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Grüne Woche (1): Großdemo mit Huhn und Trecker

19.01.2012, 23:20 Uhr

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„Einen Systemwechsel in der Landwirtschaft” – nicht weniger verlangt die Handvoll Demonstranten, die sich am Mittwochmorgen vor dem Bundeskanzleramt versammelt hat. Man ist gut vorbereitet, mit großen, professionellen Transparenten, gut gemachten Kostümen und hochkarätigen Gästen: Thomas Schröder, der Präsident des Tierschutzbundes, hilft beim Plakatezeigen, ebenso Friedrich Ostendorff, Grünen-Abgeordneter und Biobauer; zwei Abende zuvor saß er noch bei Frank Plasberg hinter dem „Hart aber fair”-Talktresen und diskutierte über McDonald’s, Massentierhaltung und die deutschen Discounter.

Zwei Polizistinnen stehen ein bisschen abseits auf der Wiese vor dem Kanzleramt. Sie wirken ganz entspannt. In Gewalt wird das, was sich vor dem Gitterzaun abspielt, wohl kaum ausarten. Eine kleine Vorab-Demo wird hier abgehalten, ein Vorgeschmack auf das, was Berlin am Samstagmorgen erwartet, wenn voraussichtlich Tausende kommen werden, um vom Hauptbahnhof ins Regierungsviertel zu marschieren unter dem Motto „Wir haben es satt – Bauernhöfe statt Agrarindustrie“.

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Ein paar Schaulustige sind zwar auch jetzt schon gekommen, aber bei näherem Hinsehen entpuppen sich die meisten als Journalisten, einige haben riesige Fernsehkameras dabei und fallen fast übereinander in dem Bestreben, die besten Bilder zu bekommen. Die Demo-Organisatoren, darunter Mitarbeiter verschiedener Umwelt- und Tierschutzverbände, etwa vom BUND, haben weitsichtig dafür gesorgt, dass ihre Vorab-Demo fotogene Motive bietet: Vier Aktivisten haben sich mit gelb-flauschigen Overalls, Masken und Schnäbeln als Hühner verkleidet. Zwei weitere stellen den Bauern und die Pharmaindustrie dar und rücken dem Federvieh mit einer gewaltigen, sicher einen Meter langen Spritze zu Leibe. Der massive Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung ist das Thema, das die Vorab-Demonstranten in den Mittelpunkt gestellt haben, ein kluger Entscheid, zeigt die Hast der Journalisten, die sich auf die Symbolbilder stürzen. Das Antibiotika-Thema ist also wohl noch längst nicht „verbrannt”, obwohl inzwischen schon wieder zehn Tage vergangen sind, seitdem der BUND publik gemacht hat, dass sein Labor auf Hähnchenfleischproben aus verschiedenen Supermärkten hochresistente Bakterien fand. Landwirtschaftsministerin Aigner reagierte umgehend mit einem neuen Gesetzentwurf, der seitdem unter den Beteiligten – Landwirten, Tierärzten, Tier- und Verbraucherschützern – für Debatten sorgt. Der Stoff wird in den nächsten Tagen nicht ausgehen, die Wogen werden sich wohl erstmal nicht glätten, denn morgen beginnt offiziell die “Grüne Woche” in Berlin. Die Landwirtschaftsmesse sorgt jedes Jahr zuverlässig dafür, dass Ernährungsthemen Hochkonjunktur haben. Schon jetzt ging es sonntagsabends bei Günther Jauch um das Thema, am Montag dann setzte Frank Plasberg noch einmal Biobauern und Slow-Food-Köche mit der Ernährungsindustrie an einen Tisch.

Vor dem Kanzleramt sagt jetzt Reinhild Benning vom BUND ins Mikro, der von Aigner vorgeschlagene Gesetzentwurf reiche nicht aus. Stattdessen müsse man sich Dänemark zum Vorbild nehmen: Das Nachbarland habe maximale Transparenz im Tierarzneimittelverkehr hergestellt. Friedrich Ostendorff erklärt: „Wir verstehen uns als eine moderne entwickelte Gesellschaft und die Art, wie wir Tier halten, hat damit nichts zu tun.” Die Industrie produziere Tiere „wie Knöpfe, wie Automobile”. 

