Tierleben

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Christina Hucklenbroich bloggt über unser Zusammenleben mit Tieren: über Alltägliches und neu Erforschtes und lange Verborgenes

Island, Deutschland, ein Kinderbuch-Bestseller und das große Geschäft mit den kleinen Pferden

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An einem Abend im April dieses Jahres saß ich mit mehreren Journalisten und Vertretern der isländischen Pferdezucht- und Reitsportverbände in einer Nische...

An einem Abend im April dieses Jahres saß ich mit mehreren Journalisten und Vertretern der isländischen Pferdezucht- und Reitsportverbände in einer Nische des Restaurants „Fishmarket“ in Reykjavik. Aufgetragen wurden immer neue Gänge: Hummer und Hai, Kabeljau, mit Wasserspinat garnierter Seeteufel, isländische Sushi und sogar Papageitaucherbraten. Angesichts all dieser ausgesuchten Spezialitäten, für die das Szenerestaurant inzwischen über die Grenzen Islands hinaus berühmt ist, kam das Gespräch plötzlich auf Pferdefleisch. Das war besonders erstaunlich, weil wir, die Journalisten, nach Island eingeladen worden waren, um uns über die Pferde der Insel zu informieren. Dabei sollte es aber nicht um ihre Qualitäten als Sonntagsbraten gehen, sondern um ihre Schönheit, ihr freundliches Wesen und die Rolle, die sie für den boomenden Reittourismus des Landes spielen. 

Noch erstaunlicher allerdings war, dass das Gespräch sich, kaum war die Vorliebe der Isländer für Pferdefleisch erwähnt, freimütig um die Vorteile drehte, die die Schlachtung von Pferden mit sich bringt: In Island wird mit zwei Kilo pro Kopf und Jahr mehr als doppelt so viel Pferdefleisch verzehrt wie in den Ländern des europäischen Kontinents, die für diese Vorliebe bekannt sind, etwa Belgien, Luxemburg und Italien. Speziell unbeliebt ist Pferdefleisch in Ländern wie Deutschland oder Großbritannien, der Pro-Kopf-Verzehr ist heute hier verschwindend gering. Die anderen Journalisten kamen aus Skandinavien, Großbritannien und den Vereinigten Staaten, in der Mehrzahl junge Frauen, die als Fachjournalistinnen über Pferde und Reitsport schrieben. Die meisten von ihnen ritten seit ihrer Kindheit. Kaum hatten die Vertreter der isländischen Reiterei etwas schüchtern und mehr aus Pflichtgefühl erwähnt, dass man ja in Island Pferde nicht nur reite, sondern bisweilen auch esse, und dass sie selbst zwar lange Jahre mit Schaudern abstinent geblieben seien, die Tradition aber heute akzeptierten und sogar Vorteile für den Tierschutz sähen, da entwickelte sich eine lebhafte Diskussion. Ganz genau so sei es, stimmten die Dänen, Norweger und Schweden zu. Ein amerikanischer Journalist begann sofort von den Auswirkungen der Wirtschaftskrise zu erzählen, als Pferde von ihren verarmten Besitzern einfach auf einsamen Wegen ausgesetzt wurden, vor allem im Süden der Vereinigten Staaten gab es solche Fälle.

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Pferdefleisch in einem Supermarkt in Reykjavik 2011

Es gebe eben viele Pferde, die niemand haben wolle, ergänzten die Europäer. Nur sei in den meisten Gesellschaften der Weg zu einer Schlachtung aus Konvention versperrt: Man schlachte seinen Kameraden einfach nicht und setze den eigenen Ruf aufs Spiel, wenn man gegen diese Regel verstoße. Deshalb wanderten manche Pferde durch viele Hände, würden am Ende nur noch weiterverschenkt und vegetierten teilweise unter tierschutzwidrigen Bedingungen dahin. Eine Mitschuld trügen jene Leute, die unbedingt mit ihrer Stute züchten wollten, um einmal selbst ein Fohlen zu ziehen, das aber nicht selten unverkäuflich bleibe, gerade wenn schon die Stute ohne Stammbaum sei. Und schließlich fiel uns Irland ein, das durch spektakuläre und massenhafte Pferdeaussetzungen bekannt geworden ist: Während des wirtschaftlichen Aufschwungs schafften sich viele Menschen ein Pferd als Statussymbol an, man ließ es hinter dem Haus weiden, baute einen hübschen Stall. In der Krise musste es dann so schnell wie möglich weg, denn es verschlang jeden Monat aufs Neue eine fixe Summe, die durch unberechenbare Tierarztkosten gut noch gesteigert werden konnte. Bedenke man all diese Entwicklungen, dann sei es unter Umständen eine vergleichsweise humane Lösung, die Schlachtung von Pferden zu enttabuisieren, war sich die Diskussionsrunde schnell einig.

