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Tierleben

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Christina Hucklenbroich bloggt über unser Zusammenleben mit Tieren: über Alltägliches und neu Erforschtes und lange Verborgenes

Schweine im Bällchenbad

"Der kleine Kevin möchte aus dem Kinderparadies abgeholt werden!" Zu diesem Satz gibt es unzählige Witze, Anspielungen und Abwandlungen. Wer Ikea...

„Der kleine Kevin möchte aus dem Kinderparadies abgeholt werden!“ Zu diesem Satz gibt es unzählige Witze, Anspielungen und Abwandlungen. Wer Ikea durchstreift, zuckt oft allein wegen der abenteuerlichen Namenskombinationen zusammen, die in diesem Zusammenhang Öffentlichkeit erfahren. Die Durchsage ist so sehr Sinnbild einer mit Kindern inkompatiblen Konsum- und Alltagswelt geworden, dass es ganze Blogeinträge nur über diesen einen Satz gibt. Man muss nur „abgeholt werden“ und „ikea“ googeln. 

Wissenschaftler der Uni Kassel haben sich jetzt in ganz anderer Weise von Ikeas Kinderparadies inspirieren lassen: Sie haben ein Bällchenbad für Schweine entwickelt. Nicola Jathe und Uwe Richter vom Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften erdachten ein „Wühltrogsystem“, bei dem bunte Bälle aus Polyurethan mittels einer Feder in einem Trog befestigt werden. Die ersten Ergebnisse seien vielversprechend; schon seit drei Monaten beschäftigten sich die Versuchsschweine mit dem Bälle-Trog, sagt Richter. Das System komme dem natürlichen Wühltrieb der Tiere entgegen, fügt Jathe hinzu.

Bild zu: Schweine im Bällchenbad

Neugierig: Schweine auf einem Biohof in Mecklenburg-Vorpommern (Foto dpa) 

Das Konzept gilt als Hoffnungsträger, weil die bisher eingesetzten Spielzeuge in der Schweinehaltung auf wenig Interesse bei den Tieren stoßen. Ein gängiges Spielzeug ist eine dreißig Zentimeter lange Kette, die ursprünglich Bestandteil des Futtertransportsystems ist. Außerdem erhalten Schweine oft Bälle, mit denen sie dann spielen sollen. Doch beides scheint nicht so gut anzukommen wie das Wühltrogsystem. Stroh ist keine Alternative, hält man die Tiere doch aus Gründen der Zeit- und Kostenersparnis bewusst auf Betonspaltenböden.

Erfindungen wie das Bällchenbad der Uni Kassel passen in die Debatte, die Nutztierhalter derzeit beschäftigt. Es werden neue Wege gesucht, große Tierzahlen zu halten, ohne Hierarchiekonflikte in der Herde entstehen zu lassen – und auch, ohne den Verbraucher zu verärgern, der inzwischen höhere Ansprüche an die Tiergerechtheit einer Haltung hat. Gedanken über die Lebensbedingungen von Nutztieren machen sich Wissenschaftler und die Fleisch- und Milchbranche auch, weil es jetzt ernst wird um das sogenannte „Tierwohl-Label“. Die „Initiativgruppe Tierwohl-Label“ entwickelt derzeit ein Gütesiegel für Fleisch aus besonders tiergerechter Haltung. Wissenschaftler der Universitäten Göttingen und Kassel, der Deutsche Tierschutzbund, das Friedrich-Loeffler-Institut, der Verein Neuland und Unternehmen der Schlacht- und Lebensmittelbranche haben vor wenigen Wochen erstmals die Kriterien vorgestellt. Dazu gehört eine strukturierte Umgebung und natürlich weniger Verletzungen, die man auch eindämmen kann, indem man die Aggressionen in der Gruppe der Tiere verhindert – zum Beispiel durch mehr Ablenkung. Das Label wird wohl ohnehin eine höhere Dichte in den Regalen von Bioläden haben, könnte aber auch andere Marktsegmente unter Zugzwang setzen.

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