Dann erhalten die Hühner noch einmal eine Spritze. Wieder zücken alle Journalisten die Kameras. Demo-Koordinator Jochen Fritz ruft: „Wo ist jetzt die zweite Spritze, es ist Zeit, sieben Tage sind vorbei.” Während es behandelt wird, liegt eins der Hühner flach auf dem Boden, seine Flügel platschen matt auf den Asphalt. Der Bauer seufzt: „Ich muss ja” und zeigt auf den hinter ihm stehenden Pharmaindustriellen: Der zwinge ihn.

Natürlich habe man die Spritze nur als Symbol gewählt, sagt Reinhild Benning später, im Demo-Orga-Büro in Berlin-Mitte. Den Aktivisten ist klar, dass Antibiotika in der Hühnermast stets über das Trinkwasser verabreicht werden. „Die Einzeltierbehandlung ist die Ausnahme”, sagt Benning. Über die Realität in der Nutztierhaltung sind die Berliner Aktivisten bestens aufgeklärt, schließlich ist sie seit Jahren ihr täglich Brot. Benning koordiniert beim BUND das Projekt „Bauernhöfe statt Agrarfabriken”, in dem sich Bürgerinitiativen aus ganz Deutschland zusammengeschlossen haben, die sich gegen große Mastställe in der Nähe ihrer Wohnsiedlungen wehren wollen. Der Agraringenieur Jochen Fritz leitet das Demonstrationsbüro. Die Biologin Iris Kiefer, die gerade noch in einem der gelben Hühnerkostüme steckte, arbeitet für die Kampagne „Meine Landwirtschaft”, die von vierzig Trägerorganisationen gestützt wird. Sie alle sind hauptberuflich damit beschäftigt, den zunehmenden Protest gegen das, was man die „konventionelle Tierhaltung” nennt, zu koordinieren und, im Falle eines solchen Großereignisses wie der für Samstagmorgen anberaumten Demo, auch zu bündeln. Die Demo „Wir haben es satt” wird von 25 Natur- und Tierschutzorganisationen getragen, darunter der BUND, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und der Tierschutzbund. Insgesamt rufen fast neunzig Verbände und Organisationen derzeit zur Teilnahme auf.

Die erste Wir-haben-es-satt-Demo gegen Massentierhaltung fand im Januar vor einem Jahr statt, ebenfalls zu Beginn der „Grünen Woche”. Im Vorfeld hatten die Organisatoren vorsichtig von ein paar tausend erwarteten Teilnehmern gesprochen, von der Zahl zehntausend wagten sie nicht einmal zu träumen. Es kamen schließlich mehr als 22.000, was wohl auch mit dem Dioxinskandal zu tun hatte, der damals Wellen schlug. Wir erinnern uns: Karen Duve wurde von Talkshow zu Talkshow gereicht, weil gerade erst ihr Buch „Anständig essen” erschienen war, plötzlich überrollte eine Vegetarier-Welle das Land und immer waren die Bio-Eier ausverkauft, weil man den konventionellen nicht mehr traute.

Als der Dioxinskandal bekannt wurde, waren die Mitarbeiter des Projektes „Wir haben es satt” schon seit Monaten damit beschäftigt gewesen, Umwelt- und Tierschützergruppen im ganzen Land für die Demo zu mobilisieren. Der Skandal tat ihnen in gewisser Weise einen Gefallen. So ähnlich war es diesmal wieder; dass im Herbst zwei ministerielle Studien, eine aus Nordrhein-Westfalen und eine aus Niedersachsen, einen massiven Antibiotikagebrauch in der Geflügelmast offenlegten, hat viele Menschen zumindest aufhorchen lassen. Die ganz große öffentliche Aufmerksamkeit kam aber tatsächlich erst mit der zeitlich geschickt platzierten Nachricht von den resistenten Keimen auf Hähnchenfleisch.