Eine Debatte wie diese findet man inzwischen häufig dort, wo die „Pferdeszene“ zusammenkommt – auch in Deutschland. In diesem Winter spitzt sich die Lage zu: Die Energiekosten haben sich erhöht, und durch den verregneten Sommer steigen auch die Heupreise. Wer ein Pferd besitzt, spürt beides jetzt deutlich. Die „Verwertung“ von Pferden als Lebensmittel wird für alarmierte Zuchtverbände inzwischen zu einer Option, die offen propagiert wird. Gerade hat etwa der Salzburger Pferdezuchtverband das Pferdefleisch-Kochbuch „Ross und Rössl“ auf den Markt gebracht – nicht nur eine Rezeptesammlung, sondern ein regelrechter Aufruf zum Umdenken: „Es liegt in der Natur der Pferdezucht, dass nicht jedes Tier zur Zuchtarbeit und auch nicht für Freizeitzwecke geeignet ist“, erklärte der Obmann des Zuchtverbands öffentlich. Deshalb sei es „ein sinnvolles Bestreben, in der Vermarktung des Fleisches Fuß zu fassen“.

Es ist eine Diskussion, die wir unter anderem führen, weil das Halten von Pferden in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg demokratisiert wurde. Man kann das Ganze deshalb auch soziologisch und in einem größeren Zusammenhang sehen: Dass der früher den Bauern und Großgrundbesitzern vorbehaltene Pferdebesitz in den Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg breiten Bevölkerungsschichten möglich wurde, dass man nicht mehr Land und Personal besitzen muss, sondern auf ein dichtes Netz von Pensionsstallanbietern und Pferdeboxen vermietenden Kleinbauern zurückgreifen kann, zeigt in Zeiten gestiegener Lebenshaltungskosten plötzlich Folgen: Immer mehr Menschen, die an etwas teilhaben wollten, was scheinbar allen offensteht, einem Leben mit eigenen Pferden, kommen jetzt ökonomisch an ihr Limit.

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Pferdeparade in Reykjavik, April 2011 (Fotos huch)

An dieser Stelle schließt sich ein Kreis. Den Pferdebesitz für breite Schichten zu öffnen, ist, zumindest in Deutschland, eine Idee der fünfziger Jahre gewesen. Mit einem genialen Marketingkonzept wurde sie ab 1957 realisiert: Eine Rettungskampagne für Schlachtfohlen aus Island brachte Hunderte von Pferden in die Hände ahnungsloser Städter, die ein gutes Werk tun wollten. Ihre Fohlen konnten sie am Hamburger Hafen abholen, und als sich herausstellte, dass die Tiere wider Erwarten weder in den Vorgarten noch auf den Balkon passten, pachtete man Weiden, baute Verschläge, schloss sich zu Haltergemeinschaften zusammen und suchte im Vorort beim Bauern Hilfe.

Pferde zu schlachten, war damals eine öffentlich weitgehend geächtete Angelegenheit – und das, obwohl der Konsum, der vor allem in armen Schichten verbreitet war, mit 20.000 Tonnen sehr viel höher war als heute. „Pferdefleisch in der deutschen Küche, das scheint unmöglich, und sei es nur, weil Willy Birgel einst für Deutschland ritt und der Schimmel Friedrichs des Großen ausgestopft im Zeughaus stand“, schrieb Wolfram Siebeck 1982 in seinem Buch „Sonntag in deutschen Töpfen“. Also wurden die vom Schlachter bedrohten Fohlen, deren Schicksal eine Serie von Artikeln und Agenturmeldungen im Herbst 1957 in vielen deutschen Zeitungen öffentlich gemacht hatte, kurzerhand aus Reykjavik nach Hamburg verschifft. Eine Erfolgsgeschichte: Heute ist Deutschland das Land, in dem nach Island die meisten Islandpferde überhaupt leben, nämlich etwa 65.000.

Der Grundstein für die Pferdebegeisterung, die viele Deutsche Ende der fünfziger Jahre erfasste, war aber viel früher gelegt worden: durch das erfolgreiche Kinderbuch „Dick und Dalli und die Ponies“, das die Schriftstellerin Ursula Bruns Anfang der fünfziger Jahre veröffentlichte, und seine Verfilmung, die „Immenhof“-Trilogie. Im Buch ebenso wie in den Filmen spielten Islandpferde (damals noch „Islandponys“) die Hauptrolle.

