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Webcam im Schweinestall führt zu Shitstorm auf Facebook

19.01.2013, 20:47 Uhr

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“Erstaunt” hätten ihn die Reaktionen auf Facebook, gibt Werner Schwarz, Landwirt aus Bad Oldesloe, im Gespräch mit dem “Bauernblatt” (Ausgabe vom 19. Januar) zu. Offenbar hatte er nicht mit einem Shitstorm im Internet von dem Ausmaß gerechnet, wie er sich nun entwickelt hat. Schwarz hatte Mitte Januar eine Webcam in seinem Schweinestall installiert, deren Bilder alle 20 Sekunden live auf der Website des Bauernverbandes Schleswig-Holstein landen. Zur Freischaltung der Bilder hatte er die Presse eingeladen, und schon zu dem Zeitpunkt fiel ihm auf, dass die Resonanz “ungewöhnlich” gewesen sei. Doch dann postete der Bauernverband Schleswig-Holstein, dessen Präsident Schwarz ist, den Link zu den Webcam-Bildern auf seiner Facebook-Seite. Innerhalb von wenigen Tagen provozierte das mehr als tausend Kommentare. So schreibt etwa “Natalie”: “Ich starre und starre diese Bilder an und möchte einfach nur die Sauen aus diesen abartig perversen Käfigen befreien, damit sie ihre Babys zum ersten Mal richtig bemuttern und versorgen können. Es ist so unendlich traurig … all meine Tränen reichen nicht aus.” Eine andere Nutzerin schrieb: “Wie können Sie so etwas nur vor sich selber und allen anderen moralisch vertreten???” 

Schwarz hatte im Sinn gehabt, die Debatte über Tierschutz in der Nutztierhaltung mit einer neuen Form von Transparenz zu unterstützen. “Die Verbraucher sollen sehen, was wir hier machen”, sagte er dem “Hamburger Abendblatt”. Dafür richtete er die Webcam auf den “Abferkelbereich”, jenen Teil seines Stalles, wo Muttersauen unter Metallbügeln fixiert sind, so dass sie sich nicht drehen können, nur aufstehen und sich wieder niederlegen. So will man verhindern, dass die Sauen in den engen Buchten ihre eigenen Ferkel versehentlich totdrücken. “Kastenstände” heißen diese Boxen mit Fixierbügeln, deren Untergrund Spaltenböden sind. Die Sauen können fressen und Kontakt mit ihren Ferkeln aufnehmen, sofern die Jungtiere sich zu ihrem Kopf begeben. Die Mütter können die Ferkel auch säugen, indem sie sich auf die Seite legen; das Gitter über ihnen lässt Platz frei, damit die Ferkel die Zitzen erreichen können.

Bild zu: Webcam im Schweinestall führt zu Shitstorm auf Facebook

Kastenstand in Niedersachsen (Foto dpa)

Schwarz’ Motto bei der ganzen Sache war: “Wir haben nichts zu verstecken.” Dass die Reaktionen auf Facebook derartig negativ waren, sieht das “Bauernblatt” als Symptom einer Entfremdung großer Teile der Bevölkerung von der Landwirtschaft. Für jemanden, der mit der Schweinehaltung in Deutschland vertraut ist und regelmäßig Ställe besucht, mögen Kastenstände tatsächlich ein üblicher Anblick sein. Offenbar sind sie aber dem Großteil der Bevölkerung nicht einmal bekannt. “Wäre ich nicht eh schon Vegetarier, wäre ich es spätestens jetzt”, schrieb ein Facebook-Mitglied vor den Kopf gestoßen. Schwarz hat unter den Webcam-Bildern auf der Verbandswebsite vorsichtshalber erklärend angemerkt: “Die Schutzbügel sind dazu da, um ein Erdrücken der Ferkel zu verhindern. Die Sau ist nur zum Abferkeln in diesem Kastenstand bis zum Absetzen der Ferkel nach 21 Tagen. Sie ferkelt etwa dreimal im Jahr.” Doch das nützte nicht viel; auf Facebook wurde ihm vorgerechnet, dass dreimal 21 Tage eine lange Zeit sind.

Es ist möglich, dass so kurz vor der “Grünen Woche” viele Menschen sensibilisiert für landwirtschaftliche Themen sind. Auch zu der in diesem Jahr zum dritten Mal stattfindenden Großdemonstration “Wir haben es satt” gegen die Agrarindustrie in Berlin kamen am Samstag (19. Januar) 25.000 Menschen. Der Blick auf die Landwirtschaft ist generell kritisch: Auch eine Plakatwerbeaktion des deutschen Bauernverbandes provoziert in diesen Tagen auf Facebook wütende Kommentare, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie die Webcam-Bilder aus Schleswig-Holstein. Auf den Plakaten bekennen sich Landwirte zu ihrem Beruf, über einem Foto der Tierhalter in ihrem Stall steht beispielsweise: “Für das Wohl unserer Tiere sind wir da. 365 Tage im Jahr.” 

