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Tierleben

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Christina Hucklenbroich bloggt über unser Zusammenleben mit Tieren: über Alltägliches und neu Erforschtes und lange Verborgenes

Eber ohne Eigengeruch: Die Lösung im Streit um Ferkelkastration?

| 2 Lesermeinungen

  "Fragen Sie bei Ihren Besamungsstationen nach INODORUS!" steht, deutlich abgesetzt und mit Ausrufezeichen versehen, unter der einseitigen...

 

“Fragen Sie bei Ihren Besamungsstationen nach INODORUS!” steht, deutlich abgesetzt und mit Ausrufezeichen versehen, unter der einseitigen Pressemeldung, die das Tierzuchtunternehmen “German Genetic” gerade herausgegeben hat; sie richtet sich an Mastferkelerzeuger. Inodorus: das ist der neue Markenname für Zuchteber, männliche Schweine, die an ihre Söhne einen deutlich weniger ausgeprägten Eigengeruch vererben als der Durchschnitt ihrer Artgenossen. Mehrere Jahre lang hat das Zuchtunternehmen durch gezielte Selektion darauf hingearbeitet, Deckeber zu entwickeln, die möglichst geruchsarme Nachkommen hervorbringen. Jetzt scheint das Ziel erreicht, gleich drei Bilder von Inodorus-Ebern stellt der Schweinezuchtverband Baden-Württemberg, der einige Inodorus-Eber als Zuchttiere aufgestellt hat, der Presse zur Verfügung. Die drei heißen Chianti, Chanell und Wacholder. Seit 1. April sind sie im Einsatz  – als Produzenten von Sperma, mit dem dann Sauen besamt werden, deren männliche Ferkel man sich geruchsarm wünscht.

Was klingt wie eine neue Strategie in der Vermeidung von Emissionen aus der Landwirtschaft, ist eigentlich ein Aspekt einer Tierschutzdebatte, die seit Jahren in ganz Europa emotional geführt wird. Der ausgeprägte Geruch des Fleisches einiger – längst nicht aller – männlicher Schweine ist der Grund, warum jedes Jahr in der EU schätzungsweise hundert Millionen männliche Ferkel kastriert werden.

An Urin erinnernder Geruch

Bis vor wenigen Jahren war es noch üblich, diesen Eingriff generell ohne jede Art von Betäubung vorzunehmen. Eine jahrhundertealte Praxis: Männliche Ferkel werden kastriert, um zu verhindern, dass ihr Fleisch den “Ebergeruch” annimmt. Das an Urin erinnernde Aroma entsteht durch einen Cocktail von Substanzen, allen voran das Hormon Androstenon, das im Hoden gebildet wird. Deshalb kastriert man die Tiere vor der Geschlechtsreife. Ohne Betäubung ist das nach dem Deutschen Tierschutzgesetz nur in der ersten Lebenswoche erlaubt. Der Landwirt greift das Ferkel dazu aus der Gruppe heraus, schneidet mit einem Skalpell die Haut auf, durchtrennt den Samenstrang und entfernt die Hoden. Der Eingriff dauert etwa fünf Sekunden. Dann wird das Ferkel zurück zu seinen Geschwistern gesetzt.

 

  Bild zu: Eber ohne Eigengeruch: Die Lösung im Streit um Ferkelkastration?

Der Eber Wacholder, Foto German Genetic/Schweinezuchtverband Baden-Württemberg

Seit 2009 ist es mit dieser Praxis vorbei, zumindest im Großteil der Schweinemastanlagen in Deutschland: Das QS-System, ein Interessenverband, der Lebensmittel auf verschiedenen Stufen – vom Landwirt bis zum Einzelhandel – überprüft, legte fest, dass ab April 2009 alle innerhalb des Systems erzeugten Tiere (das sind nach Angaben des Bauernverbandes 90 Prozent aller Ferkel) ein Schmerzmittel erhalten, bevor sie kastriert werden. Damals kam sofort Kritik auf: Die Betäubung per Spritze sei Augenwischerei, hieß es von Seiten vieler Tierschützer. Man könne so den eigentlichen Schmerz bei der Operation nicht vollständig blockieren, nur den Wundschmerz danach. Für die völlige Ausschaltung bräuchte man eine Vollnarkose.

Zu dem Zeitpunkt waren längst auch andere Verfahren zur Schmerzreduzierung in Gebrauch. In den Niederlanden versetzt man die Ferkel mit Kohlendioxid, in der Schweiz mit dem Narkosegas Isofluran in eine Vollnarkose. Außerhalb Europas erhalten männliche Schweine in mehreren Ländern eine Impfung, die die Bildung der Geschlechtshormone unterdrückt – beispielsweise in Australien oder Mexiko. In England ist eine Kurzmast üblich: Die Eber werden vor Erreichen der Geschlechtsreife geschlachtet.

