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Der "typische Yorkshire-Patient" und sein googelnder Halter: Debatten unter Tierärzten

15.05.2012, 09:06 Uhr

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Wenn jemand von meinen Studienfreunden am Freitag Zeit gehabt hätte, mit auf den Tierärztekongress zu gehen, dann hätten wir im Regionalzug von Frankfurt nach Wiesbaden Tierarzt-Raten spielen können: Wer von den Mitreisenden ist ein Tierarzt? Die drei jungen Leute mit den drei alten Hunden, die sich in den Gang gesetzt haben und über die Qualität diverser Vorlesungen reden, sind jedenfalls mit Sicherheit Veterinärmedizin-Studenten. Das sieht man an den Hunden und an den Outdoor-Klamotten. Einer der Hunde ist sogar ein Beagle: Ganz klar ein in den Ruhestand geschicktes Versuchstier also, das ein mitleidiger Student übernommen hat. Und die Frau mit der grünen Kongresstasche, auf der ein auf Tierärzte spezialisierter Versicherer Werbung macht, ist auch eine Veterinärin. Aber bei den anderen Zuginsassen kann ich nur raten, und ich muss das Ratespiel mit mir selbst spielen, denn alle ehemaligen Kommilitonen haben mir abgesagt: A. liegt im Wochenbett, B.s Mutter hat diesmal keine Zeit, auf den Kleinen aufzupassen, C. lernt für die Prüfung zur Fachtierärztin für Lebensmittelhygiene, D. ist nach dem siebten Jobwechsel mal wieder in der Probezeit und E.s Chefin im Veterinäramt flippt aus, wenn sie zwei Tage frei nimmt, wo gerade erst drei Kolleginnen gleichzeitig in den Mutterschutz verschwunden sind. F. wollte erst kommen, aber dann war die Reise ihr doch zu weit: Sie arbeitet inzwischen in Norwegen.

Den letzten Tierärztekongress habe ich im Januar in Leipzig besucht. Dort habe ich studiert und deshalb kamen dort viele Leute zusammen, die ich kannte. Sieben Jahre ist es her, dass ich Examen gemacht habe, und einige von den Kommilitonen, die ich auf der Leipziger Messe traf, hatte ich seitdem nicht mehr gesehen. Als ich nach einem vollen Vormittagsvortragsprogramm und vielen Lange-nicht-gesehen-Gesprächen in den Pausen mit einer Kollegin die Straßenbahn in die Innenstadt nahm, sagte sie: “Es ist wirklich so, wie man uns im Studium immer vorausgesagt hat: Die Frauen arbeiten entweder gar nicht und haben Kinder – oder sie sind auf dem Amt.”

Tierarzt ist ein Beruf, der derzeit einem tiefgreifenden Wandel unterworfen ist. Beinahe neunzig Prozent der Studierenden sind Frauen, und auch unter den berufstätigen Tierärzten überwiegen die Veterinärinnen. Das zeigt die aktuelle Statitistik, die im April im “Deutschen Tierärzteblatt” veröffentlicht wurde. 37.200 Tierärzte gibt es in Deutschland, davon sind mehr als 10.000 nicht tierärztlich tätig, weil sie in Elternzeit sind, ohne Gehalt hospitieren, im Ruhestand sind, berufsfremd oder einfach gar nicht arbeiten. Von den 26.700, die als Tierärzte arbeiten, sind 15.500 Frauen. Die Neu-Zusammensetzung des Berufsstands geht mit vielen Konflikten einher, die teilweise auch unter den Augen der Öffentlichkeit ausgetragen wurden. Seit einigen Monaten bangen die deutschen Tierärzte etwa um ihr Dispensierrecht, das Recht, Arzneimittel an Tierhalter zu verkaufen, womit sie einen großen Teil ihres Verdienstes erwirtschaften. Sie stehen in der Kritik, seitdem sich Hinweise häufen, dass Mastgeflügel einen Großteil seiner Lebenszeit unter Antibiotika steht. Daneben gibt es eine Debatte innerhalb der Tierärzteschaft über die Gehälter: Der Berufsstand hat sich nie auf Tarife geeinigt, mit dem Ergebnis, dass heute Vollzeitstellen für examinierte Tierärzte ab 580 Euro brutto in tierärztlichen Praxen angeboten werden – Missstände, die eine Studie vor wenigen Jahren aufdeckte. Zudem erscheint alle Vierteljahre irgendwo eine Reportage, in der Landtierärzte auf den Nachwuchsmangel hinweisen – ihre Praxen lassen sich nicht mehr verkaufen, denn die Jungveterinäre zieht es in die Städte. Angeblich – so steht es in den Reportagen – wollen sie in die Kleintiermedizin, aber der Eindruck meiner Kollegin in Leipzig, ein paar Jahre nach dem Examen seien zumindest die Frauen entweder gar nicht mehr auf dem Arbeitsmarkt oder hätten eine Stelle im öffentlichen Dienst ergattert, ist auch nicht falsch.

