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Christina Hucklenbroich bloggt über unser Zusammenleben mit Tieren: über Alltägliches und neu Erforschtes und lange Verborgenes

Fleischverzicht von Texas bis Tübingen: Vegetarier-Forscher Matthew Ruby im Interview

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Matthew Ruby erforscht als Psychologe die Motivation von Vegetariern weltweit. Er promovierte am Culture and Self Lab der University of British Columbia in...

Matthew Ruby erforscht als Psychologe die Motivation von Vegetariern weltweit. Er promovierte am Culture and Self Lab der University of British Columbia in Kanada und ist seit Oktober Post-Doc an der Universität Hamburg. Sein Forschungsgebiet bleibt auch in Deutschland gleich: Er befasst sich mit der Frage, wie Menschen das “Omnivoren-Dilemma” lösen, wie sie damit umgehen, dass eine fleischhaltige Ernährung den Tod von Tieren bedeutet. Im Interview spricht er über seine eigenen Erfahrungen als Vegetarier, die Wirkung von Bestsellern wie Jonathan Safran Foers “Tiere essen” auf ihre Leser und die Schwierigkeiten, Vegetarier für Forschungsprojekte zu gewinnen. Mehr über Wissenschaftler und Projekte weltweit, die sich mit Vegetarismus beschäftigen, steht in der Mittwochsausgabe (19.12.) der F.A.Z. auf Seite N2 in “Natur und Wissenschaft”. 

Herr Ruby, Sie sind Psychologe und beschäftigen sich als Wissenschaftler mit Vegetariern – mit den Motiven für den Verzicht auf Fleisch, aber auch mit der Frage, wie die Gesellschaft Vegetarier sieht. In diesem Jahr haben Sie Ihre Promotion zum Thema Vegetarismus an der University of British Columbia in Vancouver abgeschlossen. Wie kamen Sie zu Ihrem Forschungsfeld?

Ich interessiere mich generell für den Themenbereich „Ernährung und Kultur”. Sehr inspiriert haben mich die Publikationen von Paul Rozin, der Psychologieprofessor an der University of Pennsylvania ist und sich in vielen verschiedenen Studien mit Themen wie Essen, Abscheu und auch Vegetarismus befasst hat. Ich habe seine Arbeiten sehr gern gelesen. Als ich mich näher mit dem Themengebiet beschäftigte, fiel mir auf, dass es noch viele Lücken gibt, vor allem, was Vegetarismus angeht. Ich fand das Feld sehr interessant, aber auch in der Forschung völlig unterrepräsentiert.

 Sind Sie selbst Vegetarier?

Ja, ich bin seit acht Jahren Vegetarier, also seitdem ich Anfang zwanzig bin; seit drei Jahren lebe ich vegan. Ursprünglich habe ich begonnen, vegetarisch zu essen, weil ich gesünder leben wollte, nicht aus ethischen Gründen, weil ich etwa die industrielle Tierhaltung abgelehnt hätte. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, in einer Gegend, in der es keine „Massentierhaltung” in dem Sinne gab. Dann lernte ich andere Vegetarier kennen, und dadurch kamen weitere Gründe für mich dazu, wie Ethik und Umweltfreundlichkeit. Es ist eher selten, dass Menschen, die um der Gesundheit willen anfangen, vegetarisch zu essen, dann noch mehr Gründe dazunehmen – das zeigen Studien über die Motivation von Vegetariern. Es sind eher die Ethiker, die später noch weitere Gründe hinzunehmen.  

Bild zu: Fleischverzicht von Texas bis Tübingen: Vegetarier-Forscher Matthew Ruby im Interview

Matthew Ruby

Sie sprechen fließend Deutsch, weil sie während des Studiums ein Austauschsemester an der Universität Tübingen absolviert haben. Was war ihr Eindruck, wie lebt es sich als Vegetarier in Deutschland?

Das war sehr unterschiedlich. Ich habe meistens selbst gekocht, deshalb war es okay. Aber einige Kollegen haben es auch nicht verstanden. Einmal lud uns eine Kommilitonin zum Essen ein und sagte zu mir: „Matthew, extra für dich habe ich Nudelsalat mit Hühnchen gemacht.”

Wann war denn ihr Austauschjahr?

Das war 2004.

Jetzt, acht Jahre später, hätten Sie diese Probleme vermutlich nicht mehr. In Deutschland behaupten inzwischen fast zwei Drittel der Frauen und vierzig Prozent der Männer, sie seien zumindest „Teilzeitvegetarier”. Jahrelang stieg die Mitgliederzahl des Vegetarierbundes jährlich stabil um fünf bis sieben Prozent. 2010 wuchs der Verband um dreißig Prozent mehr Mitglieder, 2011 um vierzig Prozent. Vegetarismus ist offenbar Trend: Gibt es diese Entwicklung auch in Kanada?

