in den Wochen danach hatte er es immer wieder erklären und verteidigen müssen. Koalitionskollegen unterstützten ihn und sagten sogar, auch mit einer Zwei oder einer Drei im Abitur könne man ein guter Arzt werden. Hochschulen und Verbände winkten ab. Sie hatten die Erfahrung auf ihrer Seite: Längst haben Studien ergeben, dass Studenten, die ihren Medizinstudienplatz über die Abiturnote bekommen haben, in Prüfungen besser abschneiden als diejenigen, die über andere Kriterien ausgesucht worden waren – seien es Auswahlgespräche, Wartezeit oder Sonderleistungen wie eine Olympiateilnahme oder ein Bundessieg bei „Jugend musiziert“. Und auch die Rechtslage lässt die Reservierung von Studienplätzen für 18-Jährige mit mäßigem Abi, die versprechen, mehr als zehn Jahre später, nach abgeschlossener Facharztausbildung, eine Praxis in Mecklenburg-Vorpommern zu übernehmen, wohl zunächst nicht zu. 

Der Tierärzteverband reagierte auf Röslers Vorstoß trotzdem mit Zustimmung. „Wir wünschen uns“, sagte bpt-Verbandspräsident Hans-Joachim Götz im April, „dass die für uns Tierärzte zuständige Bundesministerin Ilse Aigner schnell ähnliche Maßnahmen ergreift, um den sich abzeichnenden Mangel an Nutztierärzten abzuwenden.“ Als Götz am Freitagabend das Mikrofon an den Gastredner abtrat, gab er ihm den Hinweis mit auf den Weg, dass „Initiativen“ gefragt seien, um das Problem des „Landtierarztmangels“ zu lösen. Es sei noch immer wenig Interesse bei den Nachwuchstierärzten vorhanden, Aufgaben auf dem Land zu übernehmen.

Minister Rösler ließ sich Zeit. Er sprach über sein Studium, dann über Lebensmittel, außerdem über Zoonosen, Antibiotika und Krankenhauskeime. Schließlich kam er zum Stichwort „Ärztemangel auf dem Land“. „Wir haben das Problem schon heute, es wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch zunehmen“, sagte Rösler. Er habe die Theorie, das sei „nicht nur eine Frage der Vergütung, sondern eine des Berufsbilds“. Viele junge Ärzte wollten nicht mehr selbständig arbeiten, sondern angestellt im Team. Noch stärker ausgeprägt sei allerdings das Ziel, Beruf und Familie vereinbaren zu können. Zwei Drittel der Humanmedizinstudenten seien mittlerweile Frauen. Bei den Tierärzten seien es ja schon mehr als achtzig Prozent, erläuterte Rösler. Kinderbetreuung und Lebensqualität im ländlichen Raum seien Aspekte, die man mit besonderem Vorrang fördern müsse. Er erwähnte noch seine Frau und die gemeinsamen Zwillinge. Dann trat Rösler unter dem aufbrandenden Applaus der Tierärzte von der Bühne. Das Wort Quote hatte er nicht benutzt. Es scheint, als ob der Gesundheitsminister seine Idee vorerst nicht weiterverfolgen will.

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Die neue Tierärztegeneration auf dem Kongress in Hannover: Lieber Kätzchen als Kühe?

Bei den Tierärzten sieht das anders aus: Der Tierärzteverband hat im September sogar ein Gespräch im Bundeslandwirtschaftsministerium veranlasst, um dort mit Hochschulvertretern über den Tierarztmangel auf dem Land zu diskutieren. Der Verband drang dabei darauf, die Auswahlkriterien für die Zulassung zum Tiermedizinstudium zu verändern, sie seien die Hauptursache des Problems (derzeit liegt der Numerus clausus für Veterinärmedizin bei 1,0 bis 1,6, je nach Bundesland; in der Humanmedizin bei 1,0 bis 1,2). Die Universitäten waren allerdings der Meinung, dass der Landtierarztmangel vor allem mit schlechten Arbeitszeiten und niedriger Vergütung zusammenhänge. Das Bundeslandwirtschaftsministerium will die Situation nun quantifizieren und weitere Gespräche führen.

