Tierleben

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Christina Hucklenbroich bloggt über unser Zusammenleben mit Tieren: über Alltägliches und neu Erforschtes und lange Verborgenes

Island: Die ersten Touristen kamen der Pferde wegen

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Aus der "Rettungsaktion" für isländische Fohlen entstand Ende der fünfziger Jahre die Gemeinde der ersten deutschen "Freizeitreiter": Familien, die...

Aus der „Rettungsaktion“ für isländische Fohlen entstand Ende der fünfziger Jahre die Gemeinde der ersten deutschen „Freizeitreiter“: Familien, die sogar aufs Land zogen, um ihre Pferde unter Bedingungen halten zu können, die denen in Island ähnelten. Anders ging es kaum, in warmen Ställen wurden die Islandpferde krank. Außerdem sahen die Besitzer den Vorteil, ihr Pferd nicht täglich bewegen zu müssen, solange es frei in einer Gruppe auf der Weide umherstreifen konnte. So ließ sich der Pferdebesitz mit einer Berufstätigkeit verbinden. Man brauchte auch kein Personal mehr, das die Pferde bewegt hätte, wie es in der Vorkriegszeit üblich war, wenn man sich privat Reitpferde hielt.

In dieser Bewegung wurzelt das Interesse der Deutschen an Island als Urlaubsland, das in den sechziger und siebziger Jahren aufkam. Die ersten deutschen Islandtouristen waren Pferdebesitzer, die die Heimat ihrer Tiere kennenlernen und außerdem weitere Tiere kaufen wollten. Die isländischen Bauern ließen sich von den Deutschen auf Ritten begleiten, wenn sie Herden von Ort zu Ort trieben. Ursula Bruns gab schon ab Oktober 1958 eine Zeitschrift für alle deutschen Islandpferdereiter heraus, die „Pony-Post“. Zunächst war es eine Art „Gebrauchsanweisung“, mit deren Hilfe sich die ratlosen, frisch gebackenen Fohlenbesitzer belesen konnten. Darin fanden sich schon früh Reportagen über die ersten abenteuerlichen Urlaube der deutschen Islandpferde-Gemeinde in Island. 1963 schrieb etwa die fünfzehnjährige Sabine Marth auf mehreren Seiten über ihren „ersten großen Island-Ritt“. Sie begleitete einen Pferdetrieb von Hella ins hundert Kilometer entfernte Reykjavik. Das fremdartige Island, Sinnbild einer „anderen Welt“, entfaltete schnell seine Wirkung: „Die fernen Berge hoben sich bläulich aus dem Morgendunst, und die Gletscher glitzerten im strahlendsten Weiß“, heißt es in dem Text. Abends ist man todmüde, zählt immer wieder die Pferde und blättert auf Bauernhöfen und in einfachen Herbergen Stammbäume durch.

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Reittouristen in Island 2011

Auch Ursula Bruns bereiste Island. In einer der frühen „Pony-Post“-Ausgaben schildert sie die Gastfreundschaft der Isländer. Täglich lade man sie zu üppigen Abendessen ein: „mit Walspeck und faserig getrocknetem Klippfisch und in Sauermilch eingelegten Leberwürsten und heißem Hammelbraten und viel kaltem Aufschnitt.“ Von Pferdefleisch ist nur am Rande die Rede, eine Bäuerin etwa erzählt Bruns, nun, wo man sich kennengelernt habe, sei sie beruhigt: „Letztes Jahr habe ich drei überzählige, ausgezeichnete Pferde schlachten lassen. Ich wollte sie nicht nach Deutschland verkaufen, weil die Leute hier sagten, dort würden sie gequält und in die Gruben geschickt. Aber ich glaube nicht, dass du Pferde quälst! Nächstes Jahr verkaufe ich auch meine Pferde nach Deutschland!“  

Doch ein einträgliches Geschäft blieb der Pferdeverkauf an die Deutschen nur für begrenzte Zeit. Schließlich begann man auf dem Kontinent selbst zu züchten. Der in Deutschland geborene Nachwuchs hatte einen entscheidenden Vorteil: Die Tiere entwickelten anders als die meisten Importpferde meist kein Sommerekzem. Diese Krankheit galt Jahrzehnte als größtes Problem der Islandpferdehaltung auf dem Kontinent. Das Sommerekzem ist eine allergische Hautreaktion gegen den Speichel bestimmter Stechmücken. Die winzigen Insekten gehören der Gattung Culicoides (Gnitzen), manchmal auch der Gattung Simulium (Kriebelmücken) an. Das Ekzem beginnt in den ersten warmen Tagen des Jahres, meist im April oder Mai. Es verschwindet im Spätherbst, wenn der Mückenflug endet. Nur die weiblichen Stechmücken saugen Blut, das sie als Nahrung für die Entwicklung ihrer Eier vor der Ablage benötigen. Die Pferde, die allergisch auf die Stiche reagieren, entwickeln schweren Juckreiz vor allem an Mähnenkamm und Schweifrübe und teilweise auch an der Mittellinie des Rückens und an der sogenannten Bauchnaht, der Mittellinie des Bauches, sowie im Bereich der Augen und Ohren. An diesen Stellen stechen die Insekten mit Vorliebe zu. Die Krankheit zeigt sich durch Quaddeln, Schuppen, borkige Hautveränderungen, starken Haarverlust und offene, teilweise blutige Hautschäden, die die Pferde sich selbst wegen des unerträglichen Juckreizes zufügen: Sie „schubbern“ sich an Zäunen und Mauern oder beißen sich bei der sozialen Fellpflege gegenseitig blutig.