Hier haben wir so genaue Zahlen nicht. In Kanada schwankt die Zahl der Vegetarier von Provinz zu Provinz. Insgesamt ist von etwa drei bis vier Prozent der Bevölkerung in Kanada die Rede, aber in British Columbia soll die Zahl sehr viel höher liegen, sagen Vegetarieraktivisten. In den Vereinigten Staaten gibt es auch deutlich mehr Vegetarier an der Westküste. Das hängt auch mit politischen Einstellungen zusammen. Die wissenschaftliche Literatur aus Amerika zum Thema belegt eine Verbindung zwischen einer linksliberalen Haltung und Vegetarismus.

In Deutschland wird angenommen, dass Bücher wie Jonathan Safran Foers „Tiere essen” und Karen Duves „Anständig essen” und Lebensmittelskandale hinter diesem Trend stecken.

Jonathan Safran Foers „Tiere essen” war natürlich auch in Nordamerika von Bedeutung, aber noch größeren Einfluss hatte Michael Pollans „The Omnivore `s Dilemma”. Dieses Buch hat viele zu Vegetariern gemacht. Paul Rozin hat unlängst eine Studie angefertigt, für die er Erstsemester-Studenten „The Omnivore `s Dilemma” hat lesen lassen, als Hausaufgabe während der Sommerferien. Anschließend hat er sie befragt. Nur durch das Lesen dieses Buches, stellte sich heraus, waren sie misstrauischer als eine Vergleichsgruppe gegenüber der Fleischindustrie, und es widerstrebte ihnen mehr, Fleisch zu essen.

In einer Übersichtsstudie zur weltweiten Vegetarier-Forschung, die Anfang 2012 im Fachmagazin „Appetite” erschienen ist, haben Sie auch einen historischen Rückblick dargestellt. Wie ist man vor Jahrzehnten mit Vegetariern umgegangen?

Ich habe eine Artikelsuche bei einer Suchmaschine für wissenschaftliche Publikationen gestartet mit den Schlüsselwörtern Vegetarismus und Psychologie. Gleich der erste Artikel war aus den vierziger Jahren, darin wurde behauptet, Vegetarier seien Sadisten. Auch spätere Artikel waren noch sehr negativ. Langsam hat sich das verändert, Vegetarier wurden weniger verachtet. Heute räumen viele in Studien Befragte ein, Vegetarier hätten höhere ethische Grundsätze – sie seien aber auch schwächer und weniger maskulin. Vor allem Jungs im Teenageralter und Menschen, die autoritär veranlagt sind, lehnen Vegetarier ab. Frauen haben generell eine bessere Meinung von Vegetariern als Männer. Auch in Familien sind eher die Väter dagegen, dass Jugendliche sich vegetarisch ernähren, die Mütter haben dafür mehr Verständnis. Fleisch ist in vielen Kulturen ein Symbol für Wohlstand; Fleisch war oft den Männern vorbehalten, nur wenn genug davon da war, konnten es auch die Frauen essen.

Sie haben vor anderthalb Jahren internationale Aufmerksamkeit bekommen mit einer Studie, in der Sie Frauen Dating-Profile von Vegetariern und Nicht-Vegetariern vorgelegt haben. Die Frauen beurteilten die Fleischesser als maskuliner. Medial wurde das sehr stark aufgegriffen.

Es waren eigentlich keine Dating-Profile, sondern einfach kurze Profile, in denen es zum Beispiel um Musikgeschmack und Hobbys ging. Das einzige, was wir veränderten, war, ob jemand Vegetarier war oder nicht. Tatsächlich war es so, dass die Frauen Fleischesser zwar maskuliner fanden – Vegetarier aber attraktiver. Das haben wir aber nicht veröffentlicht, uns ging es darum, den Zusammenhang zwischen Ethik und Maskulinität zu erforschen. Wir dachten dabei auch nicht ans Daten. Aber die Journalisten schon.

Die bisher erschienenen Studien über Vegetarier und darüber, wie sie in der Gesellschaft wahrgenommen werden, decken eine große Bandbreite ab, viele einzelne Details sind untersucht worden. In ihrer Review führen Sie beispielsweise eine Untersuchung aus dem Jahr 2010 auf, in der man herausgefunden hat, dass Vegetarier besser riechen. Männliche Probanden mussten zwei Wochen lang entweder auf Fleisch verzichten oder jeden Tag mindestens hundert Gramm Fleisch essen. Am Ende mussten sie 24 Stunden lang Baumwollpads am Körper tragen, um ihren Geruch aufzufangen. Die Frauen beurteilten den Duft der Vegetarier als attraktiver, angenehmer und intensiver.