Kühe suchen Ärzte

Seit Jahren herrscht im Berufsstand Besorgnis wegen eines Mangels an Nachwuchstierärzten für Nutztierpraxen auf dem Land. Schon vor längerer Zeit reagierte die Bundestierärztekammer mit einer Kampagne, die „Kuh sucht Arzt“ hieß; man verteilte unter anderem Werbe-Flyer an den Universitäten. Das anschauliche, tierlastige Thema und der griffige Titel erregten schnell die Aufmerksamkeit der Medien, die bald über den Tierarztmangel auf dem Lande zu berichten begannen. Unter anderem verbreitete die dpa eine Reportage, in der der erstaunliche Satz vorkommt: „Einser-Abiturientinnen nehmen Landwirtssöhnen die Studienplätze weg.“ Einen noch härteren Ton schlug die Landwirts-Zeitschrift „Top Agrar“ an: „Das Versagen der Hochschulen: Tierärzte werden knapp“ hieß eine Titelgeschichte der auflagenstärksten deutschen Bauernzeitschrift vor zwei Jahren. Darin werden die veterinärmedizinischen Fakultäten nachdrücklich aufgefordert, auch schwächere Abiturienten aufzunehmen, wenn die sich nach dem Examen um Nutztiere kümmern wollen. Unfreiwillig komisch heißt es in dem Artikel, „Studienbewerber mit Stallgeruch“ blieben „auf der Strecke.“ Die Autorin beschwört das Bild todkranker Kühe, die viel zu lange auf den Tierarzt warten müssen, weil Praxen auf dem Lande so rar sind. Das Nachwuchsproblem wird als Tierschutzproblem geschildert.   

Doch in Wirklichkeit geht es längst nicht nur um die Frage, ob Notfall-Kühe verenden, weil der Tierarzt der Zukunft von weither nach Uecker-Randow fahren muss. Der Bundesverband praktizierender Tierärzte – von 7000 Mitgliedern ist die überwiegende Mehrheit selbständig – fürchtet auch, dass viele Landpraxen, egal wie lukrativ sie sind, keine Käufer finden. Viele niedergelassene Tierärzte hatten den Verkauf fest eingeplant und sehen jetzt einen Teil ihrer Altersvorsorge in Gefahr.

Derzeit wird die Diskussion befeuert von der soeben erschienenen Studie der Veterinärmedizinerin Katja Kostelnik. Kostelnik, die an der FU Berlin arbeitet, befragte 1200 Studierende nach ihren Berufsvorstellungen. Ungefähr 85 Prozent der Befragten waren weiblich. Unter den befragten Frauen interessierten sich nur 12 Prozent dafür, nach dem Studium in der Nutztierpraxis zu arbeiten, während 23 Prozent der Männer die Nutztierpraxis favorisierten. Das Ergebnis ist Wasser auf die Mühlen derer, die sich eine „Männerquote“ für das Studium wünschen oder zumindest andere Auswahlkriterien etablieren möchten, so dass nicht mehr wie bisher die Abiturnote entscheidend ist. Solche Überlegungen lassen jedoch unberücksichtigt, dass Männer den Beruf gar nicht mehr wollen: Auch unter den Studienbewerbern für das Fach Tiermedizin sind jedes Jahr nur noch fünfzehn Prozent Männer.

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Die ältere Tierärztegeneration in Hannover: Alleingelassen auf dem Land? (Fotos (2) bpt)

Über den genauen Zusammenhang zwischen hohem Frauenanteil im Beruf und Nachwuchsmangel auf dem Lande wird allerdings nach wie vor gerätselt. Die Vertreter unterschiedlicher Berufsverbände der Tierärzte haben in unzähligen Stellungnahmen und Interviews in den vergangenen Jahren immer wieder betont, Frauen seien der Arbeit auf den Bauernhöfen – mit Kühen und Schweinen – körperlich genauso gewachsen wie Männer. Über andere Gründe, warum Frauen möglicherweise der Nutztierpraxis fernbleiben, wird noch kontrovers diskutiert. Manche Tierärzte mutmaßen, dass die Frauen sich abgestoßen fühlen von den wirtschaftlichen Zwängen in der Landwirtschaft, von der Tatsache, dass Kühe zum Schlachter gehen, statt dass jede Therapiemöglichkeit genutzt wird. Außerdem steht die Überlegung im Raum, dass die Frauen an Familiengründung denken und sich deshalb keinen Job vorstellen können, bei dem man nachts aufstehen und auch tagsüber zu jeder Zeit ins Auto springen muss, wenn eine Kuh Geburtsschwierigkeiten hat. 

