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Tierleben

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Christina Hucklenbroich bloggt über unser Zusammenleben mit Tieren: über Alltägliches und neu Erforschtes und lange Verborgenes

Essen Sozialpädagogen häufiger vegetarisch als Tierärzte? Ein Uni-Mensen-Vergleich

Man könnte denken, dass in der Mensa „Caballus" am Bischofsholer Damm in Hannover, auf dem Campus der Tierärztlichen Hochschule, jetzt, mitten im...

Man könnte denken, dass in der Mensa „Caballus“ am Bischofsholer Damm in Hannover, auf dem Campus der Tierärztlichen Hochschule, jetzt, mitten im Wintersemester, viel mehr Leben herrscht als im Sommer, während der großen Ferien. Dass das Kantinenpersonal wehmütig an die ruhigen Sommermonate denkt, als nur ein paar Doktoranden und Tierpfleger mittags einkehrten und man hinter der Kasse seinen Gedanken nachhängen konnte, während die Augustsonne durch die großen Glasfronten der Mensa die wenigen schweigenden Gäste beschien, und man Kraft sammeln konnte für das große Hallo zu Anfang des Wintersemesters, für die ratlosen Erstsemester, die nicht wissen, wie man die Chipkarte auflädt, und die Hunderte von Essen, die täglich an der Kasse vorbeirutschen werden. Doch in diesem Jahr war alles anders. So richtig ruhig wurde es im Sommer nicht. Zumindest ab dem 31. Juli kamen sogar noch zusätzliche Gäste hinausgefahren in den Südosten Hannovers, trotz Semesterferien. Es waren kulinarische Abenteurer, die davon gehört hatten, dass die Mensa „Caballus“ den zweiten Preis im bundesweiten Mensenwettbewerb der Studentenzeitschrift Unicum gewonnen hatte (den ersten unter mehr als 800 Bewerbern erhielt die Mensa Süd in Rostock). Vergeben wurde die Auszeichnung, nachdem Studenten ihren Mensen im Internet  Noten gegeben hatten. Ausschlaggebend für den Spitzenplatz der Mensa „Caballus“ waren die besonders guten Beurteilungen für das Essensangebot und den Geschmack. In Hannover ist man natürlich stolz auf den Preis und hält auch das Ambiente für einen Grund, dass die Mensa so beliebt ist. „Caballus“ wurde erst vor zwei Jahren eröffnet, im Gebäude der ehemaligen Pferdeklinik.

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Mensa „Caballus“ in Hannover (Foto Tiho Hannover)

Auch ich war kürzlich Gast in der Mensa „Caballus“ – und schwer beeindruckt. Vor allem von einem Überfluss an Wahlmöglichkeiten, die ich aus meiner Studentenzeit nicht kannte: Auf dem Speiseplan stehen derzeit beispielsweise Rahmchampignons in der Pastete, Saltimbocca, hausgemachte Käsespätzle, Kürbis-Gratin und viele zuwählbare Beilagen, von Rahmwirsing bis Schwarzwurzelgemüse. Die Mensa an der tiermedizinischen Fakultät in Leipzig, wo ich studiert habe, bot meistens nur zwei Gerichte, die so klangvolle Namen hatten wie „Panierte Wurstscheibe, Spirelli und Tomatensauce“, „Fischschnitte Bordelaise“ oder „Penne mit Wurstgulasch und Käse“. Wer sich das genauer ansehen will, kann diesen schon etwas älteren Blog einer Leipziger Mensagängerin besuchen. Man sollte dazu sagen: Die Zeiten sind vorbei. Auch die Leipziger Tiermediziner haben jetzt eine moderne Mensa mit mehr Optionen in einem neuen Mehrzweckgebäude.

Aber damals aßen wir Wurstgulasch in einer Baracke, einer stehengebliebenen Übergangslösung, und Alternativen fanden sich kaum. In der Kantine der Deutschen Nationalbibliothek, ein paar hundert Meter vom Campus entfernt, gab es nur Brühwürstchen und Soljanka. Zwischen DB und unserer Mensa, zwei kulinarischen Wüsten, lag allerdings das Paradies: Die Kantine des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie, wo man beim Genuss erlesener Küche auf einer Terrasse sitzen, den englischen Gesprächen der Spitzenforscher lauschen und auf eine Insel in einem Teich schauen konnte, auf der sich eine Schildkröte sonnte. Doch da wir oft nur eine halbe Stunde hatten, wenn wir Kittel und Gummistiefel in den Spind geschlossen und die Mensa erreicht hatten, bis die nächste Vorlesung begann, war es illusorisch, sich in die meist etwas längere Kantinenschlange des MPI zu stellen.