Die frühen Käufer von Islandpferden waren auch die ersten, die in größerer Zahl als Touristen nach Island kamen. Island ist somit auch über seine kleinen, freundlichen Pferde zu einem Sehnsuchtsland der Deutschen geworden. Deshalb soll in den Tagen der Buchmesse, deren Gastland in diesem Jahr Island ist, im Blog „Tierleben“ erzählt werden, wie es zu all dem kam: wie „Dick und Dalli und die Ponies“ ein Bestseller wurde, die Islandpferde zu einem Exportschlager und ihr Import in Deutschland zu einer gesellschaftlichen und medialen Debatte führte – damals, Ende der fünfziger Jahre, als die „Bild“-Zeitung sich eine eigene herzzerreißende Geschichte über flauschige Fohlen aus dem hohen Norden ausdachte und der „Spiegel“ prophezeite: „Am Horizont zeichnet sich ein fashionables neues Hobby ab, dessen Zukunftsperspektiven um so hoffnungsvoller beurteilt werden können, als der Hohepriester des westdeutschen Savoir vivre, der Bonner Staatssekretär von Eckardt, ihm inzwischen Billigung erteilt hat“ (Heft 42, 15. Oktober 1958). 

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Pferdestall nahe Reykjavik

Die Geschichte beginnt allerdings viel früher: im Deutschland der ersten Nachkriegsjahre. Der Reitsport und die Pferdezucht fürchteten damals um ihre Zukunft, auch, weil absehbar wurde, dass Pferde in der Landwirtschaft durch Maschinen ersetzt werden würden. Gustav Rau, ein ehemaliger Sportreporter, der einer der bedeutendsten deutschen Pferdexperten der Vorkriegszeit und Oberlandstallmeister der Preußischen Gestütsverwaltung gewesen war, trat 1949 auf die Kinderbuchautorin Ursula Bruns zu und bat sie, einen Jugendroman über junge Turnierreiter zu schreiben – „zur Unterstützung des gerade wieder aufblühenden Sports mit Pferden“, wie sich Bruns später erinnerte. Doch sie hatte sich schon vorher überlegt, dass in ihrem zweiten Buch Ponys die Hauptrolle spielen sollten. Rau gab ihr also Adressen von Ponyexperten und -züchtern und erwähnte dabei auch einen Mann, der in Süddeutschland Islandpferde hielt, damals eine absolute Rarität. Ursula Bruns, Mitte zwanzig, fühlte sich sofort an die Kinderbücher über „Nonni und Manni“ von Jón Svensson erinnert, die sie als Jugendliche gelesen hatte. Sie fuhr zur Recherche gen Süden, sah sich die fremden Pferde an und durfte einige reiten. Danach setzte sie sich hin und schrieb 1950 in nur drei Monaten „Dick und Dalli und die Ponys“. Zu viel Klischee, aber die gute Laune und die zärtlichen Pony-Schilderungen machten das wieder wett, urteilten die Rezensenten damals recht geschlossen. In der Frankfurter Allgemeinen hieß es etwa spöttisch: „Da müssen die Klischees aus dem Landadel herhalten, rauhe, prächtige Großmütter mit ebenso rauh-prächtigen Enkelinnen, die einen zimperlichen Großstadtjungen, natürlich auch aus sehr feiner Familie, zum gesunden Landleben bekehren.“ Ein Bestseller wurde das Buch trotzdem.

Fortsetzung folgt!

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1 Lesermeinung

  1. "Tut mir leid, liebes Ponny -...
    „Tut mir leid, liebes Ponny – entweder Skifreizeit in Ischgl oder du“ – da fällt die Entscheidung doch nicht schwer! In einer heutigen (europäisch) westlichen Gesellschaft die Begriffe wie Not und Armut ins Feld zu führen – oder besser: Krise – um sich eines Pferdes zu entledigen ist doch absolut lächerlich. Die Leute wissen überhaupt nicht mehr, was „arm sein“ wirklich bedeutet. Vielmehr soll doch hier nur ein weiterer Fleischmarkt eröffnet werden, für den sich bestimmte Kreise einen Profit versprechen. Das ganze wird dann mit dem Begriff Humanität verschleiert. Dann können wir auch die Hunde im Tierheim schlachten – aber so „fortgeschritten“ und „enttabuisiert“ sind wird NOCH nicht.
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    Hat ein Pferd oder ein Tier allg. als lebendiges, Schmerz und Angst empfindendes Individuum oder eine Pflanze keine Daseinsberechtigung jenseits irgendwelcher Wirtschaftlichkeitsberechnungen bestimmter Leute? Sie definieren, was lebenswert und aus „finanzieller Notwendigkeit“ (natürlich alternativlos) dem Tode geweiht ist? Früher hies es dann Euthanasie – heute in den USA Death Panels.
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    „Es liegt in der Natur der Sache, dass nicht jedes Mensch zur Vermehrung und auch nicht für Arbeitszwecke geeignet ist“, erklärte der Obmann der Lobbyisten öffentlich. Deshalb sei es „ein sinnvolles Bestreben, in der Vermarktung des Fleisches Fuß zu fassen“. Soylent Green lässt grüssen!

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