All das ist noch keine Erklärung für die auffällige Abkehr von den Landpraxen oder ließe sich mit einer hohen Vergütung lösen. Aber die Vergütung ist schon jetzt in der Nutztierpraxis höher als in anderen Zweigen der klinischen Veterinärmedizin: 2850 Euro brutto verdient ein vollzeitangestellter Tierarzt in einer Nutztierpraxis im Durchschnitt, 2300 in einer Kleintierpraxis – unabhängig von der Anzahl der Berufsjahre, der Promotion oder anderer Qualifikationsstufen. Außerdem sind Angestellte in Nutztierpraxen viel häufiger als die Mitarbeiter anderer Praxisarten der Meinung, ihre Arbeit lasse sich mit einer Familie und überhaupt mit dem Privatleben vereinbaren. Die Angaben stammen aus der in der Branche berühmten „Friedrich-Studie“, einer Befragung großer Teile der angestellt arbeitenden Tierärzte in Deutschland, die die Veterinärmedizinerin Bettina Friedrich vor zwei Jahren veröffentlichte.

Keine Kinder – und auch keine Karriere 

Die Studie hat den Berufsstand tief verunsichert: Drei Viertel der Angestellten sind demnach Frauen, das niedrigste Gehalt auf einer Vollzeitstelle liegt bei 580 Euro brutto, Männer verdienen im Schnitt 550 Euro mehr als Frauen, nicht einmal 30 Prozent der angestellten Frauen haben Kinder (aber die Hälfte der angestellten Männer). Für 75 Prozent der angestellten Tierärzte in Deutschland bleibt der Notdienst unvergütet – und das, obwohl schon ohne Nacht- und Notdienste pro Woche im Schnitt 48 Arbeitsstunden zusammenkommen. Rund ein Drittel der Angestellten bekommt von seinen Arbeitgebern keinen schriftlichen Arbeitsvertrag. 

Reaktionen und Interpretationen gab es viele. „Die Frauen im Tierarztberuf kennen ihren Wert auf dem Arbeitsmarkt nicht“, sagte etwa Stephanie Jette Uhde vor drei Wochen der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Uhde gründete Anfang des Jahres den Verband „Vet Lobby“, der für die Interessen von Frauen im Tierarztberuf eintreten und Tariflöhne erstreiten will. Viele Brancheninsider halten das für dringend geboten, denn sie sind sich einig, dass angestellte Tierärzte in hohem Maße abhängig sind. Oftmals dulden sie sittenwidrige Gehälter im Austausch gegen die Möglichkeit, in einer renommierten Praxis oder Klinik moderne OP-Techniken und Diagnosemethoden zu lernen und einen Weiterbildungsgrad zu erwerben, etwa den Titel „Fachtierarzt für Kleintiere“ oder „Fachtierarzt für Pferde“. Hat ein Klinikinhaber die Befugnis zur Weiterbildung, bekommt er also motivierte Angestellte und kann außerdem am Lohn sparen.

Arwid Daugschies, Professor an der Veterinärmedizinischen Fakultät in Leipzig und Vorsitzender des Veterinärmedizinischen Fakultätentages, sieht einen Generationenkonflikt, bei dem die Jüngeren die Verlierer sind: Zwar gehe es den vielen angestellten Tierärzten „um die Tätigkeit selbst bis hin zur Selbstverleugnung“, sagte Daugschies der F.A.Z.. Aber auch die Arbeitgeber trügen eine Mitschuld: „Auf der anderen Seite ist bei den Arbeitgebern die Haltung entstanden, nur das Mindeste zu zahlen, was sie zahlen müssen. Die Verantwortung und die Solidarität untereinander fehlen.“

Daugschies weist außerdem auf die hohe Schwundrate hin: Zwanzig Prozent der Absolventen gingen gar nicht erst in den Beruf. Eine Zahl, die viele Berufsvertreter mit ratlosem Schulterzucken quittieren. Wohin gehen diese jungen Tierärzte, wenn nicht in Praxen, Ämter, Uni, Industrie oder zum Arbeitsamt? Wovon leben sie, nachdem sie aus der Statistik verschwunden sind, und warum haben sie studiert und Examen gemacht?   