Auf Island gibt es keine Culicoides-Mücken, das Sommerekzem tritt bei den Pferden dort nicht auf. Vor drei Jahren veröffentlichten isländische Wissenschaftler eine Studie, für die sie 330 Pferde untersuchten, die von Island nach Deutschland, Schweden oder Dänemark verkauft worden waren. 114 der Tiere, also mehr als ein Drittel, entwickelten nach dem Export Anzeichen des Ekzems. Die Forscher zogen den Schluss, dass auf Island gezogene Pferde nicht früh genug in ihrem Leben mit den Antigenen aus dem Mückenspeichel konfrontiert werden. Deshalb entwickeln sie anders als auf dem Kontinent geborene Islandfohlen keine Toleranz gegen die Stoffe.

Die ersten deutschen Halter bauten Schachtelhalm an, um die Pflanzen dann zu pürieren und wegen ihres Zinkgehaltes unters Futter zu mischen, oder kochten Pferdefleisch aus, um das Fett herauszulösen und die Ekzem-Pferde damit einzuschmieren – Maßnahmen, die viel Zeit kosteten, aber wenig Nutzen brachten. Heute hat man den Umgang mit dem Ekzem in der Islandszene ebenso professionalisiert wie Zucht, Ausbildung und Haltung. Nachzucht vom Kontinent neigt selten zum Ekzem, und wenn doch, behilft man sich mit Mückenschutzlotionen, Pferdedecken samt Gesichtsmasken, die das Pferd gegen Mücken abdichten, und im Notfall Cortison.

Während der Wirtschaftskrise gab es noch einmal einen kleinen Importboom: Deutsche Käufer konnten in dieser Zeit Pferde in Island für 1000 bis 2000 Euro erstehen. Doch das Interesse schlief schnell ein, denn inzwischen existiert auch in Deutschland ein „Billigmarkt“. Generell gehören reitbare Islandpferde allerdings zur teureren Kategorie: 6000 Euro für ein hübsches, gut ausgebildetes Freizeitpferd sind keine Seltenheit, wie man etwa in der Pferdebörse des deutschen Islandpferde-Zuchtverbandes nachlesen kann. Schon Mitte der sechziger Jahre hatte ein neues Leistungsdenken bei den deutschen Islandpferdehaltern Einzug gehalten: Die Ponypreise stiegen, und man rief spezielle Turniere ins Leben, bald auch Europa- und Weltmeisterschaften. Der Islandpferdesport, als Gegenentwurf zum traditionellen Reitsport gedacht, wurde selbst elitär. Seitdem hat sich auch eingebürgert, das Pony als „Islandpferd“ zu bezeichnen.

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Reitsportveranstaltung in Reykjavik 2011

In den Jahrzehnten seit den ersten Importen hat sich auch so etwas wie ein Re-Import eingestellt: Die Deutschen, die Turniere und Leistungskategorien einführten und das Ganze systematisierten, trugen ihre sportlichen Ambitionen zurück nach Island, wo man begann, die Pferde nun nach den neuen Maßstäben zu bewerten. Heute gibt es auch in Island Turniere. Anders als auf dem Kontinent, hatte sich hier nie eine militärische Reittradition entwickelt. Die Idee der Deutschen, die Islandpferde unter dem Reiter anhand ihrer Gangqualitäten, Haltung und ihres Ausdrucks zu bewerten, wurde aber begeistert aufgenommen. Heute wetteifern bei feierlichen Turnierveranstaltungen in den Reithallen Reykjaviks die Mitglieder konkurrierender Reitclubs aus dem Umland miteinander. Mütter feuern ihre Kinder an, man reitet kostümiert Quadrillen und Staffelläufe. In den Suburbs von Reykjavik hat sich eine Freizeitreiterkultur herausgebildet. Für 800 Euro im halben Jahr kann man sich mit anderen zum „Ponyclub“ zusammenschließen und sein Pferd in einem Wellblechstall unterbringen.

Und völlig eingeschlafen ist der Export bis heute nicht: Wenn Island noch Pferde ins Ausland verkauft, dann derzeit vor allem teure Turnier- und Zuchtpferde, und zwar nicht nur nach Deutschland, sondern vor allem auch nach Schweden, Norwegen, Dänemark und in die Niederlande. Pferdefleisch aus Island geht heute noch nach Italien und Japan, wenn es nicht im Land verwertet wird. 

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1 Lesermeinung

  1. Interessanter Bericht über...
    Interessanter Bericht über die ersten Importe und die Verbreitung des Islandpferdes in Deutschland, woran Ursula Bruns wie erwähnt maßgeblich beteiligt war. Da kommen auch wieder Erinnerungen an die guten alten Immenhof- Filme hoch. Auf unserer Hobbyranch halten wir zwar keine Islandpferde, aber es sind immer noch beliebte und robuste Pferde, die allein schon durch ihre genetisch fixierten Gangarten Tölt und Pass auffallen.

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