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Christina Hucklenbroich bloggt über unser Zusammenleben mit Tieren: über Alltägliches und neu Erforschtes und lange Verborgenes

Warum Frauen Pferde lieben und woher die kleinen Kätzchen kommen: Die Tier-Studien des Jahres

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Macht Meerschweinchenstreicheln klug? Und wie steht es um den plötzlichen Haustier-Boom in China? Die wissenschaftlichen Studien des Jahres 2013 erhellen diese und andere Fragen.

Jedes Jahr erscheinen Hunderte Studien aus ganz unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen, in denen es im engeren oder weiteren Sinne um unser Zusammenleben mit den Tieren geht. Sie stammen zum Teil aus der Veterinärmedizin, viele kommen aber auch aus der Psychologie, der Humanmedizin, der Biochemie, den Neurowissenschaften und vielen weiteren Fächern. In diesem Blog kann nur ein Bruchteil davon ausführlich behandelt werden. Manchmal gibt es Untersuchungen, die ganz direkt aus der Forschung zur Mensch-Tier-Beziehung hervorgegangen sind und vieles erhellen, was den Alltag von Mensch und Haustier prägt. Manchmal haben Publikationen über eine Verkettung von Ereignissen ein so großes Medienecho nach sich gezogen, dass es sich anbietet, sie hier noch einmal ausführlich aufzurollen – etwa im Fall der Meldung, Katzen ließen sich ungern streicheln.

Meerschweinchen machen nicht klüger 

Neben den Studien, über die im Blog Tierleben und anderswo berichtet wird, gibt es aber eine Unmenge anderer Veröffentlichungen von Wissenschaftlern, die einfach untergehen – zumindest in der Öffentlichkeit. Manches wird nur in der kleinen Community derjenigen beachtet, die genau den Bereich, um den es jeweils geht, selbst beforschen. Zum Jahresende soll deshalb stellvertretend eine kleine Auswahl von Forschungsarbeiten aus dem Jahr 2013 vorgestellt werden, über die bisher wenig berichtet wurde. Sie sind grundverschieden und zeigen, wie groß die Bandbreite der Themen ist, die derzeit aus dem gesamten Bereich „Haustierhaltung“ heraus entstehen. Will man größere Trends ausmachen, bietet sich ein Blick in die Inhaltsverzeichnisse von internationalen Fachzeitschriften wie „Veterinary Record“ (tiermedizinische Themen) oder „Anthrozoos“ (psychologische Aspekte der Mensch-Tier-Beziehung) an.

Ganz generell wächst die Zahl der Studien, die hinterfragen, welchen konkreten Nutzen es für Menschen haben kann, Tiere zu halten oder Tiere in Settings einzubringen, die bisher „tierfrei“ waren: Schulen, Therapiesitzungen, Heime, Zahnarztpraxen. Dabei wird wirklich in alle Richtungen ermittelt, wie zwei Beispiele aus dem Jahr 2013 verdeutlichen: Wissenschaftler der University of Queensland untersuchten beispielsweise für die Zeitschrift „Anthrozoos“, wie es sich auf Grundschulkinder auswirkt, wenn im Klassenzimmer Meerschweinchen gehalten werden und den Kindern innerhalb des Unterrichts Kontakt zu den Tieren ermöglicht wird. 64 Kinder nahmen an der achtwöchigen Studie teil, eine Kontrollgruppe von weiteren 64 Kindern durfte keine Meerschweinchen streicheln, sondern blieb zunächst auf einer Warteliste für das Programm.

Hinterher waren Lehrer und Eltern der Meerschweinchen-Gruppe im Vergleich zu denen der Wartelisten-Kontrollgruppe signifikant überzeugter, dass sich dass Sozialverhalten der Kinder verbessert habe und problematische Verhaltensweise sich reduziert hätten. Klüger allerdings machte das Meerschweinchenstreicheln die Kinder nicht: Ihre akademischen Leistungen wurden in den acht Wochen nicht besser.

Hunde in Diätkliniken?

Besonders emsig beforscht wurde in diesem Jahr auch die Frage, ob ein Hund in der Familie helfen kann, das grassierende Adipositas-Problem bei Kindern einzudämmen und dafür zu sorgen, dass Kinder sich mehr bewegen. Gleich mehrere Wissenschaftler befassten sich damit und entwickelten sogar schon erste Programme für dicke Kinder mit Hund. Die Ergebnisse sind heterogen: Die Freiburger glauben, dass Kinder tatsächlich fitter werden, wenn man ihnen einen Hund an die Seite stellt, die Glasgower sind da nicht so sicher. Und in Liverpool kommt man zu dem Schluss, dass es ganz einfach von der Beziehung zwischen Hund und Kind abhängt: Ist sie eng, gehen beide auch häufig Gassi.