„Die Proben haben wir im Dezember genommen”, sagt Kathrin Birkel vom Agrarreferat des BUND. Ein Labor in Hamburg untersuchte das Fleisch. Auf zehn von zwanzig Proben wurden schließlich resistente ESBL-Keime gefunden, auf zweien auch MRSA-Keime . Das Thema „Antibiotika” sei aber in Deutschland zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon im öffentlichen Bewusstsein gewesen, sagt die Politologin – allein durch die Gutachten aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. In NRW etwa, ergab die ministerielle Analyse, erhalten mehr als 96 Prozent der Masthähnchen in ihrem Leben Antibiotika. Am Tag, nachdem der BUND die Ergebnisse der bakteriologischen Untersuchung bekannt gegeben hatte, präsentierte Landwirtschaftsministerin Aigner einen neuen Gesetzentwurf, der den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung einschränken soll. Dem BUND genügt der Entwurf noch nicht, das betonten auch die Demonstranten vor dem Bundeskanzleramt. Was ist daran noch nicht ausreichend? Birkel: „Es gibt kein konkretes Reduktionsziel. Angedacht ist, wichtige Humanantibiotika aus der Tierhaltung zu verbannen. Das ist zu vage formuliert, da lässt man sich Hintertürchen offen. Außerdem wird nur die Abgabe der Antibiotika, nicht der Einsatz erfasst, also nicht die Ebene des Landwirts.” Benning: „Im Gesetz fehlt auch der zwingende Erregertest, bevor Antibiotika in großem Umfang eingesetzt werden.”

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Iris Kiefer, Kathrin Birkel und Reinhild Benning (v.l.) im Demo-Orga-Büro

Wird die Demonstration am Samstag so groß werden wie im Januar 2011? Die Organisatoren haben schon jetzt mehr Anmeldungen als vor einem Jahr um dieselbe Zeit, allein achtzig Busse werden Teilnehmer nach Berlin bringen. „Das macht uns optimistisch”, sagt Benning. Iris Kiefer sagt, dass die Wir-haben-es-satt-Demo  mehr und mehr von jüngeren Menschen getragen werde. Das sei spürbar an den Reaktionen auf die Facebook-Posts und auf andere Posts zum Thema im Internet. Zudem seien diese Gruppen international gut vernetzt. Dadurch könnten sie auf Informationen aus anderen europäischen Ländern zugreifen, wo die landwirtschaftliche Tierhaltung anders gehandhabt und teilweise stärker reguliert wird. Vergleiche mit Deutschland führten dann zur Bereitschaft, sich gegen das bisherige System zu engagieren.

Aber es sei eben vor allem auch die Vielfalt, die den Charakter der Demonstration ausmache, sagt Reinhild Benning. „Die Motivation der einzelnen Gruppen ist ganz unterschiedlich Wir haben etwa starke Gruppen, die sich gegen Gentechnik richten, dann solche, die gegen den Einsatz des Unkrautbekämpfungsmittels Glyphosat kämpfen.” Daneben tragen viele Bürgerinitiativen gegen große Mastställe die Demonstration. Und nicht zu vergessen: Viele Landwirte haben sich angemeldet, ein großer Teil will mit dem Traktor den Zug begleiten. Erstmals haben sich auch die deutschen Milchbauern der Initiative „Wir haben es satt” angeschlossen. Auch deshalb wurde der Slogan verändert. Im vergangenen Jahr hieß das Motto der Demo noch „Bauernhöfe statt Agrarfabriken”. Diesmal lautet es: „Bauernhöfe statt Agrarindustrie”. Das sei ein Zugeständnis an den neuen Bündnispartner, die Milchbauern, sagt Reinhild Benning: „Die Milchbauern fühlen sich nicht von einzelnen Großbetrieben, sondern vor allem von der verarbeitenden Industrie unter Druck gesetzt.”

 

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
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0 Erdwespe 21.01.2012, 10:56 Uhr

Warum kann ich zurück...

Warum kann ich zurück liegende Beiträge nicht öffen? Ich bin ja erfreut, dass in der FAZ wenigstens als Blog das Thema gegenwärtig ist, ich habe das heute entdeckt. Nun wollte ich gerne frühere Beiträge lesen, bekomme aber nur Fehlermeldungen.

Jahrgang 1978, Redakteurin im Ressort „Natur und Wissenschaft“ der F.A.Z.