In der Veterinärmediziner-Mensa enthielten meist beide Gerichte Fleisch, aber das schien niemanden zu stören. Häufiger wurde das Fehlen einer Salatbar bemängelt. Ich kannte damals eigentlich nur zwei Vegetarier, die Tiermedizin studierten. Das heißt allerdings nicht, dass es nicht mehr gab. Vielleicht hängte man es einfach nicht an die große Glocke? Ich erinnere mich zwar an viele Kommilitonen, die wie selbstverständlich Fleisch aßen, obwohl offenbar bei den meisten ja eine so enge Bindung an Tiere bestand, dass sie sogar Tiermedizin als Studienfach gewählt hatten. Aber letztlich weiß ich nicht, ob die Fleischesser wirklich in der Mehrheit waren. Ausgeschlossen ist es nicht, dass viel mehr Veterinäre Verzicht üben, als ich vielleicht annehme. Immerhin erfuhren wir im Studium täglich so viele unschöne Details aus dem Leben landwirtschaftlicher Nutztiere, dass man wirklich ins Nachdenken kommen konnte – schon damals, Ende der Neunziger, Anfang der Nuller Jahre, als es noch keine wirkliche Debatte über Nutztierhaltung und Vegetarismus als Lebensstil gegeben hat, keine Titelstorys in Magazinen und Bestseller wie „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer, die erst viel später kamen. Gerade an Colleges und Universitäten in den Vereinigten Staaten soll Foers 2010 erschienenes Buch viel gelesen worden sein und viele Studenten zu Vegetariern gemacht haben.

Inzwischen ist Vegetarismus also ein größerer, gesamtgesellschaftlicher Trend. Ob die Tierärzte auch davon erfasst sind? Ich fragte bei meinem Besuch das Personal in „Caballus“, ob hier überdurchschnittlich viele vegetarische Gerichte über die Theke gehen. „Ja, vegetarisch wird hier schon gut verkauft“, sagte die Frau an der Kasse. „Mehr als in der Hauptmensa?“ fragte ich. Sie rief ihre Kollegin, die manchmal in der Hauptmensa Dienst hatte. „Also, in der Hauptmensa wird schon auch viel vegetarisch gegessen“, schränkte die ein. Dass es in „Caballus“ tatsächlich mehr sei, hielt sie für zweifelhaft. Könnte es also sein, dass Tierärzte überdurchschnittlich selten Vegetarier sind? Seltener als junge, angehende Juristen und Ärzte, Germanisten und Maschinenbauer?

Belastbare Zahlen oder Studien zum Vegetarismus unter Tierärzten gibt es nicht. Allerdings führt die Uni Hannover eine Statistik über ihre Mensen. In den ersten acht Monaten dieses Jahres sind demnach in der Mensa „Contine“ die meisten Fleischesser eingekehrt: 78 Prozent der Essen, die hier verkauft werden, enthalten Fleisch. Die Mensa liegt in der Nähe bunt zusammengewürfelter Fachbereiche: In Reichweite sind das Institut für Elektroprozesstechnik, der Fachbereich Geschichte, die Sozialwissenschaften, die Literatur und Sprachwissenschaften und der Fachbereich Rechtswissenschaften. Gefolgt wird die „Contine“ von der Hannoveraner Hauptmensa, in der 76 Prozent der Gäste Fleischgerichte bevorzugt haben. Ingenieure und Physiker haben in der Nähe ihre Vorlesungen; umliegend finden sich das Institut für Siedlungswirtschaft und Abfalltechnik, das Institut für Systems Engineering, die Institut für Informationsverarbeitung und für Mikrotechnologie, das Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik und die Fakultät für Bauingeneurwesen und Geodäsie. Und dann kommt auch schon Caballus: Nur 30 Prozent vegetarische Gerichte werden hier verkauft, 70 Prozent beinhalten Fleisch oder Fisch. Deutlich weniger Fleisch geht in der Mensa Blumhardstraße über den Verkaufstisch: Hier sind 37 Prozent der gekauften Gerichte vegetarisch. Es handelt sich um die Mensa der Fakultät V: Die Studiengänge Diakonie, Gesundheit und Soziales, Heilpädagogik, Pflege, soziale Arbeit, Bildungswissenschaften und Management für Pflege und Gesundheitsberufe sind hier angesiedelt.