Aber im einzelnen: Rainer Wohlfahrt von der Pädagogischen Hochschule Freiburg und seine Kollegen stellten sechs übergewichtigen Kindern einen Therapiehund, sechs weiteren eine menschliche Vertrauensperson zur Seite. Die Kinder mit Hund bewegten sich signifikant mehr, schreibt das Team in den „Frontiers in Psychology„. Ein reiner „Gassi-Effekt“ war das nicht: Die Wissenschaftler nehmen an, dass die Hunde einen positiven Einfluss auf die Motivation und die Stimmung der Kinder hatten und der Effekt so vermittelt wurde.

Wissenschaftler der University of Glasgow nutzten in Familien vorhandene Hunde in einem eigens entwickelten Programm, das mehr Bewegung für neun- bis elfjährige Kinder zum Ziel hat. Doch die Studienautoren müssen in „BMC Public Health“ bilanzieren, dass das Programm zwar gut angenommen wurde – mehr Bewegung brachte es den Kindern aber nicht. Und an der University of Liverpool befragte man neun und zehn Jahre alte Kinder bei einem „Fitness Fun Day“ danach, ob sie einen Hund hatten oder mit Hunden spazieren gingen. Hatten die Kinder einen Hund, gingen tatsächlich 35 Prozent mindestens einmal am Tag mit ihm Gassi. Allerdings scheint es nichts zu bringen, einfach nur einen Hund anzuschaffen: Entscheidend war die Qualität der Bindung der Kinder an das Tier, schreiben die Liverpooler ebenfalls im Magazin „BMC Public Health“.

Dicker Hund in China

Auch in der Veterinärmedizin, nicht nur in der tiergestützten Pädagogik, ist Übergewicht ein zentrales Thema – allerdings natürlich nicht das der Menschen, sondern das der Tiere. Viele deutsche Fachzeitschriften für Tierärzte konzentrierten sich 2013 auf Überblicksarbeiten und praktische Tipps: Welche Möglichkeiten zur Gewichtsreduktion gibt es? Wie holt man den Besitzer ins Boot, so dass er die Diät seiner Katze oder seines Hundes durchhält? Übergewicht bei Haustieren ist ein globales Phänomen. Sogar aus China, wo bis vor kurzem die Hundehaltung noch stark eingeschränkt wurde, gibt es jetzt schon die allererste Studie zum Thema. Von 2400 Hunden, deren Daten man an vierzehn Tierkliniken erhob, seien 44 Prozent übergewichtig gewesen, schreibt ein Team vom College of Veterinary Medicine der China Agricultural University in Peking im Fachmagazin „Preventice Veterinary Medicine„. Risikofaktoren waren die Verfütterung von nicht-kommerziellem Futter, männliches Geschlecht, nicht kastriert zu sein, ein jugendliches Alter von ein bis zwei Jahren, Fütterung nur einmal am Tag und freie Bewegung ohne echtes Gassigehen, nach Lust und Laune des Hundes. Betroffen waren vor allem Möpse, Cockerspaniel, Pekinesen, Pudel und Golden Retriever. Um diese Statistik nicht verfälschend darzustellen, muss wohl gesagt werden, dass es sich dabei vermutlich um Moderassen in China handelt. Gäbe es mehr Beagles, Schäferhunde oder West Highland Terrier, würden die Daten vielleicht anders aussehen.

Und plötzlich war es da: zwei Monate altes Kätzchen (Foto dpa)

An den Risikofaktoren lässt sich ablesen, dass die Verantwortung für die Adipositas-Epidemie unter Haustieren wohl beim Menschen liegt. Was Unwissen auslösen kann, erhellt auch eine zum Jahresende erschienenen Studie im renommierten „Veterinary Record“. Wissenschaftler der University of Bristol haben mehr als 3000 Haushalte nach den Gründen für ungeplante Trächtigkeiten ihrer Katzen befragt. Es stellte sich heraus, dass ein Viertel der Halter der Meinung war, Katzen könnten erst mit zwölf Monaten trächtig werden (in Wirklichkeit, schreiben die Autoren, sei es in seltenen Fällen sogar im Alter von vier Monaten möglich). Außerdem hält sich hartnäckig die Ansicht, Katzen sollten einmal Nachwuchs bekommen, bevor sie kastriert werden – vor allem unter Männern ist diese Meinung verbreitet. Die Forscher bilanzieren, dass durch solche Annahmen mehr als 850.000 ungeplante Kätzchen im Jahr geboren werden. Das Thema ist hochaktuell auch in Deutschland, wo eine Debatte über Sinn und Unsinn der Kastration tobt, befeuert etwa durch das erfolgreiche Buch „Kastration und Verhalten beim Hund“ von Udo Gansloßer und Sophie Strodtbeck, das vor zwei Jahren erschien.