Ausstieg bis 2018

Die uneinheitliche Handhabung, die auch etwas mit der unterschiedlichen Stärke des Tierschutzgedankens in der Politik der Länder zu tun hat, soll 2018 ein Ende haben. Vor einem guten Jahr hat sich eine Plattform, in der Schweineproduzenten, Tierschützer und andere Akteure am “Schweinemarkt” aus den EU-Mitgliedsstaaten darauf geeinigt, dass man bis 2018 auf “Ebermast” umsteigen will. Das Aktionsbündnis, das dieses Ziel in der “Brüsseler Erklärung” formulierte, wird von der EU-Kommission koordiniert.

Noch herrscht Ratlosigkeit, ob sich der Plan reibungslos umsetzen lässt.  Am Ende wird es, da sind sich Experten einig, immer einige stark riechende Tiere geben. Roboternasen, die diese Exemplare auf dem Schlachthof identifizieren könnten, sind noch nicht ausgereift. Die Ebermast nehme trotzdem zu, sagt ein Vertreter des Zentralverbands der Deutschen Schweineproduktion (ZDS) in Bonn. “Die Ebermast wird ganz massiv von einigen großen Schlachtkonzernen gefördert; es gibt inzwischen auch Bonussysteme für Ebermäster. Die Schlachtkörper lassen sich wohl ganz gut vermarkten, und die Branche ist zudem unter Druck, etwas zu tun.” Ob sich die Ebermast bis 2018 durchsetzen lässt? Der Experte ist skeptisch: “Zumindest nicht europaweit”, sagt er.

Wohlriechend wie Kölnisch Wasser?

“Inodorus” sei im übrigen längst nicht die einzige geruchsarme Zuchtlinie, heißt es beim ZDS. Auf dem Markt ist auch Deckeber “NADOR”, eine Züchtung der Firma Topigs. “Das Risiko für Ebergeruch wird um 40 Prozent reduziert”, schreibt das Zuchtunternehmen auf seiner Website.

Noch offensiver wirbt das Unternehmen “Bundes Hybrid Zucht Programm (BHZP GmbH)”, “im Besamungsebersegment deutscher Marktführer”, für seine geruchsarme Eberzüchtung, einen, so heißt es in der Anzeige, “duften Typen”. Der Name ist dabei Programm: db7711 heißt der Ebertyp, der Nachkommen mit einem “minimalen Risiko für Ebergeruch” hervorbringen soll. 

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2 Lesermeinungen

  1. Androstenon? Ist das Pheromon...
    Androstenon? Ist das Pheromon nicht auch im Trüffel enthalten? Kommen daher dessen angeblichen aphrodisiakischen Wirkungen?

  2. Schöner Beitrag. Sauber...
    Schöner Beitrag. Sauber recherchiert.
    Einige Informationen scheinen – nach Internetrecherche – nicht ganz richtig zu sein.
    Die C02-Betäubung in den Niederland wird von Tierärzten aus Tierschutzgründen abgelehnt (http://www.ava.eu.com/?s=castration).
    Die Schweizer Tierärzte haben sich gegen Isofluran ausgesprochen (Quelle: http://www.landwirtschaft.ch/de/aktuell/agronews/detail/article/2008/12/05/tieraerzte-warnen-vor-narkosemittel-fuer-die-ferkelkastration/print.html).
    Isofluran ist ein Klimagas, dass sogar noch wesentlich klimaschädlicher ist, als Methan. Auch soll Isofluran im Verdacht stehen, Alzheimer auszulösen und wird daher im Humanbereich nicht mehr eingesetzt!? Letzteres bitte überprüfen! (Quelle: http://www.onmeda.de/foren/forum-alzheimer/narkosemittel-isofluran-ein-ausloeser-fuer…/1218115/read.html).
    In Deutschland dürfen nur Tierärzte betäuben. Im Neulandprogramm des Dt. Tierschutzbundes wird diese Methode lt. Internet derzeit favourisiert.
    Dabei gibt es anscheinend auch hier zu Lande Kritiker: http://www.animal-health-online.de/gross/2011/12/31/ferkel-kastration-unter-isofluran-gasnarkose-bei-neuland-seit-jahren-ohne-rechtsgrundlage-und-behordliche-uberwachung/19472/
    In England werden Schweine in der Tat bereits früher – vor der Geschlechtsreife – geschlachtet, so dass die Wahrscheinlichkeit, Fleischgeruch auszubilden, sinkt. Aber leider nicht zu 100 %. Wer einmal zum Frühstück in England Bacon gegessen hat, riecht das sofort. Vielleicht sind die Engländer gegenüber dem Geruch einfach nicht sensibel?
    Allerdings gibt es auch in England den Trend zu höheren Schlachtgewichten: wertvolle Teilstücke lassen sich so besser vermarkten.

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