„Maschinenbauer sind seltener Vegetarier als Sozialarbeiterinnen? Oh, ich glaube ich habe gerade ein Klischee vorbeihuschen sehen“, kommentiert ein Kollege, als ich von den Recherchen zu diesem Blogeintrag berichte. Doch eigentlich geht es um mehr als ein Klischee. Über Vegetarier weiß man noch nicht viel, aber die Studien, die es gibt, stellen zumindest einige Dinge klar: Vegetarier leben häufiger als Nicht-Vegetarier in urbanem Milieu und sind Single; Studien aus den Vereinigten Staaten und Kanada haben ergeben, dass sie häufiger politisch linksliberal eingestellt sind. Aber vor allem gibt es einen klaren Zusammenhang mit dem Geschlecht: Frauen neigen eher zum Vegetarismus als Männer. Insofern ist es kein Wunder, dass sich in Studiengängen, die vor allem von Frauen gewählt werden, mehr Vegetarier finden. Und auch Sebastian Zösch, Sprecher des Vegetarierbundes Deutschland (Vebu), sagt: „Unseren Erfahrungen nach gibt es Studiengängen wie Maschinenbau eher weniger, in weiblich geprägten Fächern wie Psychologie eher mehr Vegetarier.“

Wie aber nun ist es bei den Tierärzten? Seit Jahren ist der Anteil der weiblichen Studienanfänger mit 85 Prozent stabil und außerordentlich hoch. Sebastian Zösch sagt, der Vegetarierbund habe durchaus einige Mitglieder, die Tierärzte seien. Dennoch sei nicht unbedingt zu erwarten, dass man überdurchschnittlich viele Vegetarier im Studium finde. „Dass es um Tiere geht, zieht viele Menschen, die Wert auf Tierschutz legen, zunächst an“, sagt Zösch. „Aber dass zum Beispiel im Studium auch Tiere seziert werden müssen, schreckt wiederum auch viele überzeugte Vegetarier ab. Das gleicht sich dann sicherlich zahlenmäßig aus.“ Beim Beruf Koch gebe es eine ähnliche Entwicklung: Viele Vegetarier interessierten sich stark fürs Kochen und könnten sich deshalb vorstellen, Koch zu werden. Dass in der Ausbildung aber auch mit Fleisch gekocht werden müsse, halte sie dann aber doch davon ab, den Beruf zu wählen. Bei den Tierärzten komme aber noch ein Punkt hinzu: „Viele Studierende kommen aus bäuerlicher Umgebung, arbeiten später in der Fleischbeschau und lehnen deshalb Fleischkonsum nicht ab.“

Sebastian Zösch vermittelt mir eine Tierärztin, die vegan lebt, Kathrin Herrmann aus Berlin. „Einige wenige Vegetarier gab es schon unter uns Tiermedizinstudentinnen und -studenten, aber die Mehrheit hat Fleisch gegessen“, sagt sie. „Vegane Tierärztinnen und Tierärzte kenne ich nur sehr wenige. Aber immerhin leben heute auch zwei andere Tierärztinnen aus meinem Semester vegan.“ Eine der Kommilitoninnen  wurde nach dem Absolvieren des Schlachtfhofpraktikums vegan. Kathrin Herrmann selbst kam durch ihre Weiterbildung zur Fachtierärztin für Tierschutz und Tierschutzethik vom Vegetarismus zum Veganismus. „Als ich als  Kind erstmals den Zusammenhang begriff zwischen dem Stück Fleisch auf dem Teller und dem lebenden Tier, da  habe ich das Fleischessen abgelehnt“, sagt sie. „Damals war ich vier oder fünf. Meine Eltern hatten mir zwei kleine Enten auf dem Markt gekauft. Als sie größer wurden, haben wir sie zu Freunden mit einem Weiher gegeben – mit der Begründung, sie hätten es dort besser. Aber dann habe ich verstanden, dass die Enten dort irgendwann geschlachtet wurden. Als ich kein Fleisch und keinen Fisch mehr essen wollte, haben meine Eltern mich zum Glück nicht dazu gezwungen. Ich denke, dass viele Kinder es intuitiv ablehnen, Tiere zu essen, aber von ihren Eltern dann dazu erzogen werden, es doch zu tun.“

Jetzt steht Kathrin Herrmann kurz vor dem Abschluss der Weiterbildung zur Fachtierärztin für Tierschutz und Tierschutzethik. Außerdem absolviert sie ein PhD-Studium an der Dahlem Research School, Thema: das Refinement von Tierversuchen, dazu gehören sämtliche Methoden und Maßnahmen, die zu einer Minimierung der Belastung der Versuchstiere führen wie zum Beispiel ein adäquates Schmerzmanagement. „Irgendwann wurde mir klar, dass auch das Essen von Milchprodukten und Eiern nicht zu verantworten ist. Und auch bei Kleidung achte ich nun darauf, dass sie nicht aus Wolle oder Seide ist, und verwende kein Leder und keine Daunen mehr.“ Für sie ist der vegane Lebensstil eng an ihre berufliche Motivation geknüpft: „Ich habe das Studium gezielt gewählt, um Tiere zu schützen.“ Irritiert habe sie dann beispielsweise, dass einige Kommilitonen Jäger gewesen seien.