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Kongressgeschenke: Die Autoschilder für Frauen sind viel schneller weg.

Längst weisen wissenschaftliche Untersuchungen aus aller Welt darauf hin, dass sich der Typus des Tierarztes auch psychologisch verändert hat. Die Wissenschaftler Joseph Taboada und Stephanie Johnson von der Louisiana State University haben unlängst in einer Studie die These vertreten, dass sich in den vergangenen Jahren ein neuer Persönlichkeitstyp für das Veterinär-Studium interessiert: Waren die Tiermediziner früherer Generationen pragmatisch und zupackend, so wählten heute vor allem gefühlsorientierte Typen das Studium. Viel Aufmerksamkeit widmet die veterinärmedizinische Forschung auch der Frage, was diese neuen Tierärzte medizinisch anders machen. Insbesondere die Beurteilung von ethischen Konflikten und die Schmerzbehandlung wurde dabei unter die Lupe genommen. Mit meist eindeutigem Ergebnis: Offenbar benutzen Tierärzte, die einen Studienabschluss neueren Datums haben, häufiger Schmerzmittel nach Operationen. Das reflektiert zum einen den wissenschaftlichen Fortschritt, der Eingang ins Studium findet. Zum anderen gibt es auch Hinweise darauf, dass Frauen Schmerz von Tieren – zumindest auf den Skalen von Fragebögen – immer höher bewerten. Inzwischen haben die deutschen Veterinäre sogar ein Forum zum Austausch von neuen Informationen über Schmerztherapien gegründet, “Itis“, die “Initiative tiermedizinische Schmerztherapie”, die Wissen zusammentragen will, gerade weil Schmerz bei Tieren immer noch viel zu häufig übersehen oder nicht adäquat behandelt wird.

Schmerz beim Tier war auch ein zentrales Thema des 10. Frankfurter Tierärztekongresses in Wiesbaden. Einige Konflikte des Berufsstandes blieben hier ausgespart, das Programm war gezielt auf Pferdetierärzte und Kleintierpraktiker zugeschnitten, so dass die Lebensmittel- und Landwirtschaftsfragen ausgeklammert wurden. Doch dass man es mit einer besonderen Berufsgruppe zu tun hatte, wurde dennoch an manchen Stellen deutlich, dort zum Beispiel, wo ein emeritierter Hochschullehrer eine Referentin mit den Worten vorstellte, deren Chef behandele seine Mitarbeiter auf Augenhöhe – damit sei er eine Rarität.

Vielleicht ein Scherz. Der Frankfurter Tierärztekongress jedenfalls wird schon seit seiner Gründung Ende der neunziger Jahre in veterinärmedizinischen Kreisen sehr ernst genommen und hat auch überregional Bedeutung erlangt. Er gilt als einziger deutscher Kongress, der direkt aus der Praxis entstanden und für Praktiker konzipiert ist – ohne direkte universitäre Anbindung. So müssen die dort gehaltenen Vorträge sich immer daran messen lassen, wie nützlich sie für praktizierende Tierärzte sind – ein strenger Anspruch in einem Metier, in dem Wissen die härteste Währung ist – ja manchmal sogar die einzige, denn gering entlohnte oder sogar unbezahlte Stellen werden gerade dort angeboten, wo junge Tierärzte hoffen können, “etwas zu lernen”.

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Manschette am Katzenschwanz: Das moderne Blutdruckmessgerät kostet 1600 Euro.

Der Vortrag von Sabine Tacke von der Justus-Liebig-Universität Gießen jedenfalls war hochgradig praxisrelevant: “Schmerzmanagement beim multimorbiden Patienten” hieß er und streifte damit einen Bereich der Tiermedizin, der immer größere Bedeutung erlangt: die Geriatrie. Tiere werden immer älter, die Bindung ihrer Halter an sie immer enger; das erfordert eine Medizin, die auf alternde, oft multimorbide – also an vielen Gebrechen gleichzeitig erkrankte – Tiere zugeschnitten ist.