Reitschulpferde mit Rückenschmerzen

Außerdem ließ sich in diesem Jahr beobachten, dass Tierschutzfragen zunehmend die Pferdeszene erreichen. Anteil daran hatte wohl auch eine internationale Debatte über Traningsmethoden in der Dressurreiterei („Rollkur“), die spätestens durch die Popularität des Dressurpferdes Totilas nicht mehr nur Fachkreise erreicht. Wissenschaftler der Universität Wageningen in den Niederlanden haben jetzt für das „Journal of Animal Science“ fast 3000 Pferde von 150 Reiterhöfen und Gestüten klinisch untersucht und körperliche Probleme wie Lahmheit, Rückenschmerzen, Verletzungen in den Maulwinkeln oder Übergewicht protokolliert. Reitschulpferde, die für Unterrichtszwecke eingesetzt wurden, hatten mehr Rückenprobleme als private Freizeitpferde und Sportpferde. Beinprobleme und Lahmheiten waren bei Sportpferden geringer ausgeprägt als bei Zucht-, Reitschul- und Freizeitpferden. Ein besonderes Risiko, zu dick zu sein, tragen Freizeitpferde im Vergleich zu den anderen Gruppen.

Auch in eine andere zentrale Frage aus dem Reitsport brachte das Jahr 2013 mehr Licht: Wie kommt es zu dem eklatanten Frauenüberschuss in Reitställen? Psychologen von der University of California in Davis setzten Vorschulkindern und Erwachsenen vor Bildschirme voller Schlangen und Eidechsen bzw. voller Löwen und Antilopen. Überprüft werden sollte, ob die Probanden gefährliche Tiere – wie es, evolutionsbiologisch betrachtet, zu erwarten wäre – rascher entdecken als harmlose. Und so war es auch: Schlangen und Löwen sprangen den Studienteilnehmern einfach schneller ins Auge, und zwar unabhängig vom Alter und Geschlecht der Probanden, schreiben die Wissenschaftler im „Journal of Experimental Child Psychology“. Dann verwendeten die Forscher noch einen Bildschirm voller Kühe und Pferde. Und siehe da: Plötzlich waren die erwachsenen Frauen schneller als alle anderen im Auffinden von Pferden, während Kindergartenkinder beiderlei Geschlechts und erwachsene Männer sich nicht voneinander unterschieden. Die Forscher werten das als Hinweis darauf, dass die Fähigkeit, bestimmte Tiere rasch visuell zu erfassen, sich noch nach der Kindheit entwickeln kann. Da hat man es: Die Pferdebegeisterung von Mädchen ist vielleicht doch angelernt, nicht angeboren.

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6 Lesermeinungen

  1. Darin steckt mehr Wahrheit
    als so manche(r) wahr haben möchte.
    Kein Augenzwinkern . . .

  2. Tiere sind sinnlich,
    im weitesten Sinne.
    In einer digitalisierten Welt, wo die Kinder schon Tablets bekommen oder mit Tamgotchis spielen, können sie bei Tieren Emotionen wahrnehmen: Angst, Freude, Trauer: Basisgefühle ungefälscht , die Kinder nur zu gut kennen -schon, wenn sie noch nicht sprechen können: Emotionale Intelligenz entwickelt sich früh oder gar nicht.
    Für Erwachsene kann es eine Erleichterung sein, GANZ SICHER NICHT ausspioniert zu werden.
    Da wird man in Zukunft in Gegenwart eines Menschen und seiner elektronischen Hilfsmittel nicht mehr so sicher sein.
    Wichtiger als obige (schon oft wiederholten und immer gleichen) Studien wären Analysen zu Tierquälerei, Sadismus, Aggression und emotionaler Abstumpfung.

    • Ja, ja, ja
      die Welt war so viel besser als es noch keine elektronischen Medien gab. Und natürlich wäre die Welt viel besser, wenn jeder Mensch ein Tier umsorgen würde,denn Tiere spionieren einen nicht aus, was ansonsten ja tagtäglich jeden Menschen belastet.
      Dann werden wir noch alle Vegetarier und die Welt ist gerettet.

      Wer´s glaubt wird selig.

  3. Sprachstudie
    Tiere werden jetzt in „Settings“ untergebracht und Grundschulkinder erbringen nun schon „akademische“, d.h. Lehr-oder Forschungsleistungen. Und das, wo doch schon die Lernleistungen in der Kritik stehen.
    Das alles ist allerdings nur einer kleinen „Community“ bekannt.

  4. Mädchen und Pferde
    Warum Mädchen sich für Pferde begeistern? Ist doch ganz klar!
    Es geht darum, Macht über ein körperlich überlegenes Wesen auszuüben, und diese nach Belieben herumzukommandieren.

    Vorbereitung auf die spätere Ehe! ;)

    • Mädchen
      Es wird auch kein kleines, knuddeliges Tier ausgesucht. Nein, es muss groß, muskulös und dominant sein!

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