Rich girls just wanna have fun?

Auf dem Kongress in Hannover wurde jetzt erstmals der Wunsch nach einer soziologischen Studie über Herkunft und Motivationen der Tiermedizinstudenten laut geäußert. Und im Einzelgespräch lassen immer mehr Berufsvertreter verlauten, dass sie glauben, ein großer Teil der jungen Leute, die Tiermedizin studieren, habe so viele wirtschaftliche Ressourcen, dass sie nur nach ihren Interessen vorgehen würden und auch die Höhe des Gehaltes zweitrangig sei. Das Veterinärmedizin-Studium als Sammelbecken für höhere Töchter? Die Erben verderben die Preise? Reiche Mädchen, die lieber mit flauschigen Kätzchen kuscheln als Massenimpfungen ganzer Milchviehherden durchzuführen?

Der Ansatz ist interessant, allerdings deutet die Studie von Bettina Friedrich darauf hin, dass es noch immer einen recht großen Teil von Absolventen gibt, der darauf angewiesen ist, zu arbeiten. Mit den anonymen Fragebögen erhielt die Doktorandin einen Wust von Zetteln mit persönlichen Anmerkungen zurück, von denen sie einen Teil abdruckte. „Ich fühle mich erleichtert, dass sich jemand für meine Arbeitssituation interessiert, die ich als immer unerträglicher empfinde“, schrieb eine Frau. Eine andere notierte: „Vielen Dank, dass Sie mal nachgefragt haben. Eigentlich liebe ich diesen Beruf – wenn man nicht immer so ausgeliefert wäre.“

Ähnlich desillusioniert äußern sich junge Tierärztinnen in Internetforen. In einem Thread namens „Studium schon mal bereut?“ im Forum www.foren4vet.de schreibt eine junge Tierärztin unter dem Pseudonym „Caspaline74“, sie habe nach dem Studium erst einmal „für lau“ gearbeitet: Leider war ich auch genau ein solcher Student und Uniabgänger, der das Prinzip der Ausbeutung unterstützt hat. Ja, ich war tatsächlich genau solch ein jämmerlicher Waschlappen geworden, den sich die Uni und vor allem gut verdienende Chefs wünschen: loyal, fleissig, wiss-/lernbegierig, aaach soooo tierlieb….“ Doch die Begeisterung habe nicht lange gehalten: „Bei mir wurde das ganz schnell zum Problem, als ich die ersten Zahlungen (BaföG, Kredit für Diss. etc.) leisten musste und tatsächlich – ganz ohne Elternhilfe – nicht mehr wusste, wie´s finanziell bei mir weitergehen sollte. Das waren die Momente, wo man vor und nach der Arbeit heimlich geweint hat…“ Sie habe Gespräche mit dem Chef geführt, um etwas zu verändern, aber der habe nur gesagt, „es gäbe immer Tierärzte, die für weniger Geld arbeiten, warum also mehr zahlen?“

Eine soziologische Studie zur Herkunft der Studierenden wäre in jedem Fall interessant – auch, weil die letzte solche Untersuchung lange Zeit zurückliegt: Über die Veterinärmedizin-Studienanfänger des Wintersemesters 1934/35 ist bekannt, dass 30 Prozent von ihnen Söhne von Beamten, weitere 25 Prozent Söhne von Bauern waren. Zehn Prozent hatten Väter, die Handwerksmeister waren, wobei wohl zumeist das Fleischereihandwerk gemeint war. 

Lieber mit Lippenstift

Frauen gab es Anfang der dreißiger Jahre so gut wie keine im Tierarztberuf. Ganze 1,3 Prozent der Studierenden an den veterinärmedizinischen Bildungsstätten waren Frauen. Dreißig Jahre später waren es schon 16 Prozent. Mitte der siebziger Jahre waren ein Viertel der Studienanfänger weiblich, Anfang der Neunziger siebzig Prozent, heute sind es 85 Prozent.