Jeder kenne den Fall, begann Tacke: “Der typische Yorkshire-Patient, schlechter Zahnstatus, dreizehn, vierzehn, fünfzehn Jahre alt, mit einer Fraktur, und wo es dann heißt: Wir haben uns nicht getraut, den Patienten in Narkose zu legen.” Das jedoch, stellte die Referentin klar, sei nicht zu akzeptieren: Tierärzte hätten die Pflicht, auch multimorbide Patienten mit einer Anästhesie zu versorgen.

Wie das auch bei schwer kranken und geschwächten Patienten möglich sein soll, erklärte Tacke dann im einzelnen: Sie wies auf die Möglichkeit hin, Schmerztherapien miteinander zu kombinieren und etwa Physiotherapie hinzuzuziehen, die bei einer gezielten Indikation weniger Nebenwirkungen hat. Zum anderen erklärte sie, welche Folgen Organstörungen haben – etwa eine Leber- oder Niereninsuffizienz oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Letztere sorgen beispielsweise dafür, dass die Metaboliten von Schmerzmitteln langsamer ausgeschieden werden, weil die Nierendurchblutung sich verschlechtert. Zudem ist die Kreislaufzeit erhöht, deshalb tritt die Wirkung später ein. Tacke diskutierte auch einzelne Substanzen, etwa Lidocain, das bei der Katze zu Herzrhythmusstörungen führen kann. Die Fachwelt ist gespalten: “Es gibt zwei Lager”, sagte Tacke, “die einen sagen, mach es, schau was passiert und setz es ab.” Sie aber finde, man solle bei multimorbiden Patienten nicht erst ein Symptom hervorrufen, das man dann therapieren muss.

Bei alldem sei immer die Aufklärung des Patientenbesitzers zu beachten: “Was macht der Patientenbesitzer als erstes, wenn Sie etwas verschreiben? Er googelt.” Aus den Mienen und dem Nicken der Zuhörer sprach die leidvolle Erfahrung, die sie damit schon gemacht hatten. Ein Arzt, der bar bezahlt werden muss, ohne dass es gesetzliche Kassen gibt, wird offenbar mit viel Misstrauen von den Patienten bzw. ihren Besitzern beäugt. 

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Sind Trichter schon wieder out? Weicher Tierkragen für Kaninchen, die ihre Bauchnaht nicht selbst auftrennen sollen 

Auch zur Therapie chronischer Schmerzen positionierte Sabine Tacke sich – in der Veterinärmedizin ein häufiges Problem, etwa wenn ältere Hunde Arthrose entwickeln. “Die Lebensqualität für den Patienten muss gewährleistet sein – auch wenn man die Lebensdauer eventuell etwas verkürzt”, bezog die Veterinärmedizinerin Stellung. Multimodal müsse die Schmerztherapie sein, bei Arthrose heiße das zuallererst Gewichtsreduktion. Und dann erinnerte sie sich an ihre Zeit als Assistenztierärzten nach dem Studium. “Im tiefsten Schwarzwald” sei das gewesen. “Ein Patient mit Arthrose kommt und der Chef sagt: ‘Der muss abnehmen.’ Dann schaut er den Besitzer an und sagt: ‘Ihnen würd das auch nicht schaden.'”

Die Lacher im Publikum klingen ein bisschen schockiert – und ein bisschen wehmütig. Andere Zeiten waren das, in denen die Kleintiermedizin nur ein zweites Standbein war, der Hauptverdienst über die Versorgung von Nutztieren auf Bauernhöfen floss, damals im Schwarzwald. Da konnte man sich so ein paar dreist-neckende Bemerkungen den Kunden gegenüber leisten. Kam ein Hund weniger, tat das nicht weh. Doch heute geht der Trend zur Spezialisierung, wer Rinder behandelt, beschränkt sich meist ganz darauf, wer Kleintiere macht, wird oft noch zum Experten für nur ein Organsystem. Die Zahlungsmoral wird schlechter, die Ansprüche der Kunden steigen, und dann das leidige Internet: Heute würde der auf sein Gewicht angesprochene Hundebesitzer sich wohl auf einem Bewertungsportal oder in einem Tierforum über den unsensiblen Landpraktiker auslassen, und die Folgen für die Praxis wären ganz andere.

 

 

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Jahrgang 1978, Redakteurin im Ressort „Natur und Wissenschaft“ der F.A.Z.