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Impfen oder nicht? Die neue Skepsis der Tierhalter

31.05.2013, 15:21 Uhr  ·  Muss man Hunde, Katzen und Kaninchen impfen oder sind regelmäßige Termine beim Tierarzt übertrieben? In Deutschland ist darüber eine Debatte entbrannt, auch wegen neuer Empfehlungen von Fachverbänden.

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Monika Peichls erstes Buch „Haustiere impfen mit Verstand“ ist längst vergriffen. Bei Amazon lassen sich derzeit noch zwei Exemplare erwerben: ein gebrauchtes für 189 Euro und ein neues für 280 Euro. Rund vierzig Leserkommentare zu dem Buch lassen erahnen, warum derart hohe Preise verlangt werden können: Peichls kritische Abrechnung mit Impfungen ist begehrt, die Journalistin hat im Jahr

© dpaEin Hund wird geimpft

des Erscheinens 2009 eine damals schon entstehende Impfskepsis unter deutschen Tierhaltern mit einer umfangreichen Recherche zum Thema unterfüttert. Anfang Mai ist nun ein neues Buch von Peichl erschienen. Es ist zu erwarten, dass die Debatte über Impfungen bei Haustieren durch die Neuerscheinung “Hunde impfen – Der kritische Ratgeber” (Norbert Höpfinger Verlag) noch einmal befeuert werden wird – zumal ebenfalls im Mai eine neue Impfempfehlung für Welpenbesitzer von der World Small Animal Veterinary Association (WSAVA) herausgegeben wurde, über die jetzt schon in Blogs intensiv diskutiert wird.

Schon seit Jahren sind Eltern dafür bekannt, der Spritze, die gegen Ansteckung schützt, mit wachsendem Misstrauen gegenüberzustehen. In kaum einem Geburtshaus fehlen die Flyer, in denen Impfgegner werdende Mütter und Väter davon überzeugen wollen, dass Impfen ein Risiko ist. Immer wieder geisterten Berichte über „Masernpartys“ durch die Presse: Impfkritische Eltern sollen erkrankte Kinder angeblich lieber zwecks Absteckung mit Gesunden zusammenbringen, denn sie halten die „natürlich durchgemachte“ Infektion für gesünder als die Impfung.

Jetzt zweifeln auch die Besitzer von Katzen, Hunden, Pferden und Kaninchen an der Vakzinierung. Sie befürchten Schaden statt Nutzen und haben zudem das Gefühl, dass ihnen mit unnötig häufigen Impfungen Geld aus der Tasche gezogen werden soll. Viele Tierärzte verschicken jährlich Einladungskarten zu Impfungen an Tierbesitzer. Das wird nicht erst seit den neuen WSAVA-Empfehlungen als Geldschneiderei angesehen. Monika Peichl, die Autorin der kritischen Impfbücher, betont im Klappentext ihres neuen Ratgebers, “dass sie nicht dem Lager der Impfgegner angehört”. Und weiter: “Alle Menschen und Tiere in ihrer Familie sind geimpft, aber natürlich nur so oft wie nötig.”

Die Häufigkeit der Impfungen bei Haustieren – sie ist der zentrale Gegenstand der Debatte. An diesem Thema entzündet sich Streit und Misstrauen. „Wir propagieren immer noch die regelmäßige und komplette Impfung“, sagt Adelheid Prüfer von der Tierärztlichen Hochschule Hannover. „Die Impfstoffe haben aber heute eine längere Wirksamkeit als noch vor zehn Jahren.“ Esoterische Impfskepsis stellt sie bei Tierhaltern kaum fest. Es sei eher so, dass es viel komplizierter geworden ist, dem Tierhalter zu erklären, welche Impfungen notwendig sind und wie oft er zum Impfen kommen soll. „Früher hat man jedes Jahr alles geimpft”, sagt Prüfer, die seit dreißig Jahren als Tierärztin arbeitet. “Jetzt halten beispielsweise die Tollwut- und Staupeimpfstoffe länger, nämlich zwei bis drei Jahre. Heute muss deshalb der Tierarzt erklären: Das hält zwar, aber ich muss Sie trotzdem bitten, nächstes Jahr wiederzukommen.“ Denn es gibt auch Infektionskrankheiten, gegen die weiter jährlich zu impfen viele Tierärzte für ratsam halten. Adelheid Prüfer nennt hier an erster Stelle die Leptospirose. „Sie macht uns derzeit am meisten Sorgen. In den letzten fünfzehn Jahren haben die Fälle rasant zugenommen.“ Leptospiren sind schraubenförmige Bakterien, die beim Hund eine schwere, fieberhafte Infektionskrankheit auslösen, die “Stuttgarter Hundeseuche”. “Die Letalität ist sehr hoch”, sagt Prüfer. “Wir sehen heute häufig die Lungenform, bei denen die Hunde nach schweren Entzündungen in die Lunge bluten.” Noch immer seien Leber- und Nierenversagen typisch für die Erkrankung; die Lungenform sei hinzugekommen.