Andererseits ist aber auch denkbar, dass tatsächlich viele Praktiken in der Haltung landwirtschaftlicher Nutztiere völlig unbekannt sind und in dem Moment, wo sie deutlich werden, große Ablehnung hervorrufen. Ähnlich verlief die Diskussion über die Kastration von Ferkeln ohne Betäubung. Noch Anfang der 2000er Jahre war es in der allgemeinen Bevölkerung fast völlig unbekannt, dass Ferkel überhaupt kastriert werden; geschweige denn, dass sie dabei kein Schmerzmittel und keine Narkose erhalten. In den vergangenen – etwa acht – Jahren ist das Thema medial immer wieder aufgegriffen worden; nun soll auch das Tierschutzgesetz geändert werden.

Das “Bauernblatt” jedenfalls formuliert in diesen Tagen ein Fazit aus den Erfahrungen mit der Webcam: “Die konventionelle Landwirtschaft hat seit Jahren keine eigenen Bilder mehr gezeigt. Werden sie mit der modernen Sauenhaltung konfrontiert, dann verursacht das auch bei wohlgesinnten Mitbürgern zunächst einmal Unbehagen.” Landwirt Werner Schwarz zieht eine positive Bilanz seines Projektes: “Wir müssen unsere eigenen Bilder zeigen, sonst werden es andere tun.”

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (12)
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2 GWeberBV 22.01.2013, 10:47 Uhr

Man muss Herrn Schwarz diese...

Man muss Herrn Schwarz diese Aktion hoch anrechnen. Es wäre sicherlich nicht jeder Viehhalter dazu bereit, die Öffentlichkeit jederzeit in seinen Stall blicken zu lassen. Die Reaktionen im Internet bestätigen aber meine Vermutung, dass sich locker 2/3 der Bevölkerung für radikal schärfere Tierschutzbestimmungen in der Viehhaltung und Schlachtung aussprechen würden, wenn nur allen bekannt wäre und täglich vor Augen geführt würde, welches Leid die aktuelle Praxis verursacht. Einer neuen Gesetzgebung müsste allerdings von einem deutlich engmaschigeren Kontrollregime flankiert werden, das die Regelungen auch bis in den letzten "Billigschlachthof" und Tiertransport durchsetzt. Leider geht es allenfalls in winzigen Trippelschritten voran, währenddessen Millionen von Tieren leiden. Was kann man als Einzelner dagegen tun? Sich mit den lokalen Landwirten an einen Tisch setzen -> Community Supported Agriculture (CSA)! Einfach mal googeln!

1 DrMabuse 22.01.2013, 10:35 Uhr

"Die konventionelle...

"Die konventionelle Landwirtschaft hat seit Jahren keine eigenen Bilder mehr gezeigt." Warum wohl nicht? Warum wohl bekommen Journalisten in der Regel keinen wirklichen Zugang zu den Betrieben von PHW & Co, warum wird hier immer wieder undercover gefilmt? Diese Aussage ist ein einziger Witz. Und auch schlichtweg falsch. Die Verbände der konventionellen Landwirtschaft publizieren ständig Bilder: geschönte, verlogene, den Verbraucher für dumm verkaufende. Auf jeder Wiesenhof-Verpackung zu sehen.

7 MuellerSchmidt 22.01.2013, 09:37 Uhr

Typisch. Der Deutsche will...

Typisch. Der Deutsche will sein Schnitzel, seine Curry Wurst oder seinen Schinken auf dem Teller, aber man wage es bloss auch nur andeuten zu wollen, dass dafür ein Tier sterben muss. Und natürlich darf ein Schweinsfilet auch nur EUR 2,49 pro Pfund kosten, alles andere ist ja bekanntlich Abzocke. Wer glaubt, dass ein Scheinsfilet für 2,49 bei Lidl/Aldi etc. von einem Schwein kommt, dass im Dreck wühlen darf und Tageslicht zu sehen bekommt, der ist an der Grenze der Zurechnungsfähigkeit. Die Leute, die sich hier mokieren und den sog. "Shitstorm" lostreten sind doch die ersten, die jammern, wenn sie keine bis ins Unendliche subventionierten Lebensmittelpreise mehr kriegen, sondern mal ein bisschen für Qualität bei der Fleischherstellung bezahlen sollen. Gäbe es nicht genug Verbraucher, denen a.) die Lebensbedingungen ihrer Mahlzeiten am Allerwertesten vorbeiginge und b.) gar nicht wissen wollen, wie ihre Mahlzeiten hergestellt werden, dann gäbe es auch keine derartigen Angebote. Das Problem der Lebensmittel-Industrie, sofern man es als solches bezeichnen möchte, ist ursächlich beim Verbraucher zu suchen.