Dass immer noch etliche Tierärztinnen und Tierärzte sich anders als sie kaum Gedanken über ihren Konsum tierischer Produkte machen, sieht sie als Symptom der „Schizophrenie“ des Berufsstandes. Darüber hat sie im vergangenen Jahr einen Vortrag („The schizophrenia of the veterinary profession“) in Prag gehalten, bei der „European Conference for Critical Animal Studies“. Hier hat sie dargestellt, dass Tierärzte zwar gesellschaftlich als Experten für Tierschutz wahrgenommen werden, aber dennoch viele tierschutzwidrige Lebensbedingungen von Nutztieren tolerieren. „Und das“, sagt Herrmann, „obwohl längst wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen, die nachweisen, wie stressig, traumatisch oder schmerzhaft diese Zucht- und Haltungspraktiken für Tiere sind.“ Als Beispiel nannte Herrmann in Prag die gängige Praxis, Sauen in Kastenständen zu halten, in denen sie sich nicht einmal drehen können. „Dahinter steht die Begründung, so würden sie ihre Ferkel nicht zerquetschen“, sagt Herrmann. „In Nachbarländern wie der Schweiz ist der Einsatz von Kastenständen aber bereits verboten.“ Als weiteres Beispiel sprach Herrmann das Trennen der neugeborenen Kälber von der Mutter an. Die Tierärzte und Tierärztinnen schienen viel zu sehr mit wirtschaftlichen Fragen befasst, um konsequent auf der Tierschutzseite zu agieren, vermutet Herrmann. „Wir sollten die Tiere beschützen laut unserer Berufsordnung, aber viele Tierärzte und Tierärztinnen, insbesondere die, die mit sogenannten ‚Nutz’tieren arbeiten, finden es leider völlig  in Ordnung, gar selbstverständlich, dass wir Tiere nutzen. Im Studium wird man auch nicht ermutigt, dies und die Art und Weise der Nutzung, besser gesagt Ausbeutung, kritisch in Frage zu stellen.“

Eins jedenfalls ist klar: Die Frage nach der eigenen Lebensweise und dem Umgang mit tierischen Produkten berührt zentrale Diskussionen, mit denen die deutschen Tierärzte sich gegenwärtig intensiv beschäftigen: ihre eigene Position im Tierschutz und ihre Haltung zur Landwirtschaft, zu den Rechten und zum Schutz von Tieren.

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Mensaschulung des Vegetarierbundes beim Studentenwerk Halle (Foto Vebu)

Kathrin Herrmann sagt, sie habe die Mensa während ihrer Studentenzeit nur selten besucht. Heute ist das anders. Sie ist für ihr PhD-Studium wieder an der Freien Universität Berlin immatrikuliert und in Dahlem, ganz in der Nähe der Dahlem Research School, gibt es eine vegan-vegetarische Mensa. Vegetarisch und vegan seien allgemein heute in Uni-Mensen keine Fremdwörter mehr, heißt es beim Vebu. „Fast die Hälfte der 60 Studentenwerke in Deutschland deklariert veganes Essen“, sagt Andreas Schneider, der das Großküchen-Beratungs-Projekt „GV Nachhaltig“ des Vebu leitet und die Einführungskurse ins vegetarische und vegane Kochen koordiniert, die der Vebu für Uni-Mensen anbietet. Gut aufgestellt seien beispielsweise Oldenburg, Dresden, Gießen, München und Bremen. „In Gießen gibt es seit diesem Jahr sogar selbst gemachte vegane Brotaufstriche und Oldenburg hat auch Milchshakes aus Sojamilch und veganen Kuchen im Angebot. In Freiburg gibt es zur normalen Currywurst auch immer vegane.“ Und das Studentenwerk Thüringen kennzeichne nicht nur vegane Gerichte mit einem „V“, sondern deklariere auch negativ: Gerichte mit tierischen Zutaten bekommen ein „T“.

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