Leptospirose ist bei mangelnder Hygiene – wenn etwa auf das Händewaschen nach dem Hundestreicheln verzichtet wird – auf den Menschen übertragbar. “Bis in die sechziger Jahre war sie eine gefürchtete Krankheit beim Menschen, die mit Leber- und Nierenversagen einherging”, sagt Prüfer. Die Impfung von Hunden gegen Leptospirose ist kein hundertprozentiger Schutz, weil sie nicht gegen alle Serovare des Erregers immunisiert. „Bisher hat man die Impfung aber trotzdem propagiert, weil sich auch Kreuzimmunitäten ergeben“, sagt Prüfer. Der nicht hundertprozentig gewährleistete Schutz ist auch ein Grund, warum die Impfung gegen Leptospirose unter kritischen Tierhaltern diskutiert wird. Ganz neu auf dem Markt ist jetzt ein Impfstoff, der gegen vier Serovare wirkt. Vielleicht wird er die Debatte noch einmal grundlegend verändern.

Das Thema Impfung verlangt auch nach einer lebhaften Diskussion, weil andere Veränderungen in der Tierhaltung ansteckende Krankheiten zu einem wachsenden Problem machen. „Aus Osteuropa kommen ungeimpfte Welpen von ungeimpften Mutterhunden“, sagt Prüfer. Welpen aus Polen kosten beispielsweise nur fünfzig oder hundert Euro. Das Problem des unkontrollierten Hundehandels hat auch ein Zusammenschluss verschiedener Tierschutzinitiativen und Expertenverbände zu seinem Thema gemacht, mit der Aktion wuehltischwelpen.de. „Neuerdings kann man sich Welpen auch via Internet bestellen, die Tiere kommen dann in einem Karton mit Löchern bei den Käufern an“, sagt Prüfer. „Wir fragen dann hier in der Klinik: Wo ist der Hund her? Und dann heißt es: Den hab ich mir schicken lassen.“ Für sie ist klar: „Der Hundehandel treibt Blüten.“

„Wühltischwelpen“ unterstützt auch wissenschaftliche Projekte, die die Konsequenzen des Handels mit Welpen in den Blick nehmen. Hundehalter mit Tieren, die beispielsweise an Staupe oder Leptospirose erkrankt sind, können auf der Website der Initiative seit kurzem einen Fragebogen ausfüllen, der Teil einer Studie der Universität Leipzig ist. Die Organisatoren wollen herausfinden, ob und inwiefern Infektionskrankheiten bei Hunden durch tierschutzwidrige Zucht begünstig werden. Ein Ziel ist es dabei, Aufschluss über die Herkunft und Krankengeschichte von importierten Hunden zu gewinnen – auch, damit gegen den illegalen Handel von Hundewelpen vorgegangen werden kann.

Trotz wachsender Infektionsrisiken sinkt aber offenbar die Impfbereitschaft der Tierhalter. Adelheid Prüfer von der Tierärztlichen Hochschule Hannover vermutet dahinter nicht in erster Linie eine Skepsis der Tierhalter und Ängste vor möglichen Schäden durch die Impfung, sondern einen anderen Grund: “Ich habe den Eindruck, dass die Mehrheit aus finanziellen Gründen verzichtet.” Viele internationale Studien zur Vermittelbarkeit von Tierheimtieren bestätigen sie: Das größte Risiko, lange im Tierheim zu bleiben, haben Tiere, die alt oder krank sind und von daher häufige Tierarztbesuche benötigen. Die Tierarztkosten sind ein entscheidender Faktor für Tierhalter geworden. Steigen sie, wird häufig ein Punkt erreicht, an dem die Bereitschaft endet, Verantwortung für das Tier zu übernehmen und mit ihm zusammenzuleben.