1 kinnas 22.01.2013, 09:20 Uhr

So ist das Leben, erst schön...

So ist das Leben, erst schön die Augen verschließen, die Medien berichten ja eh viel zu selten darüber, und sich dann groß aufregen, wenn mal einer ehrlich ist.

2 astroklaus 22.01.2013, 08:13 Uhr

Das Unwissen über...

Das Unwissen über landwirtschftliche Produktion ist in der Tat gewaltig. Ich hatte selbst schon amüsante Diskussionen mit Kollegen, die nicht glauben wollten, daß die Milchproduktion etwas mit Kälbern zu tun hat. Um bei der Milch zu bleiben (ist "moralisch unbedenklicher" als Schweinefleisch): Wer erinnert sich noch an den Aufstand der Milchbauern, die einen "fairen Preis" von 40 Cent/Liter erreichen wollten - aber an der per Aldi & Co übertragenen Marktmacht der "Ich will's billig"-Deutschen gescheitert sind? Bei uns wollte ein Bauer seinen Stall für Freilandhühner vergrößern, weil die Nachfrage nach seinen Eiern so groß ist. Er bekam keine Genehmigung, weil Nachbarn sich über den Lärm beschwerten (er hat nur Hühner, keinen Hahn!).

5 Indygor 22.01.2013, 07:22 Uhr

Hallo! Leider sieht man im...

Hallo! Leider sieht man im Internet, insbesondere in den Social Networks (fb, lj, usw.) die ständige Verdummung und, wie der Komiker George Carlin einst sagte, "Pussyfication of the Nation". Die Leute, die kommentieren, haben meinstens keine Ahnung von irgendwelchen Themen. Sie sehen nur Bilder und schon springen sie los um etwas zu schreiben. "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten" sagte Dieter Nuhr. Doch den meisten geht es darum, ihre Meinung zu sagen. Es ist ja die "Meinungsfreiheit"! Die vergessen nur das Eine, dass ihre Meinung selten zutreffend ist und selten einen Anderen interessiert.

0 ichinen 21.01.2013, 22:57 Uhr

Na ja, das passiert halt, wenn...

Na ja, das passiert halt, wenn man Schweinebraten für 3,99€ pro Kilo kauft. In meiner Familie wird Fleisch nur dann konsumiert, wenn die Herkunft nachvollziehbar und moralisch vertretbar ist. Also eigentlich fast nie, abgesehen von gelegentlichen Steaks von freilaufenden schottischen Hochlandrindern oder ähnlich. Ganz ehrlich, von mir aus können diese Fleischfabriken pleite gehen. Wir können auch wunderbar mit Tofu und Linsen leben.

4 sttn 21.01.2013, 21:09 Uhr

Wenn man sich die Bilder...

Wenn man sich die Bilder ansieht, dann fällt auf das dies eine total unnatürliche Tierhaltung ist. Warum? Weil die Schweine in den Mästbetrieben Nahrung, Schutz, Wärme und medizinsche Versorung bekommen. All das fehlt in der freien Natur - und es ist gut das sich das noch nicht bei den Gutmenschen herumgesprochen hat. Warum das gut ist? Weil die Gutmenschen sonst beschließen würden die brutale Realität in der freien Natur zu verbieten. Aber das kommt sicher auch noch ...

1 Exilkaiser 21.01.2013, 20:48 Uhr

von früher...viel Mist,...

von früher...viel Mist, kleine Fenster, die Gatter noch aus Holz...harte Arbeit für die Landwirte!! Doch bin ich der Meinung, viel zu wenig Tiere sehen eine Weide, egal ob Kühe oder Schweine erst recht. Die reine Stallhaltung finde ich nicht gut. Gott sei dank gibt es noch Regionen wo die Kühe auf der Weide zu finden sind.

3 GoetzSolmos 21.01.2013, 19:41 Uhr

Vom...

Vom Bundeslandwirtschaftsministerium wurde ein Bundeswettbewerb zum Thema "Gläserne Ställe – Verbesserung der Akzeptanz landwirtschaftlicher Nutztierhaltung" ausgeschrieben. Wie auf der Internetseite zu lesen ist, soll ein unverfälschter Einblick in die moderne Nutztierhaltung ermöglicht werden. Einer der ausgezeichneten Betriebe stammt aus Baden-Württemberg und hält 12.000 Legehennen in vorbildlicher Freilandhaltung. Wie unverfälscht ist dieser Blick auf die moderne Nutztierhaltung allerdings, wenn man weiß, dass lediglich ca. 14,4 % der Hennenhaltungsplätze auf die Freilandhaltung entfallen? Stallkameras sind eine ausgezeichnete Idee, aber wo finden sich die Bilder der Tiere, die in "Agrarfabriken" gehalten werden?

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Jahrgang 1978, Redakteurin im Ressort „Natur und Wissenschaft“ der F.A.Z.