Ja, das war eine große Studie aus der Tschechischen Republik. Ich fand es sehr interessant, dass alles den Probanden in dieser Studie sehr genau vorgeschrieben war: was sie essen, wie oft sie baden, welche Seife sie benutzen dürfen.

Außerdem gibt es eine Untersuchung, aus der hervorgeht, dass es einen Zusammenhang zwischen Intelligenz und vegetarischem Lebensstil gibt. Eine Studie, die 2007 im „British Medical Journal” erschien, belegte, dass Kinder mit höheren IQ-Werten 30 Jahre später mit größerer Wahrscheinlichkeit vegetarisch leben.

Das war eine sehr große Studie mit 8000 Teilnehmern. Sie war auch im Hinblick auf die Bildung und die soziale Herkunft der Teilnehmer kontrolliert. In diese Richtung weiter zu forschen, wäre sehr interessant.

Warum gibt es so wenige Studien über Vegetarier?

Es ist schwer, Probanden zu finden. Zum einen gibt es insgesamt nicht gerade viele Vegetarier. Zum anderen ist es ungünstig, wenn sie wissen, dass wir sie befragen, weil sie Vegetarier sind. Dann antworten sie anders. Das ist nicht ideal. Ich würde auf Aushänge schreiben, dass wir eine Studie zum Thema Essen machen. Das hängen wir dann in Bioläden auf oder in Wohnvierteln, wo eher Leute mit einer linken politischen Einstellung wohnen. In Deutschland würde man so etwas zum Beispiel in Berlin-Prenzlauer Berg aushängen.

Sie sind inzwischen wieder in Deutschland und forschen in der Group for Society and Animals Studies an der Universität Hamburg. Wo klaffen die größten Lücken der Vegetarier-Forschung? In welche Richtung würden Sie selbst gern weiter forschen?

Wir wissen sehr viel über Vegetarier in Europa, aber so gut wie nichts über Vegetarier im Rest der Welt, zum Beispiel in Indien, obwohl es dort sehr viele gibt. Ich habe einige Untersuchungen darüber angefertigt, aber sie sind noch nicht erschienen. Schon jetzt kann man sagen, dass die Situation der Vegetarier sich dort völlig anders darstellt. So gut wie nichts wissen wir außerdem über die Menschen, die vor allem aus Umweltfreundlichkeit, als Reaktion auf den Klimawandel auf Fleisch verzichten – statt etwa aus gesundheitlichen Gründen. Wir wissen außerdem sehr wenig über das emotionale Wohlbefinden und andere psychologische Merkmale von Vegetariern. Außerdem brauchen wir noch mehr Daten darüber, wie die Gesellschaft Vegetarier betrachtet. Wie sieht es in unterschiedlichen Regionen aus, wie etwa in der kanadischen Provinz Alberta, wie in Texas? Wie blickt die Gesellschaft auf die unterschiedlichen Beweggründe von Vegetariern, auf Fleisch zu verzichten? Wenn Vegetarier beispielsweise nicht aus gesundheitlichen Gründen, sondern wegen der Tierrechte, also aus ethischen Gründen kein Fleisch essen, könnten die anderen Menschen annehmen, dass die Vegetarier ihnen etwas vorwerfen.

Die Fragen stellte Christina Hucklenbroich.

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3 Lesermeinungen

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  2. Um 1 kg Fleisch zu erzeugen,...
    Um 1 kg Fleisch zu erzeugen, benötigt man 7–16 kg Getreide oder Sojabohnen. Dies kann ohne Übertreibung als die effektivste Form von Nahrungsmittelvernichtung bezeichnet werden. In den USA fressen die rund 8 Milliarden Schlachttiere 80% der Getreideernte. Bei den Sojabohnen dienen weltweit sogar 90% als Futtermittel. Rund ein Drittel des weltweit produzierten Getreides wird an Tiere verfüttert, um deren Fleisch zu essen. Würden z.B. die Amerikaner nur 10% weniger Fleisch essen, so könnte man mit dem dadurch eingesparten Getreide rund eine Milliarde Menschen vor dem Hungertod bewahren. Alle 3 Sekunden stirbt ein Kind an Unterernährung!!

  3. Wo auch immer die genannten...
    Wo auch immer die genannten Zahlen zu Teilzeitvegetariern herkommen, so sind sind sie in jedem Falle grober Unfug.
    Ich glaube absolut nicht, dass sich über die Hälfte der Bevölkerung selbst als “zumindest Teilzeitvegetarier” bezeichnen würde.
    Vermutlich enthält die Studie eher Angaben in Richtung “jaja, ich esse schon weniger Fleisch” oder “Ja klar, mindestens einen Tag in der Woche esse ich so gut wie kein Fleisch”. Das hat aber beides nicht im Entferntesten mit Vegetarismus zu tun.

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