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Kommt bald ein Tarifvertrag? Pinnwand mit Stellenanzeigen für Tierärzte an der Uni Gießen

Die ersten Frauen unter den Studierenden hatten es nicht leicht: Einzelne Dozenten legten eine offen frauenfeindliche Haltung an den Tag, erinnern sich Zeitzeuginnen, die in den vierziger Jahren in Hannover studierten. Für eine veterinärhistorische Dissertation berichtete eine Frau, die während des Zweiten Weltkriegs für Veterinärmedizin immatrikuliert war, sie habe sich eigens für die Physiologieprüfung einen Lippenstift zugelegt, da der Prüfer erwartet habe, dass eine Frau geschminkt sei. Von einem anderen Dozenten sei sie in den Anatomietestaten mit Vorliebe zum Thema „weibliche Geschlechtsorgane“ geprüft worden und habe die Organe des Tieres dabei auch mit den entsprechenden Organen beim Menschen vergleichen müssen.

Noch heute scheinen sich Frauen im Tierarztberuf mit Diskriminierungen auseinandersetzen zu müssen. Fast die Hälfte der befragten Frauen in der Studie von Bettina Friedrich gibt an, aufgrund ihres Geschlechtes schon einmal benachteiligt worden zu sein. In den meisten Fällen von einem Patientenbesitzer, am zweithäufigsten bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz, an dritter Stelle steht die Diskriminierung durch den Chef. Die Tierärztinnen spezifizieren diese Fälle: „Meine Chefin sagte, sie würde keine Frau mehr einstellen, die Kinder will“, heißt es in einem Fragebogen. Diskriminiert worden sei sie „durch die Bitte seitens des Chefs, keine Kinder zu bekommen“, schreibt eine andere Tierärztin, und eine dritte notiert: „Chef wünschte bei Einstellung Zusicherung, dass in den nächsten Jahren keine Kinder geplant sind.“ Wegen der vielfältigen Gefahren im Praxisalltag – von übertragbaren Tierseuchen über toxische Medikamente bis hin zum Heben schwerer Lasten – erhalten schwangere Tierärztinnen meistens ein Beschäftigungsverbot und fallen dann für den Praxisinhaber sofort und komplett aus.

Von A wie Autobahntierarzt bis Z wie Zickenterror

Dem Berufsstand stellt sich jetzt die Frage, ob Diskriminierungen solcher Art Frauen auch von bestimmten Praxiszweigen abhalten – zum Beispiel von der Nutztierpraxis. In der Novemberausgabe des „Deutschen Tierärzteblattes“ ist ein anonymer Beitrag zu dem Thema erschienen. Darin schreibt eine junge Tierärztin, es wundere sie angesichts ihrer eigenen Erfahrungen in Landpraxen „absolut gar nicht, dass Nutztierpraktiker über Nachwuchsmangel klagen“. Sie habe vor drei Jahren ihr Studium abgeschlossen und seitdem schon viel Negatives erlebt: „Man muss ja alles mal mitgemacht haben – von A wie Autobahntierarzt, über C wie Choleriker, M wie Machosprüche bis Z wie Zickenterror. Praxisinhaber scheinen in Anteilen in ihrer ganz eigenen Welt zu leben. Einarbeitung findet am Telefon statt, nicht verkehrssichere Praxiswagen gehören zum guten Ton und wer an seinem freien Wochenende wirklich frei haben möchte wird Berufsverfehlung vorgeworfen.“ Und weiter: „Schimpfen tut der gestresste Praxisinhaber immer wieder gerne auf die schwanger gewordenen Ex-Mitarbeiterinnen, in die er doch so viel Arbeit und Mühe gesteckt hat und das ‚alles umsonst‘. Solche Aussagen kränken mich als Frau tief und persönlich (…)“.

Der Bundesverband Praktizierender Tierärzte will jetzt zumindest eine Lösung für das Problem der sittenwidrigen Gehälter finden, die mittlerweile nach Ansicht vieler Tierärzte das Image des Berufes schädigen. Der Verband wird deshalb im kommenden Jahr einen „simulierten Tarifvertrag“ schaffen. Etwa vier bis sechs Selbständige und ebenso viele Angestellte aus den Reihen der Verbandsmitglieder werden sich gegenübersitzen und über die Gehaltsfrage verhandeln. Mitglieder des Verbandes sollen sich nach der Einigung an die neu geschaffenen Tarife halten.

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