Die Impfskepsis ist kein ausschließlich deutsches Phänomen. In Amerika erschien das Buch “How To Protect Your Dog From A Vaccine Junkie”; die Autorin ist die kalifornische Tierärztin Paula Terifaj, die ihre Arbeit als “ganzheitlich” betrachtet. Auch prominente Hundeexperten befeuern die neue Impfskepsis, etwa der Fernseh-Hundeflüsterer Cesar Millan, der in seinem gerade auf Deutsch erschienen Buch “Cesar Millans Welpenschule” schreibt, er glaube, dass die Tendenz, zu häufig zu impfen, Hunde belaste. Gleichzeitig warnt er Hundebesitzer allerdings, dass hohe Tierarztkosten auf sie zukommen können, wenn sie darauf verzichten, ihre Tiere gegen Infektionskrankheiten zu schützen.

Das Thema Impfung in der Tierhaltung wird aber über das eigene Haustier hinaus mit Misstrauen betrachtet. Seit mehr als einem Jahr gibt es nun in Mecklenburg-Vorpommern Streit über einen Impfversuch auf einem Gestüt in der Lewitz bei Grabow mit 3000 Pferden. Hier sollen Fohlen als Teil einer wissenschaftlichen Studie einen neuen Impfstoff gegen eine häufige Krankheit, die Infektion mit dem Bakterium Rhodococcus equi, erhalten. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Landwirtschaft (BVL) hat den Versuch 2012 genehmigt; Umweltorganisationen und Anwohner protestierten. “Ich glaube nicht, dass es bei den Protesten um eine grundsätzliche Skepsis Impfungen gegenüber geht”, sagt eine Sprecherin der Firma Intervet International, die den Versuch durchführt. “In der Diskussionsrunde, die wir vor Ort organisierten, hörten wir von Anwohnern immer wieder, dass man besorgt war, weil es sich um einen gentechnisch veränderten Impfstoff handelt.” Vier Gene waren aus dem Genom herausgenommen worden. “Dass gleich vier Gene entfernt wurden, macht den Impfstoff sehr sicher, weil der Feldstamm nicht durch Mutation schnell wieder entstehen kann”, erklärt die Sprecherin. Bei den Anwohnern des Gestüts herrscht trotzdem Skepsis. “Rhodococcus equi kann auch Menschen infizieren, wenn sie stark immunsupprimiert sind, etwa Aidspatienten”, sagt die Sprecherin. “Deshalb entstand bei den Anwohnern der Eindruck, dass es gefährlich sein kann, einen Erreger, der auch Menschen betreffen kann, auch noch zu verändern.”

Die Diskussion ist auch in den Kontext der häufiger werdenden Anwohnerinitiativen gegen große Nutztierställe einzuordnen. Das Gestüt mit seinen mehr als 3000 Pferden wird dazugezählt; man wirft ihm “industrielle Pferdehaltung” vor.

Proteste gegen Fohlen-Impfungen (Foto dpa)

Der Pharmakonzern reagierte mit einer Website und einer Hotline für besorgte Anwohner. Im März begann der Versuch. “Die erste Gruppe der Fohlen ist durchgeimpft und zurück auf dem Hauptgestüt”, sagt die Unternehmenssprecherin. Zwischenzeitlich waren die Jungtiere mit ihren Müttern auf einem abgelegenen Hof des Gestüts untergebracht, wo man testete, ob sie den Impfstamm ausscheiden, bevor sie zum Hauptgestüt zurückkehren. Inzwischen ist eine zweite Gruppe von dreißig Fohlen geimpft worden. Im Herbst soll das Ergebnis analysiert werden. Trotz aller Informationen vorab stieß der Versuch bis zur Umsetzung weiter auf Protest. Vor dem Pferdestall trafen sich Anwohner mit Transparenten zu einer Demonstration, als die Impfung im März startete.

Gentechnisch veränderte Impfstoffe an sich sind keine Seltenheit. Genutzt wird die Methode etwa, um die Impfstoffe gegen die Aujeszkysche Krankheit der Schweine, die Mareksche Krankheit beim Geflügel oder die Myxomatose der Kaninchen herzustellen.

 
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Jahrgang 1978, Redakteurin im Ressort „Natur und Wissenschaft“ der F.A.Z.